Amnon und Tamar

Amnon und Tamar

Amnon and Tamar by an unknown artist, High Museum of Art, Public domain, via Wikimedia Commons

Wenn Böses geschieht, tun wir gern so, als sei‘s auf unerklärliche Weise vom Himmel gefallen. Denn wir halten uns ja tendenziell für gute Menschen. Wir starren mit Befremden auf das Böse, als wär‘s ein spontaner schlechter Einfall – oder ein Unfall. Und natürlich bekunden wir unser Unverständnis für den Täter. Der aber sagt in der Regel, er habe das Böse gar nicht gewollt, es sei alles nur eine Verkettung unglücklicher Umstände. Und natürlich kennt er auch gleich viele andere, die Mitschuld tragen. Die ihrerseits weisen jede Beteiligung von sich. Einer zeigt mit dem Finger auf den anderen. Das Böse aber, das passiert ist, obwohl es angeblich keiner wollte, liegt trotzdem offen zu Tage, ist hässlich – und verrät auf peinliche Weise, dass mit unserer Selbstwahrnehmung (dass wir’s doch immer gut meinen) etwas nicht stimmen kann. Wie komme ich aber drauf? Nun, weil ich über eine biblische Geschichte gestolpert bin, die einiges über Schuldverstrickung besagt – und die trotzdem kaum jemand kennt (2. Sam 13). Diese Geschicht berichtet von Amnon, Tamar und Absalom, die alle Kinder von König David sind – aber nicht alle von derselben Mutter. Und das ganze Elend beginnt mit etwas, das man schlecht bedauern kann, nämlich damit, dass sich das Mädchen Tamar durch Schönheit und Liebreiz vor anderen auszeichnet. Schönheit ist natürlich kein Verbrechen und Anmut keine Schande. Aber hier wird beides zum Problem. Denn Amnon findet etwas zu viel Gefallen an seiner Halbschwester. Sie geht ihm gar nicht mehr aus dem Sinn. Und wie das bei liebestollen Jünglingen vorkommt, ist er fast krank vor Sehnsucht. Sein Verlangen bringt ihn um den Verstand. Er weiß aber auch nicht, wie er‘s stillen könnte. Und da er vor lauter Unglück nicht mehr essen kann, magert er sichtlich ab. Als das seinem Freund Jonadab auffällt, gesteht er ihm seine Liebe zu Tamar. Und Jonadab will Amnon helfen. Er ist aber nicht mit großem Verstand gesegnet. Denn er gibt dem Verliebten bloß einen Tipp, wie er dem Objekt seiner Begierde unauffällig näher kommen kann. Amnon soll vorgeben, er sei krank und müsse das Bett hüten. Und wenn sich sein Vater, König David, nach ihm erkundigt, soll er sagen, er bräuchte als Krankenschwester und Pflegerin unbedingt Tamar, damit sie ihm Schonkost zubereitet, sie ihm ans Bett bringt und ihn füttert – denn er selbst sei ja so ungeheuer schwach und krank. König David durchschaut den Simulanten nicht. Er hat auch keine Bedenken, ihm den Wunsch zu erfüllen. Und so wird Amnon seine Halbschwester als Helferin zugewiesen. Das Mädchen ahnt nichts und backt fleißig Kuchen. Sie bringt Amnon die Krankenspeise in seine Kammer hinein. Als sie dort aber allein sind, ist der Kranke plötzlich gar nicht mehr so krank, sondern ergreift Tamar und zwingt sie in sein Bett. Sie ruft: „Nicht doch, mein Bruder, schände mich nicht; denn so tut man nicht in Israel“ (2. Sam 13,12). Sie weiß, dass eine Vergewaltigung für beide Seiten schlimme Folgen hat. Doch Amnon überwältigt sie. Er stillt seine Begierde. Und was fast noch schlimmer ist: Er empfindet hinterher weder Reue noch sucht er Wege, den Schaden zu mindern, er erschrickt nicht darüber, was er Tamar angetan hat, und überlegt auch nicht, ob