Sisyphus

Titian, Public domain, via Wikimedia Commons

 

In der Jugend ist das Leben eine aufregende Sache. Denn man verändert sich von Jahr zu Jahr, viele Dinge geschehen zum ersten Mal – und fast alles ist neu. Für Kinder hält jeder Tag Überraschungen bereit. Und darum erscheint ihnen das Leben auch spannend. Ihre Emotionen gehen schnell hinauf und herunter. Mit zunehmendem Alter greift dann aber Routine um sich, die Überraschungen werden seltener, und die Wiederholungen häufiger. Man kennt sich irgendwann aus. Und das hat Vorteile, insofern mehr Ruhe einkehrt. Das Leben verläuft in gewohnten Bahnen. Und doch macht uns das Gleichförmige nicht nur fröhlich. Sondern es wirft auch die Frage auf, ob das nicht Stagnation ist, wenn man immer wieder dasselbe tut. Die Aufgaben, die das Leben mit sich bringt, bleiben sich im Wesentlichen gleich. Sie kehren immer wieder. Und so werden wir sie im kommenden Jahr ebenso wenig „abschließend erledigen“ wie im vergangenen Jahr. Denn was unsere Tage füllt, und was unsere Arbeit erreicht, hat immer nur vorübergehenden Bestand. Und alles, was wir uns vornehmen, ist ein bisschen wie Staubwischen. Es mag eine Hausfrau noch so gründlich Staubwischen – sie wird doch nie wirklich fertig damit. Denn eine Woche später liegt der Staub wieder da. Schon bevor sie den Lappen zur Hand nimmt, weiß sie, dass ihr Sieg über den Staub nicht dauerhaft sein wird. Sie weiß, dass ein Erfolg sich immer nur vorübergehend einstellt. Sie weiß, dass sie ihre Aufgabe nie abschließend erledigen kann. Und sie darf dennoch in ihrem Bemühen nicht nachlassen. Nun – ist unser Leben nicht insgesamt von dieser Art? Wir werden nie ganz fertig. Alle unsere Ergebnisse sind nur Zwischenergebnisse. Alle Siege sind nur Etappensiege. Und nichts, was wir erledigen, ist „ein für allemal“ erledigt. Denn die Lösungen von gestern gebären die Probleme von heute – und aus den Lösungen von heute erwachsen die Probleme von morgen. Sind wir an einem Ende fertig, können wir am anderen gleich wieder anfangen. Und während die Tage kommen und gehen wird uns bewusst, dass die Aufgabe, die uns das Leben stellt, prinzipiell unabschließbar ist – gerade so wie bei Sisyphus. Kennen sie Sisyphus? Sisyphus ist eine Gestalt aus der griechischen Mythologie: ein Mann, der sich für besonders schlau hielt und es darum wagte, sich mit dem Göttervater Zeus anzulegen. Der Legende nach hat Sisyphus den Zeus dabei beobachtet, wie er eine liebliche Nymphe entführte. Und es wäre sicher klug gewesen, diesbezüglich den Mund zu halten. Doch Sisyphus wollte aus seinem Wissen Kapital schlagen. Für eine entsprechende Gegenleistung verriet er dem Vater der Nymphe nicht nur den Täter, sondern gleich auch noch das Versteck, in das Zeus die Nymphe gebracht hatte. Der bloßgestellte Zeus zürnt natürlich! Und er zögert nicht, den frechen Menschen zu bestrafen. Zweimal entkommt der listige Sisyphus den Boten des Zeus. Dann aber wird er in die Unterwelt verschleppt und dort zu jener schrecklichen Strafe verdammt, die ihn berühmt gemacht hat. Er muss nämlich einen schweren Marmorstein mit großer Kraftanstrengung einen steilen Hügel hinaufwälzen. Sobald er sich aber schwitzend und keuchend dem Gipfel nähert, sobald er glaubt das Ziel erreicht zu haben, entgleitet der tückische Stein seinen Händen und rollte den ganzen Hang wieder hinunter in die Tiefe. Sisyphus muss dann hinuntersteigen und sein schweißtreibendes Werk von neuem beginnen. Meter für Meter stemmt er seine Last wieder den Hang hinauf – und weiß doch genau, dass der Stein, wenn er oben ist, nicht liegen bleiben wird, sondern erneut