Machen sie sich mal frei!

Machen sie sich mal frei!

Legend of St Francis - 5. Renunciation of Wordly Goods

Giotto di Bondone, Public domain, via Wikimedia Commons

Ich bin ganz sicher kein Anhänger der „Freikörperkultur“, bin kein „Nudist“ oder „Naturist“. Aber ich kenne doch einen, der sich öffentlich ausgezogen hat – und der mir damit großen Eindruck machte. Denn schon als Jugendlicher las ich von „Francesco Bernardone“, der in Mittelitalien lebte und der Sohn eines reichen Tuchhändlers war. Wie es bei Kindern reicher Eltern vorkommt, hat er sich‘s zunächst mit Gleichaltrigen gut gehen lassen, hat sich elegant gekleidet und ordentlich gefeiert. Er hätte wohl auch leicht in der Wirtschaft oder in der Politik Karriere machen können – alle Türen standen ihm offen! Doch irgendwann macht Francesco eine seltsame Wandlung durch. Er zieht sich immer öfter in die Einsamkeit zurück. Er sucht den Umgang mit Armen und Kranken. Und er fängt an, verfallene Kapellen mit eigenen Händen zu reparieren. Der Junge aus der Oberschicht vernachlässigt nun auch sein Äußeres. Und der ehrgeizige Vater findet das gar nicht gut. Denn – wie sieht das aus? Ausgerechnet der Sohn des feinsten Tuchhändlers läuft wie ein Bettler herum und geht zu den Aussätzigen! Vielleicht hat er sogar etwas von der kostbaren Ware des Vaters zu Geld gemacht, um den Armen zu helfen und Baumaterial für ein kaputtes Kirchlein zu kaufen! Wie peinlich für den Vater, der täglich mit den Schönen und Reichen umgeht, dass es seinen Sohn zu den Dreckigen und Kranken zieht! Statt dem Vorbild des Vaters zu folgen, will der Junge nun Gott dienen. Und der erboste Vater zerrt ihn darum vors Stadtgericht. Er hat Francesco ein wunderbares Leben ermöglicht – und der zeigt sich kein bisschen dankbar. Er scheint auch gar nicht zu wissen, dass er seinen Eltern Gehorsam schuldet, die doch so viel für ihn getan haben! Doch Francesco ist gar nicht der Meinung, dass ihm seine Eltern „das Leben geschenkt“ hätten. Das verdankt er doch wohl seinem Schöpfer. Und den übrigen Kram, den er tatsächlich von den Eltern hat, nämlich seine Kleidung – die gibt er ihnen gern zurück. Francesco steht also vor dem bischöflichen Gericht und zieht sich dort splitternackt aus, um seinem Vater jeden Fetzen Stoff zurückzuerstatten. Gürtel, Jacke, Hemd und Hose gehören dem Vater – doch Francesco gehört ihm nicht! Und Francesco will ihm auch künftig nichts mehr verdanken, will nichts erben und nichts mehr schuldig sein. Denn wichtig ist ihm nicht mehr der irdische, sondern nur noch der himmlische Vater. Vor all den hohen Herren des Gerichts steht er nun so nackt da, wie Gott ihn geschaffen hat. Und weil der Bischof auf die skandalöse Provokation irgendwie reagieren muss und den so anstößig nackten Mann nicht dulden kann, bedeckt er ihn schnell mit seinem Bischofsmantel. Francesco aber hat damit auf sinnfällige Weise einen großen Schritt getan. Er ist aus dem Elternhaus in die Obhut der Kirche geflohen und hat mit seiner Kleidung das ganze bürgerliche Lebenskonzept und all seine Privilegien abgestreift. Das Sich-Entblößen hat ihn tatsächlich erleichtert und befreit. Und künftig lebt er „arm wie ein Bettelmönch“. Denn jener „Francesco“ ist Franz von Assisi, der zum großen Unverständnis seiner Eltern die Armut mehr liebt als den Reichtum, den er hätte erben können. Der einst so verwöhnte Bengel ist zum Aussteiger geworden. Er ist nun ein Rebell – so eine Art „religiöser Hippie“. Doch ob’s einer versteht oder nicht: Für Franziskus liegt in seiner Armut die große Freiheit, nur noch abhängig zu sein von Gott. Und seit ich seine Geschichte kenne, muss ich lächeln, wenn ein Arzt sagt: „Machen sie sich mal frei!