Des Teufels fette Beute

Des Teufels fette Beute

Ich habe kürzlich von einem Herzog gelesen, der im 17. Jahrhundert einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben soll. Und der Text des Vertrages war im Buch gleich mit abgedruckt (G. Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, Bd. III,2 S. 476-477). Da schließt der Herzog einen Bund mit der Hölle. Er verschreibt dem Teufel seine Seele. Er weiß aber auch genau, was er dafür haben will, und führt es haarklein auf in 28 Paragraphen. Zum Ersten soll ihm Luzifer hunderttausend Pfund Bargeld liefern – und dann am ersten Dienstag jeden Monats weitere tausend Pfund. Dieses Geld muss echt und gangbar sein, nicht etwa gefälscht oder so verzaubert, dass es unter der Hand wieder verschwindet. Wann immer der Herzog weiteres Geld braucht, soll ihm der Satan verborgene Schätze liefern. Aber so, dass der Herzog sie nicht erst ausgraben muss, sondern mit Lieferung „frei Haus“. Der Satan darf dem Herzog nichts zu Leide tun, sondern soll ihm im Gegenteil seine Gesundheit und seine Kräfte für volle 50 Jahre erhalten und sichern. Sollte der Herzog aber auf natürliche Weise erkranken, muss ihm Luzifer Arznei verschaffen, durch die er wieder gesund wird. Der Vertrag soll 50 Jahre gelten, und Luzifer darf bei der Berechnung keine Tricks anwenden, sondern jedes Jahr muss wirklich aus 12 Monaten zu 30 oder 31 Tagen bestehen, und jeder Tag muss 24 Stunden haben. Ist die Zeit dann aber abgelaufen, will der Herzog ohne Schmerzen sterben und ehrlich begraben werden. Bis dahin hat der Satan dafür zu sorgen, dass der Herzog beim König, bei allen vornehmen Herrschaften und auch bei niederen Personen (jeweils des männlichen und des weiblichen Geschlechts) beliebt ist, dass die Menschen ihm jederzeit gewogen sind und ihm alle in allem, was er begehrt, willfahren. Satan soll den Herzog jederzeit an jeden Ort der Welt versetzen, wo immer er auch hinwill. Er muss bewerkstelligen, dass der Herzog auch sogleich die Landessprache spricht, ohne sie erst lernen zu müssen, und muss ihn, wenn er seine Neugier befriedigt hat, unbeschadet zurück in seine Wohnung versetzen. Da der Herzog des Öfteren Krieg führt, muss der Satan ihm zusagen, ihn vor Geschossen und Attacken beliebiger Art zu schützen, so dass er durch keine erdenkliche Waffe je verletzt werden kann. Der Satan soll ihm helfen, sowohl die Feinde des Königs als auch seine persönlichen Feinde zu überwinden. Und außerdem soll er ihm einen Ring verschaffen, mit dem sich der Herzog jederzeit, wenn er ihn an den Finger steckt, unsichtbar machen kann. Der Satan muss ihn rechtzeitig warnen, wenn irgendwo jemand Intrigen gegen ihn spinnt. Und obendrein muss er ihm auf alle Fragen, die er stellt, die wahrheitsgemäße Antwort geben. Der Herzog fordert, alle erdenklichen Sprachen dieser Welt so perfekt zu sprechen, als hätte er sie schon von Jugend auf erlernt. Der Satan soll ihm so viel Klugheit, Witz und Verstand verleihen, dass er über jedes beliebige Thema scharfsinnig diskutieren und urteilen kann. Der Satan muss sicherstellen, dass kein Gericht dieser Welt den Herzog jemals verurteilt oder straft. Sein eigenes Haus und seine Familie sollen aber so geschützt sein, dass Diebe und Räuber sich niemals daran vergreifen. Um seinen guten Ruf zu wahren, muss es dem Herzog möglich sein, dem äußeren Schein nach Gottesdienste zu besuchen – und so als guter Christ zu gelten. Der Satan soll ihm außerdem beibringen, eine Universal-Medizin herzustellen und richtig zu dosieren, die alle Gebrechen heilt. Sollte der Herzog aber jemals angegriffen werden, muss ihn der Teufel vor