CHRISTLICHE ETHIK

 

105 • Der Ursprung christlicher Ethik

Warum verändert der Glaube unser Tun und Lassen?

Christliche Ethik gibt es nicht deshalb, weil unser Handeln ganz viel an der Welt ändern könnte, sondern weil Gottes Handeln in Christus die Welt längst geändert hat – und sich dies in einem der neue Situation angemessenen menschlichen Handeln niederschlagen muss. Es geht nicht um eine Wirklichkeit, die wir durch gutes Tun schaffen, sondern um die Wirklichkeit, der wir durch gutes Tun entsprechen. Da in Christus die Zeit des Heils anbrach, gilt es nun mit der Zeit zu gehen und heilvoll zu handeln. Wir sind befreit, müssen aber noch beginnen, wie Freie zu leben.


106 • Ansätze christlicher Ethik

Wie lebt man Gott entsprechend?

Je nachdem, von welchem Glaubenssatz oder biblischem Thema die christliche Ethik ihren Ausgang nimmt, wird sie sich verschieden gestalten. Sie kann orientiert sein an (1.) Schöpfungstheologie, (2.) Schöpfungsordnungen, (3.)

Gottebenbildlichkeit, (4.) Gesetz des Alten Testamentes, (5.) Goldenen Regel,

(6.) Bergpredigt, (7.) Nachfolge, (8.) Liebe, (9.) Rechtfertigung, (10.)

Menschwerdung, (11.) Eschatologie, (12.) Askese, (13.) „WWJD?“. Jeder dieser

ethischen Ansätze hat seine Stärken und Schwächen. Einen echten Gegensatz gibt zwischen ihnen aber nicht.


107 • Christliche Tugenden

Welche Haltung ist wert, angestrebt zu werden?

Aus Gottes Eigenschaften ergeben sich auf Seiten der Gläubigen entsprechende

Tugenden: 1. Allmacht / Allgegenwart = Verantwortung / Haushalterschaft 2. Autorität / Gerechtigkeit = Einwilligung / Gehorsam 3. Weisheit / Wahrhaftigkeit = Wahrhaftigkeit / Zeugnis 4. Strenge / Allwissenheit = Demut / Dienstbereitschaft 5. Güte / Barmherzigkeit = Barmherzigkeit / Nächstenliebe 6. Heiligkeit / Vollkommenheit = Heiligung / Enthaltung 7. Unveränderlichkeit / Treue = Zuversicht / Resistenz.


108 • Nächstenliebe

Wie kann man Unannehmbares annehmen?

Der christliche Glaube lehrt uns, am anderen Menschen nicht nur zwei, sondern drei „Schichten“ wahrzunehmen: Da ist die Maske, die er trägt (1). Und da ist der

Sünder, der sich dahinter versteckt (2). Doch verborgen unter Schauspielerei

und Schmutz ist der Mitmensch auch noch Gottes geliebtes Kind (3). Der Gläubige kann darum niemanden hassen. Er durchschaut zwar die Maske und lehnt die Sünde ab. Den Sünder aber versucht er zu lieben, wie Gott ihn liebt, damit der andere das Ebenbild Gottes werden kann, das zu sein er berufen ist.


109 • Treue

Ist das nicht langweilig?

Ohne Treue entsteht kein Vertrauen. Und ohne Vertrauen hat die menschliche

Gemeinschaft keine Zukunft. Treue ist die Bereitschaft, sich für andere

Menschen berechenbar zu machen und sich als verlässlicher Baustein in ihre

Lebensplanung einbauen zu lassen. Wo man das nicht will oder kann, entfällt

eine Grundbedingung gelingenden Lebens. Man verwechselt dann Flexibilität mit

Haltlosigkeit. Weil aber keiner verbindlich leben kann, ohne selbst zuverlässig

gebunden zu sein, brauchen wir Gott. Er ist der Inbegriff der Beharrlichkeit

und die Beständigkeit in Person.


110 • Demut

Was soll daran gut sein?

Luther sagt: „Es ist nicht Demut, wenn einer leugnet, die Gaben zu haben, die Gott ihm gegeben hat.“ Demut ist darum keine alberne Selbstverachtung, die an der eigenen Person schlecht macht, was gut ist, sondern sie besteht darin, die

eigenen Begabungen und Leistungen weder größer noch kleiner erscheinen zu

lassen als sie sind, sie aber nicht sich selbst zuzuschreiben und zugutezuhalten, sondern allein dem Schöpfer, der sie gegeben und ermöglicht hat. Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich?


111 • Wahrhaftigkeit

Warum ehrlich sein, wenn doch alle lügen?

Die Welt ist voller Täuschung und Lüge. Doch der Glaube befreit uns zu einer

Ehrlichkeit, die nicht bloß in wahrheitsgemäßer Rede besteht, sondern in einer

wahrhaftigen Lebenshaltung. Denn wer mit Gott im Reine ist, sich von ihm

durchschaut und dennoch angenommen weiß – wozu müsste der sich noch verstellen? Verstellt er sich aber nicht, wer könnte ihn entlarven? Wer zu seinen Schwächen steht, weil er von Vergebung lebt, muss keine Enthüllung fürchten, muss auch nicht mehr prahlen und blenden, sondern ist dazu befreit, einfach der zu sein, der er ist.