“ Denn zwischen dem Ausziehen und dem Frei-Sein besteht ja tatsächlich ein tieferer Zusammenhang. Mit den Kleidern fällt auch eine Fassade. Und als Franziskus seinem Vater Samt und Seide zurückerstattet, entblößt er sich auch von Besitztümern, Würden, Privilegien und Sicherheiten. Er hat entdeckt, dass man auch ohne diese Rüstung leben kann! Fröhlich wirft er die Zwangsjacke der Konventionen weg und springt erleichtert davon, weil ihn seine neue Freiheit Gott näher bringt. Er pfeift auf den Tuchhandel, die Karriere und die vornehmen Freunde. Er hat dafür aber den Kopf frei, um singend und betend in der Natur, bei den Armen – und bei Gott zu sein. Und in den goldenen Käfig des Elternhauses will er um keinen Preis zurück. Denn er sammelt künftig nicht mehr Schätze auf Erden, sondern hat seinen Schatz im Himmel. Er lebt von dem, was er findet, oder was ihm freundliche Menschen geben. Er teilt auch dies Wenige noch gern mit den Armen und Verachteten. Und wenn er nichts hat, dann hungert er eben. Aber er verkauft sich nicht, um es bequemer zu haben, sondern nimmt alles so an, wie Gott es ihm schickt. Und wir? Vielleicht finden wir das allzu mutig, wie sich Franziskus ohne jede Absicherung dem Wohlwollen Gottes ausliefert. Soviel Gottvertrauen haben wenige. Wir schrecken davor zurück! Aber bieten uns irdische Güter, Ämter und Ehren wirklich eine Alternative? Schauen wir doch mal kritisch hin! Erst machen diese Dinge dem Menschen viel Mühe und Verdruss beim Erwerben. Er muss um sich beißen, buckeln, kriechen und schuften, bis er dies und das erlangt. Anschließend fordert das Gewonnene aber seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit, weil er’s ja auch behalten möchte. Was er besitzt, muss er mit Hingabe pflegen und instand halten, muss es mit Argwohn vor Dieben schützen, wegschließen, versichern und bewachen. Mit der Zeit wird‘s aber trotzdem alt, verfällt und verrostet, kommt aus der Mode, verliert seinen Wert, rinnt durch die Finger – oder wird von der Inflation gefressen. Und am Ende bereitet’s ihm nochmal Schmerz, wenn er das Errungene, in das er so viel Zeit und Mühe investiert hat, seinen Erben überlassen muss, die es vielleicht nicht mal schätzen. Da geht‘s dann alles den Bach herunter, und er jammert erbärmlich, denn sein ganzes Herz hing dran. Im Grunde haben die Dinge, die er besaß, ihn besessen. Und seine Rolle war auch ein Gefängnis. Im Grunde war er mehr für seine Güter und Ehren da, als seine Güter und Ehren für ihn. Und für Gott? Ach ja – für Gott blieb bei alledem keine Zeit. So verliert er dann, was er auf Erden hatte. Und im Himmel hat er nichts zu suchen, weil ihn da keiner kennt. Wenn wir aber nicht von materiellem Besitz reden, sondern von Menschen – ist es dann so viel anders? Francescos Vater war bestimmt nicht von böser Natur. Aber ist es nicht so, dass all die Menschen, denen wir etwas verdanken, dann auch Ansprüche an uns richten und meinen, dass wir ihnen etwas „schuldig“ wären? Aus jeder Gefälligkeit erwächst eine Verpflichtung. Es ist immer ein Geben und Nehmen! Wer etwas für uns tut, hat auch Erwartungen, denen wir besser entsprechen sollten. Denn die Freundlichkeit der anderen wärmt zwar unser Herz. Aber wenn‘s dabei bleiben soll, dürfen wir sie nicht vor den Kopf stoßen. Anerkennung ist schön, aber man kriegt sie nicht umsonst. Willst du mein Freund sein, dann benimm dich auch so! Das Netzwerk der sozialen Beziehungen trägt uns. Es fesselt aber auch. Denn es ist zwar jede Beziehung nur so dünn wie ein Fädchen. Doch hundert Fädchen zusammen ergeben trotzdem einen Strick, der uns an unsrem Platz fixiert. All die Beziehungen gehen verloren, wenn man sie nicht pflegt. Und in dem Maße, wie sie unsre Aufmerksamkeit binden, sind wir nicht mehr frei für Gott. Freue ich mich an der Geliebten, versuche ich ihr auch zu gefallen – und kann mich nicht gleichzeitig mit derselben Hingabe Gott zuwenden. Verantworte ich mein Tun schon vor meinem Chef und den Kollegen, werde ich dabei nicht auch noch nach Gottes Meinung fragen. Und sorge ich mich ständig um das Wohlergehen meiner Kinder, habe ich bald keinen