Die Flucht nach vorn
Rahab rettet zwei israelitische Kundschafter (bearbeitet),
Die Bibel in Bildern, Julius Schnorr von Carolsfeld, Public domain, via Internet Archive
Kennen sie Rahab? Sie lebte vor langer Zeit in Jericho. Sie arbeitete dort als Prostituierte. Und niemand ahnte, dass in der Liste ihrer Nachfahren mal ein „Jesus von Nazareth“ auftauchen würde (Mt 1,5). Denn ihr Volk war nicht Israel, sondern eigentlich gehört sie zur Gegenseite. Israel ist zu jener Zeit aus Ägypten entkommen, ist durch die Wüste gezogen und beginnt unter Josua das gelobte Land zu erobern. Israels Heer hat den Jordan überschritten und zieht nun gegen Jericho – eben die kanaanäische Stadt, in der Rahab wohnt. Weil Jericho aber mit hohen Mauern gut befestigt ist, schickte Josua erst mal Kundschafter in die Stadt, also Spione, die sich vor dem Angriff ein Bild machen sollen von den Stärken und Schwächen der Verteidigungsanlagen. Die beiden Kundschafter gelangen unerkannt in die Stadt hinein und, naja (wie soll man es erklären?) – sie landen ausgerechnet im Haus der Hure Rahab, das direkt an der Stadtmauer liegt. Kaum sind sie aber dort, droht ihre Mission auch schon zu scheitern. Denn der König von Jericho hat erfahren, dass Spione in der Stadt sind, und lässt sie suchen. Auch bei Rahab klopfen seine Soldaten. Und sie hätte die beiden Israeliten sofort ausliefern können (ja, als gute Bürgerin hätte sie sie ausliefern müssen), denn schließlich sind es Feinde ihres Volkes. Aber Rahab tut etwas anderes. Sie versteckt Israels Agenten auf dem Dach und lügt den Soldaten des Königs etwas vor. Wahrscheinlich setzt sie dabei ein harmloses Gesicht auf und tut auch ganz erschrocken. Sie habe ja gar nicht gewusst, woher die fremden Männer kamen! Und außerdem seien sie schon längst wieder raus aus der Stadt! Die Soldaten glauben das – und machen sich sofort an die Verfolgung der Flüchtigen. Als sie aber weg sind, geht Rahab aufs Dach zu den Spionen und erklärt ihnen, warum sie sie nicht verriet. Sie kennt zwar das Volk Israel nicht. Aber sie hat gehört, dass ihr Gott sehr mächtig ist, und dass ihm niemand widerstehen kann. Durch diesen Gott besiegt Israel alle seine Feinde – und lässt hinterher keinen am Leben. Auch Rahab fürchtet nun diesen Gott und ahnt, dass ihre stolze Stadt seinem Angriff nicht standhalten wird. Darum hat sie die Spione versteckt und bittet im Gegenzug, bei der Eroberung der Stadt verschont zu werden mit all ihren Verwandten, die bei ihr im Haus sind (Jos 2,8-13). Man kann nur staunen über diese abgebrühte Frau, die sich da in wenigen Sekunden für einen riskanten Plan entscheidet. Man kann es Eigennutz nennen, Landesverrat – oder auch Einsicht und Glaube! Israels Spione sind aber dankbar für die spontane Hilfe und gehen auf den Handel ein. Rahab wird sie auch weiterhin nicht verraten, sondern ihnen helfen. Weil ihr Haus an der Stadtmauer liegt, kann sie die beiden ungesehen mit einem Seil draußen herunterlassen. Wenn später aber Israels Streitmacht Jericho erobert und alles Leben darin auslöscht, dann wird Rahabs Haus verschont, und alle, die sich darin befinden, bleiben am Leben. Rahab muss nur ein rotes Seil ins Fenster knüpfen, dann werden die Eroberer das Zeichen erkennen und ihr nichts zu Leide tun. Rahab kann damit zufrieden sein, und als die Spione geschworen haben, persönlich für ihren Schutz einzustehen, ermöglicht sie ihnen die Flucht, indem sie sie unbemerkt an der Außenmauer der Stadt herablässt. Die Kundschafter kehren wohlbehalten zu Israels Heer zurück. Und wie erwartet marschiert dieses Heer wenig später auf Jericho los, um die Stadt zu belagern. Auf welch merkwürdige Weise die Eroberung gelingt, ist hinreichend bekannt. Nicht irgendwelche Rammböcke, sondern der Schall der Posaunen bringt Jerichos Mauern zum Einsturz. Gott erweist einmal mehr seine Macht, indem er Israel den Sieg schenkt. Und wie von Gott geboten, wird in der Stadt alles Leben ausgelöscht. Doch Rahab gegenüber hält man den Schwur. Wo das rote Seil im Fenster hängt, gehen die Israeliten vorüber, und niemandem in diesem Haus wird ein Haar gekrümmt (Jos 6,20-25). Als die Kämpfe zu Ende sind, wird Rahab mit ihren Leuten herausgeführt. Sie