Kain und Abel

Crocker Art Museum, Public domain, via Wikimedia Commons

„Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.“ (1. Mose 4,4-5)

 

Haben sie sich schon mal benachteiligt gefühlt? Wurden sie übergangen und zurückgesetzt? Ärgerten sie sich über mangelnde Anerkennung? Oder mussten sie erleben, wie ein anderer das Lob empfing, das sie verdient hatten? Im Beruf kommt es nicht selten vor, dass der Chef jemanden bevorzugt. Und auch unter Geschwistern machen Rivalitäten viel böses Blut. Denn schließlich gibt sich jeder Mühe und will das auch gewürdigt sehen! Wenn dann aber statt meiner der Kollege befördert wird oder meine Mutter den Bruder lieber hat als mich, dann ist das ungerecht. Solche Kränkungen machen uns wütend. Und dem, der uns in der Konkurrenz ausgestochen hat, wünschen wir alles erdenklich Schlechte. Wo das aber hinführt, zeigt die Bibel im 4. Kapitel ihres ersten Buches. Denn das Vorbild aller Benachteiligten – und sozusagen der Stammvater aller Übergangenen – ist Kain, der aus Zorn über die Bevorzugung Abels seines Bruders Blut vergoss. Wir lesen: „Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick“ (1. Mose 4,1-5). 

Man braucht nicht viel Einfühlungsvermögen, um Kains Ärger zu verstehen. Denn er opfert die Früchte seiner Arbeit genau so wie Abel das tut – und doch scheint Gott den Bruder lieber zu haben. Abel wird begünstigt, Kain zurückgesetzt! Und aus dem Zorn darüber entsteht der erste Mord. Macht es aber nicht den Anschein, als habe Gott selbst zu diesem Verbrechen den Anstoß gegeben? Könnte man nicht denken, Gott selbst habe das Unglück durch die Kränkung Kains verursacht? Hat er den älteren Bruder nicht willkürlich schlechter behandelt und damit in Rage gebracht? Wer die Geschichte auslegen will, kommt in Erklärungsnot. Denn es steht nun mal nicht da, warum Gott das Opfer Abels annimmt, während er das Opfer Kains ablehnt. Und weil kein Grund angegeben wird, ergehen sich die Ausleger in Spekulationen. Einige sagen, Kain habe vielleicht nicht die richtigen Dinge geopfert oder beim Opfern irgendeinen Formfehler begangen. Waren Kains Opfergaben also irgendwie minderwertig oder schlecht gewählt? War der Acker verflucht, von dem die Ernte kam? Oder war das Ganze ein Sühnopfer, das immer Blut erfordert, so dass Abels Lamm den Zweck erfüllte, Kains Feldfrüchte aber nicht? Manche Theologen vermuten, es habe gar nicht am Opfer selbst gelegen, sondern am Glauben des Opfernden, weil Abel eventuell frömmer war als Kain. War der ältere Bruder vielleicht schon länger neidisch auf den jüngeren, so dass Gott ein von so schlechten Gefühlen vorbelastetes Opfer nicht haben wollte? Empfand vielleicht nur Abel seine Schuld vor Gott, während es Kain an Demut und Einsicht fehlte? Oder waren bösen Hintergedanken im Spiel, durch die Kains Gabe unannehmbar wurde? Hat er’s bloß äußerlich gut gemacht, ohne es innerlich gut zu meinen? Oder hat er’s (umgekehrt) gut gemeint, aber nicht gut gemacht? Man kann sich lange den Kopf zerbrechen! Und doch bleibt alles Spekulation. Denn der biblische Text hält es nicht für nötig, uns die Sache verständlich darzulegen. Es findet sich nicht die geringste Andeutung, dass Kain etwas falsch gemacht hätte. Und doch nimmt Gott sein Opfer nicht an. Gottes Entscheidung wird weder erklärt noch begründet. Wenn die Bibel aber genau das weglässt, wonach an dieser Stelle jeder neugierig fragt – könnte dann nicht gerade im Weglassen eine Botschaft liegen? 