hinunterrollt. Immer wieder geschieht das grausame Schauspiel. Niemals wird Sisyphos mit seiner Arbeit fertig. Niemals hat seine Mühe bleibenden Erfolg. Sinnlos ist sein Unterfangen, und unerfüllbar die Aufgabe, mit der er sich quält. Doch aufhören darf Sisyphus nicht. Und ob er je von seiner Strafe erlöst werden kann, ist ungewiss. Nun ist das Ganze bloß eine antike Sage. Aber es hat schon mancher im Geschick des Sisyphus ein Gleichnis des menschlichen Lebens gefunden. Und viele haben sich in Sisyphus wiedererkannt. Denn stemmt nicht auch jeder von uns seinen Stein? Die Hausfrauen, die gegen den Staub angehen, obwohl der Staub immer wiederkehrt, sind da wohl das harmloseste Beispiel! Anderswo stillen Eltern mit Mühe den Hunger ihrer Kinder. Aber der Hunger kehrt immer wieder. Die Polizei verfolgt weltweit Verbrechen. Aber jeden Tag werden wieder neue Verbrechen begangen. Die Lehrer haben nie zu Ende gelehrt, denn es wächst immer neue Dummheit nach. Die Forscher haben nie zu Ende geforscht, denn die Fragen werden nicht weniger. Und die Ärzte haben auch nie zu Ende geheilt, denn die Krankheiten sterben nicht aus. Was immer Menschen tun – sie sind stets ein bisschen wie Sisyphus. Die Steine, die wir heute auf unseren Hügel hinaufgewuchtet haben, rollen morgen wieder herunter. Und die Steine, die heute heruntergerollt sind, werden wir morgen wieder hinaufstemmen. Warum aber tun wir das? Tun wir’s, weil wir uns etwas vormachen? Tun wir’s, weil wir dazu verurteilt sind wie Sisyphus? Oder tun wir’s vielleicht bloß, damit der Stein nicht über uns siegt? Wenn’s so wäre, so läge viel Bitternis darin, viel Trotz und vielleicht auch Heldenmut – auf jeden Fall aber ein großes Maß an Enttäuschung. Und wir müssten den Gott dann hassen, der uns daran hindert, unsere Aufgabe zu vollenden. Wir müssten zornig aufbegehren gegen den, der die Welt so eingerichtet hat, dass die Steine nie auf der Spitze des Hügels liegenbleiben. Doch würde sich das mit dem christlichen Glauben vertragen? Könnten wir unseren Schöpfer noch als „lieben Vater“ anreden, wenn wir unser Leben als Strafe betrachteten? Nein. Und darum ist es ein Glück, dass der Glaube eine Alternative bietet. Denn um im Bild zu bleiben: Der Glaube befreit uns zwar nicht von unserem Stein. Aber er befreit uns von dem Wahn, dass unser Stein auf der Spitze des Hügels liegen bleiben müsste. Der Glaube gibt uns die Freiheit, auch mit unvollendeten Werken getrost zu leben, weil wir das Vollenden aller Werke Gott überlassen dürfen. Der Glaube weiß, dass Vollendung und Vollkommenheit Gottes Sache sind – und das auch immer bleiben: wir machen Vorläufiges, er macht Endgültiges! Darum können wir uns im Glauben fröhlich eingestehen, dass alles kurzlebig ist, was unsere Hände bewerkstelligen, und dürfen trotzdem unbekümmert sein. Denn neidlos überlassen wir es Gott, Ewiges zu schaffen. Und je mehr wir es ihm überlassen, um so weniger muss uns plagen, was den Sisyphus plagt. Denn der leidet ja weniger unter seiner Situation, als unter dem Irrglauben, ihm müsse möglich sein, was nur Gott möglich ist. Den Sisyphus quält der Wahn, vollenden zu müssen, was er nicht vollenden kann. Wir aber wissen, dass wir, was wir nicht vollenden, getrost in Gottes Hände legen dürfen. Natürlich kennen wir trotzdem das Seufzen des Sisyphus und seine Mühe – es ist nun mal Menschenschicksal, mit der Welt nie wirklich fertig zu werden. Die Bibel stimmt in dieses Seufzen sogar mit ein, weil ja wirklich „alles eitel“ ist und „Haschen nach Wind“ (Pred 1,14). Aber was tut’s? Wir wissen doch, dass Gott die losen Fäden unseres Lebens ordnen