Glaubensüberschwang

Glaubensüberschwang

The Magdalen Anointing Christ's Feet (Ausschnitt), Sebastiano Ricci, Public domain, via Wikimedia Commons

Haben sie‘s schon mal gut gemeint – und wurden trotzdem gescholten? Wollten sie‘s jemand recht machen – und bekamen dennoch Prügel? So etwas passiert gar nicht selten! Man dachte, es sei eine schöne Idee – und wird gerüffelt. Die Absicht war gut – aber irgendwem hat’s nicht gepasst. Und wenn ihnen das bekannt vorkommt, haben sie bestimmt Verständnis für die Frau, die einst in Betanien Ärger bekam (Mk 14,3-9). Jesus ist dort zu Besuch im Haus eines gewissen „Simon“. Und während man beim Essen sitzt, tritt überraschend eine Frau herein, deren Name nicht genannt wird. Sie hat ein Glas mit unverfälschtem, sehr kostbarem Nardenöl dabei, das intensiv duftet – es ist ein Luxusartikel! Und dies Gefäß zerbricht sie, um Jesus mit dem Inhalt von Kopf bis Fuß zu salben und so ihre Dankbarkeit, ihre Verehrung und Liebe zu zeigen. Sie lässt ihm das duftende Öl über die Haare und über die Kleider fließen bis zu den Füßen herab. Starker Wohlgeruch erfüllt den Raum! Und anscheinend hat die Frau dabei auch geweint, hat dann zu Jesu Füßen gesessen und mit dem eigenen Haar seine Füße getrocknet (vgl. Joh 12,3; Lk 7,38). Sie muss Jesus ganz viel verdanken! Es muss eine Vorgeschichte geben, die wir nicht kennen! Am Ende steht aber diese Salbung, die irgendwie zärtlich ist, übergriffig und rührend zugleich. Die Anwesenden sind schwer irritiert. Aber das schert die Frau nicht, wenn nur Jesus ihre Geste recht versteht. Folgt man dem Lukasevangelium, war sie eine stadtbekannte Sünderin. Und manche sind empört, dass Jesus sich von „so einer“ anfassen lässt (Lk 7,39). Wer hat die überhaupt ins Haus gelassen? Und was ist das für ein emotionaler Auftritt? Warum weint sie dermaßen und schmeißt sich an Jesus ran? Immerhin – ehrenvolle Salbung sind zu jener Zeit bekannt. Man weiß, dass manchmal die Schüler eines Rabbiners, wenn sie Dankbarkeit und Hochachtung ausdrücken wollen, solche Salbungen an ihrem Lehrer vollziehen. Das ist dann ein mit großem Respekt dargebrachtes Geschenk. Aber was soll man denken bei dieser ebenso wohlhabenden wie verachteten Frau? Was fällt der ein, dass sie sich (ohne zu fragen) mit ihrem Luxusparfüm hereindrängt, um den teuren Stoff so zu verplempern? Weiß sie nicht, dass sich Jesus aus Luxus gar nichts macht? Man sollte ihr den Kopf zurechtrücken, denken die Gäste. Denn um Wahrheit und Gerechtigkeit ist es Jesus zu tun – nicht um Wellness, Aromastoffe und duftende Essenzen im Alabasterflacon! Außerdem war das, was die Frau mal eben über Jesus ausgeschüttet hat, dreihundert Silbergroschen wert. Das entspricht dem Jahreseinkommen eines Arbeiters! Die Frau hat in ein paar Sekunden ein kleines Vermögen vernichtet. Und darüber soll sich Jesus nun freuen, während die ganze Stadt voll ist von bitterarmen Menschen, die nicht wissen, was sie am nächsten Tag essen sollen? Was für eine Verschwendung! Wieviel Gutes hätte man mit dem Geld tun können! Freilich sind auch die Jünger voller Bewunderung für ihren Meister – das versteht sich. Aber hätte die Frau ihre Zuneigung nicht anders zeigen können, als indem sie hier rumheult und ihn parfümiert? Will sie Gottes Sohn ausgerechnet durch Verschwendung ehren, wo er sich doch aus Luxus gar nichts macht, sondern immer wieder gebietet, den Armen zu helfen? Die Jünger fahren sie an. Sie soll schleunigst verschwinden. Aber Jesus, der sich die Prozedur hat gefallen