Gott hilft, wie er will
Elisha Refusing Gifts from Naaman, Pieter de Grebber, Public domain, via Wikimedia Commons
Ich möchte ihnen von Naaman erzählen, der zu seiner Zeit ein mächtiger Mann war – ein Feldhauptmann und General der Aramäer. Er hatte aber ein Problem, das die Waffen seiner Männer nicht lösen konnten. Denn Naaman war aussätzig. Aussatz ist eine hässliche Krankheit, bei der das Fleisch des Menschen zerfällt. Wir nennen es heute „Lepra“ und haben Mittel dagegen. Doch zu Naamans Zeit war die Krankheit unheilbar. Und so hatte der große Kriegsmann einen Gegner gefunden, gegen den er nichts vermochte. Er hört allerdings, dass der Prophet Elisa im fernen Samaria ihn vielleicht heilen könnte. Auch der König der Aramäer hört davon. Und der schreibt sogleich an den König von Israel und rüstet für Naaman eine Reisegesellschaft aus. Die Sache wird auf höchster Ebene eingefädelt. Und Naaman nimmt reiche Gaben mit, damit er den Propheten im Falle seiner Heilung fürstlich belohnen kann. Von zehn Zentnern Silber ist die Rede, von sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleidern. Beim Propheten Elisa kommt also eines Tages eine imposante Karawane vorbei. Sie stoppt vor seiner Haustür. Und wir können uns vorstellen, was in einer deutschen Kurklinik los wäre, wenn da ein orientalischer Fürst zur Behandlung käme. Man würde sich überschlagen vor Höflichkeit und Ehrerbietung! Aber was macht Elisa? Fühlt er sich geehrt? Rollt er den roten Teppich aus? Hält er eine Begrüßungsrede? Nein. Elisa kommt nicht mal vor die Tür, sondern schickt bloß seinen Burschen hinaus, um dem General da draußen die nötigen Anweisungen zu geben. Naaman wird mitgeteilt, er solle sich siebenmal im Jordan waschen, dann würde seine Krankheit verschwinden. Wahrlich, dieser Prophet hat Nerven. Einer der mächtigsten Männer seiner Zeit ist tagelang unterwegs gewesen, um ihn zu treffen. Vor seiner schäbigen Hütte steht der halbe Hofstaat des Königs. Aber Elisa erhebt sich nicht und bittet den Gast nicht herein, sondern schickt ihm einen Laufburschen hinaus mit der banalen Anweisung, Naaman solle im Jordan baden. So eine Behandlung ist der General nicht gewohnt. Er wird darum richtig sauer und sagt: „Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?“ (2. Kön 5,11-12). Zornig wendet er sich um. Beleidigt geht er davon. Und man stelle sich vor, Naaman hätte in dieser Stimmung seinem König berichtet! So etwas kann Kriege auslösen! Doch wenden sich rechtzeitig kluge Diener an den General und sagen „Überleg’ doch mal“: „Wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!“ (2. Kön 5,13). Tatsächlich ist das doch eine leichte Übung, mal eben im Jordan zu baden! Was ist das schon im Vergleich zu der langen Anreise! Und wenn die Therapie auch lächerlich erscheint – Naaman will dann doch nicht heimkehren, ohne es versucht zu haben. Er lässt die Karawane am Jordan halten, unterdrückt seinen Zorn und macht sich die Mühe, siebenmal im Jordan unterzutauchen, wie von Elisa geboten. Und – siehe da! – sein krankes Fleisch wird augenblicklich wieder heil und fest wie bei einem Jüngling. Naaman ist begeistert. Er vergisst seinen Groll gegen den stoffeligen Propheten und will sich erkenntlich zeigen. Er kehrt zu Elisa zurück und sagt: „Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht“ (2. Kön 5,15). Der stolze Aramäer weiß, was sich gehört. Er will Elisa mit Kisten voller Gold und Silber bezahlen. Der aber nimmt nichts an. Naaman drängt ihm seine Kostbarkeiten auf. Doch Elisa verschmäht es, sich bezahlen zu lassen. Denn