er sie nun vielleicht heiraten sollte. Sondern, nachdem er hat, was er will, wird er des Mädchens mit einem Schlag überdrüssig, so dass sein Widerwille nun größer ist als vorher seine Liebe. Und ohne über Tamars weiteres Schicksal nachzudenken, stößt er sie von sich und wirft sie hinaus. Er hat sie keineswegs geliebt – er hat sie nur benutzt. Jetzt ist sie ihm lästig. Und Tamar geht laut weinend mit allen Zeichen der Verzweiflung davon. Nun bleibt so ein Vorfall nie ganz verborgen. Aber denkt jemand, es folgte ein Prozess, ein öffentlicher Skandal oder eine Bestrafung des Täters? Nein. Vielmehr hält die Königsfamilie die Sache unter dem Deckel. Tamars Bruder Absalom hat zwar alles mitbekommen und nimmt Tamar bei sich auf. Er gebietet ihr aber, den Mund zu halten. Und selbst König David, der zunächst sehr zornig ist, will doch seinen erstgeborenen Sohn nicht zu Rechenschaft ziehen. Denn das wäre ja eine große Schande für den möglichen Thronfolger – und ein Makel für die ganze Familie. So passiert erst einmal gar nichts. Nach zwei Jahren aber veranstaltet Absalom in Baal-Hazor ein Fest anlässlich der Schafschur. Zusammen mit den anderen Königssöhnen lädt er auch Amnon dorthin ein. Und dann zeigt sich, dass Absalom die Schändung seiner Schwester weder vergessen noch verziehen hat. Denn er befiehlt seinen Leuten, beim Festmahl zu warten, bis Amnon angetrunken ist – und ihn dann auf Absaloms Kommando hin zu töten. Genau so geschieht es auch. Die übrigen Söhne Davids geraten in Panik und fliehen davon. Als der König davon hört, denkt er schon, Absalom habe alle seine Brüder ermordet. Doch Jonadab, der schlechte Ratgeber von damals, hat die rechte Ahnung, dass es wohl nur den Amnon getroffen hat. Absalom aber, der so lange darauf gewartet hat, seine Schwester rächen zu können, muss nun fliehen, damit ihn der König nicht in die Finger bekommt. Im Ergebnis weint David um seinen Sohn. Der Vergewaltiger Amnon ist tot. Absalom befindet sich auf der Flucht. Und Tamar hat mit alledem nicht viel gewonnen. Wer aber ist schuld? Etwa einer allein? Natürlich hätte Amnon seine Gelüste zügeln müssen – das steht außer Diskussion! Aber ohne den schlechten Rat des Jonadab wäre er ja gar nicht auf die Idee gekommen, sich krank zu stellen und Tamars Hilfe anzufordern. Wegen diesem dummen Einfall trifft den Jonadab zweifellos eine Mitschuld. Aber, nachdem die Sache passiert war – wäre es da nicht die Pflicht des Königs gewesen, Tamar Recht zu schaffen? Hat nicht König David aus familiärer Rücksicht das Recht gebeugt und die Sache vertuscht? Und wenn der König seinen Erstgeborenen ganz offiziell zur Rechenschaft gezogen hätte – wär’s dann zwei Jahre später überhaupt zum Brudermord gekommen? Absalom muss mit ansehen, wie sein Vater versagt (und mit ihm die staatliche Justiz). Nur, weil ihn das so erbittert, fühlt er sich genötigt, auf eigene Faust für Gerechtigkeit zu sorgen. Er übt Rache für seine Schwester und wird zum Mörder. Doch genau genommen gibt er nur den Auftrag, den dann Männer aus seinem Gefolge ausführen. Auch die sind folglich beteiligt und mit schuldig. Aber hatten sie eine Wahl? Und – wär‘s dahin gekommen, wenn König David pflichtgemäß gehandelt hätte? Unschuldig war allein Tamar. Denn Schönheit kann man niemandem vorwerfen. Von den beteiligten Männern aber kann immer einer mit dem Finger auf den anderen zeigen. Der eine gab schlechten Rat, der andere führte ihn aus, der dritte hat’s vertuscht – und der vierte mit neuem Blutvergießen nicht besser gemacht. So steht das Böse hässlich im Raum. Doch keiner meint, es sei seine Idee gewesen. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Aber jeder fühlt sich als Opfer der Umstände. Für jeden bösen Effekt findet sich mehr als eine Ursache. Damit ist die Verantwortung diffus verteilt. Und den Beteiligten ist das auch ganz recht. Denn so wirkt es, als sei es letztlich „höhere Gewalt“ – und keiner sei aus Willkür schuldig geworden. Meinte nicht Amnon in seiner jugendlichen Verblendung, er sei wirklich unsterblich in Tamar verliebt? Und wollte ihm nicht Jonadab bloß einen Tipp geben, wie er mit der Angebeteten in näheren Umgang käme? War nicht David bemüht, den Schaden zu begrenzen, der seiner Familie drohte? Und dachte nicht Absalom, auf seine Weise für Gerechtigkeit zu sorgen – durch treue Männer, die ihm zur Loyalität verpflichtet waren? Eigentlich will der Mensch doch gar nichts Böses tun! Doch das Gute, nach dem er strebt, hat unschöne Nebeneffekte, die er in Kauf nimmt. Und für diese Kollateralschäden sucht er hübschere Namen als ausgerechnet „das Böse“. Das Böse passiert dann aber doch so regelmäßig durch des Menschen Hand, dass ein schlimmer Verdacht aufkommt. Denn es fällt eben nicht vom Himmel und pflanzt sich auch nicht bloß durch skrupellose Einzelne fort, sondern durch die Interaktion all der braven Leute, die gar nicht besonders „böse“, sondern bloß „normal“ sind. Das Böse scheint schicksalhaft, unvermeidlich und tragisch, ohne dass es darum entschuldbar wäre. Angeblich hat’s auch nie einer gewollt. Nie hat einer danach gerufen. Und doch ist das Böse noch stets gekommen – wie ein lästiger Geruch, wie ein hartnäckiger Gestank, der dem Menschen anhängt, wohin er auch geht. Ja, seltsam – wo wir sind, ist immer auch das Böse. Woran könnte das liegen? Ist es nicht auffällig, dass wir es erleiden und zugleich verbreiten, wie wenn eine ganze Familie dieselben Läuse hat? Ja, wenn Menschen eines Tages den Mars besiedeln, wird es im selben Moment auch dort angekommen sein! So weit können wir gar nicht laufen – das Böse ist immer dabei, es ist immer schon da. Wir entfliehen unsrem Schatten nicht! Und die Bibel hält uns einen Spiegel vor, der das deutlich zeigt. Aber schauen wir auch hinein? Oder wollen wir weiterhin glauben, wir wären doch stets „guten Willens“? Oh, wir rufen nach bessrer Erziehung, nach Gesetzen, nach Moral und Kontrolle, nach Schule und Staat. Jemandes Fehler muss es ja sein! Doch in Wahrheit sind wir Menschen nicht die Lösung – wir sind selbst das Problem. Und weil Tamars Geschichte zeigt, dass wir in den letzten 3000 Jahren kein bisschen anders und nicht besser geworden sind, bin ich die Naivitäten leid. Als Christ glaube ich nicht an das Gute im Menschen, sondern an das Gute in Gott. Und ich muss bekennen, dass Amnon genauso mein Bruder ist wie Absalom, wie Kain und Abel, Judas, Pilatus und all die anderen. Wenn wir uns eingeständen, dass wir alle von derselben Sorte sind (zu jeder Bosheit fähig und zu allem Übel geneigt), wäre schon etwas gewonnen. Aber das wird sich nicht durchsetzen, und keiner will’s hören. Denn wir wollen gut schlafen. Und „böse“ sind darum immer die anderen.