Die wittembergisch Nachtigall

Hans Sachs (1494–1576), Public domain, via Wikimedia Commons

 

Es ist ein rätselhaftes Bild. Man sieht zwar gleich, dass es ein alter Holzschnitt ist. Und man erkennt die zahlreichen Tiere. Aber – was für eine Szene ist dargestellt? Löwe und Esel stehen unter einem Baum. Auch Schafe und Ziegen, Frösche und Schlangen sehen wir, Wildschweine, Rehe und Wölfe. Man könnte denken, es handle sich um die Illustration einer Fabel. Doch geht es um den evangelischen Glauben. Und das begreift man erst im historischen Zusammenhang. Denn dieser Holzschnitt ziert das Titelblatt einer Schrift, in der sich Hans Sachs zur Reformation bekennt. Hans Sachs ist ein Zeitgenosse Martin Luthers. Und als Titel steht über seinem Bild: „Die wittembergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall“. Der Mittelpunkt des Bildes ist demnach die Nachtigall, die oben im Baum sitzt. Und weil es eine „wittembergisch“ Nachtigall sein soll, muss man nicht lange raten, wen der Vogel verkörpert. Martin Luther ist die Nachtigall von Wittenberg. Und das schöne Lied, das er singt, ist die freie Predigt des Evangeliums nach evangelischem Verständnis. Ein neues Lied war das für die Zeitgenossen. Es ließ sie aufhorchen. Nur – wer mag der missvergnügte Löwe sein, der unter dem Baum die Zähne fletscht? Es ist kein anderer als der Papst. Denn der Papst, der zu dieser Zeit die katholische Christenheit regierte, hieß Leo der Zehnte – und Leo heißt „Löwe“. Stark ist dieser päpstliche Löwe, gefährlich und schlecht gelaunt. Er ist der König der Tiere, der alle beherrschen will – wie eben damals die römische Kirche über den Glauben der Christen herrschen wollte. Aber so viel der Löwe auch knurrt: er kann doch die wittembergische Nachtigall nicht zum Schweigen bringen. Mag er brüllen und drohend die Zähne fletschen – die Predigt des Evangeliums klingt trotzdem übers Land. Denn die evangelische Nachtigall dort oben lässt sich den Mund nicht verbieten. Und der Löwe kann ihren Gesang weder aufhalten noch unterbinden. Zu gern würde er die Töne zurückholen – oder den Tieren die Ohren verstopfen. Zu gern würde er die Nachtigall fressen, die seine Herrschaft in Frage stellt. Aber der Löwe kann nun mal nicht fliegen. Und im Grunde ist es auch schon zu spät. Denn die Tiere lauschen aufmerksam dem ungewohnten Gesang. Sie spitzen die Ohren. Und sie hören das schöne Lied von der Gnade Gottes und von der evangelischen Freiheit. Sie hören endlich wieder das volle Evangelium, das der Löwe ihnen so lange vorenthielt. Und bei einigen hat der Ruf der Nachtigall auch schon seine Wirkung getan. Denn der Vogel ruft die Tiere weg von irdischer Macht und Herrschaft – ruft sie aber hin zu Jesus Christus, dem Lamm Gottes, das wir links im Hintergrund erkennen. Die Nachtigall singt also nicht etwa, um bewundert zu werden – o nein! Die evangelische Predigt ist allein Hinweis und Wegweisung zum Lamm Gottes, das dahinten auf dem Hügel steht und am Kreuzstab die Siegesfahne über der Schulter trägt. Die Nachtigall ruft zum Glauben. Dort bei Christus sollen sich die Tiere sammeln und um Christus sollen sie sich scharen. Denn bei ihm haben sie es besser. Das Lamm Gottes herrscht nicht mit Macht und Gewalt, wie der päpstliche Löwe. Christus unterwirft seine Herde nicht unbarmherzigen Satzungen, sondern ist barmherzig und freundlich. Und die ihm folgen, befreit er vom Fluch des Gesetzes. Christus ist für die Sünder gestorben und ist auferstanden, um sie von allen tyrannischen Mächten zu befreien. Christus allein ist der gute Hirte unserer Seelen. Er ist der einzig legitime Herr der Kirche. Und eben das ist es, was die lutherische Nachtigall hinausposaunt: Niemand hat die Christenheit zu regieren, als das Lamm allein! Und mag der Löwe noch so zornig brüllen, bringt er die Predigt dieses Evangeliums doch nicht mehr zum Schweigen. Mit all seiner Macht kann der Fürst dieser Welt doch nicht verhindern, dass die Nachtigall ihre frohe Botschaft verkündet. Denn der schwache Vogel dort ist in Wahrheit ein Instrument des Heiligen Geistes. Und dessen Werk kann keine Macht hindern. Das einmal freigesetzte Evangelium fängt keiner mehr ein. Denn die Prediger – zu Wittenberg und anderswo – halten einfach nicht den Mund. Von Gottes Geist getrieben können und dürfen sie nicht schweigen. Ihre gute Nachricht klingt in die Welt hinaus, während die Tiere verwundert lauschen. Wo aber das Gehörte in ihre Herzen dringt, da weckt der Heilige Geist neue Freude an Gottes Wort, da kehren sie dem Löwen den Rücken zu und scharen sich um Jesus Christus. 

