Wie einer an Gott kaputtgeht
Rembrandt, Saul and David, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Und deren Erzählung klingt überzeugend, weil der Erfolg ihnen Recht gibt. Aus der Perspektive der Unterlegenen wird aber selten erzählt. Und weil mir das unrecht scheint, will ich heute nicht König David ins Zentrum stellen (dem strahlenden Helden), sondern will von König Saul berichten – dem Pechvogel, der sein Vorgänger war. Denn Saul kommt in der Bibel schlecht weg. Sein Leben steht unter keinem guten Stern. Und man fragt sich, warum das so ist. Denn eigentlich ist er nur einmal falsch abgebogen (aus menschlich verständlichen Gründen) – und hat nie wieder zu Gott zurückgefunden. Saul bekommt keine zweite Chance. Einmal gefallen steht er nicht wieder auf. Er entzweit sich mit Gott und geht daran kaputt. Er versinkt in Bitternis. Er läuft in sein Unglück. Und Gott lässt ihn auch laufen – ganz ungerührt. Der Bibelleser aber (erschrocken und peinlich berührt) geht rasch am scheiternden Saul vorüber, weil Davids Stern ja soviel heller strahlt, weil David sowieso großartig ist, und alle Herzen ihm zufliegen. Ja, David ist Gottes Liebling. Der kann machen, was er will – Gott lässt es gelingen! Immerzu liegt Segen drauf! Über viele Jahre gibt’s immer ein Happy End! Aber wer kümmert sich um Saul, der währenddessen immer tiefer in Trübsal versinkt? Als wir zum ersten Mal von ihm hören, ist Saul ein schöner junger Mann von imponierender Größe. Er hat aber keineswegs besondere Ambitionen, sondern bloß den ganz alltäglichen Auftrag seines Vaters, ein paar Eselinnen zu suchen, die sich verlaufen haben (1. Sam 9,1ff.). Weil es sich anbietet, fragt Saul bei dem Propheten Samuel nach, ob der wohl etwas über den Verbleib der Eselinnen weiß. Der Prophet aber salbt ihn ganz unverhofft zum König über Israel. Kein falscher Ehrgeiz hat Saul zu diesem Amt getrieben! Er hat sich nicht darum gerissen! Und das ist wichtig zu bemerken: Saul drängt sich nicht ins Königtum, sondern wird von Gott berufen. Saul wird nicht mal gefragt, ob er das will. Er wird aber gesalbt. Gottes Geist erfüllt ihn. Gottes Beistand wird ihm zugesagt (1. Sam 10,6-12). Und auch das Volk erkennt ihn als seinen König an (1. Sam 10,17-27). Hätte sich Saul da gegen die neue Würde wehren sollen? Nein. Warum auch? Saul macht alles richtig. Und Gott, der ihn erwählt hat, schenkt ihm bald einen ersten Erfolg im Feldzug gegen die Ammoniter (1. Sam 11). Doch dann muss Saul Krieg führen gegen die Philister und erlaubt sich den ersten Schnitzer. Weil sich seine Soldaten in bedrängter Lage fürchten, weil sie schon anfangen wegzulaufen und Samuel sich verspätet, springt Saul für den Propheten ein und bringt Opfer dar, die eigentlich Samuel darbringen sollte (1. Sam 10,8; 13,8-9). Das war gut gemeint – und dennoch falsch getan. Es war menschlich nachvollziehbar, denn es sollte die ängstlichen Truppen motivieren. Es war aber trotzdem gegen Gottes Befehl – und wird darum mit kompromissloser Schärfe gestraft. Samuel verkündet Saul, dass sein Königtum wegen diesem Akt des Ungehorsams keinen Bestand haben wird. Denn Saul verlor die Nerven. Er taugt nicht zum König. Und darum hat sich Gott auch schon einen Mann „nach seinem Herzen“ ausgesucht, der an Sauls Stelle treten soll (1. Sam 13,13-14). Mit dieser Information wird Saul abgefertigt. Und der Prophet lässt ihn stehen. Denn Saul hat schon durch diesen ersten Fehler alles verloren. Er hat Gottes Gunst restlos verspielt, ist als König erledigt und abgeschrieben. Er bekommt keine zweite Chance. Nichts wird ihm verziehen. Er ist unten durch. Und offenbar hat ihn zugleich Gottes Geist verlassen. Denn nun beginnt Saul, fatale Entscheidungen zu treffen, die seinen Sohn Jonathan fast das Leben kosten (1. Sam 14,24.27.43-45). Saul besiegt zwar so manchen Feind. Und rückblickend wird ihm zugestanden, dass er durchaus tapfere Taten vollbracht hat (1. Sam 14,47-48). Doch im Feldzug gegen die