112 • Vergebung

Gibt es sie ohne Reue?

Man kann nicht von Gottes Vergebung leben und anderen Vergebung ver-weigern. Doch besteht sie nicht darin, über die Verletzung von Normen hinweg-zusehen oder Schuld zu relativieren. Echte Vergebung bestätigt die geltenden Normen, weil die Verfehlung beim Namen genannt, bereut – und erst dann verziehen wird. Nur so entspricht es Gottes Vergebung, weil auch seine Gnade nie Gnade ohne Gericht ist, sondern immer Gnade im Gericht. Auch er wirft niemandem Vergebung hinter, der sie gar nicht für nötig hält, und vergibt nicht, wo das nicht erbeten wird.


113 • Ehrfurcht vor dem Leben

Ist das nicht sentimental?

Der Glaube achtet den Willen des Schöpfers, indem er seine Geschöpfe schont, sie achtet und sich weigert, Lebendiges den menschlichen Verwertungs-interessen zu unterwerfen. Auch wenn die Natur ein denkbar schlechtes Vorbild gibt, sollten wir uns der Logik des „Fressen und gefressen werden“ so weit wie möglich entziehen und nach Möglichkeit Verhältnisse schaffen, in denen keiner auf Kosten anderer lebt. Gott will nicht, dass wir Hammer sind. Und er will auch

nicht, dass wir Amboss sind. Sondern er will, dass seine Geschöpfe einander Helfer sind.


114 • Keuschheit

Muss man auch nein sagen können?

Man muss auch nein sagen können. Denn es gibt Bilder, Bücher, Gespräche und

Beschäftigungen, die uns (nicht äußerlich, sondern) innerlich verunreinigen und

für die Gemeinschaft mit Gott untauglich machen. Dem muss man sich nicht

aussetzen, sondern kann Enthaltung, Distanz und Keuschheit dagegensetzen, die nicht alles mitmacht, sondern nur, was Gott gefallen kann. Denn zum Glück ist auch das Gute infektiös. Die Berührung mit dem Reinen, kann rein machen, und das Heilige, mit dem wir uns beschäftigen, kann im Kontakt abfärben.


115 • Geduld

Wer will schon warten?

Es ist nicht so, dass der geduldige Mensch nichts wollte, oder es ihm weniger

wichtig wäre als dem Ungeduldigen. Nein! Auch der Geduldige verfolgt ein Ziel.

Aber sein entschlossener Wille verbindet sich mit langem Atem, Beharrlichkeit

und Ausdauer, weil er von seinem Ziel auch dann nicht ablässt, wenn andere

Ziele leichter zu erreichen wären. Das Leiden am Unverfügbaren auszuhalten, ist

das Wesentliche an der Geduld. Ein Christ braucht besonders viel Geduld, hat

aber auch besonders guten Grund dazu, weil Gott selbst verbürgt, dass seine

Geduld sich lohnt.


116 • Ehe

Ist das eine überholte Institution?

Gott hat Mann und Frau füreinander geschaffen und hat ihnen die Ehe als die Ordnung angewiesen, in der sie aneinander Freude haben, einander stützen und einander ergänzen sollen. Wo aus der Ehe Kinder hervorgehen, wird den Eltern die Ehre zu Teil, „Mitarbeiter“ in Gottes Schöpfungswerk sein zu dürfen. Beide aber - Ehepartner und Kinder - werden nie unser „Eigentum“, sondern sind uns von Gott anvertraut, damit wir sie in Verantwortung vor ihm wie kostbare Geschenke achten und pflegen.


117 • Arbeit

Ist sie Segen oder Fluch?

Gott hat unser Leben mit Arbeit verbunden, damit einer dem anderen mit seinen

Kräften und Begabungen helfen kann. Der Schöpfer wollte, dass wir am Fördern

und Erhalten fremden Lebens ebenso viel Freude finden wie er. Wenn dieser Segen aber für viele zum Fluch geworden ist, liegt das daran, dass wir den Sinn der guten Gabe durch Eigennutz und Konkurrenzdenken verkehren. Versäumen wir es, uns Gott als Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen, so bringen wir uns selbst um die tiefe Befriedigung, die aus unserer Arbeit erwachsen könnte.


118 • Staat

Was hat Glaube mit Politik zu tun?

Staatliche Ordnung ist eine Einrichtung Gottes, der er die Aufgabe zugewiesen hat, durch Recht und Gesetz dem Bösen zu wehren und das Gute zu schützen. Wenn ein Staat diese Aufgabe erfüllt, erwächst ihm daraus die besondere Würde, Gottes Instrument zu sein. Wenn er das Böse aber duldet oder sogar fördert, zerstörte er die Ordnung, die allein ihn legitimieren könnte – und dann wird Widerstand zur Pflicht. Im Zweifelsfall muss man Gott mehr gehorchen als den Menschen. Denn göttliches Recht wiegt in jedem Falle schwerer als menschliches.