die Machterweise Gottes sind für Geld nicht zu haben. Und Naaman versteht dann auch, dass er seinen Dank nicht Elisa schuldet, sondern dem Gott Israels. Der General erklärt, er wolle künftig nicht mehr den Göttern seiner Heimat dienen. Um aber Israels Gott auch in Aram verehren zu können, nimmt er soviel Erde mit wie zwei Maultiere tragen können. Ein paar Säcke vom heiligen Boden gehen mit auf die Reise. Und dann zieht der Mann zufrieden seines Weges. Nur – was fangen wir mit dieser Geschichte an? Wir sind nicht aussätzig und kennen keinen Elisa, den wir besuchen könnten. Doch das provozierende Verhalten des Propheten müssen wir näher ins Auge fassen. Denn warum ist Elisa so unhöflich und tritt nicht vors Haus, um Naaman zu begrüßen? Will er seinen Gast durch Nichtachtung strafen und so den stolzen Mann Demut lehren? Oder hat er grundsätzlich etwas gegen Reiche und Mächtige? Andererseits aber: Was ist mit Naaman los, dass ihn die simple Badekur so empört? Hat er großen Zauber erwartet und schamanisches Tamtam? Dachte er, nur was teuer und aufwändig sei, könne auch etwas taugen? Ist sich der Herr zu fein für ein gewöhnliches Bad in einem gewöhnlichen Fluss? Oder meinte er, der Prophet müsse sich aus lauter Ehrerbietung vor ihm in den Staub werfen? Nun – für Elisa ist er nur ein fremder Bittsteller, der weniger die Hilfe eines Wunderheilers braucht als die Hilfe Gottes. Und das erklärt Elisas Verhalten. Denn (General hin oder her) zu Gott darf keiner mit Ansprüchen kommen, mit Taschen voller Gold und im Vertrauen auf seinen politischen Einfluss. Vor Gott sind die Sterblichen alle gleichermaßen bedürftig. Vor Gott ist keiner „hoch zu Ross“, und keiner darf sich wichtig machen. Sondern wer Gottes Hilfe begehrt, muss sein stolzes Haupt beugen. So verstehe ich, dass Elisa den fremden Wichtigtuer zwingt, sein stolzes Gehabe abzulegen. Er fragt ihn nicht nach seinen Wünschen, sondern schickt ihn zum Baden. Und darin wird anschaulich, dass Gott hilft, wie es ihm gefällt. Wohl hört er jedes Gebet. Aber er arbeitet nicht auf Bestellung wie ein teurer Schneider, der eilfertig liefert, was der Kunde sich vorgestellt hat. Nein, Gott hört zwar unsre Bitten. Aber er behält es sich vor, so oder so zu reagieren, folgt dabei seinem eigenen Kalender – und liebt es, Menschen zu überraschen. Naaman ist an so etwas nicht gewöhnt und wird mürrisch. Als er aber widerstrebend der Weisung eines Laufburschen folgt und etwas sehr Simples tut, da gewinnt er seine Gesundheit zurück, da lernt er den Gott Israels kennen und begreift, dass Gottes Mittel nicht groß sein müssen, um Großes zu wirken. Gottes Mittel sind generell nicht mächtig durch sich selbst, sondern durch den, der sie schickt. Sie sind mächtig durch das Wort dessen, der den Gebrauch dieser Mittel befiehlt! Und das verdient unsre Beachtung, das können wir hier lernen. Denn ein Bad im Jordan ist genauso unspektakulär wie ein bisschen Taufwasser oder ein trocknes Stück Brot beim Abendmahl. Ein kurzes Gebet macht nichts her. Eine Bibel bekommt man heute billig. Und Gottes Gnade ist sogar gratis! Diese Dinge scheinen viel zu einfach, als dass man sich viel davon erhoffte, denn die Menschen vermissen das große Hokuspokus. Sie denken, was nichts kostet, sei auch nichts wert! Aber ist das nicht der Fehler, an dem Naamans Heilung fast gescheitert wäre? Etwas Schweres hätte er sofort getan – irgendwas mit Ekstase, blutigen Opfern, Weihrauch, Schmerzen und teuren Zaubertränken! Naamann hätte bestimmt eine harte Therapie ertragen und bittere Elixiere getrunken, Schwüre