Jakobs Kampf am Jabbok

Rembrandt, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Die hier dargestellte Geschichte aus 1. Mose 32,23-32 gehört zu den merkwürdigsten im ganzen Alten Testament. Und ihr Sinn ist schwer zu fassen, obwohl wir von den Kontrahenten, die in das nächtliche Handgemenge verwickelt sind, wenigstens den vorderen gut kennen. Es ist Jakob, von dem wir wissen, dass er seinem Bruder Esau für ein Linsengericht das Erstgeburtsrecht abgekauft hat. Wir wissen auch, dass er sich, von seiner Mutter angestiftet, den Segen des blinden Vaters erschlich. Und wir wissen, dass Jakob auf der Flucht vor Esaus Rache den Traum von der Himmelsleiter träumte, dass er danach im Ausland heiratete – und zu großem Wohlstand kam. Nun will er nach Hause, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Seine Familie, die Knechte und die Herden hat er ein Stück Wegs vorausgeschickt. Er selbst aber bleibt am Fluss Jabbok zurück, um dort zu übernachten. Und da passiert es. Jakob wird von einer Gestalt überfallen, die ihm offenbar nach dem Leben trachtet. Er kämpft in der Dunkelheit, ringt und wehrt sich seiner Haut. Als aber die Morgenröte anbricht, will der Fremde den Kampf beenden – und versetzt Jakob einen gewaltigen Schlag auf die Hüfte, der ihm das Gelenk verrenkt. Jakob lässt trotz dieser Verletzung nicht los, er umklammert den Fremden. Und als ob er ahnte, dass er‘s nicht mit einem menschlichen Gegner zu tun hat, sagt er: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“. Der Andere lässt sich darauf ein. Er gibt dem Jakob seinen Segen – und gibt ihm zugleich einen neuen Namen. Jakob soll künftig „Israel“ heißen, denn, so sagt der Fremde: „du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen“. Der geheimnisvolle Gegner verschwindet, die Sonne geht auf, Jakob hinkt wegen der verrenkten Hüfte – aber er staunt auch über die merkwürdige Erfahrung dieser Nacht. Denn er sagt: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet“. Die Maler wagen meist nicht, diesen Satz ernst zu nehmen. So wie Rembrandt malen sie als Gegner im Kampf nicht Gott, sondern einen Engel. Doch in der so anstößigen biblischen Geschichte ist wirklich die Rede davon, dass Jakob mit Gott gerungen hat. Und damit wirft sie Rätsel auf, die so offenkundig sind, dass man sie kaum nennen muss: 1. Frage: Wenn es wirklich Gott war, der den Jakob überfallen hat, was hat ihn dazu getrieben? Ist Gott denn ein Wegelagerer, ein unberechenbarer Gewalttäter, Räuber und Mörder, der nachts ahnungslosen Wanderern auflauert? 2. Frage: Wenn es wirklich Gott ist, der den Jakob überfällt, warum gewinnt er den Kampf nicht sogleich? Sollen wir etwa annehmen, der Schöpfer des Himmels und der Erde hätte Probleme, einen Ringkampf zu gewinnen – gegen einen sterblichen Menschen? Und 3. Frage: Was ist mit diesem Jakob los, dass er sich nicht bloß verteidigt, sondern seinen Gegner selbst dann noch festhält, als dieser den Kampf abbrechen will? Was verspricht sich Jakob davon? Und überhaupt: Wenn er annehmen muss, der Andere wolle ihn umbringen, warum bittet er dann ausgerechnet diesen Wegelagerer um seinen Segen? 