Amalekiter besiegelt er sein Schicksal durch erneuten Ungehorsam. Er hat klare Anweisung, an der Stadt Amalek den Bann zu vollstrecken, d.h. alles Leben darin auszulöschen und nichts und niemand zu verschonen (1. Sam 15,2-3). Doch – sei es aus falsch verstandener Milde oder einfach aus Inkonsequenz – er führt den Befehl nur zur Hälfte aus. Er nimmt den König der Amalekiter lebend gefangen. Und auch vom Vieh in der Stadt bringt er die besten Schafe und Rinder lebend als Beute mit nach Hause. Da bereut Gott, dass er Saul zum König gemacht hat. Und auch der Prophet Samuel entbrennt im Zorn (1. Sam 15,10-11). Als er Saul konfrontiert, versucht der aber sich herauszureden und sagt, das Volk habe es so gewollt. Und außerdem sei das mitgebrachte Vieh ja zur Opferung, und somit für ein frommes Werk bestimmt (1. Sam 15,15.20-21.24). Saul meint anscheinend, das sei keine große Sache. Er will Gott gemeinsam mit Samuel um Verzeihung bitten (1. Sam 15,25.30). Der Prophet aber weiß, dass es dafür zu spät ist. Saul hat Gottes Wort verworfen, darum hat nun Gott den Saul verworfen. So einfach ist das. Denn mit Gott spielt man keine Spielchen. Widerstrebst du ihm, so widerstrebt er dir. Verachtest du seine Wort, verachtet er dich. Weichst du von ihm mit deinem Herzen, weicht er von dir mit seiner Gnade. Und so hat es sich Saul mit Gott endgültig verscherzt. Formal ist er noch König – und hält sich auch dafür. Doch vor Gott gilt er gar nichts mehr. Und daran können auch Gebete und Brandopfer nichts ändern (1. Sam 15,22-23.26-29). Samuel bricht den Kontakt zu Saul ab. Er hat dem Verworfenen nichts mehr zu sagen. Und Saul verliert damit nicht bloß einen väterlichen Freund, sondern zugleich seinen direkten Draht zu Gott. Denn alles, was Saul von Gott wusste, war ihm bisher durch Samuel vermittelt worden. Und dennoch sieht Saul nicht ein, dass er verspielt hat. Trotzig klebt er an der Macht und will seinen Thron nicht räumen. Samuel aber hat schon längst den Auftrag, heimlich an Sauls Stelle einen neuen König zu salben. Und so geht Davids Stern auf, während Saul noch meint König zu sein. Er kann nicht loslassen – und will auch nicht zur Seite treten. Saul reibt sich blutig an dem Schicksal, das er nicht akzeptiert. Er hegt einen Groll gegen den Gott, der ihm so schnell seine Liebe entzog. Gott aber, der seinen Heiligen Geist von Saul genommen hat, gibt ihm dafür einen bösen Geist, der ihn forthin ängstigt und verbittert, der ihn trübsinnig, misstrauisch, zornig, traurig und böse macht (1. Sam 16,14-15). Das einzige, was Saul in seinen Depressionen Erleichterung schafft, ist ironischerweise das Harfenspiel des jungen David, den er nicht gleich als den erkennt, der ihn ablösen, überbieten und beerben wird. Doch hätte er leicht drauf kommen können. Denn David ist schon als Knabe mit Talenten überreich gesegnet! Der Junge hat nicht nur schöne Augen und eine gute Gestalt (1. Sam 16,12), er ist auch musikalisch und redebegabt, er ist ein guter Kämpfer – und in jeder Hinsicht Gottes Liebling (1. Sam 16,18). Im Kampf gegen Goliath tritt David für Gottes Ehre ein und beweist großen Mut (1. Sam 17). Jeder muss ihm applaudieren, jeder muss ihm dafür dankbar sein. Aber recht besehen wär‘s doch wohl Sache des Königs gewesen, diesen Sieg zu erringen. Saul muss sich also für David freuen, macht aber neben ihm keine gute Figur. Und zu allem Überfluss gewinnt David auch noch die treue Freundschaft von Sauls Sohn Jonathan. Sein Aufstieg ist nicht zu bremsen. Was immer David unternimmt, gelingt. Und als Israels Heer siegreich aus dem Kampf heimkehrt, wird David mehr gefeiert und mehr umjubelt als der König selbst (1. Sam 18,5-8). Ist es da ein Wunder, dass Saul missgünstig auf David blickt und ihn als Konkurrenten sieht? Der düstere Geist, von Gott gesandt, liegt schwer auf ihm. Die Enttäuschung nagt an seiner Seele. Und wie üblich soll David Musik machen, damit der König auf andere Gedanken kommt. Doch Saul