Halt haben, Halt geben

Halt haben, Halt geben

Winslow Homer, The Life Line, Public domain, via Wikimedia Commons

Überlastung ist ein großes Thema. Man trifft kaum jemand, der nicht darüber klagt. Denn viele Menschen fühlen sich erdrückt von tausend Notwendigkeiten und Erwartungen, haben keine Zeit und keine Kraft – und sehnen sich nach unbeschwerter Leichtigkeit. Selbst Schüler haben schon das Gefühl, es laste das Gewicht der ganzen Welt auf ihren Schultern, und sie seien dem nicht gewachsen. Woran liegt‘s aber? Karl May hat eine Antwort gegeben, als er reimte:

„Es ist Gesetz im Himmel und auf Erden:

Wer tragen will, muss selbst getragen werden.“

Den Satz zu beweisen, fällt nicht schwer. Denn der Feuerwehrmann, der einen Verletzten aus dem Obergeschoss seines Hauses rettet, muss sich auf seine Drehleiter verlassen. Und ein Bergretter muss angeseilt sein, um ein Unfallopfer sicher zu transportieren. Ein Kran kann die tonnenschwere Last an seinem Haken nur tragen, weil er selbst gut abgestützt und verankert ist. Und der Helfer auf dem obigen Bild vermag die bewusstlose Person nur aus Seenot zu retten, weil er selbst von Gurten und Seilen gehalten wird. Wenn sich gegenwärtig also viele überfordert fühlen: Könnte es daran liegen, dass sie nicht gut „verankert“ sind? Das ist kein Vorwurf, aber vielleicht eine Erklärung! Denn es versteht sich, dass wer keinen Halt hat, auch keinen Halt geben kann. Um anderen den Weg zu weisen, muss man selbst orientiert sein. Um Liebe geben zu können, muss man Liebe erfahren haben. Um mit Autorität zu reden, muss man wissen, welcher Autorität man untersteht. Und früher war das für die meisten Menschen Gott. Sie konnten viel tragen, weil sie sich von Gott getragen wussten. Sie konnten Halt geben, weil sie von Gott gehalten wurden. Er war die Quelle der Kraft – sie nur Vermittler seiner Stärke. Weil sie sich an Gottes Wort orientierten, wussten sie „gut“ und „böse“ zu unterscheiden. Doch heute? Unverbindlich lebt, wer sich nicht gebunden weiß. Wer den Einen nicht kennt, der absolut ist, für den ist alles „relativ“. Und wenn der Mensch von Gott nichts weiß, muss er ihn durch andere Instanzen ersetzen. Der Mensch selbst muss dann für alles der Ankerpunkt sein, der Garant der Weltordnung, das Maß aller Dinge, der Retter der Erde, der Herr im Haus. Und was soll dabei schon anderes herauskommen als Überforderung? Sie ergibt sich zwingend. Denn wer sich an nichts hält, als nur an sich selbst, wird sehr bald stolpern und fallen. Wer hingegen tragen will, muss selbst getragen werden. Und Gottes Angebot steht, dass wir uns von ihm tragen lassen dürfen. Denn kein anderer hat die nötige Festigkeit. Wer sich bei Gott festmacht, muss nicht mehr schwanken. Der ist so belastbar wie das Fundament, auf dem er steht – und darf sich Luthers fröhliches Wort zu Eigen machen: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn. Der hat einen breiten Hals und kanns wohl tragen.“