Fremdes Feuer
The Two Priests Are Destroyed (3. Mose 10,1-2), James Tissot, Public domain, via Wikimedia Commons
Ich möchte sie heute mit biblischen Gestalten bekannt machen, die fast niemand kennt. Vermutlich wurden sie vergessen, weil ihre Geschichte nicht rühmlich endet. Doch wie dem auch sei – ich will von vorn beginnen und berichten, wie zwei Neffen des Mose zu Tode kamen. Mose hat einen Bruder namens Aaron. Und als Mose den Auftrag bekommt, Israel aus Ägypten herauszuführen, wird ihm Aaron als Helfer zur Seite gestellt (2. Mose 4,14-16). Aaron tritt zusammen mit Mose vor den Pharao, er ist der zweite Mann in Israels Führungsteam (2. Mose 7,1-13). Und er hat vier Söhne, die Nadab, Abihu, Eleasar und Itamar heißen. Gemeinsam spielen sie eine besondere Rolle, weil Aaron und seinen Söhnen das Priestertum in Israel übertragen wird (2. Mose 28,1). Die Familie soll verantwortlich sein für die Gottesdienste und die Opfer, die auf der Wüstenwanderung regelmäßig dargebracht werden. Sie sind also die Spezialisten für’s Rituelle und Kultische. Und dementsprechend wird Aaron, Nadab und Abihu die Ehre zu Teil, dass sie beim Bundesschluss am Sinai mit Mose und siebzig Ältesten Israels ein Stück weit auf den heiligen Berg hinauf gehen dürfen (2. Mose 24,1). Danach wird Aaron und seinen Söhnen das geistliche Amt anvertraut. Sie sollen Priester sein. Und die Bibel berichtet, dass ihre feierliche Priesterweihe volle sieben Tage in Anspruch nimmt. Denn Aaron und seine Söhne werden nicht nur gesalbt und unterwiesen, sondern auch in ihre priesterliche Gewänder eingekleidet und mit vielen heiligen Zeichen versehen (3. Mose 8-9). Erst am achten Tag erscheint die Herrlichkeit des Herrn über dem Opferaltar, und ein Feuer geht aus vom Herrn, das alle Brandopfer auf dem Altar vollständig verzehrt – das ist ein Zeichen göttlichen Wohlgefallens! Die Gaben Israels werden gnädig angenommen, die Initiation der jungen Priester ist geglückt – und sie stehen strahlend da, wie frischgebackene Pfarrer nach der Ordination. Zum Abschluss der Zeremonie sollen sie aber selbst tätig werden und ihre neue Kompetenz unter Beweis stellen, indem sie ein Räucheropfer darbringen. Und da passiert es, dass Nadab und Abihu ein grober Kunstfehler unterläuft. Wir lesen: „Aarons Söhne Nadab und Abihu nahmen ein jeder seine Pfanne und taten Feuer hinein und legten Räucherwerk darauf und brachten so ein fremdes Feuer vor den Herrn, das er ihnen nicht geboten hatte. Da fuhr ein Feuer aus von dem Herrn und verzehrte sie, dass sie starben vor dem Herrn“ (3. Mose 10,1-2). Plötzlich liegen vor dem Altar zwei verkohlte Leichen. Worin aber bestand ihr Fehler? Ganz einfach: Nadab und Abihu hätten das Feuer verwenden müssen, das auf dem Altar Gottes schon brannte, nämlich Gottes eigenes Feuer, das von Gott ausgegangen war (2. Mose 30,9). Sie dagegen nahmen irgendeine Flamme, die sie selbst entzündet hatten – oder vielleicht auch einen brennenden Scheit vom Küchenfeuer, auf dem sie ihre Suppe kochten! Und dieser Fehler war offenbar unverzeihlich. Denn das Feuer Gottes erfasst augenblicklich die beiden jungen Priester und tötet sie. Ihre Amtseinführung ist damit gründlich gescheitert, denn Nadab und Abihu haben bewiesen, dass sie das Heilige und das Profane nicht zu unterscheiden