„Das macht doch keinen Sinn“, sagt sich der Bibelleser – und hofft auf einen Schluss, der das Ganze erklärt. Aber dann ist die Geschichte auch schon zu Ende. Wir sehen Jakob mit seiner kaputten Hüfte davonhinken und wundern uns: Sollten wir’s hier wirklich mit einem biblischen Text zu tun haben, der nur Fragen aufwirft – und keine einzige beantwortet? Wer sich damit nicht zufriedengibt, kommt irgendwann drauf, was die Geschichte uns angeht. Denn wenn wir ernst nehmen, dass Jakob mit Gott selbst gerungen hat, ergeben sich zwei Folgerungen. Zum Ersten: Wenn es wirklich Gott war, der Jakob überfiel, kann seine Absicht nicht gewesen sein, Jakob zu überwinden und zu töten (denn das wäre für Gott eine Kleinigkeit gewesen), sondern dann muss Gott die Absicht gehabt haben, sich im Kampf überwinden zu lassen. Es muss so gewesen sein, dass Gott von Anfang an besiegt werden wollte. Und zum Zweiten: Wenn Gott mit voller Absicht besiegt werden wollte (und alle Dinge im Voraus weiß), wusste er auch, worum Jakob bitten, und dass er diese Bitte erfüllen würde. Gott hatte also längst bei sich beschlossen, Jakob zu segnen. Denn dass ein Mensch Gott in den Schwitzkasten nehmen und zum Segnen zwingen könnte, ist eine absurde Vorstellung. Und folglich hat Gott den Ablauf der Ereignisse bewusst herbeiführte. Er überfiel Jakob, um mit ihm zu ringen, rang mit ihm, um zu unterliegen, um ihn an der Hüfte zu verletzen und ihn letztendlich zu segnen. Wenn Gott aber segnen wollte – warum führt er dann erst diese merkwürdigen Umstände herbei? Warum tut er‘s nicht einfach am helllichten Tage? Wozu erst der nächtliche Kampf mit all dem Erschrecken und dem Schmerz der Verletzung? Kann Gott nicht auch ohne das segnen? Natürlich. Und oft tut er’s ja auch, so dass dem Menschen der göttliche Segen unverhofft in den Schoß fällt. Aber wenn Gott so verfahren kann, heißt das nicht, dass er es immer will. Sondern wie unser Beispiel zeigt, möchte Gott in manchen Fällen, dass der Mensch sich erst zäh zum Segen hin durchschlägt und ihn nicht erlangt, bevor er nicht eine harte Prüfung besteht. Manchmal will Gott sehen, ob wir uns seine Nähe das Letzte kosten lassen. Manchmal will er sehen, ob uns der Glaube auch den Preis einer schweren Verwundung wert ist. Manchmal will er prüfen, ob wir ihn auch in Schweiß und Tränen suchen. Wenn wir’s aber tun – das besagt die Geschichte vom Jabbok! – dann lässt sich Gott nur zu gern bezwingen und segnet uns. Die seltsame Geschichte ist also keineswegs sinnlos oder düster, sondern ganz im Gegenteil enthält sie eine frohe Botschaft für all jene, denen Gott schwer fällt – und denen es Gott schwer macht. Denn alle, die das schreckliche Gefühl haben, Gott stehe ihnen feindselig gegenüber, dürfen sich in Jakob wiedererkennen. Und sie dürfen seinem Geschick entnehmen, dass es sich lohnt, beharrlich mit Gott zu ringen und ihn festzuhalten wie einen Dieb in der Nacht. Denn denen, die dazu bereit sind, entzieht er sich am Ende nicht, sondern krönt ihre Entschlossenheit, indem er sie segnet. Nun sagen manche: „Wie schrecklich! Was für ein furchtbarer Gedanke, dass ich mit Gott in einen Zweikampf geraten könnte!“ Aber hatten die noch nie das Gefühl, dass Gott ihnen einen Tiefschlag verpasst? Gibt‘s nicht Schicksalsschläge, hinter denen man einen Angriff Gottes vermutet? Und treffen sie uns nicht wie ein Überfall bei Nacht? In diesen Momenten aber trotzdem an der Barmherzigkeit Gottes festzuhalten, von der wir gerade so gar nichts spüren – das ist die Kunst, die zählt. Denn manchmal will Gott nicht anders segnen als im Kampf. „Siehe“, sagt Martin Luther, „ein solch großes Ding ist es, zu Gott zu kommen, dass man durch seinen Zorn, durch Strafe und Ungnade zu ihm durchbrechen muss wie durch Dornen, Spieße und Schwerter“. Das aber sollten wir nie vergessen. Denn hinter allen Widrigkeiten verbirgt sich ein barmherziger Vater, der Beharrlichkeit im Glauben nur zu gerne segnet und lohnt.