lassen, erlaubt nicht, dass sie mit der Frau schimpfen, sondern sagt: „Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat“ (Mk 14,6-9). Jesus nimmt die erschrockene Frau in Schutz. Und was sie tat, lässt er nicht bloß gelten, sondern gibt dem Geschehen eine tiefere Deutung, weil er’s als vorweggenommene Salbung zu seinem Begräbnis versteht. Die Frau hat getan, was sie konnte. Sie wollte Jesus Ehre erweisen mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung standen. Und keiner soll sie deswegen betrüben oder schelten. Denn Jesus will nicht, dass ein gutes Werk, das aus Dankbarkeit entsprang, gegen andere Werke ausgespielt wird, die auch lobenswert wären. Ja, natürlich hätte man das kostbare Öl verkaufen können, um den Armen zu helfen. Aber dass dieser Sünderin etwas Anderes in den Sinn kam, war darum nicht falsch. Es war für ihre Begriffe das Schönste, das sie an Jesus tun konnte – und er weist ihr Geschenk nicht zurück. Denn man kann auf mehr als eine Weise den Willen Gottes tun, und auf mehr als eine Weise Verbundenheit mit Jesus zeigen. Das Ganze erinnert sehr an den Konflikt zwischen Maria und Marta, die auch in Betanien wohnten. Maria setzt sich still zu Jesus, um ihm zuzuhören, während Marta aufräumt, kocht und ein Gästebett vorbereitet. Die eifrige Marta empört sich irgendwann über die scheinbar so untätige Maria und will, dass Jesus sie tadelt. Sie soll gefälligst mithelfen! Aber Jesus weigert sich auch da, eins gegen das andere auszuspielen, und nimmt Maria in Schutz, die eben keins seiner Worte verpassen will. Aufräumen ist löblich, aber Zuhören ist darum nicht schlecht. Maria hat das gute Teil erwählt (Lk 10,42). Und dasselbe gilt nun auch in diesem Fall. Den Armen Almosen zu geben, ist eine wunderbare Sache. Aber eine liebevolle Salbung Jesu ist darum nicht verkehrt. Weil man das eine tut, muss man das andere nicht lassen. Und wenn einer zu diesem neigt, und der andere zu jenem – warum soll man einen von beiden traurig machen, als hätte er sich falsch entschieden? Die Frau mit dem schlechten Ruf war der Meinung, für Jesus sei nur das Beste gut genug. Und, nun ja, für eine Dame aus ihren Kreisen gab es „das Beste“ vielleicht bei Chanel, Dior oder Bulgari. In edlen Düften zu baden, war für sie der Inbegriff einer Wohltat. Kann man ihr also vorwerfen, dass sie Verehrung und Dank mit den Mitteln ausdrückt, die ihr zu Gebote stehen? Sie gehorcht ihrem Gefühl, sie tut, was ihr schön erscheint, und kleidet ihre Verehrung für Jesus in eine liebevolle Geste. Die ist vielleicht etwas übergriffig und überschwänglich geraten. Aber soll darum getadelt werden, was doch gut gemeint war? Natürlich hat Jesus wenig Sinn für Luxus und Verschwendung. Und die Armen liegen ihm am Herzen. Aber er kommt der Frau darum nicht „moralisch“ und unterbindet auch die Diskussion mit den Jüngern, denn Jesus ist in Gedanken schon bei dem elenden Tod, der ihn in Jerusalem erwartet. Und so nimmt er die Salbung entgegen wie ein Abschiedsgeschenk. Hätte die Frau viel Geld an die Armen gespendet, wär’s ihm bestimmt auch recht gewesen. Aber so hat sie ja mehr getan, als sie in diesem Moment ahnen konnte – sie hat seinen Leib im Voraus gesalbt für sein Begräbnis. Und dessen soll man künftig gedenken, solange das Evangelium gepredigt und das Neue Testament gelesen wird. Die Gäste in Simons Haus werden über Jesu Deutung wohl tiefer erschrocken sein, als über den Vorfall selbst, denn sie wussten noch nichts von seinem Leiden und Sterben. Dass sein Leib sehr bald