DER GLAUBE

 

1 • Gotteserfahrung und Gottesbeziehung

Worum geht es eigentlich?

Es ist eine Illusion, wenn der Mensch meint, er müsse Gott und seine Alltagswelt

erst kunstvoll in Beziehung setzen. Denn Gott und Welt sind längst in Beziehung. Und der Mensch hat es im Grunde nie mit einem anderen zu tun als mit Gott. Wir sind immer in Beziehung mit ihm, und die Frage ist bloß, wie sich diese Beziehung gestaltet. Ob sie nämlich eine unbewusste und ungeklärte, eine

unwillige und darum unheilvolle Beziehung bleibt, oder ob der Glaube daraus

eine bewusste und geklärte, eine willig bejahte und darum heilvolle Gottes-beziehung werden lässt.

 

2 • Sehnsucht und Erfüllung

Wonach sucht der Mensch?

Alle Menschen hoffen und erstreben etwas, das sie erjagen wollen, um darin Glück und Frieden zu finden. Doch – ob sie’s wissen oder nicht: Eigentlich ist es immer Gott, den sie suchen. Denn was könnte in der Welt an Gutem enthalten sein, wenn nicht das, was der Schöpfer von seiner eigenen Herrlichkeit hinein-gelegt hat? Wenn ein Mensch also sucht, was ihm Erfüllung schenkt, sucht er eigentlich Gott – und schade ist es, wenn er sich mit dem irdischen Abglanz und Widerschein göttlicher Herrlichkeit zufrieden gibt, ohne ihren Ursprung zu suchen!

 

3 • Verstand, Wille, Gefühl, Reflex

Was ist Glaube überhaupt?

Obwohl die verschiedensten Anteile unserer Person am Glauben beteiligt sind (Wille, Gefühl, Erfahrung, Vernunft, etc.), lässt sich der Glaube weder auf eine, noch auf die Gesamtheit dieser Funktionen zurückführen. Glaube ist vielmehr eine facettenreiche Reflektion göttlichen Lichtes: Wie ein Spiegel Licht nicht erzeugen, sondern nur reflektieren kann, so kann unsere Seele das Licht des Evangeliums nicht erzeugen, sondern nur reflektieren – und eben diese Reflektion nennen wir „Glaube“.

 

4 • Gottesbeziehung und Biographie

Wie lernt man zu glauben?

Die Beziehungsmuster, die den Glauben ausmachen, werden schon in der Kindheit erlernt. Doch der Heranwachsende, der sich von den Eltern ablöst, findet nicht so leicht ein Gegenüber, das an ihre Stelle treten könnte. Er bindet sich an Werte, Autoritäten und Glücksverheißungen dieser Welt, bis er begreift, dass zwischen seiner Sehnsucht und dem Angebot der Welt ein prinzipielles

Missverhältnis besteht. Erst dann steht er an der Schwelle des Glaubens, der zu

den relativen Dingen nur ein relatives Verhältnis hat und zu den absoluten ein

absolutes.

 

5 • Psychologie und Bekehrung

Lässt sich Glaube nicht „erklären“?

Oft wird der Eindruck erweckt, psychologische und theologische Erklärungs-muster stünden sich als Alternativen gegenüber. Man unterstellt, dass dort, wo „Natur“ wirkt, nicht „Gott“ wirken könne – und umgekehrt. Doch für den Glaubenden ist es selbstverständlich, dass Gott natürliche Prozesse in seinen Dienst nimmt. Wie Brot ein Produkt des Bäckers und ein Geschenk Gottes sein kann, kann Glaube ein psychischer Prozess und eine Wirkung des Heiligen Geistes sein, ohne dass diese beiden Dimensionen derselben Sache einander stören müssten.

 

6 • Des Menschen Vernunft und Gottes Geist

Steht es jedem frei, zu glauben?

