Simbergs Engel

Hugo Simberg, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Manch einer wird sich über dieses seltsame Gemälde wundern. Denn man weiß ja nicht recht, was da in der nordisch-kargen Landschaft eigentlich zu sehen ist. Sind das zwei Kinder und ein Engel? Oder sind es drei Kinder, von denen sich eines als Engel verkleidet hat? Der Junge, der vorausgeht, ist auffällig schwarz gekleidet – als wenn er eigentlich zu einem Trauerzug gehörte. Oder ist er bloß Lehrling in einem Handwerk, das sich so dunkel kleidet? Er schaut jedenfalls starr und traurig auf den Weg, spricht kein Wort und setzt seine Schritte behutsam, damit die Patientin, die er transportiert, nicht noch einmal Schaden leidet. Ein Engel sitzt da auf der Krankentrage (oder ein Mädchen als Engel gekleidet) mit schön geschwungenen Flügeln – und doch in kläglicher Haltung. Denn offenbar handelt es sich um einen „gefallenen“ Engel, einen verletzten Gottesboten, dem etwas zugestoßen ist. Wollte dieser Engel besonders hoch fliegen und geriet dabei in Turbulenzen? Wollte sie eine Friedensbotschaft überbringen oder einen Streit schlichten – und wurde dafür verprügelt? Ist das Mädchen einfach bei den Proben für eine weihnachtliche Aufführung von der Bühne gestürzt? Oder ist ihr bei Blumenpflücken etwas zugestoßen? Der Engel hat jedenfalls noch ein Sträußchen in der Hand, das sie nicht loslässt. Sie wirkt im Übrigen aber sehr verletzlich – und mit den nackten Füßen in der rauen Landschaft auch ziemlich deplatziert. An der Stirn, unter dem Verband, vermutet man eine Wunde. Oder sollten gar die Augen verbunden sein, weil unser Engel durch den Unfall erblindet ist? Auf dem linken Flügel entdecken wir Blutspuren und weiter unten ist dieser Flügel sogar angebrochen. Das viel zu lange weiße Gewand schleift im Schmutz der Straße. Und man fürchtet fast, dass der hintere Träger beim nächsten Schritt darauf treten wird. Denn anders als sein Freund vorn schaut er nicht geradeaus, sondern schaut uns an mit einer Mischung aus Trauer, Trotz, stillem Vorwurf und vielleicht schlechtem Gewissen. Auch dieser Junge steht mit seiner derben Kleidung und dem kräftigen Schuhwerk in deutlichem Kontrast zur Zartheit des Engels. Und auch er schweigt – trotz seines vielsagenden Blickes. Doch niemand erzählt uns die ganze Geschichte, die sich ereignet hat. Vielmehr zieht die seltsame Gruppe schweigend an uns vorüber, trägt den verwundeten Engel vielleicht nach Hause oder zum Arzt – und lässt uns als Betrachter mit einer Mischung aus Trauer und Ratlosigkeit zurück. Selbst wenn wir den finnischen Maler Hugo Simberg kennen, hilft uns das nicht weiter. Denn er hat sein 1903 vollendetes Bild nie erklärt. Und er löst auch unsere Fragen nicht auf, sondern gibt einfach alle Fragen an uns zurück mit dem Blick des hinteren Jungen, der so vieles bedeuten kann. „Was ist das bloß für eine Welt,“ sagt dieser Blick, „in der Engel unter die Räder kommen?“ Und: „Wo seid ihr gewesen als die Unschuld verwundet wurde?“ „Lacht ihr etwa über das naive Menschenkind, das etwas Schönes und Reines darstellen wollte und dabei auf die Nase fiel?“ Derselbe Blick könnte aber auch bedeuten: „Ich habe es ihr doch gleich gesagt, sie wollte ja nicht auf mich hören!“ Hat dieser Engel vielleicht versucht, das Himmlische auf der Erde und das Ideale in der rauen Wirklichkeit zu beheimaten, so dass seine Wunden vergleichbar wären mit den Wunden Christi? Oder haben wir ein Bild vor uns, das die Menschheit insgesamt darstellt, den Menschen „an sich“, der als Ebenbild Gottes zu Hohem berufen ist, der die Bestimmung hat, sich über das Primitive und Animalische hinaus zu erheben zu Reinheit, Heiligkeit und Güte – und der für den Versuch, dieser Bestimmung zu entsprechen, regelmäßig abgestraft wird? Ist das der Idealismus, der immer auf die Nase fällt? Ist das Mädchen ein zweiter Ikarus, der der Sonne zu nahe kam, dabei erblindete und abstürzte, weil er zu hoch hinaus wollte und sich zu viel vornahm? Haben wir ein Sinnbild des Menschen vor uns, der gut