Der Mann Moses

Der Mann Moses

Moses, Jacek Malczewski, Public domain, via Wikimedia Commons

Jeder kennt den Namen „Mose“. Aber kennen wir auch den Mann dahinter? Mose ist ein Kind aus dem Stamm Levi (2. Mose 2,1-2). Und er wird im falschesten Moment geboren, den man sich denken kann. Denn der Pharao hat gerade Anweisung gegeben, alle hebräischen Knaben zu töten, sobald man ihrer habhaft wird. Und Mose überlebt nur, weil ihn die verzweifelten Eltern in einem schwimmenden Kästchen dem Nil anvertrauen, und die Tochter des Pharaos ihn beim Baden findet. So überlebt Mose und bekommt seinen ägyptischen Namen. Er weiß aber, dass er zu den Israeliten gehört. Und als er herangewachsen ist und sieht, wie ein Israelit von einem Ägypter misshandelt wird, tötet er den Ägypter und flieht ins Ausland (2. Mose 2,11-12). Dort, im Lande Midian, heiratet er Zippora, die Tochter des örtlichen Priesters. Und während er für seinen Schwiegervater in der Steppe Schafe hütet, erscheint ihm Gott in einem brennenden Dornbusch und beruft ihn dazu, das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten herauszuführen in ein gutes und weites Land, das Gott ihnen schenken will (2. Mose 3,1-10). Mose erhebt allerlei Einwände, denn er fühlt sich der Aufgabe nicht gewachsen. Doch es nützt ihm nichts. Sein Bruder Aaron wird ihm zur Unterstützung beigegeben. Und so kann er die Berufung nicht ablehnen. Er muss dem mächtigsten König jener Zeit gegenübertreten und ihm Gottes Forderung übermitteln, dass er das Volk Israel aus der Fronknechtschaft entlassen soll. Der Pharao ist wenig geneigt, dem nachzugeben. Er ist weder von Mose beeindruckt noch von seinem Gott, sein Herz ist verhärtet und verstockt, er lässt das Volk nicht gehen. Und es braucht erst zehn schweren Plagen, um seinen Willen zu brechen. In Ägypten wird das Wasser zu Blut, es kommen Frösche, Stechmücken und Stechfliegen über das Land, dann die Viehpest, die Blattern und der Hagel – und schließlich die Heuschrecken, eine endlose Finsternis und die Tötung des Erstgeborenen in jedem ägyptischen Haus (2. Mose 7-11). Erst da, nach zehn Runden des vergeblichen Kampfes gegen Gott, gibt sich der Pharao geschlagen, und Israel beginnt seine Wanderschaft. Doch schon, als sie am Schilfmeer lagern, nimmt eine ägyptische Streitmacht die Verfolgung auf. Die Israeliten sehen sie kommen – jammern und schreien. Gott aber befiehlt Mose, seinen Stab über das Meer zu strecken, die Fluten teilen sich, das Volk zieht trockenen Fußes hindurch – und als die Ägypter ihnen folgen, schlagen die geteilten Wassermassen wieder zusammen, und das Heer des Pharaos ertrinkt (2. Mose 14-15). Israel jubelt natürlich, und Mose singt seinem Gott einen Lobgesang. Die ersehnte Freiheit ist endlich gewonnen! Doch als die Wanderung durch die Wüste weitergeht, ist die von Gott erwiesene Treue bald vergessen, und das Volk beginnt zu murren. Mal fehlt ihnen Wasser, und dann wieder das Brot – und wenn nicht Brot, dann fordern sie Fleisch. Gott lässt sein Volk keineswegs umkommen, er führt sie zu Quellen und zu Oasen, schickt ihnen auch Manna und Schwärme von Wachteln (2. Mose 15,22-17,7). Und doch liegt das Volk dem Mose in den Ohren und beschwert sich ohne Unterlass, es sei doch in Ägypten gar nicht so übel gewesen, man werde in