Der Seewandel Jesu

Po vodam

Ivan Aivazovsky, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Der sogenannte „Seewandel“ Jesu (Mt 14,22-33) gehört zu den merkwürdigsten Berichten des Neuen Testaments und wird entsprechend häufig missverstanden. Denn meist wird nur das spektakuläre Naturwunder wahrgenommen. Der eine sagt dann: „Toll, Jesus konnte übers Wasser gehen!“ Und der andere grinst und erwidert: „So ein Quatsch, das glaubt doch kein Mensch!“ Vielleicht reden sie noch darüber, dass es ein tolles Gefühl sein müsste, trockenen Fußes über einen See zu marschieren – wenn denn so etwas möglich wäre. Aber dann ist das Gespräch zu Ende, und der Bericht bleibt unverstanden. Denn dem geht es gar nicht um ein sensationelles Kunststück Jesu, sondern um den Glauben des Petrus. Betrachten wir die Abfolge der Ereignisse: Ausgangspunkt des Geschehens ist die Speisung der 5000, die am See Genezareth stattfindet. Die große Menschenmenge beginnt sich am Nachmittag aufzulösen, weil alle noch einen Heimweg vor sich haben. Und Jesus treibt auch seine Jünger an, ins Boot zu steigen und vorauszufahren auf die andere Seite des Sees. Denn er will noch zwei Dinge erledigen. Zum einen verabschiedet er das Volk. Er bleibt, bis alle gegangen sind. Und dann will er für eine Weile seine Ruhe haben und allein sein, steigt auf einen Berg und betet dort, bis es Abend wird. Die Jünger auf dem See kommen währenddessen aber in Schwierigkeiten, denn sie haben kräftigen Gegenwind und hohen Seegang. Ob Jesus von ihrer kritischen Lage weiß und zu Hilfe kommt, oder ihnen einfach folgt, weil es Zeit ist, wissen wir nicht genau. Doch schreibt Matthäus, es sei in der vierten Nachtwache gewesen, dass er zu ihnen kam. Und das wäre zwischen 3.00 Uhr und 6.00 Uhr morgens. Die Jünger sehen eine Gestalt auf ihr Boot zukommen. Und es ist verständlich, dass diese Erscheinung sie in große Unruhe versetzt. Die Jünger erschrecken und rufen: „Es ist ein Gespenst!“ Sie schreien vor Furcht. Denn das geht ja nicht mit rechten Dingen zu, wenn da einer über den wild bewegten See gewandert kommt! Jesus aber mutet ihnen den Schrecken zu, ohne damit unbedingt einen Zweck zu verfolgen. Vielleicht sieht er einfach keinen Grund, seine Fähigkeiten vor den Jüngern zu verbergen. Er ist göttlichen Wesens und hat darum mit den Naturgesetzen kein Problem. In ihm steckt schließlich die ganze Macht des Schöpfers! Die geschockten Jünger muss er aber beruhigen und sagt darum: „Seid getrost, ich bin‘s; fürchtet euch nicht!“ Ob das wohl gleich geholfen hat? Wenn ich mir die Jünger so vorstelle – durchnässt und übermüdet vom nächtlichen Rudern, zugleich aber am Rande der Panik, weil mitten auf dem See ein Gespenst erscheint, das draußen vor dem Boot auf dem Wasser steht – da nehme ich nicht an, dass Jesu Worte sie sofort beruhigten. Denn wer weiß, ob’s wirklich Jesus ist? Die Erscheinung im Morgengrauen ist eine Zumutung! Sie bleibt erstmal vieldeutig! Petrus aber zeigt starke Nerven: Er traut sich, dem vermeintlichen Gespenst zu antworten, und scheint geradezu todesmutig. Denn er sagt: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ Das ist ein seltsamer Vorschlag. Und man weiß nicht, wozu er gut sein soll. Auch die Anderen im Boot werden sich gefragt haben, was den Petrus treibt, so einen Wunsch zu äußern. Denn schließlich