gerät in rasende Wut und versucht unvermittelt, den jungen Musiker mit dem Speer an die Wand zu spießen. Er trifft ihn nicht. David kann ausweichen. Und umso klarer steht Saul vor Augen, dass Gott David schützt – ihn selbst aber fallen ließ. Alle lieben David. Saul aber will ihn tot sehen. Und um sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen, schickt er nun David in die gefährlichsten Schlachten. Israel hat ja Feinde genug! Die sollen Saul die Arbeit abnehmen, David umzubringen. Doch kehrt der immer wieder siegreich zurück, ist beliebter denn je – und gewinnt auch noch Michal, die Tochter des Königs, zur Frau. Neben David wirkt bald jeder wie ein Versager. Der Junge ist so gut, man hält es gar nicht aus! Aber umso weniger kann Saul ihn loswerden. Denn alle haben sich gegen ihn verschworen. Einmal rettet Jonathan seinen Freund. Dann ist es Michal, die ihm hilft. Und schließlich flieht David zu Samuel (1. Sam 19,18). Doch um Saul herum wird es immer einsamer. Gottes Gnade hat ihn verlassen, sie liegt offenkundig auf David. Und das zu sehen, treibt Saul in den Wahnsinn. Denn – was kann man schon machen gegen Gottes freies Erwählen und Verwerfen? Wie holt man sich Gottes Gunst zurück, wenn man sie einmal verloren hat? Wie erringt man noch Segen, wenn einem der Himmel fluchen will? Wo Gott sich abgewandt hat, bleibt nur Finsternis. Und da Gott David beisteht, kann Saul nicht viel tun. David flieht vor ihm in die Wüste. David belügt die Priester von Nob. Und weil ihm Proviant fehlt, vergreift er sich an den heiligen Broten im Tempel (1. Sam 21,1-7). Aber bei David kritisiert das natürlich niemand! Aus zwielichtigen Männern formt David eine Räuberbande (1. Sam 22,1-2). Er erpresst Schutzgeld und gewinnt die Gunst fremder Frauen (1. Sam 25,2-44). Aber ihm nimmt Gott das nicht übel! David macht später noch viele große Fehler (2. Sam 11,1-21; 13,21; 19,5-7; 24,1-10; 1. Chr 22,8). Aber verworfen wird er nie! Und Saul hat den Eindruck, da werde mit zweierlei Maß gemessen. Saul glaubt, Gott schulde ihm noch etwas. Er verfolgt David mit einem großen Heer. Doch selbst das wird zu einer demütigenden Erfahrung. Denn zwei Mal hätte David Gelegenheit gehabt, den König leichter Hand zu töten. Einmal in der Höhle von En-Gedi. Und einmal bei Nacht im Lager. Beide Male ist Saul wehrlos. Und doch ist David so edelmütig, ihn zu verschonen (1. Sam 24 u. 26). Eins um andere Mal beweist David, dass er kein Feind des Königs ist. Saul verfolgt ihn zu Unrecht. Der Verfolgte verschont ihn trotzdem mit Großmut und Respekt. Aber mildert das wohl den Zorn des alten Mannes, dass sich David nun auch noch als moralisch überlegen erweist? Dämpft es wohl den Hass des verbitterten Saul, der auch gern Gottes Liebling wäre? Saul ist wegen seiner Fehler verworfen worden, die Eifersucht quält ihn, er ist von allen guten Geistern verlassen – und David hat es nicht mal nötig, seinen Hass zu erwidern! Immer wieder steht Saul wie ein Trottel da, der grundlos böse handelt, während sein junger Gegner nicht nur Gottes Gunst, sondern auch die Liebe des Volkes auf seiner Seite weiß. Der alte König schlägt um sich, verletzt dabei aber nur sich selbst. Er kann keinen Frieden finden und kommt mit Gott nicht mehr ins Reine. Denn um mit dem Verwerfenden im Konsens zu sein, müsste Saul ja der eigenen Verwerfung zustimmen. Zusammen mit allem Eigensinn müsste er sich selbst aufgeben und Gott Recht haben lassen. Er müsste für David Platz machen, um wenigstens als guter Verlierer zu gelten. Aber – will er das? Nein! Wenn‘s ihm nicht möglich ist, König zu sein, will Saul auch nichts anderes sein. Lieber rennt er zehnmal gegen dieselbe Wand und geht dabei in Scherben. Denn so will es der düstere Geist, der ihn beherrscht. Und den kann keiner von ihm nehmen als Gott selbst, der diesen Geist über ihn verhängt hat. Saul hadert mit Gottes Vorsehung, kann den Streit aber nicht gewinnen. Denn eigentlich ist er schon Geschichte. Gott