dieser Wüste elend sterben – und hätte sich von Mose besser nicht zu diesem Abenteuer überreden lassen. Mose schreit zum Herrn und spricht: „Was soll ich mit dem Volk tun? Es fehlt nicht viel, so werden sie mich noch steinigen“ (2. Mose 17,4). Gott hat vielfach seine Macht und Treue sehen lassen, das Volk aber bekundet seinen mangelnden Glauben und sein Misstrauen, indem es diskutiert, ob Gott ihm wohl beisteht oder nicht (2. Mose 17,7). Gott bleibt seinem Volk nichts schuldig, das Volk aber lohnt es ihm mit Genörgel und Gejammer – und der Mann Mose hängt sehr unglücklich dazwischen. So kommen sie bis an den Berg Sinai, wo zwischen Gott und Israel ein Bund geschlossen wird. Gott bekennt sich zu dem Volk, das er erwählt hat. Er erwartet aber auch, dass sich das Volk zu ihm bekennt. Er teilt ihnen in den Geboten seinen Willen mit. Sie aber verpflichten sich zum Gehorsam. Er verspricht sie zu segnen und zu schützen. Sie versprechen seiner Führung zu folgen (2. Mose 19-20). Und während Mose diesen Bund vermittelt, bleibt das Volk am Fuße des Berges zurück. Denn nur Mose selbst darf wagen, bis auf den Gipfel zu steigen. Nur mit ihm redet Gott, wie ein Mann mit seinem Freund redet (2. Mose 33,11). Nur ihn lässt Gott seine Herrlichkeit sehen. Und wenn Mose von diesen Begegnungen heruntersteigt, glänzt und leuchtet sein Angesicht (2. Mose 34,29-35). Allerdings – während Mose die Gesetzestafeln empfängt, bleibt er lange weg. Und das Volk am Fuße des Berges kommt auf dumme Gedanken. Wie alle Völker der antiken Welt wollen auch die Israeliten ein Bild ihres Gottes besitzen. Und obwohl Aaron es besser wissen müsste, gibt er ihrem Drängen nach und lässt ein goldenes Stierbild fertigen (2. Mose 32). Was tut aber Mose, als er vom Berg kommt und sieht, was da passiert? Er weiß, dass solch ein Götzendienst nicht ohne Strafe abgehen kann – und er selbst wird entsprechende Anordnungen treffen. Das Kalb wird zerstört, und 3000 Männer sterben. Zuvor aber wendet sich Mose zu Gott, um sicherzustellen, dass nicht mehr passiert als das. Denn Gott ist so erbost über die Sache, dass nun nicht das Volk, sondern Gott am Sinn des Bundes zweifelt. Er sagt zu Mose: „Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen“ (2. Mose 32,9-10). Manch einer hätte darin ein verlockendes Angebot gesehen! Mose aber reagiert fürsorglich und beschwichtigend, ohne das Volk dabei zu entschuldigen. Er sagt: „Ach Herr, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig“ (2. Mose 32,11-13). Wahrlich, Mose hat Nerven, dass er sich mit dieser Fürbitte dem Zorn Gottes entgegenstellt! Er versucht nicht zu beschönigen oder zu entschuldigen, was das Volk getan hat. Aber er argumentiert geschickt, dass doch ein Auslöschen dieses Volkes auf Gottes guten Namen zurückfallen müsste. Die Ägypter hätten ja ihre Freude dran, wenn Gottes Projekt hier in der Wüste scheiterte! Und außerdem hat sich Gott den Erzvätern gegenüber gebunden. Er gab ihnen sein Wort. Und Mose hat den Glaubensmut, ja, er hat die gläubige Verwegenheit, Gott an sein Wort zu erinnern und ihn dabei zu behaften. Es ist undenkbar, dass Gott nicht tun könnte oder tun wollte, was er einmal versprochen hat! Und diesem vertrauensvoll vorgetragenen Argument muss selbst Gott sich beugen und von der vollständigen