Der zerrissene Vorhang
Scheuring van het voorhangsel in de tempel van Jeruzalem, Jan Luyken (1703)
Public domain, via Rijksmuseum Amsterdam
Der Ostermorgen ist der Endpunkt der Leidensgeschichte. Und neben Jesu Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung erwarten wir da nicht Neues zu entdecken. Aber wissen sie auch, was im Moment seines Todes im Tempel geschah? Den Schauplatz hat man eher nicht im Blick – und liest leicht drüber hinweg! Doch schreibt Matthäus, dass in dem Augenblick, da Jesus starb, der große Vorhang im Tempel in zwei Stücke zerriss, von oben an bis unten aus (Mt 27,50-51). „Ein Vorhang zerriss?“ – werden sie fragen – „Welcher Vorhang denn?“ Ohne eine konkrete Vorstellung vom Tempel zu Jerusalem, kann man mit dieser Notiz nicht viel anfangen. Denn wen kümmert’s schon, wenn irgendwo ein Vorhang zerreißt! Doch war dieser nicht irgendeiner. Sondern es war der Vorhang, der im Tempel das Allerheiligste vom heiligen Vorraum trennte. Und das Allerheiligste müssen wir uns vorstellen als das innerste Zimmer der ganzen Anlage. Es war ein fensterloser Raum (10 Meter hoch, breit und tief), in dem einst nur die Bundeslade mit den Zehn Geboten stand. Das ist der vollkommen dunkle Ort, an dem Gott „wohnt“ in all seiner Herrlichkeit. Natürlich kann man einwenden, Gott sei doch zu groß, als dass ihn Himmel und Erde fassen könnten – und noch viel weniger könne es dieser Raum im Tempel! Und trotzdem ist er der von Gott selbst gewählte Ort seiner Gegenwart, das Zentrum der Heiligen Stätte und sozusagen Gottes Thronsaal, zu dem niemand Zugang hat. Die Trennwand zwischen dem Allerheiligsten und dem heiligen Vorraum bildete aber jener Vorhang, der ein kunstvolles Gewebe aus blauem und rotem Purpur, Scharlach und feiner Leinwand war (2. Mose 26,31-33). Der hat das Allerheiligste genauso vor dem Licht der Sonne wie vor den Blicken der Menschen verschlossen. Und niemand hätte gewagt, den Vorhang auch nur zu berühren. Denn dahinter war Gott unmittelbar präsent. Und wo der Heilige wohnt, kann man nicht plump hineinstolpern. Es würde dem Zudringlichen schlecht bekommen! Und so schützt der Vorhang nicht so sehr Gottes Präsenz drinnen, sondern schützt vor allem die, die besser draußen bleiben. Er bewahrt die Profanen vor der Macht des Heiligen. Und das ist nötig, weil der gerechte Gott und die sündigen Menschen sich vertragen wie Feuer und Wasser. Es empfiehlt sich nicht, Gott zu nahe zu treten! Und so darf nur der Hohepriester einmal im Jahr hinter den Vorhang. Beim Betreten des Allerheiligsten muss er mit dem Blut eines Opfertieres gerüstet sein, das er drinnen versprengt, um für die Sünden des Volkes Sühne zu leisten (3. Mose 16,1ff.). Denn einmal im Jahr, am großen Versöhnungstag, wird die gestörte Ordnung wieder hergestellt. Und nur dazu wird der Vorhang bewegt, dass der Gott drinnen und das Volk draußen miteinander ins Reine kommen. Sonst aber hüllte der Vorhang den Ort Gottes das ganze Jahr über in geheimnisvolles Dunkel. Denn das ist eine Weise, Gott als dem „ganz Anderen“ gerecht zu werden, dass man sich gerade durch das Wahren des Abstands mit ihm verbunden weiß. Zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen herrscht ein unendliches Gefälle. Und wer Distanz wahrt, bekennt damit, dass er sich