heiratet später einen Israeliten und wird dadurch (wie eingangs erwähnt) zur Ur-Ur-Großmutter Davids und zur Ahnfrau Jesu. Was geht’s uns aber an? Was machen wir mit dieser Geschichte? Wundern wir uns darüber, dass Jesus unter seinen Vorfahren eine so fragwürdige Person hat, die nichtmal eine geborene Jüdin war? Empören wir uns über ihr Gewerbe? Oder lächeln wir über die beiden Kundschafter, die als Spione ausgesandt werden und in der fremden Stadt als erstes ein Bordell besuchen? Wundern wir uns über die Sache mit den Posaunen? Oder machen wir Rahab Vorwürfe, weil sie doch schließlich ihr eigenes Volk verraten und dem Feind ausgeliefert hat? Zweifeln wir an ihrem Charakter? Oder sollten wir erst mal prüfen, welche Alternativen sie vor sich sah? Rahab hatte die Kundschafter nicht in ihr Haus gebeten! Sie kamen von selbst und waren offenbar ungeschickt genug, ihre Herkunft zu verraten. Denn sonst wäre Rahab gar nicht in diese verwickelte Lage gekommen. Als sie aber erfasst hatte, wer die beiden waren, und die Soldaten an ihre Tür klopften – welche Möglichkeiten blieben ihr da? Sie muss sich innerhalb von Sekunden entscheiden! Sie weiß offenbar, dass die Israeliten Gott auf ihrer Seite haben. Rahab ist gut informiert. Und sie weiß auch, dass gegen seinen Willen kein Kraut gewachsen ist. Sie hat folglich keine Zweifel, dass Gott den Israeliten die Stadt und das Land ausliefern wird. Und sie weiß, dass all die besiegten Kanaanäer dabei sterben werden – sie selbst und ihre Familie eingeschlossen! Natürlich ist Rahab auch klar, dass sie, wenn sie Spione versteckt, des Verrats überführt werden kann. Und auch in dem Fall droht ihr der Tod. Aber droht der nicht sowieso? Man kalkuliere es mal ganz nüchtern! Wenn sie die Kundschafter ausliefert, wird das die Eroberung der Stadt gewiss nicht verhindern und die Einwohner nicht retten – dabei gehen dann alle drauf! Doch wenn Rahab die Kundschafter versteckt, hat sie immerhin die Chance, sich selbst und ihre Familie zu schützen. Welche Wahl hat sie also? Liefert sie Israels Agenten aus, bleibt sie für den Moment ungeschoren, stirbt aber wenig später einen sicheren Tod, wenn mit der ganzen Stadt auch sie vernichtet wird. Versteckt sie hingegen Israels Agenten, so droht ihr zwar bei einer Entdeckung unmittelbar der Tod (mit dieser Angst muss sie eine Zeit lang leben), sobald Israel gesiegt hat, wird sie aber in Freiheit und sicher sein. Ist es da nicht durchaus vernünftig, wie Rahab sich entscheidet? Natürlich verrät sie ihre Heimatstadt – das stimmt! Aber deren Schicksal ist ohnehin besiegelt. Und da sie nicht viele zu retten vermag, rettet Rahab eben die wenigen, die sie in ihrem Haus versammeln kann. Diese Entscheidung ist nicht rühmlich, aber in erschreckender Weise vernünftig. Sie ist nüchtern und rational, weil Rahab weiß, auf welcher Seite Gott steht. Und sie gibt sich darum nicht der Illusion hin, Jerichos Mauern könnten sie beschützen. Rahab handelt also nicht nur klug im Interesse ihrer Familie, sondern handelt auch aus einem starken Glauben heraus, weil sie nicht daran zweifelt, dass der Gott Israels Gott ist „oben im Himmel und unten auf Erden“ (Jos 2,11), und darum niemand seine Pläne durchkreuzen kann. Rahab zieht lediglich die Konsequenz aus dieser Einsicht. Stellt sie sich gegen Israel, muss sie bei der Eroberung Jerichos auf jeden Fall sterben. Wechselt sie aber die Seiten und verbündet sich mit Gottes Volk, riskiert sie nur noch, vor der Eroberung entdeckt zu werden. Wer aber die Wahl hat zwischen dem sicheren Tod und einem unsicheren, bloß möglichen Tod – wer sollte sich da nicht vernünftigerweise für den letzteren entscheiden? Rahab handelt klug, denn wenn man Gott nicht widerstehen kann, ist es besser, sich mit ihm zu verbünden. Sie tritt die Flucht nach vorn an! Wir aber – bringen wir dieselbe Klugheit auf? Sind auch wir so vernünftig wie Rahab? Vielleicht finden sie die Frage seltsam, weil wir uns anscheinend in einer ganz anderen Lage befinden. Aber stimmt das? Gleicht unser Leben nicht auch so einer Stadt, die früher oder später untergehen und dem Ansturm Gottes erliegen wird, weil wir sterben? Mir scheint diese ganze Welt ist in der