Vernichtung des Volkes Abstand nehmen. Es ergeht nur ein begrenztes Gericht. Danach will es aber fast scheinen, als sei Gott sein Volk leid geworden. Wohl steht er zu seinem Wort. Das Volk soll in das Land gelangen, da Milch und Honig fließt. Doch Gott selbst will nicht mit ihnen hinaufziehen, weil sie ein halsstarriges Volk sind, und er sie unterwegs vielleicht doch noch vertilgen würde (2. Mose 33,1-6). Ein Engel soll sie führen. Denn so wäre Gott selbst nicht dabei – und kämen nicht in Versuchung, sie spontan zu vernichten. Doch Mose ist wachsam und hört den Unterton. Mose passt auf und gibt sich mit keinem Engel zufrieden, sondern sagt zu Gott: „Wenn nicht dein Angesicht vorangeht, so führe uns nicht von hier hinauf. Denn woran soll erkannt werden, dass ich und dein Volk vor deinen Augen Gnade gefunden haben, wenn nicht daran, dass du mit uns gehst, sodass ich und dein Volk erhoben werden vor allen Völkern, die auf dem Erdboden sind?“ (2. Mose 33,15-16). Mose lässt da nicht locker – Gott selbst muss sein Volk begleiten. Anderenfalls will auch Mose aus Gottes Buch getilgt werden (2. Mose 32,32). Und tatsächlich lässt Gott sich breitschlagen. Er trennt sich nicht von dem so ärgerlichen Volk, sondern geht mit. Doch mehr als einmal fällt es ihm schwer, es nicht zu verdammen und zu verlassen. Denn das Volk klagt immerzu, es gehe ihm schlecht. Ständig träumen sie von dem guten Essen, das es in Ägypten gab, und wissen die von Gott geschenkte Freiheit nicht zu schätzen. Bequemlichkeit und volle Bäuche würden sie vorziehen! Und so nimmt der Zorn Gottes die Gestalt eines lodernden Feuers an, das am Rand des Lagers frisst. Die Israeliten bekommen es mit der Angst. Denn wenn sie nicht gerade meutern, dann jammern sie. Mose muss einmal mehr für das Volk bitten, das Gott es verschone (4. Mose 11,1-6). Doch auch Mose selbst hat irgendwann die Nase voll. „Es verdross ihn“, sagt die Bibel. Entnervt wendet Mose sich an Gott und spricht: „Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss“ (4. Mose 11,11-15). Mose ist „echt bedient“. Er will lieber sterben, als in dieser Weise weiter zu machen. Denn all die unberechtigten Beschwerden des Volkes über Gott landen bei ihm. Und die berechtigten Beschwerden Gottes über das Volk auch. Mose hängt dazwischen, bekommt Druck von beiden Seiten und muss doch dafür sorgen, dass dieser Gott und jenes Volk nicht wieder getrennte Wege gehen. Kein Wunder, dass Mose daran zu zerbrechen droht. Darum muss Gott ihm 70 Älteste zur Seite stellen, die ihm von da an helfen. Gott sorgt immer wieder für Nahrung und lässt Israel gegen alle Feinde siegen. Auch Mose macht seine Sache gut. Und doch entsteht Neid gegen den so mächtigen Mann. Seine Schwester Mirjam und sein Bruder Aaron haben auch Ambitionen, das Volk zu führen, und sagen voller Missgunst: „Redet denn der Herr allein durch Mose? Redet er nicht auch durch uns?