wissen. Ihnen fehlt die Kernkompetenz des Geistlichen, dass er Himmlisches und Irdisches, Göttliches und Menschliches auseinanderhalten kann. Und dieses Versagen wird von Gott unverzüglich bestraft. Vor dem Altar liegen die Überreste der jungen Männer. Und was tun die Umstehenden? Mose spricht zu Aaron: „Das ist‘s, was der Herr gesagt hat: Ich erzeige mich heilig an denen, die mir nahe sind, und vor allem Volk erweise ich mich herrlich“ (3. Mose 10,3). Mose drückt kein Bedauern aus und hadert auch nicht mit Gott, sondern erkennt in dem tragischen Geschehen einen Erweis der Heiligkeit Gottes, die eben nicht nur faszinierend, sondern auch gefährlich ist. Mit dem Heiligen treibt man keine Scherze. Man spielt damit ebenso wenig, wie man mit Sprengstoff oder mit Starkstrom „spielt“. Wer mit dem Heiligen umgeht, kann sich keine Fehler erlauben. Das ist die lapidare Feststellung des Mose. Und was tut Aaron angesichts seiner toten Söhne? Er schweigt. Gewiss ist er innerlich von Trauer überwältigt – schlimmer konnte es ja nicht kommen! Und doch weiß auch Aaron, dass Mose Recht hat, und versteht nur zu gut, was da geschah. Nadab und Abihu haben‘s vermasselt, als sie gegen Gottes klare Weisung verstießen. Und Aaron schweigt, weil da nichts weiter zu sagen ist. Mose gibt Anweisung, die Leichen aus dem heiligen Bezirk zu entfernen. Und er wendet sich an Aaron, um ihm und seinen verbliebenen Söhnen Eleasar und Itamar die üblichen Trauerbräuche zu verbieten. Das übrige Volk mag die Toten beklagen. Doch die verbliebenen Priester dürfen Gottes Strafgericht nicht betrauern, sondern müssen es hinnehmen als die Konsequenz, die solches Fehlverhaltens nun mal hat (3. Mose 10,6). Nadab und Abihu haben sich selbst disqualifiziert, als sie „fremdes Feuer“ zu Gottes Altar trugen. Es war ein illegitimes, von Menschenhand entfachtes Feuer, das nicht vom Brandopfer, sondern von einer profanen Quelle stammte. Und das hätten die beiden sorgsam unterscheiden müssen. Denn ein rechter Priester hat die Aufgabe, Gottesdienst zu feiern, wie es Gott, und nicht, wie es dem Priester gefällt. Verwechselt er das von Gott Gebotene mit seinen eigenen Einfällen (mit dem Gefälligen, Nützlichen oder Populären), wird es im wahrsten Sinne des Wortes „brandgefährlich“. Nadab und Abihu haben durch die Vermischung des Heiligen und des Profanen berufliches Unvermögen unter Beweis gestellt. Und ihr Tod ist die logische Folge. Denn wenn ein Elektriker sein Fach nicht beherrscht, ist es kein Wunder, dass er durch einen Stromschlag getötet wird. Und wenn jemand den Umgang mit Gott zu seiner Profession macht, sollte er auch da „professionell“ arbeiten, weil er vielleicht keine zweite Chance bekommt, um es „richtig“ zu machen. Persönliche Phantasie ist in dieser Sache ebenso wenig gefragt wie beim Bombenentschärfen oder Fallschirmspringen. Denn die Begegnung mit Gott findet auf die von Gott gewünschte Weise statt – oder sie wird gefährlich. Wenn das aber damals galt, warum soll es heute anders sein? Ist Gott etwa ein anderer geworden? Wenn‘s aber heute genauso gilt – welche Folgerungen ziehen wir dann? Nadab und Abihu haben versucht, den Kontakt mit Gott nach eigenem Gutdünken zu organisieren, so wie sie es „vernünftig“, „schön“ und „praktisch“ fanden. Und manche Pfarrer folgen ihnen