Belsazars Gastmahl

Rembrandt, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Wir sehen einen stattlichen orientalischen Fürsten, der uns mit seinem Turban vielleicht an den Sultan aus dem Märchenbuch erinnert. Doch ist Belsazar eine historische Gestalt und war 552-543 v. Chr. König von Babylon. Der Name seines Vaters ist allerdings bekannter. Denn Nebukadnezar war es, der mit seinem Heer Israel überfiel und die Oberschicht des Landes ins Exil führte. Er war es auch, der Jerusalem zerstörte, den Tempel verbrannte und die Tempelgeräte als Beute mitnahm an seinen Königshof. Warum beschäftigt uns also der Sohn? Und was veranlasst Rembrandt, ihn zu malen? Das Buch Daniel erzählt im 5. Kapitel, wie Belsazar einen schrecklichen Fehler begeht, der ihn das Leben kostet. Dabei fängt die Sache harmlos an. König Belsazar veranstaltet ein Festmahl für seine Höflinge und die Mächtigen des Landes. Er feiert sozusagen eine königlich-babylonische Party. Er lädt alles ein, was Rang und Namen hat. Und die Bibel sagt wörtlich, er „soff sich voll mit ihnen“ (Dan 5,1). So weit ist das nichts Besonderes – und die Bibel würde uns nicht davon erzählen, wenn Belsazar nicht mitten in der Feier eine Idee gehabt hätte. Er schaut sich das Geschirr an, das auf den Tischen steht, und (so als ob es ihm nicht prächtig genug erschiene) will er noch Prächtigeres auffahren – und lässt aus der Schatzkammer die goldenen und silbernen Gefäße holen, die sein Vater vom Tempel in Jerusalem geraubt hat. Dass darin ein Frevel und eine Lästerung des jüdischen Gottes liegt, muss ihm klar gewesen sein. Denn diese Gefäße sind dem Tempeldienst geweiht. Sie dienten in Jerusalem ausschließlich dem Opfer, es sind heilige Geräte – einzig bestimmt zum Gebrauch im Gottesdienst! Aber vielleicht hat Belsazar gerade an diesem Sakrileg seinen Spaß. Vielleicht will er den Gott Israels bewusst verhöhnen, indem er seine Frauen und Nebenfrauen, Höflinge und Gäste aus diesen Gefäßen trinken lässt. Jedenfalls stößt er mit ihnen auf das Wohl seiner babylonischen Götzen an. Er macht sich einen Spaß auf Kosten des lebendigen Gottes. Und lachend hebt er das heilige Gerät an die Lippen. Doch im gleichen Augenblick „gingen hervor Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal. Und der König erblickte die Hand, die da schrieb. Da entfärbte sich der König und seine Gedanken erschreckten ihn, sodass er wie gelähmt war und ihm die Beine zitterten“ (Dan 5,5-6). Eben hat er noch gesoffen und gegrölt – doch nun steht er wie vom Blitz getroffen. Sein aufgedunsen-gerötetes Gesicht erbleicht. Belsazar starrt auf die Schrift und will unbedingt wissen, was sie bedeutet. Ganz dringend will er das wissen. Doch keiner seiner Minister, Höflinge und Gelehrten kann lesen, was da steht. Darüber erschrickt der König nur noch mehr – und verliert seine Farbe ganz. Schließlich findet man aber einen Mann, der die Schrift zu deuten versteht. Man holt den Israeliten Daniel herbei. Doch was der zu sagen hat, ist keine Beruhigung. Denn Daniel liest „Mene mene tekel u-parsin“ und deutet die Worte auch gleich: „Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben“ (Dan 5,26-28). Belsazar lässt Daniel für diese Auskunft reich belohnen. Genützt hat sie ihm aber wenig. Denn die Sache ist nicht mehr zu reparieren. Der König hat sich am Heiligen vergriffen. Er hat geschändet, was zur Ehre Gottes dienen sollte. Und damit ist sein Urteil gesprochen. Er wollte Späße machen auf Gottes Kosten – und nun kommt ihn sein Lachen teuer zu stehen. Denn für Reue ist es zu spät. Und noch in derselben Nacht wird König Belsazar von seinen eigenen Leuten getötet. Rembrandts Bild zeigt den Moment, in dem die Stimmung kippt, und die Ausgelassenheit der