vor Gott nicht ohne Weiteres sehen lassen kann. Dass der gläubige Mensch sich strikt von Gott unterscheidet, ist dann eine Weise, mit Gott im Konsens zu sein. Denn man ist mit Gott darin einig, weit von ihm entfernt zu sein, und der Vorhang gibt dieser geistlichen Wahrheit räumlich Ausdruck. Wenn wir nun aber hören, dass beim Tod Jesu eben dieser Vorhang zerriss, von oben an bis unten aus – was bedeutet das dann? Die Bestürzung der anwesenden Priester kann man sich vorstellen. Aber was ist passiert? Ist die alte Ordnung zerbrochen? Ist die Trennung nun aufgehoben? Ist das Konzept des Tempels vielleicht ganz am Ende? Die Evangelien erklären es nicht. Sie lassen das Zeichen für sich selbst sprechen. Wir aber – haben wir ein Gefühl dafür, was da zerrissen ist? Zuerst müssen wir uns klar machen, dass dieses Zerreißen als gewaltsamer Akt mit einem schmerzhaften Geräusch verbunden ist, Entsetzen auslöst und von Zerstörung kündet. Der kunstvolle Vorhang wird in diesem Moment zerstört – wie auch das Leben Jesu zerstört wird. Und das ist zunächst ein Hinweis auf den Riss, der durch Gottes Herz hindurch ging, als sein Sohn ermordet wurde. Es war das unverzeihlichste Unrecht, das jemals geschah! Und so steht der Riss erst einmal für Disharmonie und Feindschaft. Denn wenn Gottes Sohn in die Welt kam, um diese Welt für Gott zu reklamieren, und die Menschen spucken ihm derart ins Gesicht, dass sie seinen Sohn ans Kreuz schlagen – dann lehnen sie damit den Frieden ab, den Christus bringen wollte. Dann zerschlagen sie die Ordnung, die hätte werden können. Und der zerrissene Vorhang ist noch ein sehr mildes Symbol für das, was sich in diesem Moment in Gottes Herz abgespielt haben muss. Als man seinen Sohn ans Kreuz nagelte, hat man den Heiligsten dem Gespött preisgegeben, geschändet und geschlagen. Und wie es im Alten Testament ein Zeichen der Trauer und des Zorns ist, wenn einer seine Kleider zerreißt, so zerreißt Gott den Vorhang vor dem Allerheiligsten zum Zeichen dafür, dass auch hier das Allerheiligste missachtet und bloßgestellt wurde. Die Sünder vergreifen sich an Gottes Sohn – und man sieht förmlich, wie sich Gottes Fäuste ballen. Man spürt, wie die Grundfesten der Erde wackeln und die ganze Schöpfung den Atem anhält, während in Gott ein Zorn aufsteigt, der alle Vorstellung übertrifft. Es zerreißt Gott das Herz. Der Riss geht mitten durch den Vorhang. Und wenn Gott die Welt in tausend Stücke geschlagen hätte, wär’s kein Wunder gewesen. Auf den zweiten Blick hat das Geschehen aber noch eine andere Bedeutung. Denn schließlich war Jesu Tod kein Zufall, kein Irrtum – und auch nicht bloß das Ergebnis bösartiger menschlicher Pläne. Sondern zugleich war er Teil des heilvollen göttlichen Plans, in den Christus eingewilligt hatte. Sein Tod war das Opfer, das Gott brachte, um den Fluch zu brechen, der auf uns Sündern lastete. Christus stirbt, um die gestörte Ordnung zwischen Gott und Mensch wieder herzustellen. Er tut genau das, was auch der Hohepriester tat, wenn er am Versöhnungstag durch den Vorhang ging. Doch tut es Christus viel nachhaltiger, er tut es letztmalig – und mit bleibender Wirkung. Denn während er stellvertretend für uns alle den Zorn Gottes trägt und für uns den Kopf hinhält, ist er gleichzeitig der Hohepriester, der