hat ihn abgeschrieben. Saul aber will unbedingt, dass sein Fall nochmal aufgerollt und neu verhandelt wird. Weil Samuel inzwischen gestorben ist, weiß Saul nicht, wer noch zwischen ihm und Gott vermitteln könnte. Er brauchte ja immer Samuels Hilfe, um mit dem Himmel in Kontakt zu treten. Und verzweifelt, wie er nun ist, wendet er sich dem Okkultismus zu (1. Sam 28,3-25). Saul überredet die Hexe von En-Dor, ihm aus dem Totenreich den Propheten Samuel heraufzubeschwören. Den erscheinenden Geist bittet er inständig um Rat. Samuel aber, in seiner Totenruhe gestört, erklärt nur kurz und knapp, dass einem wie ihm, der Gott zum Feind hat, durch keinen Rat zu helfen ist. Vergeblich wehrt sich Saul gegen seinen Untergang, denn Gott ist von ihm gewichen, und kein Hexenwerk kann etwas dran ändern. Dem Geist nach ist Saul schon lange tot – und, wie Samuel sagt, wird er es morgen auch leiblich sein. Denn der König und seine Söhne werden im Kampf mit den Philistern umkommen. Saul ist damit am Ende. Er wollte von seinem alten Freund, dem Gottesmann, getröstet und beraten werden – muss zuletzt aber mit dem Trost jener Hexe vorlieb nehmen. Er ist damit maximal tief gesunken. Und als er am nächsten Tag mit den Philistern kämpft, kommt es natürlich so, wie Samuel es prophezeit hat. Sauls Söhne werden erschlagen, und er selbst schwer verwundet. Weil Saul seinen Feinden nicht lebend in die Hände fallen will, stürzt er sich in sein Schwert. So können die Feinde nur noch seinen Leichnam schänden (1. Sam 31,8-10). Aber entkam Saul damit auch den Händen des lebendigen Gottes? Es ist schrecklich zu sehen, was mit diesem Mann passiert. Und wenn wir sonst nichts draus lernen könnten, dann doch zumindest, dass der Umgang mit Gott kein Spiel ist – und Gott selbst nicht „harmlos“. Wer das nicht weiß, verbrennt sich die Finger. Und wer’s anderen verschweigt, macht sich schuldig. Denn so geht die Wahrheit unter im allgegenwärtigen Gesäusel von Gottes unendlicher Liebe. Das soll ja heute der Inhalt des Evangeliums sein, dass Gott angeblich alles versteht, alles verzeiht, alles toleriert, jeden mag und alle umarmt. Aber – biblisch ist das nicht. Und wer die Bibel liest, kann die Lüge leicht erkennen. Denn zweifellos ist Gott gerecht und treu. Aber man erkundige sich mal beim Pharao, ob Gott auch „milde“ und „nett“ ist (2. Mose 7-14). Natürlich ist Gott weise. Aber man frage Hiob, ob uns Gottes Pläne darum auch immer „einleuchten“ (Hiob 3ff.). Natürlich kann Gott vergeben, wenn er das will. Aber man frage Johannes, ob das Jüngste Gericht deswegen ausfällt (Offb 16ff.). An Gottes Güte besteht überhaupt kein Zweifel. Aber man frage Elia, ob Gott ein Freund von Kompromissen ist (1. Kön 18). Man frage Jona, ob man diesem Gott leicht entkommen kann (Jona). Man frage den reichen Jüngling, ob Gott niederschwellige Angebote macht (Mt 19,16-26). Man frage Herodes, ob Gott das Strafen eingestellt hat (Apg 12,21-23). Man frage Hananias und Saphira, ob Gott Fünfe gerade sein lässt (Apg 5,1-11). Man frage Esau, ob Gott alle Menschen gleich lieb hat (Mal 1,2-3; Röm 9,11-18). Man frage Belsazar, ob Gott Spaß versteht (Dan 5). Man frage Jeremia, ob der Himmel mit sich reden lässt (Jer 20,7ff.). Man erkundige sich in Sodom, ob Gottes Geduld wirklich endlos ist (1. Mose 19). Naja, sagen die Leute – es ist doch nur die alte Bibel, die etwas von Gottes Härte sagt. Und wenn heute so viele Pfarrer beteuern, sie kennten ihn besser – dann sind wir mutig und lassen’s drauf ankommen! Aber den Mut habe ich nicht. Ich entnehme Sauls Geschichte, dass man es sich mit Gott wirklich ganz im Ernst endgültig verscherzen kann. Und es lügt, wer diesen Teil der Wahrheit weglässt. Selbst Jesus Christus ist ein Eckstein, auf den man nicht nur bauen, sondern an dem man auch zerschellen kann (Mt 21,44). Diesen Hinweis mag ignorieren, wer will. Aber es sage keiner, ich hätte ihn nicht gewarnt.
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