Lage Jerichos, dieser stolzen, heidnischen Stadt! Die meisten Menschen leben sorglos dahin, als wäre ihre Festung aus Eigentum, Familie und Klugheit uneinnehmbar, ja, als wären sie vor Gottes Zugriff sicher! Ihre Welt scheint ihnen von soliden Mauern umgeben, denn: Was soll schon passieren? Wir kennen uns doch aus! Es wird ewig so weitergehen! So fragen viele nicht nach Gott, sondern laufen zuversichtlich herum wie die Bürger von Jericho, die sich auf die Macht ihres Königs verlassen und Gott gar nicht auf der Rechnung haben. Doch vor der Tür steht Gottes Reich – und auch unser persönlicher Tod. Jerichos Schicksal ist längst besiegelt. Am Jüngsten Tag werden seine Mauern fallen. Ist es also vernünftig, so zu tun, als wäre nichts? Wär’s nicht klüger, es wie Rahab zu machen, die Flucht nach vorn anzutreten, sich rechtzeitig mit dem Gegner zu verbünden und ein rotes Seil im Fenster zu haben, bevor die Mauern brechen? Freilich, die Kinder dieser Welt machen Späße, als könnte ihnen keiner was. Sie pochen auf Politik und Wissenschaft, Fortschritt, Macht und Geld. Sie meinen, Gott würde verschwinden, wenn sie nicht an ihn glauben! Doch sein Heer steht bereits vor der Tür, und seine Agenten sind längst in der Stadt. Gott wird diese Welt nicht lassen, wie sie ist. Und er wird auch uns nicht lassen, wie wir sind. Spätestens in der Stunde unsres Todes erschallen die Posaunen, und die falschen Sicherheiten fallen dann wie Mauersteine. Wer da nicht für Gott ist, der wird gegen ihn sein. Und wer sich nicht rechtzeitig auf Gottes Seite geschlagen hat, geht unter. Ist unsre Situation also wirklich anders als die von Rahab? Falls aber nicht – sollten wir dann nicht schleunigst zusehen, dass ein rotes Seil in unser Fenster kommt? Gott wird diese Welt richten und reinen Tisch machen. Niemand kann‘s verhindern! Wenn’s so weit ist, wird es aber zu spät sein, um noch die Seiten zu wechseln. Und so stehen wir ganz in derselben Entscheidung wie Rahab. Wir können Gottes Agenten verraten und uns damit auf Erden kurzfristig beliebt machen. Oder wir können uns schon jetzt auf Gottes Seite schlagen. Statt eines rotes Seils werden dann die Taufe, das Abendmahl und der Glaube für uns schützende Zeichen sein! Durch sie sind Christen als Überläufer ausgewiesen. Und das ist gar nicht mal heldenhaft, sondern liegt bloß in unsrem eigenen Interesse, wie bei Rahab. Denn es ist klüger, sich die Welt zum Feind zu machen für die kurze Dauer dieses Lebens, als sich Gott zum Feind zu machen für den Rest der Ewigkeit! Wer auf das Endliche setzt, wird mit ihm sein Ende finden. Wer aber auf das Ewige setzt, wird an seiner Ewigkeit Anteil haben. Und Neutralität gibt es nicht. Doch kann sich schon heute mit der Macht befreunden, die morgen unsre Mauern stürmt. Und das ist sehr ratsam. Denn wenn man auf eine unvermeidliche Krise zusteuert, sollte man jetzt tun, was man mittendrin wünschen wird, getan zu haben. Ist die große Krise erst mal da und es kommt zum Stechen, sind die Karten verteilt – und nichts ist mehr zu ändern. Doch wer es rechtzeitig kommen sieht, wird jetzt Gottes Wort studieren, damit er sich später drauf berufen kann. Er wird jetzt zum Abendmahl gehen, damit später keine Zweifel aufkommen, zu welcher Partei er gehört. Er kann sich jetzt zu Christus bekennen, wo noch keine Not herrscht, damit Christus sich zu ihm bekennt, wenn alle in Bedrängnis sind. Ist der Jüngste Tag erst da, wird es zu spät sein, sich mit dem Himmel zu befreunden. Wenn die Märkte schließen, ist es zu spät, um Vorräte einzukaufen. Man muss vorausschauend handeln. Denn das Zeitfenster, das wir haben, um unsrem Leben eine gute Wendung zu geben, kann sich jeden Moment schließen. Und wer dann kein Bürgerrecht hat im Himmel, wird auch keins mehr erwerben. Warum also tun wir nicht, was Rahab tat – und was jeder gute Prepper tut? Warum tun wir nicht, was wir am Ende unserer Tage wünschen werden, getan zu haben? Als die Soldaten klopften, hat Rahab bestimmt kurz nachgedacht. Aber sie hat nicht allzu lang gezögert. Und das sollten auch wir vermeiden, damit lieber heute als morgen ein rotes Seil in unsrem Fenster hängt.
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