das Opfer darbringt, und das Opfer, das dargebracht wird. Nie wieder wird so ein Opfer nötig sein. Die Altäre und die Priester haben ausgedient. Das Konzept des Tempels ist erledigt. Und so zerreißt der Vorhang im Tempel nicht bloß, weil Gottes Herz verletzt wird, sondern auch, weil Versöhnung geschieht und die alte Trennung von Gott und Mensch überwunden ist. Christus geht als Hohepriester durch den Vorhang. Er durchbricht damit die Schranke, die Gott und Mensch separierte. Und dass der Vorhang dabei seine Funktion verliert, ist klar. Denn der einmal eröffnete Zugang zum Heiligen wird nie mehr geschlossen. Die Hohepriester des alten Bundes mussten ihr Opfer jährlich wiederholen und kamen doch nie an ein Ende, weil der Berg der Schuld immer größer war als das, was menschliche Opfer kompensieren konnten. Das Leiden Christi jedoch war ein Opfer von unendlichem Gewicht und brach darum den Bann nicht bloß für diesmal, sondern ein für allemal. Christi Tat hat Gott Zugang verschafft zu uns, und uns Zugang zu Gott. Und nur die bleiben ausgeschlossen, die Christus nicht kennen wollen. Vorher erreichte Gott den Menschen nicht, und der Mensch erreichte Gott nicht. Da wo der Vorhang hing, war eine Mauer des Unverständnisses und der wechselseitigen Verneinung. Doch als Christus für uns starb, trat Gott aus dem Dunkel seines Zorns heraus und zeigte sein großes Erbarmen. Er blieb nicht hinter dem Vorhang – und wir blieben nicht außen vor. Denn Christus zertrennte, was uns trennte (vgl. Hebr 6,19-20; 9,1-28; 10,19-22). Und in ihm haben nun alle Zugang zum Vater, die ihm sein Evangelium glauben. Denn Gott verschließt sich niemandem, der im Namen Christi zu ihm kommt. Christus schlug eine Brücke. Denn der im Allerheiligsten „drinnen“ war, kam als Gottessohn nach „draußen“. Und weil er „draußen“ unser Bruder wurde, haben wir jetzt Zugang nach „drinnen“. Christus ist sowohl „eins“ mit den Vater als auch „eins“ mit den Gläubigen. Er ist auf beiden Seiten des Vorhangs zuhause. Und wer sich an ihn hält, darf nun jederzeit hinzutreten, um Gott nahe zu sein. Wie gern aber hätten die Propheten des alten Bundes das miterlebt! Auch zu ihrer Zeit war das Heil der Welt schon bei Gott beschlossen. Aber welche Gestalt es haben würde, konnte auf Erden noch keiner wissen. Ein Heiland war verheißen und wurde erwartet. Aber keiner ahnte, wann und woher er kommen würde. Großer Segen war versprochen. Aber sehen konnte man nur den Fluch. Gottes Geheimnis war verborgen schon da. Aber keiner hat’s ergründet. Das Gesetz hatten wir schon lange auf dem Hals. Aber das Evangelium war wie durch einem Vorhang verdeckt. Und erst als die Zeit „erfüllt“ war (Gal 4,4; Eph 1,9-10; Röm 16,25-26; Kol 1,26-27), hat Gott den Vorhang zerrissen und hat alles Volk wissen lassen von seiner Liebe und seiner Wahrheit in Christus seinem Sohn. Die Finsternis, in die niemand sehen durfte, ist damit licht geworden. Und der Heilige Geist sprach: Nun soll‘s nie mehr finster sein! Denn Gottes Licht ist aufgedeckt, sein Geheimnis ist kundgeworden, das Evangelium ist am Tage – und nur, die ihm nicht glauben, stecken weiter in ihrer Blindheit. Den Gläubigen aber verstellt nichts mehr den Blick. Wir schauen im Allerheiligsten die Güte des himmlischen Vaters. Und wenn er uns auch