“ (4. Mose 12,2). Mose hätte sehr zornig werden können. Denn er hatte sich wahrlich nicht danach gedrängt, die Führungsverantwortung zu tragen – Gott hatte ihm keine Wahl gelassen! Aber es heißt, Mose sei demütiger gewesen als alle andren Menschen auf Erden (4. Mose 12,3). Und so muss Gott selbst Mirjam und Aaron zurechtstutzen. Denn die Stellung des Mose geht tatsächlich weit über die anderer Propheten hinaus. Gott redet zu Mose nicht in dunklen Worte oder Gleichnissen, sondern von Mund zu Mund. Nur Mose sieht den Herrn in seiner Gestalt. Seine Geschwister hätten nicht wagen dürfen, gegen ihn aufzubegehren. Und so muss Mose am Ende für sie bitten, damit ihre Strafe nicht zu hart ausfällt (4. Mose 12,4-16). Als Israel die Grenzen des gelobten Landes erreicht, werden Kundschafter ausgesandt. Und nachdem sie das Land durchstreift haben, bringen sie doppelte Botschaft. Einerseits ist das Land wunderschön und voller Früchte. Andererseits aber wird es bewohnt von großen und wehrhaften Menschen in gut befestigten Städten, die man nicht so leicht erobert (4. Mose 13,16-33). Israels Kräfte werden da nicht genügen. Und so scheint es nun vielen, sie hätten sich den langen Weg von Ägypten ganz umsonst gemacht. Das Volk verliert alle Zuversicht, weint die ganze Nacht und erhebt die alten Klagen: „Ach dass wir in Ägyptenland gestorben wären oder noch in dieser Wüste stürben! Warum führt uns der Herr in dies Land, damit wir durchs Schwert fallen und unsere Frauen und unsere Kinder ein Raub werden? Ist's nicht besser, wir ziehen wieder nach Ägypten?“ (4. Mose 14,2-3). Augenscheinlich haben sie nichts gelernt. Nach all den Zeichen und Wundern müsste ihr Vertrauen zu Gott gewachsen sein. Sie müssten inzwischen wissen, dass Gott alles kann, was er will. Doch immernoch zweifeln sie an ihm. Und da sie seiner Gnade nicht trauen, erweist er sich auch als ungnädig und spricht zu Mose: „Wie lange lästert mich dies Volk? Und wie lange wollen sie nicht an mich glauben trotz all der Zeichen, die ich unter ihnen getan habe? Ich will sie mit der Pest schlagen und sie vertilgen und dich zu einem größeren und mächtigeren Volk machen als dieses“ (4. Mose 14,11-12). Das ist derselbe Vorschlag, den Gott schon machte, als das mit dem goldenen Kalb passiert war. Aber auch die Gegenrede des Mose folgt dem bewährten Muster. Denn er wendet ein: „Dann werden's die Ägypter hören; denn du hast dies Volk mit deiner Kraft aus ihrer Mitte herausgeführt. Auch wird man es sagen zu den Bewohnern dieses Landes (…). Würdest du nun dies Volk töten wie einen Mann, so würden die Völker, die solch ein Gerücht über dich hören, sagen: Der Herr vermochte es nicht, dies Volk in das Land zu bringen, das er ihnen zu geben geschworen hatte; darum hat er sie hingeschlachtet in der Wüste (…). So vergib nun die Missetat dieses Volks nach deiner großen Barmherzigkeit, wie du auch diesem Volk vergeben hast von Ägypten an bis hierher“ (4. Mose 14,13-19). Die Argumentation folgt der schon bewährten Linie. Mose versucht keineswegs, das Volk zu entschuldigen. Aber er verweist darauf, dass ein Misslingen des Projekts so kurz vor dem Ziel auf Gott selbst zurückfallen müsste. Die Ägypter würden lachen, und die Kanaanäer würden sich sehr freuen, Israel scheitern zu sehen. Sie würden sagen, Israels Gott sei gescheitert! Und in der Tat – die Blöße will Gott sich nicht geben. Er begrenzt sein Gericht. Doch muss Israel weiter 40 Jahre durch die Wüste wandern, bis die Leiber all derer, die durch ihr Murren Gott gelästert haben, in der Wüste zerfallen sind (4. Mose 14,20-38). Widerstrebend machen sie sich auf den Weg. Es dauert aber nicht lange, bis es wieder Ärger gibt. Denn die Rotte Korach ist der Meinung, vor Gott müssten alle Menschen gleich sein. Sie rebellieren gegen die Sonderstellung des Mose und des Aaron und rufen: „Ihr geht zu weit! Denn die ganze Gemeinde, sie alle sind heilig, und der Herr ist unter ihnen. Warum erhebt ihr euch über die Gemeinde des Herrn?