DER HEILIGE GEIST

 

76 • Gottes Geist und andere Geister

Spielt es eine Rolle, wes‘ Geistes Kind man ist?

Beton oder Stahl sind „an sich“ weder gut noch schlecht. Es kommt darauf an, was der Geist des Architekten daraus macht. Und dasselbe gilt vom „Roh-material“ unseres Lebens, das aus Gesundheit, Intelligenz, Kraft oder Schönheit besteht. Nichts von alledem ist „an sich“ schon gut oder schlecht. Denn erst der Geist gibt den Dingen Form, Sinn und Ziel. Erst der Geist, der uns treibt, lässt unsere Potentiale zum Segen oder zum Fluch ausschlagen. Darum ist die zentrale Frage nicht, über welches „Rohmaterial“ ich verfüge, sondern welchem Geist es dienstbar wird.

 

77 • Der Heilige Geist

Wer soll das sein?

Person und Werk des Heiligen Geistes sind in besonderem Maße „unan-schaulich“. Doch würde Gott nicht als Heiliger Geist an uns und in uns wirken, könnte niemand erlöst werden: Der Geist sorgt dafür, dass das äußere Wort der Bibel uns innerlich so betrifft, erleuchtet und erneuert, dass wir Gott in Christus erkennen, durch den Glauben das Heil ergreifen und uns dann auf den Weg machen, (unserer Lebensführung nach) so „gerecht“ zu werden, wie wir es (nach Gottes barmherzigem Urteil) schon sind.

 

78 • Die Einwohnung des Heiligen Geistes

Was macht Gottes Geist in meinem Kopf?

Dass Gottes Geist in den Gläubigen „wohnt“, ist irritierend, aber notwendig. Denn

anders als durch den Heiligen Geist, der uns anschließt an die Quelle des

Heils, würde Gott uns nicht erreichen. Wohnte Gott nicht in uns, blieben wir

immer fern von ihm. Ist er aber in uns, so tut er stellvertretend für den

menschlichen Geist, was dieser nicht vermag, und schafft die Glaubens-zuversicht, die wir nie aufbrächten. Genau genommen ist es Gott selbst, der in uns an sich glaubt. Er lässt unseren Geist teilhaben an der Gewissheit, mit der Gott um sich selbst weiß.

 

79 • Gotteserkenntnis, Zweifel und Bekehrung

Wie schafft mir Gott Gewissheit – ohne Beweise?

Die Gewissheit des Glaubenden ist nicht „begründet“, sondern ist begründend.

Sie beruht nicht auf Erfahrungen, sondern liegt allen religiösen Erfahrungen

voraus, als das, was sie ermöglicht. Glaubensgewissheit steht also nicht als

Ergebnis am Ende einer Argumentation, sondern als Voraussetzung an ihrem

Anfang. Sie verändert nicht Urteile, sondern zuerst den Urteilenden. Sie ist

kein Impuls, den man erdenkt, sondern einer, dem man erliegt. Wer aber braucht

für solches „Erliegen“ Gründe? Begründet der Surfer die Welle, die ihn

mitreißt?

 

80 • Gottes Volk und Prädestination

Erwählt Gott uns – oder erwählen wir ihn?

Bei Gott funktioniert Demokratie andersherum. Denn er ist ein König, der sich sein Volk wählt. Und er tut es nicht, weil die Erwählten etwas Besonderes wären,

sondern sie sind nur deshalb etwas Besonderes, weil Gott sie erwählt. Gottes

Wahl gründet in nichts anderem als in Gottes Freiheit, so dass wir als Christen

nicht sind, was wir sind, weil wir uns für Gott, sondern weil er sich für uns

entschieden hat. Wir verdanken unseren Glauben seiner Zuwendung zu uns. Und das ist gut so. Denn was unsere zittrigen Hände nicht halten, können sie auch nicht fallenlassen!

 

81 • Rechtfertigung, Gerechtigkeit und Gnade

Wann ist ein Mensch Gott recht?

Gottes Reich bleibt uns verschlossen, wenn wir aufgrund eigener Leistungen oder Qualitäten Einlass begehren, denn nichts von dem, was wir sind oder haben kann vor Gottes Augen bestehen. Doch wenn wir durch den Glauben Christus angehören, so legt Christus uns seine Gerechtigkeit wie einen Mantel um die Schultern, bedeckt damit unsere Schande, leiht uns seine Identität und rettet uns dadurch, denn dann hält uns Gott zu Gute, was (nicht wir, sondern) Christus für uns getan hat.