drückt sein Satz doch Zweifel aus: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ Petrus ist keineswegs sicher, dass er es mit Jesus zu tun hat. Und wenn die Erscheinung wirklich ein Dämon wäre – hätte der nicht Spaß daran, Petrus in den Untergang zu locken? Warum ist er so wild drauf, auch mal übers Wasser zu laufen, dass er alle Vorsicht vergisst? Das Wagnis ist eigentlich nur zu verstehen, wenn er Jesus zweifelsfrei erkannt hat. Jesus aber – warum lässt er sich drauf ein? Wozu soll es gut sein, dass Petrus übers Wasser geht? Ist das etwa eine Mutprobe? Nun, aus Jesu Sicht macht die Sache vielleicht Sinn, weil er seine Jünger nicht nur hier, sondern immer wieder zum Vertrauen ermuntert und sie im Vertrauen regelrecht trainiert. Jesus ist in eigener Person das Wort Gottes. Und dem Wort Gottes zu vertrauen, darin besteht der Glaube, den Jesus fordert. Der übermütige Vorschlag des Petrus kann ihm daher gefallen haben. Und so sagt er wirklich: „Komm her!“ Da beweist Petrus seinen Glauben, steigt tatsächlich aus dem Boot und geht über das Wasser auf Jesus zu. Er richtet seinen Blick und seine Zuversicht ganz auf Christus. Und dadurch kann er wirklich, was dieser kann, bis es Petrus schließlich doch mit der Angst bekommt. Schon etwas vom Boot entfernt sieht er den Wind, sieht die Wellen und die schwarze Tiefe unter sich. Er zögert kurz. Sein Mut sinkt. Und mit dem Mut beginnt sofort auch Petrus zu sinken. Denn sobald er auf die Bedrohung starrt und Jesus aus dem Blick verliert, gewinnt die Bedrohung Macht über seine Gedanken. Alle Gewissheit schwindet, Angst kommt hoch, und Petrus schreit: „Herr, hilf mir!“ So scheitert er an der Glaubensprüfung, die er selbst vorschlug. Er kann es Jesus nicht gleichtun. Und seine Selbstüberschätzung wird peinlich sichtbar. Jesus zögert aber keinen Moment, seinen Apostel aus der Misere zu retten, streckt sogleich die Hand aus, ergreift Petrus und sagt mit nur leichtem Tadel: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Dann steigen die zwei ins Boot, und der Wind legte sich. Mit Jesu Zugriff kehrt Frieden ein. Die Anderen aber lösen sich aus Angst und Erstarrung und ziehen aus ihrem Erlebnis die einzig logische Konsequenz, indem sie vor Jesus niederfallen und bekennen: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ Nun, wären wir dabei gewesen, hätten wir uns wohl angeschlossen. Da wir aber nicht dabei waren – was kann uns die Geschichte bedeuten? Müssen wir uns ärgern, weil wir verpasst haben, was die Jünger damals sehen durften? Nein. Zumindest ist Jesus nicht der Meinung, dass jeder gläubige Mensch so etwas erleben müsste. Denn sonst hätte er ja am helllichten Tage übers Wasser laufen können, als die 5000 von der Speisung noch da waren. Das fand er offenbar nicht nötig. Wenn uns das nächtliche Ereignis auf dem See aber dennoch berichtet wird, dann weil es ein Lehrstück des Glaubens ist und eindrücklich zeigt, dass einem Menschen nicht helfen kann, was er aus den Augen verliert. Oder ist es nicht genau das, was Petrus schmerzlich erfährt? Solange er vertrauensvoll auf Jesus schaut, ist es dieser Jesus, der ihn trägt. Und sobald er auf die drohenden Wellen schaut, sind es die Wellen, die ihn verschlingen. Denn wie kann es anders sein? Wie soll ein Mensch vertrauen, wenn er den nicht mehr sieht, der ihm Grund