DIE KIRCHE

 

Gottes Wort

Gott macht kein folgenloses Gerede. Vielmehr hat sein Wort die Dynamik einer riesigen Meereswoge, die alles, was mit ihr schwimmt, bis zum Horizont davon trägt, und alles, was sich entgegenstellt, auf den Grund hinunterdrückt und unterpflügt. Denn das Evangelium kommt zu mir, damit sich durch seine Bot-schaft bei mir ereigne, wovon die Botschaft berichtet. Nehme ich das Wort auf, wird eben damit die Gnade zum Ereignis, lehne ich es ab, habe ich die Gnade abgelehnt. Denn da ist nicht einerseits die Gnade, und andererseits das Wort, das von ihr redet, sondern die Gnade ist im Wort enthalten, und das Wort in der Gnade.

 

92 • Taufe

Wozu soll man (sich) taufen (lassen)?

Die Taufe ist ein Herrschaftswechsel, durch den ein Mensch dem Machtbereich des Bösen entnommen und in das Eigentum Gottes überführt wird. Als Heide wird er im Taufwasser „ersäuft“. Und als Christ geht er aus dem Taufwasser hervor: Eine neue Kreatur, die zwar noch nicht vollendet, aber doch unzweifelhaft zur Vollendung bestimmt ist. Wenn er die in der Taufe zugesagte Gnade durch den Glauben annimmt, wird nichts und niemand mehr die heilvolle Bindung an Christus durchbrechen können.

 

93 • Teilhabe an Kreuz und Auferstehung

Ist die Taufe mehr als eine nette Kindersegnung?

Die Taufe ist keine nette Kindersegnung. Sie verkoppelt und verbindet den Getauften so sehr mit Jesus Christus, dass er zu einem Glied seines Leibes wird und – das gesamte Schicksal seines Herrn teilend – durch den Tod ins Leben geht. Mitgefangen mit Christus, heißt mitgehangen – heißt aber auch mit auferstanden. Der Getaufte wird Satan entzogen, wird seines Lebens enteignet und für Gott rekrutiert. Er gehört nie mehr sich selbst. Doch ist genau das zu seinem Vorteil, weil er nur so eingesenkt und einverleibt werden kann in das Leben Jesu Christi.

 

Kindertaufe und Erwachsenentaufe

 

Als Christus befahl, alle Völker zu Jüngern zu machen und sie zu taufen, hat er die Kinder davon nicht ausgenommen. Aber haben sie auch den Glauben, der nötig ist, um die Taufe anzueignen? Ja! Wer den Glauben von seinen „erwachse-nen“ Äußerungen unterscheidet, kann zuversichtlich sein, dass der Hl. Geist durch das Sakrament bei Vollzug desselben auch den Glauben wirkt, der nötig ist, um das dargebotene Heil zu ergreifen. Die Taufe ist also kein Scheck, der warten muss, bis wir ihn einlösen. Sie wirkt, was sie zeigt – sie verheißt es nicht bloß!

 

94 • Konfirmation und religiöse Identität

Was bringt einem Getauften die Konfirmation?

Die Taufe und der Glaube gehören sachlich zusammen, scheinen aber zeit-lich auseinanderzutreten, wo man Säuglinge tauft. Damit dort zur Taufe ein nicht nur keimhafter, sondern entwickelter und bewußter Glaube hinzutreten kann, schuldet man den Kindern eine christliche Erziehung, durch die sie befähigt und ermutigt werden, jene Taufgnade, die ihrer bewussten Stellungnahme zuvorkam, eigenverantwortlich zu bejahen. Tun sie dies, so werden ihnen durch die Kon-firmation die vollen Rechte und Pflichten eines mündigen Christen zuerkannt.

 

95 • Abendmahl

Was verpasst man, wenn man nicht hingeht?