Gäste in kaltes Grausen umschlägt. Sie reißen die Augen auf, das Gelächter bleibt ihnen im Halse stecken und der Trubel verstummt. Denn so viel haben sie schon begriffen, dass die Schrift an der Wand, nichts Gutes verheißt. Eben ging es noch lustig zu. Vielleicht hat Belsazar gerade einen Witz erzählt und auf seinen Vater Nebukadnezar angestoßen, der Jerusalem in Schutt und Asche legte. Vielleicht hat er auch über den sturen Glauben der Israeliten gelacht, die doch wirklich meinten, ihr Gott sei mächtiger als die Götter Babylons! Ja, Belsazar hat sich einen Spaß erlaubt. Doch nun kommt ihn das Lachen teuer zu stehen. Denn der Gott, auf dessen Kosten er Witze machte, ist viel gegenwärtiger und mächtiger als Belsazar denkt. Der Festgesellschaft fährt der Schrecken in die Glieder, denn der Gott Israels ist mitten unter ihnen – und das Spiel mit dem Heiligen wird plötzlich ernst. Denn Gott lässt sich nicht spotten (Gal 6,7). Es ist nicht mit ihm zu scherzen. Die aber nach seiner Ehre nicht fragten, stehen versteinert da. Sie haben sich am Heiligen die Finger verbrannt. Und was nützt nun dem Belsazar seine imposante Erscheinung, was nützen ihm Befehlsgewalt, Ruhm und Reichtum? Der Fürst starrt auf die Schrift wie das Kaninchen auf die Schlange. Denn den lebendigen Gott hatte er nicht auf der Rechnung. Die Gegenwart des Heiligen überfordert ihn. Er kann seine Botschaft ja nicht mal lesen! Und doch ahnt er, dass ihm die Stunde geschlagen hat.

Nun könnten wir uns als Betrachter damit zufrieden geben und sagen: „Es geschieht ihm recht, dem Bösewicht! Man missbraucht das Heilige nicht zu profanen Zwecken! Das hat er nun davon!“ Doch so einfach dürfen wir es uns nicht machen, sondern sollten uns fragen, wieviel von diesem Belsazar wohl in uns selbst steckt. Denn – wie ist das? Haben wir uns nie am Heiligen vergangen? Haben wir nie zweckentfremdet, was Gott geweiht war? Haben wir seinen heiligen Namen nie für dummes Gerede missbraucht? Haben wir den Sonntag, den wir heiligen sollten, nie durch Arbeit entweiht? Und haben wir nicht gedankenlos auf das Abendmahl verzichtet, obwohl wir von Gott dazu geladen waren? Ehren wir Gottes Wort in der konkreten Gestalt unserer Bibel, oder lassen wir sie im Regal verstauben? Pflegen wir das Gebet, oder haben wir’s tausendmal vergessen? Lachen wir über Karikaturen Gottes und über Filme, die Jesus veralbern? Werden nicht manche Kirchen zweckentfremdet, um Einnahmen zu erzielen? Und – wenn auch das ungeborene Leben als Gabe Gottes heilig ist – warum schützen wir es dann nicht? Achten wir unsere Ehe als eine Stiftung des Höchsten? Behandeln wir unseren Leib wie einen Tempel des Heiligen Geistes? Und halten wir, was wir bei Konfirmationen und Taufen vor Gottes Altar „hoch und heilig“ versprachen? Belsazars Ungeist gehört keineswegs der Vergangenheit an, sondern ist verbreiteter denn je. Er ist in unserer säkularen Gesellschaft höchst lebendig und zeigt sich in der Zuversicht, Gott werde sich die Profanierung des Heiligen unbegrenzt mit anschauen und gefallen lassen. Manche prahlen damit, dass ihnen nichts heilig ist. Doch Belsazars Beispiel zeigt, dass Gottes Geduld Grenzen hat. Die Schrift an der Wand warnt den König nicht etwa, damit er sich bessern kann, sondern sie verkündet ihm sein Urteil nur, damit er weiß, warum er stirbt. Gott hat ihn gewogen und für zu leicht befunden. Und der Ewige hat seine Maßstäbe seither nicht geändert. Gott findet alle „zu leicht“, die meinen, sie könnten mit dem Heiligen spielen. Die ihn nicht fürchten, lehrt er das Fürchten. Denn das Heilige ist nie harmlos. Und wer es an Ehrfurcht fehlen lässt, hört früher oder später wie auch ihm dieses Urteil gesprochen wird: „Mene mene tekel u-parsin“.