Glaube ist nichts, wofür wir uns souverän „entscheiden“ oder was wir „tun“ könnten. Er ist aber auch nichts, was mit uns oder an uns „getan wird“ wie an unbeteiligten Objekten. Sondern wie die Sonne mich schwitzen oder die Kälte mich frieren lässt, so lässt Gott mich glauben: Der Mensch ist dabei ganz beteiligt und bewegt. Aber wo die äußere Einwirkung fehlt, kann er nicht (schwitzen, frieren) glauben - und wo sie ist, kann er es nicht lassen.

 

7 • Gründe des Glaubens, Glaube als Grund

Wie kann man Gewissheit haben?

Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes sind nicht erst die Ergebnisse unseres

Denkens neu, sondern schon die Voraussetzungen. Der Wandel selbst aber wird

nicht etwa begründet, sondern liefert seinerseits die Begründung für vieles –

wie ja auch der, der von einem mächtigen Gegner überrannt wurde, keine

besonderen Gründe braucht, um am Boden zu liegen. Nicht der Christ hat eine

Erkenntnis, sondern sie hat ihn. Er hat nicht sichergestellt, sondern wurde sichergestellt. Und so ist Glaube tatsächlich „Gewissheit ohne Beweis“ (Amiel).

 

8 • Die unvermeidliche Deutung des Daseins

Kann man auch „nichts“ glauben?

Der menschliche Erkenntnisdrang steht der Welt gegenüber wie einem lückenhaften, deutungsbedürftigen Text. Denn der Bereich des „gesicherten Wissens“ ist nicht so groß, wie wir ihn gerne hätten. Da das Leben trotzdem Entscheidungen von uns verlangt, ist der Mensch gezwungen, sein Dasein zu „interpretieren“ und zu „deuten“. Wer dabei Gott außen vor lässt, handelt nicht „rationaler“ als der, der mit Gott rechnet. Denn Unglaube und Glaube müssen gleichermaßen „gewagt“ werden. Wohin der jeweilige Weg führt, erfährt nur der, der ihn geht.

 

Glaubensakt und Glaubensinhalt

Manchmal wird behauptet, es käme beim Glauben vor allem auf die Hingabe an, während der geglaubte Inhalt nicht so wichtig sei. Aber kann man sich von Herzen hingeben, ohne zu wissen an wen? Kann man rückhaltlos vertrauen, ohne zu wissen auf was? Das ist unmöglich, denn so wenig wie ein Verliebter kann der Gläubige seine Ergriffenheit trennen von dem, was ihn ergriffen hat. Wir fürchten, vertrauen und lieben Gott, weil er ist, wie er ist. Wäre er aber anders (oder hätten wir keine Ahnung wie er ist), wäre das unmöglich, denn der Glauben ist lediglich ein Reflex, der widerspiegelt, wie Gott uns in seiner Offenbarung gegenübertritt.

 

9 • Polytheismus und erstes Gebot

Warum nicht an mehrere Götter glauben?

Gott fordert die ungeteilte Hingabe der Gläubigen, denen er nicht erlaubt, neben ihm noch andere Götter zu verehren. Dahinter steht aber nicht Eifersucht, sondern die Einsicht, dass man Vertrauen nicht teilen kann. Der Mensch kann nur eine oberste Priorität haben – nicht viele. Denn wenn er seine Hingabe auf mehrere Mächte aufteilt, wird er allen ein bisschen, und keinem ganz vertrauen. Es ist Misstrauen, das uns treibt, mehrgleisig zu fahren. Dass diese Strategie aber in der Religion genauso schlecht funktioniert wie in der Ehe – das ist die Botschaft des 1. Gebotes.

 

10 • Weisheit und Torheit

Wie verhält sich der Glaube zur Vernunft?