Das Abendmahl ist (1.) ein Mahl der Erinnerung und des Gedächtnisses, denn es

bezieht uns ein in die Tischgemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern. Es ist (2.)

ein Mahl der Vergebung und Versöhnung, denn in und mit Brot und Wein schenkt

uns Christus den Ertrag seines Kreuzestodes: Wer an seinem Tisch Gast sein

darf, der ist versöhnt mit Gott. Das Abendmahl ist (3.) ein Mahl der Gemeinschaft mit den Geschwistern, die neben uns am Altar stehen. Und es ist (4.) ein Mahl der Hoffnung und Stärkung, weil es das künftige Freudenmahl im Reich Gottes vorwegnimmt.

 

96 • Christi reale Präsenz in Brot und Wein

Wie ist das gemeint mit Leib und Blut?

Beim Abendmahl empfangen wir in und mit dem Brot und dem Wein zugleich Christi Leib und Blut, d.h. wir empfangen ihn selbst und das Heil, das er durch sein Leben, Sterben und Auferstehen für uns erworben hat. Wie Christus dabei

Gastgeber und Speise zugleich sein kann, werden wir nie restlos verstehen. Dass er es aber ist, ist wunderbar: Christus legt all seine heilvolle Macht in

dieses Mahl hinein, damit sie auf uns übergeht und uns mit ihm und unter-einander zu engster Gemeinschaft verbindet.

 

97 • Essen und Einswerden im Abendmahl

Warum will Christus von uns gegessen werden?

Essen ist ein erstaunlicher Vorgang, durch den ein Körper in einem anderen untergeht, in ihm verschwindet, sich in ihm auflöst, ihn stärkt – und zuletzt nicht mehr von ihm unterschieden werden kann. Und genau darum will uns Jesus im Abendmahl Gastgeber und Speise zugleich sein, um in uns einzugehen und aufzugehen. Er will sich mit uns bis zur Ununterscheidbarkeit vereinen, denn während wir uns den Leib Christi in Form des Brotes einverleiben in unseren Leib, werden wir von Christus einverleibt in seinen Leib – die Kirche.

 

98 • Gemeinschaft der Gläubigen

Kann Christ-Sein auch ohne Gemeinde funktionieren?

Christ-Sein funktioniert nicht ohne Gemeinde, weil sich ein Christ das befreiende Wort, von dem sein Glaube lebt, nicht selber sagen kann. Keiner kann sich selbst taufen, segnen, mahnen, trösten, sich selbst vergeben oder sich das Abendmahl reichen. Darum braucht jeder Christ die Glaubensgeschwister als Trä­ger und Verkünder des göttlichen Heilswortes. Christliche Gemeinschaft verdankt sich diesem Wort, das Wort aber verdankt sich nicht der Gemeinschaft, sondern dem, der’s geredet hat. Wo diese Glaubensgemeinschaft aber fehlt, lässt sie sich durch nichts ersetzen.

 

99 • Kirchenkritik und Heiligkeit der Kirche

Ist sie ein notwendiges Übel?

Die Kirche trägt den Ehrentitel der „heiligen christlichen Kirche“ nicht etwa, weil

ihre Glieder und ihre Amtsträger „heilig“ oder „vollkommen“ wären. Sie sind es

nicht und waren es nie. Aber wie eine klebrige Auster kostbar wird, durch die

Perle in ihr, so wird unsere sehr fehlbare Kirche „heilig“ durch das Evangelium, das sie durch die Jahrhunderte trägt. Solange sie ein Gefäß ist, das diesen Schatz bewahrt, verdient sie um seinetwillen sogar geliebt zu werden. Aber nur solange.

 

Wozu ist Kirche da?

Niemand braucht Kirche für das gesellige, soziale und kulturelle Programm, das andere Institutionen genauso bieten. Doch sie hat darin ihr Alleinstellungs-merkmal, dass sie Menschen das Wort Gottes seit 2000 Jahren so erfolgreich nahe bringt, dass Gottes Geist in ihnen ein inneres Glaubensleben weckt und verlorene Sünder in Kinder Gottes verwandelt. Die Aufgabe, die das Dasein der Kirche rechtfertigt, liegt also in der Rückführung der Seelen in die Gemeinschaft mit Gott. Und wo sie das vernachlässigt, steht sie da wie Jimmy Hendrix ohne Gitarre.

