Form und Inhalt

Form und Inhalt

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Oft wird über die alten Formen im Gottesdienst geklagt. Es heißt, sie seien steif und unverständlich. Und so bemühen sich viele Pfarrer um eine Erneuerung des alten Zeremoniells durch neue Lieder und Texte. Man ändert die „Verpackung“, um die Botschaft in moderner Form zu präsentieren. Doch hält sich der Erfolg in Grenzen. Denn man gewinnt zwar kurz die Aufmerksamkeit. Doch ist der Effekt nicht nachhaltig. Davon, dass man derselben Sache einen neuen „Ausdruck“ verleiht, werden die Kirchen nicht voller. Denn ein altes Haus mit neuem Anstrich ist immernoch dasselbe Haus. Die es lieben, lieben es nicht wegen der „Verpackung“ – sie lieben den Inhalt. Und die, die den Inhalt nicht lieben, fallen auch auf eine neue Verpackung nicht herein. Liegt das Problem also tiefer? Ich las kürzlich kluge Sätze von Ralph Brownrig, der sagt: „Was Kleider einem Körper sind, das sind die Zeremonien dem Christentum. Die Kleider auf einem lebendigen Körper erhalten die natürliche Wärme; lege sie einem toten Körper an, und sie werden ihm weder Leben noch Wärme geben. Formen helfen, die Andacht zu erhöhen; aber sie können dieselbe in einem toten Herzen nicht erzeugen.“  Das ist eine harte Wahrheit. Aber es nützt wirklich nichts, eine Leiche warm anzuziehen. Die Funktion der Kleidung ist ja bloß, die vom Körper erzeugte Wärme am Körper festzuhalten. Der lebende Organismus bringt selbst die nötige Wärme hervor – Kleidung sorgt nur dafür, dass sie nicht verlorengeht. Wenn also ein Mensch geistlich „lebendig“ ist, weil er glaubt, nützen ihm die Formen des Gottesdienstes. Sie sind für ihn ein sichtbarer Ausdruck des Unsichtbaren und eine äußere Manifestation dessen, was ihn innerlich bewegt. Der Gläubige füllt diese Hülle mit dem eigenen Leben, und sie ist ihm so vertraut wie die Lieblingsjacke, die ihn wunderbar wärmt. Nur – welche Jacke sollte den wärmen, in dem kein Leben ist? Wer den Glauben nicht teilt, der die Formen des Gottesdienstes schuf, kann mit den „neuen“ Ausdrucksformen so wenig anfangen wie mit den „alten“. Da in ihm nichts „brennt“, kann ihn die Jacke auch nicht wärmen. Und er wird sie nicht tragen, bloß weil sie neu und bunt ist. Denn es ist der Glaube, der die Formen hervorbringt. Es sind aber nicht die Formen, die den Glauben hervorbringen, sondern die Inhalte. Wo sich das Feuer des Glaubens an diesen Inhalten entzündet, entsteht auch der Rauch der Formen. Aber mit noch so viel Rauch zündet man kein Feuer an. Das Verhältnis lässt sich nicht umkehren. Und das Experimentieren mit modischen Formen im Gottesdienst bringt darum wenig. Denn nur das Evangelium kann einem Menschen geistliches Leben einhauchen. Gottes Wort ist der zündende Funke! Und darum gebührt alle Aufmerksamkeit den Inhalten. Wenn der Glaube lebt und atmet, schafft er sich passende Formen. Aber andersherum wird nichts draus. Denn ein Inhalt, der es wert ist, hat es nicht nötig, durch eine schrille „Verpackung“ zu glänzen. Und eine „Verpackung“ ohne Inhalt ist sowieso Betrug. Nur ist es leider bequemer, das Problem bei der „Präsentation“ zu suchen. So können die Pfarrer darauf beharren, sie hätten ihre Sache nur nicht modern genug „vermittelt“ – das kann man ja morgen besser machen! Und die den Gottesdienst meiden, können sich weiter einreden, es läge bloß an den langweiligen Formen, dass sie ihr Christ-Sein nicht praktizieren. Die Orgel durch ein Keyboard zu ersetzen, ist eben einfacher, als einen Verlust von Überzeugungen einzugestehen. Aber bringt es viel? Wenn ein Apotheker damit werben wollte, dass seine Tabletten neuerdings nicht mehr weiß und rund sind, sondern bunt und eckig – und ein Kranker sagte begeistert: „Bisher habe ich ja keine Tabletten genommen, aber nun, wo sie bunt und eckig sind, fange ich damit an!“ – würden wir nicht denken, sie seien beide nicht ganz bei Trost? Nur in kirchlichen Dingen scheint keiner zu merken, dass die Debatte über Formen am Wesentlichen vorbeigeht. Aber – kam Christus denn in die Welt, um zu gefallen? Kam er nicht, weil die Menschen ihn brauchen? Eine Kirche, die in erster Linie „gefallen“ will, missversteht darum ihren Auftrag – und konkurriert dann vergeblich mit Theaterbühnen und Konzerthallen. Ich finde aber, dass sie‘s nicht nötig hat, und plädiere für ein selbstbewusstes Christentum, denn Hape Kerkeling sagt es doch ganz treffend: „Gott ist der Film und die Kirche ist das Kino, in dem der Film läuft.“ Die Vorführung mag schlecht sein – die Sitze sind hart und die Lautsprecher knistern. Aber das ändert nichts an der Größe des Films. Der ist nämlich einzigartig. Und woanders läuft er nicht. Dass wir aber aus lauter Gefallsucht (nicht die Sitze und die Lautsprecher wechseln, sondern) einen anderen Film spielen sollten – davor bewahre uns der Himmel!