Kopf mehr für etwas anderes. Wenn ich also ständig Erwartungen bedienen muss – bin ich durch meine Beziehungen dann wirklich „reich“? Hält mich die Angst, sie zu verlieren, nicht auch gefangen? Wenn ich so vielen etwas „schuldig bin“ – bin ich da nicht ein armer Tropf, der sich selbst festgetackert hat in dem Netzwerk, das er nicht mehr entbehren kann? Und wäre der Verlust solcher Beziehung nicht vielleicht als Gewinn anzusehen? Könnte es nicht befreiend sein, einen Schnitt zu machen und der Gottesbeziehung endlich Priorität einzuräumen? Mit unsren Wünschen steht‘s aber auch nicht besser. Auch die sind uns Last und Hemmnis! Denn wenn ich ständig unerfüllte Wünsche habe – wie kann dann Gott mein Ein- und Alles und das Zentrum meiner Gedanken sein? Will ich unbedingt einen Job oder ein Haus, einen Bildungsabschluss oder eine Familie, will ich einen trainierten Körper, einen guten Posten, einen Jagdschein oder eine Reise – wird das nicht ganz viel Hingabe erfordern, Disziplin und Aufmerksamkeit? Bin ich aber auf dies aus, habe ich für jenes keinen Kopf mehr. Liebe ich eins um jeden Preis, muss alles andere zurücktreten. Und so zwingen mich meine großen Wünsche, die Gott gebührende Hingabe von Gott abzuziehen. Denn meine Freude am Glück dieser Erde konkurriert dann mit der Freude an Gott – und mein Herz ist geteilt. Was aber würde Francesco Bernardone dazu sagen? „Mach‘ dich mal frei! Runter mit den Klamotten! Gib deinem irdischen Vater die Kleider zurück, die du von ihm bekommen hast! Entblöße dich, mache einen Schnitt, löse die kranken Bindungen – und wenn nötig, stehe nackt da. Aber lass dich nicht länger beherrschen vom trügerischen Glück eines Besitzes, von irgendwelchen Menschen oder von deinen eigenen dummen Wünschen! Lass das los, lege das ab, mach dich nackig! Entkomme deinem Käfig! Denn deine Hingabe und Liebe gebührt zuerst und vor allem Gott! Wage zu denken, dass du genug hast, wenn du ihn hast. Wage zu denken, dass für dich gesorgt ist, wenn Gott für dich sorgt. Du schuldest dich keinem so sehr, wie ihm. Auch den Eltern und den Kindern nicht. Und ergibst du dich erst ganz der Abhängigkeit von Gott, bist du im selben Moment unabhängig von all dem anderen. Denn ihm überlassen, kannst du gelassen sein. Gott kann dich mit allem versorgen, was du brauchst. Ihm sollst du dienen, nicht deinen Bedürfnissen und Gelüsten. Ihm kannst du mehr trauen als dir selbst! Und wenn du dann teilhast an Gottes Wahrheit, Gerechtigkeit und Kraft, an Gottes Leben, Weisheit und Stärke – was soll dir dann noch fehlen? Lass Gott deinen Reichtum sein, so bist du vor allen Dieben sicher. Und was du dann in Gott und durch Gott hast, ist unverlierbar. Ohne es zu besitzen, hast du Anteil dran und bist von allen unabhängig, außer von dem einen. Den „hast“ du nicht, aber er hat dich. Und das genügt...“ In diesem Sinne zieht Franziskus seine Kleider aus und gibt sie den Eltern zurück. So macht er sich „nackig“, überlässt sich Gott, macht sich damit aber auch frei. Er vollzieht einen harten Schnitt, und alle rufen „Huch!“ Doch tatsächlich hat er nur seine Fesseln abgeworfen, um ungehindert laufen zu können auf seinem Weg zu Gott. Nun werden viele sagen: „Dieser Franziskus war eben ein Spinner. Wo kämen wir da hin, wenn das alle täten?“ Doch muss man sehr aufpassen, mit dem abschätzigen Urteil nicht auch Jesus zu treffen. Denn schließlich hat auch Jesus von seinen Jüngern verlangt, dass sie sich frei machen und allen Ballast abwerfen, der ihren Weg zu Gott hindern könnte. Die Jünger mussten ihre Familien verlassen, um ihm auf seinen Wanderungen folgen zu können. Wer den Bruch mit der Familie nicht auf sich nahm, konnte diesen Weg nicht gehen (Mt 10,35-37). Und wenn die eigene Familie Jesus beanspruchen wollte, hat er sie grob zurückgewiesen (Mt 12,46-50). Seine Jünger sollen nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen (Mt 6,19-21), sondern