 

100 • Zugehörigkeit zur Kirche

Gibt es Christen, die in keiner Kirche sind?

Man kann einer Kirche angehören, ohne in Wahrheit ein Christ zu sein. Und viele

folgern im Umkehrschluss, man könne auch Christ sein, ohne einer Kirche

anzugehören. Doch dieser Umkehrschluss ist falsch. Wer ernsthaft Christ sein

will, kann die Gemeinschaft nicht ignorieren, zu der Christus seine Jünger

verband. Christus macht die Seinen nicht zu Einzelkämpfern, sondern zu Gliedern seines Leibes. In der Trennung von den übrigen Gliedern erleiden sie darum dasselbe Schicksal, das ein Arm oder ein Bein erleidet, wenn es sich vom

übrigen Organismus trennt.

 

Werbung für den Glauben?

   zum Text   

Werbung ist der eigennützige Versuch eines Verkäufers, in potentiellen Kunden Bedürfnisse zu wecken, die sie ohne Werbung wahrscheinlich nie gehabt hätten. Und sie ist darum dem christlichen Glauben wesensfremd. Jesus hat seinen Jüngern keine „Geschäftsidee“ vermittelt. Er brachte Wahrheit, nicht Wellness. Und sein Evangelium ist darum nicht mit der Logik von Angebot und Nachfrage zu erfassen. Wenn Kirche dennoch sich selbst oder das Evangelium „vermark-ten“ will, dokumentiert und stiftet sie Verwirrung. Denn wer Evangelisation mit Kundengewinnung verwechselt, weckt dieses Missverständnis auch in denen, die er umwirbt.

 

101 • Pfarramt und Allgemeines Priestertum

Haben alle Christen ein geistliches Amt?

Als Christus sein Leben opferte, machte er allen weiteren Opfer- und Priesterdienst alttestamentlicher Art überflüssig. Indem er aber seine Jünger beauftragte, missionierend, taufend und lehrend sein Werk weiterzuführen, begründete er das kirchliche Amt. Grundsätzlich hat jeder Getaufte Anteil an diesem Amt und Auftrag. Um aber eine möglichst geordnete und qualifizierte Ausübung zu gewährleisten, überträgt die Kirche das geistliche Amt einzelnen, die dazu besonders geeignet und ausgebildet sind.

 

   Papsttum und kirchliches Amt

   zum Text  

Wenn die römische Kirche meint, durch das dem Petrus anvertraute „Amt der Schlüssel" seien die Ströme der Gnade in ihrer Hand monopolisiert, muss man ihr widersprechen. Nach Matth. 18 und Joh. 20 hat Jesus die entsprechende Vollmacht allen Jüngern gegeben. Dennoch erinnert das katholische Amtsver-ständnis an etwas Wichtiges: Die Quelle kirchlicher Ämter und Vollmachten können niemals die Menschen sein, denen kirchliches Handeln zugutekommt. Denn sonst wäre es die Gemeinde selbst, die sich Vergebung und Segen spendete. Weil das unmöglich ist, bleibt festzuhalten, dass jedes kirchliche Amt seinen Ursprung bei Christus hat.         

 

   Ökumene der Kompromisse?

   zum Text   

Die gütliche Einigung durch Kompromisse empfiehlt sich, wenn Interessen aus-zugleichen sind. Sie empfiehlt sich aber nicht, wenn es darum geht Tatsachen festzustellen. Denn anders als Güter und Interessen sind Tatsachen und Wahr-heiten nicht verhandelbar. Das, was evangelische und katholische Christen trennt, gehört zum zweiten Bereich. Denn über den richtigen Weg zum Heil kann man sich nicht „gütlich einigen“, indem „jeder ein bisschen nachgibt“. Der richtige Weg, durch Gottes Offenbarung vorgegeben, gehört nicht zu den Dingen, um die man feilschen dürfte! Und eine Einheit auf Kosten der Wahrheit wäre auch nicht in Sinne Jesu.