“ (4. Mose 16,3). Darauf hätte ein stolzer Mensch gewiss eine stolze Antwort gegeben. Doch Mose, der demütigste Mensch auf Erden, lässt Gott entscheiden. Dessen Zorn ist so groß, dass er von ganz Israel nur Mose und Aaron übriglassen will. Sie aber bitten ihn, doch nicht um der Sündigen willen auch die Unschuldigen zu verderben (vgl. 1. Mose 18,22-33). „Ach Gott,“ sagen sie „der du bist der Gott des Lebensgeistes für alles Fleisch, wenn ein einziger Mann gesündigt hat, willst du darum gegen die ganze Gemeinde wüten?“ (4. Mose 16,22). Und wiederum hat Gott ein Einsehen. Das Volk soll von Korach, Datan und Abiram Abstand nehmen. Und dann tut sich die Erde auf, um die Übeltäter zu verschlingen und so zu demonstrieren, dass Mose und Aaron sich ihre Ämter nicht angemaßt, sondern sie rechtmäßig von Gott empfangen haben (4. Mose 16,28-30). Für den Moment ist der Schreck natürlich groß. Aber auch diese Lektion bleibt nicht haften. Bald geht das Murren und Meutern wieder los, das Zweifeln und Hadern, Nörgeln und Klagen. Und weil davon selbst Mose und Aaron nicht völlig frei bleiben, wird auch ihnen nicht erlaubt, das gelobte Land zu betreten (4. Mose 20,12; 5. Mose 3,23-29). Mose wird angekündigt, dass er vorher sterben muss. Aber das macht ihm keinen Kummer, sondern nur darum sorgt er sich, dass die Gemeinde Gottes nicht zurückbleiben darf wie eine Herde ohne Hirte. Er bittet Gott, einen guten Nachfolger einzusetzen – und so geschieht es (4. Mose 27,12-23). Josua übernimmt die Führung. Und Mose darf vom Berg Nebo aus in das gelobte Land hineinsehen. Dort stirbt er dann aber im Alter von 120 Jahren – und Gott selbst begräbt ihn an unbekanntem Ort. Nach ihm gibt es im alten Bund keinen mehr, der Gott so erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht und in solcher Vertrautheit (5. Mose 34,1-12). Wer ist Mose also gewesen? Er ist nicht das große Vorbild eines Königs, eines Propheten oder Priesters, aber das Urbild des „Pastors“ – des guten Hirten. Und was wir von ihm lernen können, ist die Kunst, Gott gegenüber Demut und Entschlossenheit zu verbinden, die Kunst also, für menschliche Verfehlungen keine Ausreden zu suchen, sondern stattdessen vor Gottes gerechtem Zorn zu Gottes Gnade zu fliehen und ihn mit nichts anderem zu überwinden als mit seinem eigenen Wort, auf dass man sich mutig berufen darf, weil Gott es uns zu eben dem Zweck gegeben hat. Nichts anderes bindet Gott als das barmherzige Wort, an das er sich in seiner Freiheit gebunden hat. Bei seinem Wort dürfen wird den packen und greifen, der sonst nicht gegriffen werden kann. Denn eben dazu hat er’s geredet. Gott schuldet niemandem etwas. Nur sich selbst schuldet er, treu und wahrhaftig zu sein, weil das sein Wesen ist. Im Gespräch mit Gott aber alles auf diesen Punkt zuzuspitzen und alles auf diese eine Karte zu setzen – das ist die Kunst des Gebets, wie es auch überhaupt die Kunst des Glaubens ist. Und die zeigt uns kaum einer in so reiner und anschaulicher Form wie Mose.