geschlagen, angespuckt, gekreuzigt und begraben wird, ahnen sie nicht! Doch Jesus weiß, was ihn erwartet. Und so lässt er sich auf eine Debatte über Luxus, Armut und Verschwendung gar nicht ein und weigert sich, wertvolle und weniger wertvolle Werke des Glaubens zu unterscheiden. Denn Hingabe ist in dieser und in jener Form zu loben. Jesus will darüber keinen Streit. Und wenn sich Glaube und Dankbarkeit bei einem so und beim anderen anders ausdrücken, lässt er beides gelten. Denn nicht darauf kommt’s an, dass alle alles Erdenkliche tun, sondern dass jeder tut, was er kann. Auch heute widmen sich manche ganz der Mission – oder ganz dem Gebet. Manche sind gut im musikalischen Lobpreis – und andere helfen in der Suppenküche. Einer kniet sich tief ins Bibelstudium hinein – und der andere hilft Flüchtlingen. Einer fastet und pilgert. Ein anderer betreibt Seelsorge. Da streitet jemand für das Lebensrecht ungeborener Kinder. Und nebenan putzt man die Glasfenster der Kirche, damit sie wieder schön leuchten. Einer hilft verfolgten Christen in der weiten Welt. Ein anderer wirkt als christliche Stimme in den sozialen Medien. Und der dritte begeistert Kinder für die Schätze christlicher Kunst und Malerei. Keiner hätte Lust und Talent für all diese Dinge! Doch umso besser ist es dann, wenn’s ein andrer tut. Und so ist die erste Folgerung aus der Geschichte jener Frau, dass unsre Weise der Frömmigkeit nicht die einzige sein muss, an der Gott Gefallen hat. Es mag uns ja auch manches befremden, was bei Katholiken üblich ist oder bei der Heilsarmee, bei orthodoxen oder evangelikalen Christen! Doch solang nicht Gottes Wort dagegen steht, sollten wir uns mit Urteilen zurückhalten. Denn was um Christi willen geschieht, wird nicht so bald verkehrt sein. Und wenn einer meint, er müsste aus Streichhölzern den Petersdom nachbauen – wer bin ich, dass ich über ihn richte? Entscheidend ist die persönliche Hingabe. Und wenn einer gerade nicht über teures Salböl verfügt, sondern lieber christliche Gedichte schreibt, ist das ok. Wenn aber jemand sein Gotteslob singen kann, soll er sich dann grämen, weil er kein Bibelkenner ist? Oder muss der Bibelkenner sich grämen, wenn‘s ihm an Musikalität fehlt für das Gotteslob im Gesang? Nein. Gott ist bestimmt zufrieden, wenn jeder das, was er hat, vorbehaltlos und fröhlich in seinen Dienst stellt. Nur, freilich – wenn die Hingabe eines Christen gar keinen Ausdruck findet, und sein Glaube überhaupt keine Gestalt gewinnt in irgendwas, muss man schon mal fragen, was da los ist. Denn wie hat einer eine lebendige Beziehung zu Gott, wenn die sich in gar nichts zeigt? Wird ein Christ das Licht, das auf ihn fällt, nicht irgendwie spiegeln? Oder kann einer wirklich so stumpf sein, dass ihm gar nichts in den Sinn kommt, was er Gott zuliebe tun könnte? Es wird von Petrus nicht verlangt, er müsse Johannes sein. Und niemand wirft Marta vor, dass sie nicht Maria ist. Aber jeder soll bezeugen, dass sein Herz für den Glauben schlägt. Und an Möglichkeiten fehlt‘s wahrlich nicht. In der Weihnachtsgeschichte bringen die Könige Weihrauch, Gold und Myrrhe. Die Hirten aber bringen höchstens ein Schaffell und etwas Käse. Der Stern beschränkt sich aufs Leuchten. Und Joseph sagt überhaupt keinen Ton. Aber Joseph macht immerhin Feuer und kocht für Maria eine Suppe. Bis hin zum Esel muss keiner tun, was er nicht kann. Aber was einer kann, das soll er nicht versäumen zu tun – und darf dann Gott überlassen, welchen Wert er dem beimisst. Denn so startet auch die