 

82 • Gütergemeinschaft mit Christus

Wie macht der Glaube aus Sündern Gerechte?

Die Bibel misst dem Glauben so große Bedeutung bei, weil er den Gläubigen und den, an den geglaubt wird, zu einer Einheit verbindet. Alles, was der Gläubige

begangen hat, wird Christus zu Eigen. Alles aber, was Christus besitzt und

vollbringt, wird dem Gläubigen zu Eigen. Wie bei einem armen Mädchen, das einen reichen Prinzen heiratet, ist diese Gütergemeinschaft für den Menschen höchst vorteilhaft: Er überlässt Christus seine Vergänglichkeit und Schuld und

empfängt dafür Christi Ewigkeit und Gerechtigkeit.

 

83 • Heilsgewissheit

Wie kann es sie geben?

Ein Christ kann und muss zu seiner Erlösung keinen eigenen „Beitrag“ leisten. Und das ist ein Glück. Denn sonst bliebe immer ungewiss, ob er „genug getan“ hätte. Da aber die Erlösung in keiner Weise auf dem Tun des zu Erlösenden und

ausschließlich auf dem Tun des Erlösers beruht, kann der Christ seines Heiles

gewiss sein. Er soll zwar vieles tun zum Wohle seiner Mitmenschen, aber nichts

soll er tun zu seiner eigenen Rettung. Denn was Christus für uns tat, war keine

halbe Sache.

 

84 • Die Knechtschaft des menschlichen Willens

Warum ist Willensfreiheit eine Illusion?

Der Mensch kann tun, was er will, kann aber nicht wollen, was er wollen soll.

Gefangen in der Dynamik der Sünde ist er wie ein Rad, das einen Abhang

hinunterrollt, und aus eigener Kraft nicht die Richtung zu ändern vermag.

Gottes gnädiges Erwählen ist darum nicht eine notwendige Bedingung der Erlösung (zu der die „freie“ Entscheidung des Menschen noch hinzutreten müsste), sondern sie ist die völlig hinreichende, keiner Ergänzung bedürftige Bedingung der Erlösung (aus der Kraft des Heiligen Geistes die positive Willensbewegung des Menschen resultiert).

 

85 • Christliche Freiheit

Was macht sie aus?

Die Freiheit, die Christus schenkt, besteht darin, dass er uns auf eine tiefe und

endgültige Weise von der Sorge um uns selbst und um das Gelingen unseres Lebens befreit. Er steht für uns ein und bindet uns an seine Person. Eben diese

Bindung macht aber unsere Freiheit aus, weil sie es erlaubt, unser zentrales

Lebensproblem in Christi Hände abzugeben. Gibt es auch noch genug zu tun, so

können und müssen wir doch für das Heil unserer Seele nichts mehr tun.

Von dem Fluch, ungenügend zu sein, sind wir gänzlich befreit, weil Christus in

uns ist, der allem genügt.

 

86 • Nachfolge, Schicksalsgemeinschaft und Jüngerschaft

Woran hat Teil, wer an Christus teilhat?

Die Taufe begründet zwischen dem Christen und Jesus Christus eine enge

Schicksalsgemeinschaft, die durch den Begriff der „Nachfolge“ charakterisiert

wird: Die heutigen „Nachfolger“ und „Jünger“ Jesu teilen mit ihrem Herrn nicht

mehr die staubigen Straßen Galiläas. Aber wie Christi Weg ins Leid führte, so

bekommt auch der Christ sein Kreuz zu tragen. Und wie Christi Weg durchs Leid

hindurch zum Triumph führte, so gewinnt auch der Christ Anteil an der Auf-erstehung.

 

87 • Fröhliche Selbstvergessenheit

Muss ein Christ „fromm“ sein?

Unsere Gedanken werden in der Regel von zahllosen egozentrischen Sorgen und Wünschen beherrscht. Sie kreisen ständig darum, was ich „bin“ und was ich „habe“, was ich „kann“ und was ich „will“. Doch der Glaube relativiert das aufgeblähte „Ich“, so dass der Mensch sich mit der Zeit weniger wichtig nimmt und Gott immer mehr Raum gibt. Er will am Ende nichts anderes mehr sein, als was Gott ihn sein lässt. Und er strebt nur noch danach, sein Denken, Tun und Wollen möglichst vollständig mit Gottes Denken, Tun und Wollen zu ver-schmelzen.