allen Anschlägen schützen. Natürlich darf kein Dritter erfahren, dass der Herzog mit dem Teufel im Bunde ist. Und auch den Vertrag darf niemand zu Gesicht bekommen. Wenn der Herzog aber den Teufel herbeizitiert, soll der nicht etwa in schrecklicher Gestalt erscheinen, sondern immer in lieblicher und angenehmer Gestalt. Und zudem muss er dem Herzog ein Mittel liefern, das ihm das Gedächtnis stärkt. Sollte der Satan einen der vereinbarten Punkte nicht einhalten oder auch nur vernachlässigen, wird der ganze Pakt null und nichtig sein. Geschieht aber alles wie vereinbart, gelobt der Herzog dem Satan verschiedenste Männer und Frauen in seine Gewalt zu liefern. Darüber hinaus will er den dreieinigen Gott verleugnen, will den Bund lösen, den er in der Taufe mit Gott geschlossen hat, und sich stattdessen dem Satan ergeben mit Leib und Seele immer und ewiglich… Nun – es bedarf keiner großen Menschenkenntnis, um zu verstehen, wie der Verfasser dieses Vertrages „drauf war“. Offenbar geht es ihm ausschließlich um den Glanz, das Glück und die Sicherheit seiner eigenen Person. Der Herzog will Macht haben über alle, aber kein anderer soll Macht haben über ihn. Ihm sollen alle zu Willen sein, er aber behält stets die Kontrolle. Für seine Bedürfnisse ist jederzeit gesorgt durch umfassendes Wissen, durch Unmengen von Geld, durch garantierte Gesundheit und viele gefügige Menschen. Er will sich mit dem Zauberring auch vor allen verbergen können. Keiner soll ihm auf die Finger schauen. Umgekehrt aber darf nichts vor ihm verborgen bleiben. Der Herzog will tun, was immer ihm einfällt, ohne dass es Konsequenzen hat, ihn vor Gericht bringt oder seinem Ansehen schadet. Ja, man muss das nicht weiter erklären. Denn jedes Kind von 10 Jahren kennt solche Phantasien, in denen es unverwundbar ist und Superkräfte hat! Nur, wenn wir mal annehmen, jener Pakt sei wirklich geschlossen worden – dann ist jedenfalls etwas schiefgegangen. Denn der Vertragstext, der ja nie öffentlich werden sollte, wurde beim Herzog gefunden, als er in der Bastille im Gefängnis saß. Das mit dem Schutz vor der Justiz hat also schon mal nicht funktioniert! Der Ring, der den Herzog unsichtbar macht, muss wohl gerade kaputt gewesen sein. Und die Gunst des Königs hatte er auch verloren. Laut Wikipedia starb der Mann 1695 – also lange bevor die 50 Lebensjahre um waren, die der Satan ihm garantieren sollte. Und so passen die Dinge nicht recht zusammen. Der Herzog Montmorency war zwar als Feldherr für seine Brutalität gefürchtet und errang auf dem Schlachtfeld große Erfolge. Aber allgemeiner Beliebtheit hat er sich nie erfreut, sondern war klein und bucklig und wegen seiner Grausamkeit bei vielen verhasst. Das alles klingt nicht, als ob der Teufel seinen Teil des Vertrages erfüllt hätte. Woran mag‘s aber gelegen haben? Sollte der Teufel etwa kein zuverlässiger Vertragspartner sein, kein ehrlicher Kaufmann, sondern ein Lügner? Hatte der Herzog vergessen, das Dokument mit dem eigenen Blut zu unterzeichnen? Oder war dem Teufel am Ende der Preis zu hoch, so dass der Deal gar nicht erst zustande kam? Ja, tatsächlich – wollen wir die Geschichte nicht für eine Legende halten, würde mir die letzte Erklärung am ehesten einleuchten. Denn die Gegenleistung des Herzogs steht ja in keinem Verhältnis zu dem gewaltigen Aufwand, den der Teufel für ihn treiben soll. Was ist das schon wert, wenn ein so elender Mensch, der sowieso nicht an Gott glaubt, dem Dreieinigen abschwört und seine Taufe verleugnet? Was gewinnt der Teufel an so einer Seele, die durch ihre eigensüchtigen Wünsche zeigt, dass sie sowieso schon dem Teufel