 

102 • Gottesdienst

Wer hat etwas davon?

Sinn und Nutzen eines Gottesdienstes liegen nicht darin, dass er die Ge-meinschaft, die Kunst oder das Brauchtum pflegt, dass er bildet, unterhält oder therapiert. Vielmehr steht im Mittelpunkt die durch Wort und Sakrament vermittelte heilvolle Gegenwart Gottes. Die gottesdienstliche Erfahrung dieser Gegenwart, das Stehen vor Gottes Angesicht, ist zu nichts „nütze“ und muss es auch nicht sein: Die Gemeinschaft mit dem Herrn, dieser Vorgeschmack auf Gottes Reich, hat seinen Wert in sich selbst.

 

Gottes Haus

Kirchen sind heilige und zu heiligende Räume, in denen weltliches Treiben nichts zu suchen hat. Denn wo die Glieder des Leibes Christi sich versammeln, ist auch das Haupt bei ihnen. Wo Gott aber gegenwärtig ist – sollte da nicht heiliger Boden sein? Gewiss ist Gott überall. Doch Kirchen sind Orte, wo er zuverlässig gefunden werden kann, weil er in ihnen – in Wort und Sakrament – gefunden werden will. Kirchenräume sind aus der Welt ausgegrenzt, um Brückenköpfe für das Reich Gottes und Schutzräume der Gnade zu bilden. Als Schnittstellen zum Heiligen dürfen sie nicht durch „Umnutzung“ profaniert und verzweckt werden.

 

103 • Gebet

Lässt Gott mit sich reden?

Beten ist keine menschliche Möglichkeit, denn als Sünder sind wir „unreiner Lippen“ und haben Grund, den offenen Austausch mit Gott zu scheuen. Keine

„Gebetstechnik“ vermag diese Distanz zu überwinden, solange wir im eigenen

Namen beten. Das Gebet im Namen Christi dagegen findet Gehör, weil Christi

Brüder und Schwestern seinen Vater mit Fug und Recht „Vater unser“ nennen

dürfen. „Gebetstechnik“ spielt dabei keine Rolle. Denn der Heilige Geist

vertritt uns vor Gott, wie es ihm gefällt.

 

104 • Das Ziel des Gebets

Wozu betet man eigentlich?

Jesus hat seine Jünger gelehrt, dass sie nicht nur beten dürfen, sondern dass sie

beten sollen. Der Sinn des Gebets liegt aber nicht darin, dass ich Gott über

etwas informiere, was er sonst nicht wüsste, oder bei ihm etwas erreiche, was

er mir sonst nicht gegeben hätte, sondern darin, dass ich mit Gott im Gespräch

bin. Der Betende sucht Gottes Nähe um dieser Nähe willen. Das Ziel des Gebets

liegt darum nicht irgendwo „jenseits“ des Gebets, so dass es nur Mittel zum

Zweck wäre, sondern das Ziel liegt im Gebet selbst – in dem ich mich für Gott,

und Gott sich für mich öffnet.

 

Kirche und Israel

 zum Text

Das Verhältnis von jüdischem und christlichem Glauben lässt sich nicht als Ab-lösung oder Parallelität beschreiben, sondern mit Paulus dürfen wir erwarten, dass das alte und das neue Gottesvolk – zu einem Zeitpunkt, den Gott bestimmt – zusammenfinden. Wenn nämlich (1.) feststeht, dass Gott seine Verheißungen an das alte Gottesvolk nicht zurücknimmt (wenn er Israel also ganz gewiss erlö-sen wird), und (2.) feststeht, dass es für keinen Menschen eine andere Erlösung gibt als die, die durch Christus und in Christus geschieht, kann es nicht anders sein, als dass Israel eines Tages in ihm seinen Heiland erkennt.