Frau in Bethanien voller Gefühl ihre etwas bizarre Aktion, ohne zu wissen, dass sie Jesus zu seinem Begräbnis salbt. Sie konnte nicht ahnen, dass sie eine der letzten sein würde, die Gottes Sohn auf Erden etwas Gutes tut. Vielleicht verstand sie sich überhaupt nur auf Körperpflege und Kosmetik! Und so hat sie ihn eben eingeölt – ja, nun! Das war vielleicht das Beste, das sie zu geben hatte, das Beste, was ihr einfiel. Und Jesus hat es nicht falsch aufgefasst. Wir aber, die wir uns über ihre Leidenschaft und den Überschwang ihrer Gefühle wundern – was tun wir eigentlich, um Jesus zu ehren? Tun wir überhaupt etwas, das eine vergleichbare Intensität der Hingabe erkennen lässt? Matthias Claudius schrieb im letzten Brief an seinen Sohn: „Gehe nicht aus der Welt, ohne deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter des Christentums durch irgendetwas öffentlich bezeugt zu haben.“ Claudius war klug genug, dem Sohn nicht vorzuschreiben, worin die Bezeugung bestehen solle, denn die Menschen sind verschieden. Aber irgendein Ausdruck der Verehrung soll doch im Leben des Sohnes nicht fehlen: „Gehe nicht aus der Welt, ohne deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter des Christentums durch irgendetwas öffentlich bezeugt zu haben.“ Nimm deine Hände oder rege die Zunge, benutze Nardenöl oder Feder und Tinte, Geld, Verstand oder Humor, Leinwand, Farbe oder ein anderes Instrument – aber um Himmels willen tue etwas! Setze ein Zeichen und bezeuge deine Hingabe an Christus! Gib deinem Leben diese Signatur, dass du den einen ehrst, dem Ehre gebührt! Tue kund, dass du zu Christus gehörst, und lass alle sehen, auf wessen Seite du stehst! Denn ich denke, erst wenn wir es so ins Persönliche wenden, haben wir die Pointe jener Geschichte verstanden. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob ein anderes Werk besser gewesen wäre als die Salbung. Denn die eigentliche Frage muss lauten: Wie kommt’s, dass uns gar nicht einfällt, etwas vergleichbar Relevantes für Jesus zu tun? Wir sitzen da als Zuschauer, wundern uns über die Emotionalität und die Hingabe dieser Frau und stellen akademische Fragen. Doch wie kommt’s, dass wir ihre Hingabe nicht teilen und uns Christen nennen, ohne doch für Christus einen Finger zu rühren? Nicht jene Frau muss sich dafür rechtfertigen, dass sie aus Glaubensüberschwang ein Jahresgehalt verplempert, sondern eher müssten wir uns rechtfertigen, weil wir‘s nicht tun! Warum bekommt Jesus immer nur den Rest von unsrer Aufmerksamkeit, den Rest unsrer Zeit und den Rest von unsrem Geld? Hat er nicht Anspruch auf unser ganzes Herz, unsre ganze Konzentration und unsre ganze Kraft? Jene Frau gab wahrlich das Beste, das sie hatte. Und was tun wir? Wir stehen daneben und staunen über ihre Hingabe, die uns befremdet. Aber würde sie nicht vielleicht auch staunen über unsre steife Nüchternheit und Kühle? Sie ist der Inbegriff einer Jüngerin, weil sie nichts zurückbehält! Wir aber – was sind wir für Jünger, wenn wir Jesus unser Kostbarstes immer vorenthalten und meinen, es sei bei ihm vielleicht „verschwendet“, und wir könnten Sinnvolleres damit machen? Jesus nimmt jene Frau in Schutz, ihre Kritiker aber nicht. Die Frau hat den Mut, um seinetwillen etwas Überschwängliches zu tun – und der Wohlgeruch ihrer Hingabe erfüllt das ganze Haus. Wie steht es aber bei uns? Ich fürchte, da ist noch Luft nach oben. Denn Glaube fordert Leidenschaft. Wer das aber nicht als Kritik hören möchte, ist eingeladen, es als Chance zu verstehen.