sein möchte und sich dabei immer wieder eine blutige Nase holt? Der zarte Engel repräsentiert alle Tugenden, deren Menschen fähig sind. Und doch hat ihn die Realität unsanft auf den Boden zurückgeholt. Ein Misserfolg hat ihm die Flügel gestutzt. Der hintere Träger aber fragt uns, warum das so sein muss. Warum siegen in dieser Welt immer wieder die Skrupellosen, die Zyniker, Spötter und Gewalttäter, während man die Sensiblen verletzt nach Hause trägt? Warum kommen die Boten des Himmels immer so arg herunter, dass am Ende ihr strahlendes Gewand im Dreck der Straße schleift? Warum ist das Böse in dieser Welt so mächtig – und das Gute so hilflos? Unser Bild gibt auf all das keine Antwort. Der Maler gibt nicht vor, die Antwort zu kennen. Es erzählt seine Geschichte bewusst mit vielen Lücken. Die Stimmung des Bildes ist aber umso eindeutiger. Und sie kann darum unsere persönliche Geschichte in sich aufnehmen, wenn auch die Enttäuschungen enthält, Verluste, Selbstvorwürfe und stillen Zorn. Ja, gerade wenn wir traurig sind und Enttäuschung mit uns tragen wie eine offene Wunde, können wir einstimmen in die verhaltene Klage dieses Bildes – dass doch etwas ganz grundsätzlich nicht stimmt mit dieser Welt. Denn so wie auf diesem Bild niemand eine glückliche Figur macht, so geht es ja bei nüchterner Betrachtung auch uns. Auch wir sollten eigentlich Gottes Boten sein! Wir sollten einander zum Segen sein, sollten einander den Frieden bringen, Hilfe und Gerechtigkeit, Wärme und Güte. Aber gerade dort, wo einer seine besten Seiten zu zeigen versucht, stößt er sich oft wund an dieser Welt und erleidet persönliche Niederlagen. Gerade die Besten kommen regelmäßig unter die Räder. Und die Anderen, die sich gar nicht erst getraut haben idealistisch zu sein, stehen schuldbewusst daneben. Denn viele wagen nicht, Engel zu sein. Und die wenigen, die es ernsthaft versuchen, scheitern oft kläglich. Am Ende aber hat das Leben beide verwundet. Einer trägt den anderen zum Arzt und letztlich auf den Friedhof – weil es wieder einmal nicht glücken wollte. In jedem Menschen versuchen Himmel und Erde so harmonisch zusammenzukommen wie in einem Engel! Denn jeder von uns ist berufen, als Gottes Ebenbild etwas widerzuspiegeln von der Weisheit, Liebe und Gerechtigkeit seines Schöpfers. Und doch hat am Ende seines Lebens keiner auch nur die Hälfte davon verwirklicht. Keiner kann halten, was der Himmel sich von ihm versprach, und keiner kann so lange bleiben, bis es ihm gelingt. Keiner bringt sein Leben zu Ende, ohne Schuld auf sich zu laden. Und gerade die Besten kommen mit gebrochenen Flügeln nach Haus. Vergänglich und vergeblich scheint dann unser Streben, wenn Krankheiten uns das Gefieder zerzausen und wir unvollendet dem Tod entgegengehen. Denn so ziemlich das Beste, was wir in diesem Leben werden können, ist ein verwundeter Engel. Und das Zweitbeste ist ein handfester Kerl, der verwundete Engel aufsammelt und nach Hause trägt. Doch wenn das so ist, in dieser Welt – wenn hier gerade die Besten unter die Räder kommen, so dass kein Engel ungeschoren davonkommt – was machen wir dann mit dieser Einsicht? Haben wir dann nicht allen Grund, dieses Erdenleben mit Skepsis zu betrachten und nur ein Provisorium darin zu sehen, weil wir hier doch niemals sein können, was wir sein sollen? Und müssen wir dann nicht nach einer anderen Welt fragen, in der Engel nicht fremd, deplatziert und gefährdet, sondern heimisch sind? Müssen wir nicht nachdrücklich die himmlische Welt herbeisehnen, in der jener peinliche Widerspruch zwischen dem, was wir sein sollten, und dem, was wir sind, endlich aufgehoben wird? Müssen wir nicht ungeduldig auf den Tag warten, da Gottes Boten überall willkommen sind, da die Sanftmütigen nicht mehr zu den Verlierern zählen, sondern das Erdreich besitzen, die Barmherzigen Barmherzigkeit erlangen, und alle, die reinen Herzens sind, Gott schauen (Mt 5,3-10)? Tatsächlich kommt dieser Tag – es kommt jene Welt. Und allein dieser Glaube bewahrt uns vor zu großer Melancholie. Denn das