 

88 • Gottesfurcht

Warum hat das nichts mit Angst zu tun?

Der Glaube lässt Gott Gott sein – und beschränkt darum den Menschen darauf, Mensch zu sein. Er relativiert alle Hierarchien und entzaubert die Welt. Denn der

Glaube duldet nicht, dass Irdisches in den Rang des „Göttlichen“ und

„Letztgültigen“ erhoben wird. Wenn es darum geht, Ehre zu erweisen oder

Ehrerweisungen zu empfangen, hält der Gläubige sich zurück. Und wo er es nicht mit Gott zu tun hat, da behält er (innerlich) den Hut auf. Denn alles, was

nicht Gott ist, ist zu Gottes Dienst bestimmt. Ihm allein gebührt Ehre – und

sonst niemandem.

 

Von mühe- und sorglosem Gehorsam

Wir können von Pflanzen und Tieren etwas lernen, denn sie leben in einer selbst-verständlichen und unangestrengten Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, wachsen, wenn sie können, und leiden, wenn sie müssen, hadern aber mit nichts und neiden nichts, sondern sind mit völligem Einverständnis das, wozu Gott sie gemacht hat. Menschen hingegen sind innerlich zerrissen und erlangen den Kon-sens mit Gott erst wieder durch den Glauben an die barmherzige Vorsehung und Führung des himmlischen Vaters, in die sich der Glaube ergibt.

 

89 • Ent-täuschung, Schwermut, Weltschmerz

Was verbindet den Glauben mit der Melancholie?

Das menschliche Leben ist in weiten Teilen ein vergebliches Jagen nach

vergänglichen Gütern von zweifelhaftem Wert. Doch für die Enttäuschung, die

daraus resultiert, ist nicht die „Welt“ verantwortlich, sondern der Mensch, der

in der Welt sucht, was nur bei Gott zu finden ist. Unseren Hunger nach

Vollkommenheit, Verlässlichkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Glück kann und

soll die Welt nicht stillen. Das aber zu erkennen, sich von der Welt frei zu

machen für Gott, und dann den Frieden nirgendwo anders zu suchen als in ihm –

das ist Glaube.

 

Glaube als Bund mit Gott

Ist Glaube ein „Vertrag“ mit Gott? Nicht im dem Sinne, dass Inhalte und Be-dingungen des Bundes frei ausgehandelt würden. Die Partner sind nicht auf Augenhöhe. Und doch ist der „neue Bund“ in Christus ein Verhältnis wechsel-seitiger Loyalität und Treue, das klare Zusagen und Pflichten einschließt. Nichts daran ist verdient, der Glaubensbund wird gnadenhaft gewährt! Doch kann ihn verspielen, wer die Gemeinschaft nicht pflegt. Christ-Sein ist also etwas viel Konkreteres und Verbindlicheres als nur ein wenig Moral und diffuse religiöse Gefühle!

 

90 • Glaube als unaufhörliche Bewegung

Ist Glaube ein Fliehen vor Gott zu Gott?

Wer sich selbst kennt und Gott kennt, hat allen Grund, vor Gott zu fliehen. Denn

zwischen seiner Gerechtigkeit und unserer Schuld besteht ein krasses

Missverhältnis. Allein: Wo kann man sich verstecken vor dem, der allgegenwärtig

ist? Nur die eine Chance gibt es, dass uns Gott selbst vor Gott in Schutz

nimmt. Und diese Chance ergreift der Glaube, indem er vor Gott zu Gott flieht,

bei Christus unterkriecht und vor Gottes Gericht an Gottes Gnade appelliert.

 

91 • Gottesbeziehung und Autonomiestreben

Kann man abhängig sein – und glücklich?

Alles, was am Menschen herrlich sein kann, ist ihm gerade so geliehen, wie dem Mond sein Glanz geliehen ist von der Sonne. Auch der Mensch ist ein Klumpen aus Staub, der am schönsten erscheint, wenn er Gottes Macht und Güte reflektiert. Aber sollte man das beklagen und versuchen, selbst zur Sonne zu werden? Nein! Gott gebührt die Ehre. Und ein Leben lang unter seinem Glanz zu liegen als Projektionsfläche für Gottes Licht, das ist schön, ist gar nicht übel – und für einen Haufen Staub auch durchaus genug.