gehört? Wer einen solchen Pakt mit dem Teufel schließen will, der ist ihm doch längst verfallen und auf den Leim gegangen! Warum sollte der Teufel also für das, worüber er faktisch schon herrscht, erst noch bezahlen? Auch ohne den „faustischen Pakt“ ist dieser Mann des Teufels fette Beute. Ihn in die Hölle zu bringen, bedarf es keines weiteren Aufwands – das hat er schon ganz allein geschafft! So einem muss der Satan nicht erst 50 Jahre lang dienen, damit er gottlos wird – er ist es ja schon! Er hat dem Satan nichts mehr zu verkaufen! Und daran könnte der Deal, sehr zur Enttäuschung des Herzogs, gescheitert sein. Was will ich damit aber sagen? Nun, vorweg natürlich, dass mir ein Bund mit Gott sehr viel verlockender scheint. Der verspricht mir zwar keinen Reichtum und keine ewige Gesundheit. Aber er hat Erbarmen mit einem menschlichen Wurm, den das Leben überfordert. Freilich könnte mir diese oder jene Superkraft auch gefallen. Doch wenn ich grandios sein will und überall beliebt, grenzenlos klug und siegreich in jedem Kampf – dann lacht mich Gott natürlich aus. Und er hat recht damit. Denn so kindische Träume erfüllt er nicht – und hat dergleichen auch niemandem versprochen! Gott lässt mir nicht alles durchgehen, erspart mir nicht jedes Leid und versagt mir so manchen Genuss. Aber wenn ich seine Güte nötig habe, dann ist auf ihn Verlass. Und wenn ich nicht mehr weiter kann, hat er im Himmel einen Platz für mich. Gott erklärt mir längst nicht alles, was ich wissen will. Er missbilligt meine Trägheit und straft mich für so manche Dummheit. Aber wenn’s mir dann leid tut, finde ich seine Tür immer offen. Ich muss mir bei Gott nichts erkaufen und kann es auch nicht – schon gar nicht, indem ich andere Leute ans Messer liefere! Und so habe ich denn viel lieber einen Pakt mit Gott und verzichte auf die dummen Träume des 10-jährigen, der irgendwo immernoch in mir drinsteckt. Gott wird nicht zum Diener meiner Egoismen. Und ich erwarte das auch nicht. Gott wird schon selbst entscheiden, wieviel Gutes er meiner Seele gönnt! Diese Seele aber einem anderen zu verschreiben als meinem ebenso strengen wie barmherzigen Gott – dafür ist sie mir dann doch zu schade. Und Übrigens: Das Richtige zu tun, ist hier einfacher, als man denkt. Denn Gott gegenüber gilt, genau wie auf der Gegenseite, dass man weder Papier noch Tinte braucht. Wer mit Gott ernsthaft im Bunde sein will, der ist es eigentlich schon. Wer Gott gehören möchte, gehört ihm schon. Denn wenn Gottes Geist nicht längst in ihm wirkte, hätte er diesen Wunsch gar nicht. Der Kontrakt mit Gott ist eigentlich schon geschlossen, wenn ich mir ernsthaft wünsche, so einen Kontrakt zu haben. Wer sich bedürftig weiß und Gnade ersehnt um Christi willen, der ist dieser Gnade schon teilhaftig. Und um alle Zweifel zu zerstreuen, gibt‘s obendrein die Taufe und das Abendmahl, die auch sichtbar zeigen, dass ich mit Gott, und Gott mit mir im Bunde ist. Freilich: Die Schätze, die wir von Gott empfangen, glänzen nicht so wie die, die der Herzog sich wünschte. Gottes Gnade ist keine Währung, mit der man auf Erden etwas kaufen könnte. Man kann damit weder prahlen noch Macht ausüben noch hat man endlos Spaß. Und so ist unser kindisches Gemüt manchmal unzufrieden. Ich will aber trotzdem nicht tauschen. Denn der ärmste Hund in Gottes Diensten hat es doch besser als ein strahlender Feldherr auf der Gegenseite. Der Himmel aber verhüte, dass wir das jemals vergessen und anfangen, mit dem Satan Spielchen zu spielen.  

 

 

Bild am Seitenanfang: Le Baiser rendu (Judas et Satan)

Benoît-Hermogaste Molin, Public domain, via Wikimedia Commons