immernoch über den Verstand geht, so ist er doch kein „Rätsel“ mehr, denn Gott hat sehen lassen, was sein Herz im Innersten bewegt. Respekt und Ehrfurcht werden davon nicht geringer. Aber Angst und Misstrauen sind verschwunden. Der Allmächtige hinter dem Vorhang ist unser väterlicher Freund. Und seine unendliche Überlegenheit macht uns nun nicht mehr schüchtern und verzagt, sondern gerade sie macht uns frech und mutig. Denn wenn Gott uns retten will – wer kann uns dann verderben? Der Gott des Lebens will, dass wir mit ihm leben! Nun mach‘ mal einer was dagegen! Der Allmächtige will uns helfen! Wer stellt sich ihm in den Weg? Gott verschafft uns Zugang zu seinem Reich! Wer kann uns die Tür verschließen? Gott war uns einst verborgen hinter einem dicken Vorhang – und es war besser, nicht dran zu rühren. Mächtig waren das Misstrauen, die Angst, die Schuld und der Tod! Da der Vorhang aber im Moment des größten Schmerzes zerrissen ist, und das Evangelium zu Tage trat – was soll uns da noch von Gott trennen und was soll uns schrecken? Früher war Gott eine anonyme Schicksalsmacht, und niemand wusste, was er mit uns vorhat. Auf heidnischen Altären brachte man jahrhundertelang Opfer dar in der Hoffnung, der große Unbekannte ließe sich damit bestechen, besänftigen oder milde stimmen. Doch nun brauchen wir keinen Tempel mehr, keinen Priester und kein Opfer, denn Christus ist uns Tempel, Priester und Opfer in eigener Person. Die Ehrfurcht ist noch da, aber die Angst ist weg. Der Respekt ist geblieben, das Misstrauen aber nicht. Denn der Gott hinter dem Vorhang hat in Christus sein Gesicht gezeigt und hat sein Wort gegeben. Die Hölle kriegt uns nicht zu fassen, der Auferstandene ist unser Friede – und die Gegenwart Gottes ist jetzt schon in unsrer Mitte. Wie sollte Gott uns also mit seinem Sohn nicht alles schenken, dessen wir bedürfen (Röm 8,31-39)? Würdig sind wir dessen nicht – und verdient haben wir was ganz Anderes! Wenn das aber Christus nicht hindert, uns die Hand zu reichen: Was sollen wir uns da grämen, zaudern oder zögern? In ihm ist Heiligkeit und Gerechtigkeit, Wahrheit und Leben in Fülle. Mit dem Ostermorgen sind unsre Ketten gefallen. Der Auferstandene hat unsre Seelen erbeutet. Und all das Verkehrte an uns, das einst die Rechtsgrundlage unsres Todes bildete, ist überwunden und vergangen. Wir stehen nicht mehr unter dem Fluch, sondern unter der Gnade. Und als solche, die von Christus geheiligt sind, haben wir freien Zugang zum Allerheiligsten. Keine Schranke trennt uns mehr – wir dürfen uns bei Gott sehen lassen. Denn die Schuld ist gebüßt und der Fluch gebrochen, unser Tod ist mit Christus gestorben und unsre Auferweckung nur eine Frage der Zeit. Wir sollen raus aus unsren Gräbern und hinein ins Leben! Gott und Mensch sollen in neuer Gemeinschaft zusammenfinden! Weil das aber Gottes Beschluss ist – und viel weniger eine Bitte als ein Befehl: Darum sollten wir nach dem Zerreißen jenes Vorhangs nicht lange auf uns warten lassen. Wenn Christus im Licht steht und uns in dieses Licht ruft, wird nur ein Narr im Dunklen sitzen bleiben. Darum ist es Zeit, dass wir die müden Knochen regen. Es ist Zeit, die Freiheit zu nutzen und entschlossen unsrer Auferstehung entgegen zu gehen.
evangelischer-glaube.de
DIE ONLINE - DOGMATIK