sollen die Vögel ansehen, die Gott schließlich auch ernährt, und die Lilien auf dem Felde, die Gott kleidet, ohne dass sie sich drum sorgen müssten (Mt 6,25-34). Nach dem Reich Gottes sollen Jesu Jünger trachten – und nichts wichtiger nehmen als das! Denn die „Sorge der Welt“ und der „betrügerische Reichtum“ sind wie wuchernde Dornen, die Jesu gute Saat ersticken, so dass Gottes Wort keine Frucht tragen kann (Mt 13,22; vgl. 1. Tim 6,9). Sollen doch die Toten ihre Toten begraben! Wer nach dem Reich Gottes strebt, muss nach vorn schauen (Mt 8,21-22; Lk 9,62)! Darum dürfen Jesu Jünger auf ihrem Weg kein Geld dabei haben, kein Gepäck – und nichtmal ein zweites Hemd (Mt 10,9-10). Und sie müssen in der Lage sein, für das Himmelreich alles andre herzugeben (Mt 13,44-46; 19,16-26). Denn Nachfolge ist dem Neuen Testament zufolge ein radikaler Schnitt, in dem man die irdischen Wünsche nach Sicherheit, Glück und Erfolg völlig hintenanstellt und alles drangibt, um ganz ungeteilt bei Gott zu sein (Mt 19,27-30). Der ist ein König, der zur Hochzeit seines Sohnes viele Gäste einlädt. Jene aber, die meinen, sie hätten gerade Wichtigeres zu tun, werden von Gottes großem Gastmahl ausgeschlossen und bekommen auch später keinen Zugang mehr (Mt 22,1-7). Denn alles, was nicht Gott ist, steht erst mal in Konkurrenz zu ihm. Und so muss man folgern, dass Franziskus durchaus kein Spinner war, sondern nur erkannt und befolgt hat, was für alle Christen gilt. Denn wer sich nicht frei macht von den Ansprüchen der Welt, wird nie wirklich frei sein für Gott. Und so gehört es zum Wesen unsres Glaubens dazu, dass wir uns der falschen Bindungen entledigen und uns diesbezüglich „nackig machen“, um niemandem mehr verpflichtet zu sein als Gott allein. Vieles, woran wir ängstlich festhalten, müssen wir so „ablegen“, wie Franziskus seine Kleider. Denn als Christen sind wir nicht mehr Kinder dieser Welt, sondern stehen mit einem Bein schon in der nächsten. Und gelten wir damit nach weltlichen Maßstäben auch als „arm“, sind wir zugleich doch sehr „reich“. Uns persönlich gehört vielleicht wenig. Aber gehört nicht unsrem himmlischen Vater die ganze Erde, mit all ihren Schätzen? Wir haben gewiss viele Fehler. Aber wenn wir doch teilhaben an der Gerechtigkeit Christi – müssen wir da irgendeine Anklage fürchten? Wir wissen vielleicht wenig. Aber wenn Gottes Wort die Wahrheit ist, auf die wir bauen – wer will die dann widerlegen? Vielleicht sind wir vielen Menschen egal. Aber wenn Gott uns kennt und liebt – sollte das nicht genügen? Ganz sicher müssen wir sterben. Aber wenn Christus doch auferstand, um uns ewiges Leben zu schenken – ist dann nicht gut für uns gesorgt? Gott ist eines Christen „Ein und Alles“. Und darum meinen viele, die ihn nicht sehen, wir wären „arm dran“. Aber, ach – welche Bank gäbe solche Garantien, und welche Schutzmacht wäre mächtiger als diese? Gottes Warheit ist die meine. Nun versuch mal, sie zu widerlegen! Gottes Gerechtigkeit ist meine. Nun versuch mal, mich zu verklagen! Gott will sein Leben mit mir teilen. Nun versuch mal, mich umzubringen! Gott will mich segnen. Nun versuch mal, mich zu verfluchen! Gott gehört meine Seele. Nun versuch mal, sie ihm zu rauben! Gott ist meine Burg. Wer kann sie erstürmen? Er will mich befreien. Wer kann mich da fesseln? Wenn ich aber die ganze Welt hergeben muss, um diesen Gott zu gewinnen – und mache den Tausch mit Freuden –, wer ist dann wirklich „arm“? Und wer ist „reich“? Sie müssen sich deswegen nicht ausziehen. Aber „machen sie sich frei“! Denn nicht dazu hat uns Gott geschaffen, dass uns die Welt beherrsche, sondern dass wir die Welt beherrschen, nicht, dass wir ihren Gütern dienen, sondern dass die Güter uns dienen. Und wenn wir das nicht klarstellen können, ohne uns von ihnen zu trennen – dann ist es allemal besser, dass wir uns trennen und einen Schnitt machen, wie es einst Franziskus tat.