abgelegt und finstere Rituale gefeiert. Doch im Jordan zu baden, empfand er als Zumutung. Seine Heilung wäre fast daran gescheitert. Und viele unsrer Zeitgenossen tappen in dieselbe Falle. Sie fahren nach Indien und verschlingen esoterische Bücher, um irgendwelchen Geheimnissen auf die Spur zu kommen – das lassen sie sich etwas kosten! Aber täglich in der Bibel lesen – ach, geh! – das ist ja öde. Das Abendmahl in der eigenen Kirche ist sogar umsonst. Jeder noch so krumme Hund ist zugelassen. Und man folgert messerscharf, dass solche Gemeinschaft nichts wert sein kann. Wir nehmen keine Kursgebühr, machen keine Gesichtskontrolle – und unsre Botschaft ist auch gar nicht verschlüsselt. Darum folgert man, so einfach wär‘ die Wahrheit doch wohl nicht zu haben. Was aber, wenn Gott weiß, dass wir keine Genies sind, sondern einfache Menschen, die er (eben darum) durch einfache Mittel zu retten gedenkt? Sind dann auch wir zu stolz, uns im Jordan zu waschen? Und wenn es Gott gefällt, uns nicht in nächtlichen Visionen zu erscheinen, sondern uns als Laufburschen den Pfarrer schickt oder den Christen von nebenan – sind wir dann beleidigt wie Naaman und sind uns zu fein, den Weisungen eines Boten zu folgen? Soll der allmächtige Gott denn persönlich kommen und Bücklinge machen, damit wir ihm erlauben, uns vom Aussatz zu heilen? Sind wir so verdreht, dass wir das Naheliegende unterlassen, bloß weil’s naheliegend ist – und weil die Altvorderen schon dasselbe taten? Das scheint mir in dieser Geschichte entscheidend: Dass es nicht auf die Mittel ankommt, durch die Gott etwas tut, sondern nur darauf, dass es Gott ist, der es tut. Die Sakramente und Gnadenmittel sind nie mächtig durch sich selbst, sondern immer durch den, der sie zu nutzen befiehlt! Der prüft damit, ob wir gehorsam sind oder aufgeblasen. Und das hat Naaman noch rechtzeitig begriffen. Erst sträubt er sich, weil er doch zu Hause in Aram viel größere und tollere Flüsse hat, in denen er sich waschen kann! Doch am Ende kommt es nicht aufs Wasser an, sondern auf den Befehl Gottes, der unsren Aussatz nicht anders als durch dieses Wasser heilen möchte. Denn kraftvoll müssen nicht die Werkzeuge sein, sondern nur der Gott, der sich ihrer bedient. Wir begegnen ihm nicht da, wo es uns beliebt ihn zu suchen, sondern nur da, wo er von uns gefunden werden will! Gott fragt auch nicht, was wir uns vorgestellt haben. Er hilft, wie’s ihm gefällt. Und wenn einer Taschen voller Gold und Silber mitbringt, geht’s darum gewiss nicht schneller. Was aber wirklich hilft und nötig ist, das ist die Demut, Gottes Anweisungen Folge zu leisten. Freilich – wenn’s kein großes Tamtam gibt, wenden sich viele ab und sagen: Das kann’s doch nicht sein! So ein bisschen Beten, ein kurzer Gottesdienst und ein wenig kindliches Vertrauen – das bringt’s doch nicht, ich spür‘ ja gar nichts! Doch liegt das alles in Gottes Ermessen. Und wenn wir bereit wären, Schweres zu tun, sollten wir nicht umso williger Leichtes tun? Würden wir nicht einen Arm hergeben, wenn wir dadurch den Rest unsrer Person retten könnten? Wenn Gott aber statt des Arms nur unser Vertrauen will, sollten wir dann zögern? Nein, es müssen nicht große Pillen sein, die uns gesunden lassen, sondern wenn‘s Gott gefällt, tun’s auch kleine Mittel für kleine Menschen – Gebet und Bibellese, Taufe und Abendmahl, Demut und Dankbarkeit. Gott entscheidet, wie er uns helfen will. Reden wir ihm da nicht rein! Denn dann wird der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus.
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