Nun, ich gebe zu, dass dies ein altes Bild ist. Hans Sachs hat es vor 500 Jahren gefertigt. Und der Papst ist heute nicht mehr unser größtes Problem. Andere Mächte haben sich der Menschen bemächtigt, neue Gesetze bestimmen ihr Denken und knechten ihr Gewissen. Doch ganz gleich wie der Löwe gerade heißt – die Grundaufgabe der evangelischen Predigt ist dieselbe geblieben. Es gibt allezeit solche Löwen, die die Aufmerksamkeit von Gottes Wort weglenken wollen und sich Deutungshoheit über das Leben der Christen anmaßen. Immer aufs Neue versucht jemand, uns die Herzen zu regieren, unsere Gewissen zu binden und unser Dasein verbindlich zu interpretieren. Doch der Anspruch Jesu Christi steht nach wie vor dagegen. Und auch die wittembergisch Nachtigall war nicht der letzte Vogel dieser Art. Seit die Apostel am Pfingsttag auf die Straßen Jerusalems hinaustraten und begannen, das Lied von Christus zu singen, ist es nicht mehr verstummt. Und wenn’s auch zwischendurch allzu leise klang, wurde die Melodie doch von Generation zu Generation weitergegeben – und bis auf den heutigen Tag nicht vergessen. Sie wird auch nicht verstummen bis ans Ende der Zeit, weil die Christenheit ohne Evangelium gar nicht sein kann. Was folgt daraus aber im Blick auf unsere evangelischen Prediger? 

1. Folgerung: Es kommt nicht auf den konkreten Vogel an, der da singt, sondern nur darauf, dass das Lied weiter hörbar bleibt. Nicht auf den Prediger kommt es an, sondern auf die Kontinuität der Botschaft. Denn wo die gewährleistet ist, spielt’s keine Rolle, welcher Vogel gerade auf dem Baum sitzt. 2. Folgerung: Wie man von den Vögeln im Walde nicht erwartet, dass sie alle gleich sein müssten, so soll man es auch von den Pfarrern nicht erwarten. Manchmal hört man auf der Kanzel einen Spatz tschilpen, einen Raben krächzen oder eine Taube gurren. Doch sind diese Unterschiede nicht wichtig. Denn man darf die pastoralen Vögel nicht am Glanz ihres Gefieders messen oder an der künstlerischen Qualität ihres Gesangs, sondern nur daran, ob sie der evangelischen Melodie treu bleiben. Das allerdings ist unverzichtbar. Denn wenn die Nachtigall ihr Lied vergisst, ist sie wert, von der Katze gefressen zu werden. Und wenn so ein Vogel anfängt, mit den Löwen dieser Welt Freundschaft zu schließen, soll man mit Steinen nach ihm werfen. Aber – das ist die 3. Folgerung: Solang einer auf seiner Kanzel treu das Lied von Christus singt, soll ihn die Gemeinde ehren und unterstützen. Denn die Vögel, die noch ehrlichen Herzens zu singen verstehen, sind selten geworden. Und man soll sie nicht mit bösem Geknurre verscheuchen. Denn sonst wird es stille im Wald. Und das wäre schlimm für all die Tiere, die sich dann im Dickicht verlaufen und den Weg zum Lamm nicht finden.