Diesseits schreit förmlich nach einem Jenseits. Das Unrecht dieser Welt stinkt zum Himmel. Und der droben ist, wird’s dabei nicht belassen. Unsere heutige Welt ist so skurril und so traurig wie dieses Bild. Und wer um die wahre Bestimmung des Menschen weiß, muss darüber enttäuscht und zornig sein. Unsere Friedhöfe sind voll von Menschen, die ihre Ideale begruben, bevor man mit ihnen dasselbe tat. Der stille Schmerz, den unser Bild ausdrückt, ist die Signatur der unerlösten Welt. Doch Gott schaut sich nicht unbegrenzt an, wie seine Engel barfuß über Dornen gehen. Er passt auch seine Kinder nicht dieser trüben Welt an, sondern wird diese Welt passend machen für seine Kinder. Denn Gott hat uns und alle Welt dazu bestimmt, mit hineingezogen zu werden in die Auferstehung seines Sohnes, in seine Lebendigkeit, Gerechtigkeit und Heiligkeit. Und wie es die Offenbarung sagt, wird Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, in der keinem Engeln mehr Unheil droht: „...er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“ (Offb 21,3-4). Unsere Welt hat heute einen schwarzen Trauerrand, ein böser Riss geht mitten durch sie hindurch. Doch Gott wird’s dabei nicht belassen. Zur rechten Zeit wird er die Dunkelheit vertreiben. Und dann wird sich, wer in diesem Leben etwas verloren hat, in der Gemeinschaft Gottes hundertfach entschädigt finden. Wer in der Zeit gelitten hat, wird feststellen, dass dies in der Ewigkeit nicht mehr ins Gewicht fällt. Und die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die sind dann satt. Die Barmherzigen haben Barmherzigkeit erlangt. Und die Sanftmütigen besitzen das neue Erdreich. Die Verfolgten haben dann Ruhe gefunden. Und die Friedfertigen freuen sich ohne Ende, weil sich im Himmel aller Streit erübrigt. Die Hoffnung hat dann aufgehört, weil sich alles erfüllte, was Gott versprach. Und das Predigen kann aufhören, weil die Erkenntnis Gottes alles überflutet. Fragen und Zweifel hören auf, weil alle Rätsel gelöst sind. Und nur die Liebe hört nicht auf, weil sie bleiben wird in Ewigkeit. All das hat Gott zugesagt, wir dürfen fest damit rechnen. Wenn wir aber nicht wissen, wann es so weit ist – was können wir bis dahin tun? 

Nun, ich schlage vor, dass wir uns in der Zwischenzeit die Kinder auf Simbergs Gemälde zum Vorbild nehmen, indem wir nach Unschuld und Reinheit streben – oder wenigstens der Unschuld beistehen, wenn sie mal wieder unter die Räder kam. Vielleicht versuchen wir den Engel in uns zu wecken und probieren es mit Sanftmut, Liebe und Wahrhaftigkeit! Wenn aber nicht, können wir immerhin das Zweitbeste tun und den verwundeten Engeln beistehen, die versucht haben, was wir nicht wagten, und dabei verletzt wurden. Wer immer für Gottes Wahrheit eintritt, wird in dieser Welt Verfolgung erleiden und man wird ihn zu einem Mühseligen und Beladenen machen. Für jeden aufrechten Menschen steht in dieser Welt ein Kreuz bereit, denn es kann uns darin ja nicht besser gehen als unserem Herrn! Es ist auch völlig in Ordnung und ist ehrenhaft, wenn wir uns in der Nachfolge Jesu einen gebrochenen Flügel holen. Wenn’s dazu aber nicht reicht, können wir uns zumindest derer annehmen, denen es so gegangen ist. Wir können die aufsammeln, die sich an dieser Welt und ihrer Gemeinheit wund gestoßen haben. Wir können ihnen eine provisorische Trage bauen, ihre Wunden verbinden und sie nach Hause schaffen. Im Krieg zwischen Gut und Böse braucht man Sanitäter für die vielen geschundenen Seelen. Und deren tapfere Ausdauer erwächst daraus, dass sie fest auf Gottes Zusagen vertrauen. Denn das Leid dieser Welt schreit zwar zum Himmel. Unser Gott aber ist keineswegs taub, sondern kommt, um die Tränen zu trocknen. Er kommt mit Legionen von Engeln, die robuster sind als der auf unserem Bild. Und er lässt der Tragik nicht das letzte Wort. Dass wir aber im Vertrauen darauf unseren Frieden finden und in der Zwischenzeit für die verwundeten Engel unser Möglichstes tun – dazu helfe uns der, der allmächtig ist und barmherzig und ein Gott voller Trost!