Die vielen Ausleger, die bei Kain unbedingt einen Fehler finden möchten, erinnern mich jedenfalls sehr an Hiobs Freunde. Denn auch die können es nicht aushalten, dass Hiobs großes Leid ganz grundlos erscheint (vgl. Hiob 4ff.). Die Theologie dieser Freunde fordert, dass, wer von Gott gestraft wird, auch etwas verbrochen haben muss! Darum unterstellen sie Hiob eine heimliche Schuld und streiten heftig mit ihm, weil er sie nicht eingesteht, sondern seine Unschuld beteuert. Sie quälen Hiob mit Vorwürfen, um dem Handeln Gottes den Anschein der Willkür zu nehmen – und damit ihr theologisches System zu retten. Was Gott betrifft, wollen sie auf alles eine Antwort wissen. Notfalls denken sie sich eine aus. Doch Hiobs Freunde kommen am Ende schlecht weg – sie werden von Gott scharf zurechtgewiesen (Hiob 42,7-9). Und darum meine ich, dass wir ihren Fehler nicht wiederholen sollten. Wenn die Bibel nicht sagt, warum Kains Opfer abgelehnt wurde, sollten wir uns auch keine Erklärungen ausdenken, um damit klüger zu erscheinen als Gottes Wort. Sondern wir akzeptieren dann besser die Freiheit Gottes, sich mit oder ohne Gründe des einen Menschen zu erbarmen und des anderen nicht (Röm 9,18). Denn diese Bereitschaft lassen nicht nur viele Ausleger vermissen. Sondern genau diese Bereitschaft fehlt auch dem Kain, der ja gar nicht in Wut geraten wäre, wenn er von Anfang an Gottes Freiheit akzeptiert hätte. Gott ist nicht verpflichtet, alle gleich zu behandeln! Er kann in seiner Wertschätzung zwischen zwei Brüdern Unterschiede machen, wie es ihm beliebt – und ist darüber niemandem Rechenschaft schuldig! Kain aber entbrennt genau darum im Zorn und wird darum zum Mörder, weil er das freie Erwählen und Verwerfen Gottes nicht hinnehmen will. Er scheint vielmehr anzunehmen, dass sein korrektes Opfer einen Anspruch auf Anerkennung begründete. Kain vergisst, dass man bei Gott nichts erkaufen oder erzwingen kann. Und weil er schlechter wegkommt als Abel, meint er, er habe anderes „verdient“ – und wird wütend. Kain ist nicht damit einverstanden, dass Gott sich über seine Erwartungen hinwegsetzt: Gott soll anders sein – oder er soll nicht mehr Gott sein! Er soll gefälligst alle gleich behandeln – oder abtreten! Und weil das böse Gedanken sind, von denen Kain weiß, dass er sie verbergen muss, senkt er seinen Blick. Er bricht mit dem Augenkontakt die Gottesbeziehung ab, die bis zu diesem Punkt offen und ehrlich war. Er beginnt Gott zu hassen. Und weil er sich mit dem Allmächtigen nicht anlegen kann, bekommt ersatzweise sein Bruder diesen Hass zu spüren. Gott aber ist nicht egal, was sich da anbahnt. Er hat Kain durchaus nicht verstoßen, sondern will, dass er in dieser Prüfung besteht. Darum warnt er ihn und spricht zu Kain: „Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie“ (1. Mose 4,6-7). Die Warnung Gottes lässt erkennen, welches Verhalten er sich von Kain gewünscht hätte. Denn Gott möchte, dass ihm seine Kinder auch in der Enttäuschung offen und aufrecht gegenübertreten. Kain dürfte wegen des abgelehnten Opfers traurig zu ihm kommen. Und auch die ratlose Frage, was denn schief gelaufen sei, würde Gott ihm nicht verübeln. Doch das „Ergrimmen“ Kains zeigt, dass zwischen ihm und Gott etwas Grundlegendes nicht stimmt. Ein Dankopfer soll man schließlich darbringen, weil es Gott gebührt, und nicht, um Anerkennung zu erheischen! Das Vertrauen eines Gläubigen darf auch nicht davon abhängen, ob sich Gott jederzeit wunschgemäß verhält! Wäre Kain sich also keiner Schuld bewusst, könnte er Gott enttäuscht, aber offen ins Gesicht schauen. Er müsste nicht „ergrimmen“, weil Gott für dieses Mal den Bruder vorzog. Vielleicht könnte er es seinem Bruder sogar gönnen! Denn wozu vergleicht er dessen „Erfolg“ mit dem eigenen? Kain soll einfach sein Opfer darbringen und Gott überlassen, was er damit machen will. Ja, wäre mit Kain alles in Ordnung, würde er Gottes Verhalten überhaupt nicht seinem menschlichen Urteil unterwerfen! Er würde den Allmächtigen nicht an den eigenen Erwartungen messen und würde nicht menschliche Begriffe von Fairness auf ihn anwenden. Angesichts des missglückten Opfers könnte er sagen: „Schade, aber Gott ist Gott. Er kann tun, was er will. Ich habe mein Opfer gegeben – und Gott hat’s nicht gefallen. Er bleibt aber trotzdem mein himmlischer Vater, und ich bleibe sein irdisches Kind. Ich muss nicht alles verstehen, was er tut. Und wenn er den Abel lieber hat als mich, so sei es eben: Gott möge tun, was er für richtig hält.