Kluge Menschen haben Gott gegenüber keinen Vorteil. Denn Gott wollte nicht, dass der Glaube ein Rätsel sei, das nur die Schlauen lösen, während die Dummen mal wieder „dumm“ dastehen. Deshalb hat Gott die Wahrheit des Glaubens nicht dem Menschengeist anvertraut, sondern seinem Heiligen Geist, der sie zugänglich machen oder verweigern kann. Gott liebt die Gescheiten nicht mehr als die Trottel, und teilt sich darum der Welt mit in einem Evangelium, dem menschliche Dummheit nichts abbrechen, und dem menschliche Weisheit nichts hinzuzufügen vermag.

 

11 • Einseitigkeit und Vielfalt

Warum glauben Menschen so unterschiedlich?

Es gibt nur einen christlichen Glauben. Doch ist dieser Glaube in mehr als einer

Weise auf Gott bezogen. Je nachdem, welche der sieben „Beziehungsmuster“

dominieren, entwickelt der Mensch seinen speziellen „Typ“ des Christ-Seins.

Diese Vielfalt des Glaubens ist zu begrüßen, weil jeder „Typ“ seine besonderen

Stärken hat. Doch liegt auch eine Gefahr darin: Wird eine Beziehungsform ganz

aus dem Zusammenhang der anderen gelöst und einseitig überbetont, kommt es zu Fehlformen des Glaubens.

 

12 • Echtheit des Glaubens

Ist die Gottesbeziehung Mittel oder Zweck?

Das Kennzeichen „echten“ Glaubens ist es, dass seine Gottesbeziehung nicht „Mittel zum Zweck“, sondern „Selbstzweck“ ist. Denn wer wirklich Gott sucht, der sucht ihn um seiner selbst willen. Wo man dagegen die Beziehung zu Gott „nutzen“ will, um das eigene Lebensgefühl zu steigern oder die Welt besser zu genießen, da wird alles falsch: Denn Gott ist das Ziel. Das irdische Leben ist nur der Weg. Und diese beiden Dinge nicht zu verwechseln, das ist das Kennzeichen

„echten“ Glaubens.

 

Gottesbeweise

 zum Text    

Gottesbeweise sind interessant, aber ihr Nutzen ist begrenzt, weil gläubige Men-schen sie nicht brauchen, und ungläubige durch Logik allein nicht zum Glauben finden. Gott offenbart sich in dieser Welt zwar deutlich genug, um jeden denken-den Menschen zu einer Stellungnahme zu zwingen. Aber er offenbart sich nicht so deutlich, dass er damit unsere Stellungnahme vorwegnähme. Und das ist Ab-sicht. Der Glaube soll strittig bleiben. Denn wäre Gott beweisbar, würden um der Beweise willen alle Menschen glauben – und es käme nicht ans Licht, wer Gott um Gottes willen sucht.

 

Wunder und Weltbild

 zum Text    

Das biblische und das moderne Weltbild widersprechen sich nur scheinbar, denn recht verstanden sind es bloß unterschiedliche Zugänge zu ein und derselben Wirklichkeit und einander ergänzende Perspektiven. Dementsprechend stehen auch Wunder nicht im Gegensatz zur Natur, sondern nur im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen. Mögen sie im beschränkten Horizont des Men-schen „unerklärlich“ scheinen, müssen sie deswegen doch nicht „widernatürlich“ sein. Vielleicht bedient sich Gott der Natur nur auf eine Weise, die wir nicht ver-stehen.

 

Wahrheit wissen und Wahrheit sein

„Wahr“ sind Aussagen, die das Wirkliche korrekt abbilden, indem sie auf der Ebene der Beschreibung dem beschriebenen Sachverhalt entsprechen. Doch Wahrheit nur zu kennen, heißt noch nicht „in der Wahrheit zu sein“. Dann erst ist ein Mensch „in der Wahrheit“, wenn er der Wirklichkeit Gottes nicht bloß mit Wor-ten und Gedanken, sondern mit seiner Person ganz und gar entspricht, so dass sein Leben insgesamt eine einzige große Entsprechung zu Gott ist. Nur dieses „Leben in der Wahrheit“ ist das „wahre Leben“ – wie wir es an Christus sehen.