heute, indem sie den Gottesdienst als ihre eigene kreative „Inszenierung“ verstehen. Sie gestalten den Umgang mit Gott so, dass er „locker“, „unterhaltsam“ und „niederschwellig“, „schick“ und „hip“ und „cool“ einem breiten Publikum gefällt. Und da Gottes Wort nicht mal ihr eigenes Interesse fesselt, tragen sie ersatzweise allerhand „fremdes Feuer“ herbei, um damit das alte Evangelium aufzupeppen. Vermutlich meinen sie es gut! Aber ich bin nicht sicher, ob Gott ihnen sehr dankbar ist. Denn wie könnte man einen Tempel mehr entweihen, als durch den Versuch, das Heilige darin mit profanen Mitteln „aufzuwerten“ und es für Leute „interessant“ zu machen, denen Gott allein nicht genügt? Und wieviel Vertrauen hat wohl einer in die Kraft des göttlichen Wortes, wenn er meint, er müsse es durch seine rhetorische „Performance“ stützen und stärken? Wer angestrengt versucht, einer Sache Leben einzuhauchen, ist doch wohl überzeugt, dass sie keins in sich trägt! Er würde sich nicht so sehr um interessante Formen bemühen, wenn er dem Inhalt zutraute, an sich schon spannend zu sein! Originell „inszenieren“ muss man nur, was man insgeheim für langweilig hält. Mit „Zugaben“ wirbt man, wenn das eigentliche Produkt ein Ladenhüter ist. Und so versucht mancher, mit seinem Charisma, seinem Scharfsinn und Esprit zu ersetzen, was Gottes Geist anscheinend nicht hinbekommt. Der nutzt dann den Altarraum als Bühne, um dem Heiligen Geist mit lustigen Ideen, mit Gesellschaftskritik, Kunst, Literatur, Politik und Theater auf die Sprünge zu helfen. Doch mir scheint, dass Gott die unerbetene Hilfe ebenso wenig honoriert, wie bei Nadab und Abihu. Denn das Feuer, um das es im Gottesdienst geht, kommt nicht von uns, sondern von ihm. Gott will uns durchaus begegnen – in der Verkündigung und im privaten Gebet, im Abendmahl, im seelsorgerlichen Gespräch und in der Bibellese. Doch die Begegnung gelingt entweder durch seine Kraft – oder sie scheitert auf gefährliche Weise. Denn Gott hat uns die Bedingungen der Kontaktaufnahme längst mitgeteilt und die dafür nötigen Mittel bereitgestellt. Wenn aber ein Geistlicher oder ein Kirchenmusiker lieber sich selbst und seine neuesten Ideen präsentiert – ist das dann nicht „fremdes Feuer“? Nadabs und Abihus Schicksal erinnert daran, dass ein Gottesdienst nicht die Performance der beteiligten Menschen ist (keine Inszenierung oder Darbietung für ein geneigtes Publikum), sondern die Begegnung der Gemeinde mit dem heiligen Gott. Und die entscheidende Frage ist darum nicht, wie der Gottesdienst sein muss, damit er (musikalisch, atmosphärisch und rhetorisch) den Besuchern gefällt, sondern, wie er ablaufen muss, damit er Gottes Zielen dient. „Erbauung“ ist nicht dasselbe wie „gute Unterhaltung“. Und wenn’s mit rechten Dingen zugeht, wendet sich nicht der Pfarrer an die Gemeinde, sondern Pfarrer und Gemeinde wenden sich gemeinsam zu Gott. Wir sollen Gottesdienste nicht feiern auf unsre Weise, sondern auf Gottes Weise. Denn wenn Kontakt zustande kommt, dann nicht durch uns, sondern durch ihn. Und doch bekundet mancher durch die Art, wie er frommes Gefühl simuliert und suggeriert, dass es ihm an eben diesem frommen Gefühl am meisten gebricht. Manche glauben nicht, dass Gott gegenwärtig sein kann, wenn sie ihn der Gemeinde nicht „vergegenwärtigen“. Scheinbar nehmen sie an, der „Erfolg“ des Gottesdienstes hinge nicht an Gottes Erbarmen, sondern an ihrem Bemühen. Und so wollen sie Gott dann geben, was er braucht, um wieder „relevant“ zu sein – statt gelassen davon auszugehen, dass er‘s ist. Durch behutsame Korrekturen an Gottes Wort rücken sie den Allmächtigen in ein günstiges Licht und beleuchten die Sonne mit dem Kerzenschein ihres Verstandes. Sie preisen den Glauben wie Staubsauger-Vertreter, die ein ungeliebtes Produkt an den Mann bringen müssen. Sie machen die Gnade dabei immer billiger. Sie werben für den Himmel mit den Methoden der Erde. Und sie verbreiten damit den Irrtum, dem sie selbst aufsitzen – dass nämlich ein Gottesdienst da sei, um der Gemeinde zu „gefallen“. Doch was zeigt die Geschichte von Nadab und Abihu? Im Gottesdienst muss Gottes Feuer brennen, nicht unsres. Und darum besteht die Kernkompetenz eines Geistlichen nicht darin, das Profane ins Heilige zu integrieren und den Unterschied zu verwischen, sondern ihn zu wahren. Das Absolute soll Raum greifen in der Welt des Relativen, nicht umgekehrt. Das Zeitliche soll sich vor dem Ewigen beugen, nicht umgekehrt. Gottes Leute folgen nur dem Trend, den Gott selbst gesetzt hat. Nicht wir steigen anmaßend zu Gott hinauf, sondern er steigt gnädig zu uns herunter. Und wie wir dann in Beziehung treten, hat er in weiser Voraussicht nicht uns überlassen, sondern hat’s im Voraus klar geregelt. Er gab uns die heiligen Schriften und die heiligen Handlungen, die dazu nötig sind – die Bibel und die Sakramente, Gemeinschaft, Gebet und Gottesdienst. Und diese von Gott autorisierten Heilsmittel sind nicht nach menschlichem Gutdünken zu vermehren oder zu ändern, abzuschaffen oder „neu zu erfinden“. Denn was uns mit Gott verbindet, ist von Gott vorgegeben. Und es sind bestimmt nicht selbsterwählte Gottesdienste, in denen der Menschen sich selbst feiert, seine Tugenden, seine Gefühle, Ideale und neuesten Einfälle. Nein! Das Heilige begegnet nicht anders als durch die Kraft des Heiligen! Und wer „fremdes Feuer“ hinzuträgt, verrät damit nur, dass ihm Gottes Feuer erloschen scheint. Doch nicht Gottes Wort bedarf dessen, dass wir es „reanimieren“, sondern umgekehrt wird ein Schuh draus. Gott ist längst präsent, bevor wir versuchen, ein Gefühl seiner Präsenz herbeizureden. Wer meint, ihm helfen zu müssen, hat gar nicht verstanden, wer Gott ist! Es sollte aber keiner erwarten, dass die unerbetene Hilfe mit „fremdem Feuer“ auf himmlischen Dank stößt. Denn im Zweifel tritt Gott den Beweis an, dass es ihm an Feuer gar nicht mangelt – und die inkompetenten „Helfer“ verbrennen sich die Finger. Was ist also aus Nadabs und Abihus Fehler zu lernen? Gott hat selbst geregelt, wie er verehrt werden will. Und unsre Aufgabe ist nicht, an den Heilsmitteln von Wort und Sakrament etwas zu verbessern, etwas hinzuzuerfinden oder wegzulassen, sondern nur, diese Mittel zu gebrauchen. Denn die schlimmsten Atheisten sind gar nicht die, die Gott leugnen, sondern jene, die meinen, dass er ihrer Hilfe bedürfe. Deren selbsterdachte Gottesdienste sind dem Himmel ein Gräuel. Doch immerhin – wenn wir das begreifen und vom „fremden Feuer“ die Finger lassen, sind Nadab und Abihu nicht umsonst gestorben.
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