“ Kain hätte die Kränkung seines religiösen Ehrgeizes wegstecken sollen, um unbeirrt im Guten fortzufahren. Aber sein Gottvertrauen ist dieser Prüfung nicht gewachsen. Er verfällt in den Fehler, den auch Luther beklagt. Im Namen ihrer Vernunft fordern Menschen, „dass Gott nach menschlichem Recht handeln und tun soll, was ihnen richtig erscheint, oder er soll aufhören Gott zu sein“. Dabei wendet sich Gott nur einmal kurz von Kain ab! Doch statt geduldig auszuhalten und auf eine neue Zuwendung Gottes zu warten, entbrennt Kain in unbändigem Zorn. Sein Vertrauen erweist sich als nicht belastbar. Die Liebe, die er zu Gott haben sollte, verkehrt sich in Hass. Und weil er seinem Schöpfer nicht beikommt, rächt er sich an Abel. Wofür aber rächt er sich? Doch eigentlich dafür, dass seine Rechnung mit Gott nicht aufging! Sein Opfer verschaffte ihm keine Anerkennung. Er wurde für das Gute nicht gelobt. Der religiöse Ritus lohnte sich nicht so, wie er’s erwartet hatte. Aber ist solches Kalkül im Glauben denn erlaubt? Oder wird eine richtige Tat etwa dadurch falsch, dass sie keine Würdigung erfährt? Hätten wir Grund zu der Annahme, dass unsere Gottesdienste Gott nicht gefallen, müssten wir sie überdenken. Wir hätten deswegen aber keinen Grund, unsere Gottesdienste einzustellen oder, weil sie Gott missfallen, auf ihn zornig zu sein. Nein! An der religiösen Praxis ist festzuhalten, weil sie von Gott geboten ist und dem Menschen gut tut. Fällt aber Gottes Reaktion anders aus als erwartet, haben wir den Fehler nicht bei ihm, sondern bei uns zu suchen. Wir sollen unser Bestes geben und Gott überlassen, was er daraus machen will. Wird uns dann aber jemand vorgezogen und höher gestellt – was soll’s? Die Aufgabe des Menschen ist nicht „hoch“ zu stehen, sondern im Willen Gottes zu bleiben! Wenn wir nichts verbergen müssen, sondern unseren Blick offen zu Gott erheben, sind wir mit ihm im Reinen. Und im selben Moment können wir uns auch glücklich schätzen. Denn hätte Kain so gedacht und gehandelt, wäre er bei aller Enttäuschung doch unbeirrt auf dem rechten Weg geblieben. Indem er sich aber empört und meint, ihm geschähe Unrecht, erhebt er sich gegen Gott, urteilt über ihn und zerstört damit die Beziehung. Er kann seinem Schöpfer nicht in die Augen schauen, verliert im selben Moment den moralischen Kompass und lässt seine Wut am Bruder aus, der für all das nichts kann. Was bedeutet dies aber für uns Christen der Gegenwart? Wir opfern weder Lämmer noch Ernteerträge. Aber auch wir haben ein religiöses Geltungsbedürfnis – und sollten es im Blick behalten. Denn wie bei Kindern ist es ganz natürlich, dass wir uns nach der Anerkennung des himmlischen Vaters sehnen. Wir bemühen uns um ein christliches Leben, feiern Gottesdienste und beten um mancherlei geistliche und irdische Gaben. Manchmal empfangen wir sie, manchmal auch nicht. Mal scheint es, als wären wir Abel, dessen Opfer gnädig angenommen wird. Und dann fühlen wir uns wieder in der Rolle Kains, weil es aussieht, als ob Gott uns ignorierte. Manchmal zeigte er uns die kalte Schulter. Und wenn unser Bemühen, ihm nahe zu sein, dann nicht erfolgreich ist, kann Neid aufkommen. Doch wenn darüber unser Herz so eifersüchtig „ergrimmt“ wie das von Kain, dann lauert die Sünde vor unserer Tür. Und wir dürfen ihr nicht auf den Leim gehen. Denn was gut und geboten ist, sollen wir unbeirrt tun, ob es nun bemerkt und gewürdigt wird oder nicht. Will Gott aber einem Bruder näher stehen oder ihn höher begnaden als uns, so mag er tun, was ihm gefällt! Denn wenn wir mit Gott im Reinen sind – was geht’s uns dann an, was er mit den anderen tut? Werden wir etwa gerichtet nach den Werken der anderen oder gefragt nach dem Glauben der anderen? Muss ich mich mit den Geschwistern vergleichen? Das hat noch nie zu etwas Gutem geführt. Und es ist auch gar nicht nötig. Denn das Maß von Anerkennung, von dem Gott befindet, dass es uns gut tut – genau das werden wir bekommen. Und etwas anderes sollten wir uns nicht mal wünschen. Denn jeder Christ hat sein eigenes Kreuz und seine eigene Auferstehung, hat seine spezielle Last und seinen speziellen Trost. Die Schicksale lassen sich nicht vergleichen, weil Gott mit jeder Seele einen ganz eigenen Weg geht. Sollten sie sich also benachteiligt und zurückgesetzt fühlen, dann denken sie an Kain. Zürnen, hadern und neiden sie nicht! Vertrauen sie aber ganz gelassen dem, der weiß was er tut. Denn er hat auch dort Gründe, wo wir sie nicht verstehen. Die Anmaßenden fordern, Gott solle tun, was ihnen richtig erscheint – oder er soll aufhören Gott zu sein. Doch sie wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben. Und darum sei es fern von uns, dass wir in ihr Lied einstimmen.