Vanitas

Hendrick Andriessen, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Eine Reproduktion dieses Bildes hing lange in meinem Arbeitszimmer neben der Tür. Und jeder, der hinausging, musste es sehen. Doch hat mich nie ein Besucher darauf angesprochen. Anfangs wunderte mich das. Heute erkläre ich es mir aber so, dass das Motiv für die meisten doch zu irritierend war. Denn – warum hängt sich jemand das Bild eines Totenschädels ins Zimmer? Und wozu malt man so etwas überhaupt? Nun, gemalt hat es Hendrik Andrieszen, ein Künstler der Barockzeit, im Jahre 1635. Und für seine Zeit war es kein ungewöhnliches Motiv. Denn Stillleben dieser Art – mit dem Thema der „Vanitas“, der Eitelkeit, Vergänglichkeit und Vergeblichkeit unseres kurzen Menschenlebens – waren damals verbreitet. Die Menschen des Barocks fühlten sich durch Darstellungen des Todes nicht belästigt oder peinlich berührt, sondern empfanden sie als heilsame Erinnerung, doch im eigenen Interesse nicht auf den vergänglichen und trügerischen Glanz dieser Welt hereinzufallen. Damit das Trügerische daran aber jedem vor Augen stehe – genau dazu versammelt unser Bild auf dem verlassenen Schreibtisch eines Verstorbenen all die Habseligkeiten, mit denen er nun nichts mehr anfangen kann. Er selbst thront in der Mitte in Form des Totenschädels. Denn diesen Schädel – einst das Gehäuse seiner ach so klugen Gedanken – braucht er nicht mehr. Seinen Leib und seine Knochen musste er auf der letzten Reise zurücklassen. Und die Nase, die er vielleicht hoch trug, die Zunge, die schön singen konnte, und die Augen, die einst die Mädchen betörten: wo ist das alles geblieben? Der Schädel liegt auf einem Buch, das ein Symbol sein mag für die Bildung des Verstorbenen. Aber der Tod holt bekanntlich die Klugen genauso gern wie die Dummen. Und die Königskrone und das Zepter stehen für eine weltliche Macht, die gegen den Tod wenig vermag. Hinter der Krone scheint eine „Mitra“ quer zu liegen – die Kopfbedeckung eines Bischofs. Aber ob unser Mann nun ein König war oder ein hoher Geistlicher: es wird dem Tod egal gewesen sein. Denn so oder so ist dies Leben erloschen wie die abgebrannte Kerze, von der nicht mal ein Stummel zeugt. Auch der leere Kerzenhalter zwischen Schädel und Krone erinnert an das ausgebrannte Lebenslicht. Ja, mag unser Mann zu Lebzeiten eine „große Leuchte“ gewesen sein – es fragt nun keiner mehr danach. Vielleicht war er ein tapferer Reitersmann und Offizier: vorne rechts hängt ein Orden über die Tischkante. Aber wenn, dann hat der Mut des Soldaten jedenfalls den Tod nicht eingeschüchtert. Der Schädel trägt auch einen Siegeskranz aus Stroh – und links auf der Urkunde liegt ein Lorbeerkranz. Haben wir es möglicherweise mit einem Künstler zu tun oder einem großen Sportler? Nun – schneller gelaufen als der Tod ist er jedenfalls nicht. Das Papier unter dem Kranz scheint eine Urkunde zu sein. Vielleicht war unser Verstorbener ein Inhaber verbriefter Rechte. Mag sein, dass ihm in dieser Urkunde große Besitztümer zugesprochen werden. Doch welche Rechte könnte man vor dem Tod einklagen und welchen Besitz für sein Leben verpfänden? Auch die Taschenuhr des hohen Herrn ist noch da. Sie liegt am roten Bande vorne links auf dem Tisch. Am selben Band ist auch das goldene Schlüsselchen zu sehen, mit dem man die Uhr aufzieht. Allein – dem Besitzer fehlen inzwischen die Finger zum Aufziehen. Und selbst wenn er sie hätte, wäre ja doch keine Lebenszeit übrig, die er mit seiner Taschenuhr messen könnte. Vielleicht waren die Tage seines Lebens schön und lustig wie die leichten Seifenblasen, die da über dem Tisch schweben. Doch sind die Tage ebenso plötzlich und spurlos verschwunden, wie es die Seifenblasen auch bald tun. Vielleicht war unser Mann stark wie ein Baum! Er stellte ja etwas dar, war vielleicht diszipliniert und ausdauernd. Doch der Maler symbolisiert ihn durch die Primeln im Topf, die innerhalb kürzester Zeit verwelken und verdorren. „Was kostet die Welt!