gibt, zu vertrauen? Wie kann er glauben, wenn er nicht mehr im Blick hat, woran er glaubt? Wie soll das seine Seele beruhigen, was er nicht in seiner Seele festhält? Wie soll ihm Gottes Wort Frieden schenken, wenn er nicht hinhört? Und wie soll er Segen empfangen, wenn er den Segnenden nicht anschaut? Die Ängste des Petrus drängen sich im falschen Moment in den Vordergrund. Er gibt ihnen zu viel Raum. Er ist nicht mehr fokussiert. Und als seine Aufmerksamkeit dann dem Sturm gehört, den Wellen und dem Abgrund unter seinen Füßen – da hat Petrus keine Aufmerksamkeit mehr übrig für Gott. Der Kontakt bricht ab. Und Petrus verliert den Kopf, weil er seinen Kopf von Christus wegwendet. Das aber ist nicht verwunderlich. Denn alles, worauf ein Mensch starrt, gewinnt Macht über ihn. Die Augen sind die Fenster seiner Seele. Und wohinein er sich schauend versenkt, das versenkt sich auch in ihn. Was er intensiv betrachtet, daran gewinnt er Anteil. Und worum seine Gedanken kreisen, das wird ihm auch emotional zum Mittelpunkt. Statt unverwandt auf Christus zu schauen, befasst er sich dann mit vielerlei Sorgen, Wünschen und Nöten. Er verliert dabei Christus aus dem Blick, beobachten ängstlich die Wellen und geht auch prompt in ihnen unter. Denn er erliegt einer verzerrten Wahrnehmung. In Wahrheit sind unsere Sorgen bloß zeitlich, und unsere Hoffnung ist ewig. Im Grunde können Christen ganz gelassen sein! Doch wenn wir den Sorgen viel Aufmerksamkeit schenken und Gott nur wenig, dann erscheinen uns die Sorgen bald riesengroß und Gott im Verhältnis dazu klein. Natürlich ist das eine üble Täuschung – denn was kann die Welt einem Menschen tun, wenn Gott ihn davor behüten will? Was können ein paar Wellen dem Petrus schaden, wenn Christus höchstpersönlich ihn zu sich ruft! Doch wenn wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit dahin verschieben, wo er nicht sein sollte, sehen wir das nicht mehr, verlieren Gott aus dem Blick und versinken in unserer Angst. Die Quintessenz der Erzählung ist darum, dass Glaube Konzentration erfordert, ja – dass Glaube genau genommen eine Form der Konzentration ist. Der Glaube fixiert sein Ziel. Und solange er sich nicht ablenken lässt, schreitet er mit traumwandlerischer Sicherheit voran. Der Glaube konzentriert das Vertrauen auf einen Punkt jenseits der eigenen Person. Auf diesen Punkt konzentriert er unser Hoffen und Lieben. An ihm macht er uns fest. Und an seiner Kraft – an Christi Kraft! – lässt uns der Glaube teilhaben. Denn wo das Vertrauen ungeteilt ist, vermag der Glaube Berge zu versetzen. Da geht der Gläubige unbeschadet übers Wasser, geht durch Feueröfen und auch durch den Tod. Denn da tragen ihn nicht seine eigenen Füße oder sein eigener Wille, sondern es trägt ihn Gottes Wille und Befehl. Glauben heißt Laufen mit Gottes Kraft. Denn der Glaube geht, wohin Gott ihn ruft. Und so mahnt uns das Beispiel des Petrus, die Hemmnisse unseres Lebens nicht dadurch größer zu machen, dass wir gebannt darauf starren, sondern diese Hemmnisse stets im Zusammenhang zu sehen mit Gottes Macht und Treue. Denn neben der wirken sie so klein, wie sie es tatsächlich sind. Und das heißt: wenn Gott uns ruft, können wir alle übers Wasser gehen. Denn wir sollen es nicht durch unsere eigene Kraft tun, sondern durch seine. Und für die ist nichts zu schwer.