und sinnvoll verknüpfen kann. Gewiss ist es Menschenschicksal, dass unsre Werke Fragment bleiben. Aber was tut’s? Unser Gott vermag aus allem Stückwerk etwas Rundes zu machen. Ich bin vergänglich? Was tut’s? Wenn er doch ewig ist und treu? Ich bin schuldig? Was tut’s? Wenn er doch barmherzig ist und gnädig? Ich bin dumm? Was tut’s? Wenn doch mein Gott voller Weisheit ist? Und wenn er mir verordnet Staub zu wischen, Kinder zu unterrichten oder sonst eine Arbeit zu tun, die nie zu Ende kommt – soll ich mir dafür zu schade sein? Soll ich nicht lieber fröhlich und neidlos akzeptieren, dass der große Gott kleine Menschen gemacht hat, die mit ihren begrenzten Kräften immer nur begrenzte Ziele erreichen? Muss ich jammern, weil meine Erfolge so vergänglich und unvollkommen sind, wie ich selbst vergänglich und unvollkommen bin? Nein. Natürlich ist es ärgerlich, wenn der Stein mal wieder unseren Händen entgleitet und den Hügel hinabpoltert. Aber wenn Gott dann von uns erwartet, hinterherzugehen und ihn neu anzupacken, dann muss das ein Christ nicht als Strafe sehen. Es ist nicht sinnlos und erfordert auch keinen tragischen Helden. Sondern es erfordert lediglich Menschen, die an ihrem Ort ihr Bestes geben, ohne dabei die Erfolgsaussichten zu überschätzen. Natürlich stimmt’s, was wir vom Prediger Salomo hören: „Man gedenkt des Weisen nicht für immer, ebenso wenig wie des Toren, und in künftigen Tagen ist alles vergessen“ (Pred 2,16). Aber einen Grund zum Murren und Fluchen kann ich darin nicht finden. Denn als Christen unterscheidet uns etwas von Sisyphus: Anders als er dürfen wir Vertrauen haben zu dem Gott, der uns unsere Aufgaben verordnet. Und wenn sie uns auch Mühe machen, so müssen wir sie doch nie ansehen als Strafe eines sadistischen Zeus, der uns damit sinnlos quälen will. Sondern wir nehmen sie als Prüfungen aus der Hand des himmlischen Vaters, dessen Pläne auch dann Sinn haben, wenn wir diesen Sinn nicht begreifen. 

Gott weiß, wozu unser irdisches Treiben gut ist. Und wenn’s wirklich einmal zu nichts mehr gut ist, wird er’s zu beenden wissen. Eines Tages nämlich wird Christus wiederkommen und vollbringen, was wir nicht vermochten: Er wird den Fels des Sisyphus nehmen und wird ihm das Rollen abgewöhnen – Christus wird ihn auf dem Gipfel des Hügels fixieren. Und der Fels wird sich danach keinen Millimeter mehr bewegen, sondern dort oben wird er bleiben als wäre er festgewachsen. Denn der Jüngste Tag wir alles Unfertige auf Erden vollenden. Da wird das Halbe voll, und das Krumme gerade. Und wer sich in seinem Leben vorkam, als sei er Sisyphus, der wird an diesem Tag frei sein und wird die müden Glieder strecken dürfen. Darum – wenn sie sich wieder einmal wie Sisyphus fühlen, wenn sie die Sehnsucht quält, vollendet zu sein oder vollendete Werke zu tun, dann schlagen sie sich das möglichst bald aus dem Kopf und denken sie daran: Ihr Stein muss nicht auf dem Gipfel liegen bleiben, denn Vollendung ist allein Gottes Sache. Die Steine, die wir wälzen, sind unseren Kräften ganz angemessen. Und wir müssen auch nicht fürchten, dass diese Steine über uns siegen könnten. Sondern Christus wird siegen, der schon heute an unserer Seite geht, um unsere Lasten mit uns zu tragen. Dieses Mit-Tragen war der Sinn seiner Menschwerdung. Das Mit-Tragen war auch der Sinn seiner Kreuzigung. Und Christi Mit-Tragen hat unsere Lage zum Guten gewendet. Darum lassen sie uns nicht so tun, als sei unser Leben eine griechische Tragödie. Sondern geben wir unserem Stein einen Tritt, packen wir ihn unverdrossen an und gehen wir unseren Weg weiter – unter Gottes gutem Geleit.