“ hat unser Mann vielleicht gedacht: „Sie soll mir gehören!“ Die Welt aber –dargestellt durch den Globus im Hintergrund – nimmt von seinem Ende nicht mal Notiz, sondern dreht sich ungerührt weiter und wendet ihm die geographische Rückseite zu. Von all der Mühe, die unser Mann sich lebend gemacht hat: was ist davon geblieben? Wieviel mag es ihn gekostet haben, jene Krone dort zu erringen, oder den Siegeskranz weiter links? Wie lange hat er sich krummgelegt für die Besitzrechte in jenem Dokument? Wieviele Feinde musste er töten, um sich den Reiterorden zu verdienen? Und wieviele Stunden hat er gegrübelt, um jenes dicke Buch zu verstehen? Wahrscheinlich hat er gedacht, Wunder was er mit seinen Einsichten noch erreichen werde! Doch nun ist seine Uhr einfach stehengeblieben. Die Kerze ist abgebrannt. Sein Licht leuchtet nicht mehr. Und im Schädel kreisen keine Gedanken. Die Seifenblasen platzen bald. Die Blumen sind morgen verdorrt. Und keiner schert sich drum. Der Maler aber, dessen Gesicht der Kerzenhalter ganz klein widerspiegelt, der fragt, ob es das wohl wert war. Sind‘s Ruhm und Ehre dieser Welt wirklich wert, dass wir unser Herz daran hängen? Oder sollten wir nach etwas Besserem streben? Unser Mann hat für den ganzen Plunder viel Schweiß vergossen, hat’s teuer bezahlt und muss nun all seine Ehrenzeichen zurücklassen. Welche Ehre aber hat er gewonnen – bei Gott? Und wenn wir sein Schicksal bedenken: muss uns das nicht bewegen, die Akzente im eigenen Leben anders zu setzen? Angelus Silesius dichtet: „Mensch, werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.“ Und in der Tat ist genau das die Absicht des Bildes – uns auf das Wesentliche zurückzuwerfen und nach dem Wesentlichen zu fragen. Denn Vanitas-Motive wollen durchaus nicht Trübsal blasen. Sie wollen nicht Melancholie verbreiten oder Jammerstimmung, sondern wollen der Betrachter wachrütteln und ihn warnen, damit er sein kurzes Leben nicht in Dinge investiert, die es nicht wert sind. „Willst du wirklich darauf setzen?“, fragt uns darum das Bild, „Auf Erdenglanz und Ehre, auf Macht und Bildung – und den ganzen Jahrmarkt der Eitelkeiten? Soll’s das sein, was du anhäufst und zusammenraffst, nur damit es deine Erben wieder verlieren und vergeuden? Sind das deines Lebens wacklige Fundamente? Und willst du dich im Sterben dessen trösten, dass du anderen Menschen in diesem oder jenem überlegen warst? 

Wenn man das aber nicht gut bejahen kann, gibt es nur die Alternative, die der Heidelberger Katechismus beschreibt. Er fragt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Und die Antwort lautet: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.“ Dies ist sicher die beste Antwort, die ein Mensch geben kann. Denn sie lenkt den Blick weg von unserem eigenen Mühen, Streben und Tun – hin zu Jesu Tun am Kreuz, das für unser Leben ein viel besseres Fundament abgibt. Wir Menschen richten auch mit viel Schweiß nicht mehr aus als dieses Gemälde zeigt. Wir haschen nach ein wenig Glück und sammeln Titel, Rechte und Würden, die sofort ihren Wert verlieren, wenn wir die Augen schließen. Was aber Christus tat am Kreuz, als er unseren Fluch und unseren Tod überwand – das ist ein rechter Trost, der fürs Sterben ebenso taugt wie fürs Leben, weil er unvergänglich ist. Wo ich selbst keine Rechte mehr habe, hat zum Glück mein Erlöser noch ein Recht auf mich. Und das lässt er sich auch vom Tod nicht streitig machen, weil er ja teuer genug für mich bezahlte mit seinem eigenen Blut. Nichts, was ich besitze, kann mich trösten. Aber dass Jesus mich besitzt, das darf mich fröhlich machen. Der ganze Plunder, der mein ist, bedeutet am Ende nichts. Aber dass ich Christi Eigentum und sein bin, das gibt Zuversicht. Und wenn wir uns dessen von Herzen freuen – und dabei sogar die Scheu vor dem Tod verlieren –, so hat Christus nicht vergeblich um uns gerungen.