JESUS CHRISTUS

 

 55 • Gottes Verborgenheit, Offenbarung und Menschwerdung

Warum soll Jesus so wichtig sein?

Gott begegnet uns nicht nur in Jesus Christus, aber er begegnet uns nur in Jesus

Christus so, dass wir ihn begreifen können. Denn Gottes Offenbarung in Natur

und Geschichte ist so zweideutig, dass wir aus ihr nicht entnehmen können, ob

Gott zuletzt unser Freund oder unser Feind sein will. Erst in Christus - und

nur in Christus - wird Gottes Heilswille eindeutig erkennbar und greifbar, so

dass Christen sagen: Einen anderen Gott als den Menschgewordenen kennen, wollen und verehren wir nicht.

 

56 • Das Wunder der Jungfrauengeburt

Muss man daran glauben?

Wenn Christen bekennen, Christus sei „empfangen durch den Heiligen Geist“ und „geboren von der Jungfrau Maria“, so gilt ihr Interesse nicht gynäkologischen

Besonderheiten der Mutter Jesu. Vielmehr wendet sich dieses Bekenntnis gegen

jeden Versuch, Christus aus einer Familie, einem Volk oder einer religiösen

Entwicklungsgeschichte „herzuleiten“. Nicht die Menschheit hat den Erlöser der

Menschheit „hervorgebracht“, sondern Gott Vater hat seinen Sohn zu uns gesandt.

 

57 • Gotteserkenntnis und Dreifaltigkeit

Was besagt es, dass Jesus Gottes „Sohn“ ist?

Wenn Jesus „Gottes Sohn“ genannt wird, dann ist damit kein „Verwandtschafts-verhältnis“ gemeint. Vielmehr bringt dieses Bekenntnis zum Ausdruck, dass Vater und Sohn gleichen Wesens, gleicher Würde und gleichen Willens sind. Zwischen ihnen steht ein Gleichheitszeichen. Für den Gläubigen aber, der dieses Gleichheitszeichen sieht und anerkennt, ist es der Schlüssel zu aller wahren Gotteserkenntnis: Weil er den Sohn vom Vater, und den Vater vom Sohn her versteht, wird Gott nie mehr ein rätselhafter Unbekannter für ihn sein.

 

58 • Christi zwei Naturen

Gott und Mensch zugleich – geht das überhaupt?

Die Kirche entspricht dem Zeugnis der Bibel, indem sie Christus zugleich als

„wahren Menschen“ und „wahren Gott“ bekennt. Wie sich beide „Naturen“ in der

Person Christi vereinen konnten, übersteigt unseren Horizont. Aber wir vermögen

einzusehen, dass diese Vereinigung nötig war: Wie eine Brücke auf beiden Ufern

des Flusses aufruhen muss, um sie zu verbinden, so musste Christus ganz zu

Gottes und ganz zu unserer Welt gehören, um zwischen Himmel und Erde eine

Brücke schlagen zu können.

 

59 • Der „historische“ Jesus

War er vielleicht ganz anders?

Oft wird gesagt, das Neue Testament zeige nicht den „historischen Jesus“, sondern nur den „geglaubten Christus“. Doch wie sollten beide unterscheidbar sein? Weder kann man den Evangelisten aus ihren eigenen Schriften (!) beweisen, dass sie sich mit ihrer Christologie zu Unrecht auf Jesus berufen, noch kann man aus ihren eigenen Schriften (!) beweisen, dass sie es zu Recht tun. Wir haben keinen Zugang zu einem „historischen Jesus“, brauchen aber auch keinen. Denn der Jesus, den die Christenheit kennt und braucht, ist der biblische Christus.

 

60 • Das Heilswerk Christi im Überblick

Was war seine Lebensaufgabe und sein Ziel?

Das Heilswerk Jesu Christi umfasst seinen gesamten Lebensweg und hat mehrere Dimensionen, die eng miteinander verknüpft sind: (1.) wird er Mensch, um den Verlorenen hilfreich nahe zu kommen, (2.) offenbart er ihnen die Liebe Gottes, (3.) verbindet er sich unlöslich mit den Gläubigen, (4.) stirbt er

stellvertretend für sie am Kreuz, (5.) sühnte er durch sein Opfer ihre Schuld,

(6.) zahlt er das Lösegeld, um sie von allen Mächten freizukaufen, und (7.) überwindet er in der Auferstehung all ihre Feinde. Ja: „Christus erkennen bedeutet, seine Wohltaten zu erkennen!“

 

61 • Menschwerdung und Liebe Gottes

Was gibt es an Weihnachten zu feiern?

Indem Gott Mensch wird, macht er unsere Probleme zu seinen. Er teilt unser Schicksal und beugt mit uns den Rücken unter die Last, die wir uns aufgeladen haben. Er stellt sich vor die, die für sich selbst nicht geradestehen können. Und er tut das in dem vollen Bewusstsein, dass er wenig später auf Golgatha den Kopf für uns hinhalten wird. Trotzdem kommt er hinein in unsere verfahrene Situation. Und man könnte denken, das sei tragisch für ihn. In Wahrheit aber ist es tragisch für die Situation. Denn sie kann nun nicht bleiben, wie sie ist. Wenn Christus unsere Not auf sich nimmt, ist das der Anfang vom Ende dieser Not.

 

62 • Unser Schmutz und Jesu Reinheit

Warum durchlief Gott ein irdisches Leben?

Gott durchlief ein irdisches Leben, um an unseren Lasten teilzuhaben, sie mit uns zu tragen und für uns zu überwinden. Er ging in unseren Schuhen, machte unsere Not zu seiner Not und ersparte sich weder Blut noch Schweiß oder Tränen. Doch weil er unsere Lage teilt, ist sie nun nicht mehr aussichtslos. Christi Weg ist so mit unserem verschmolzen, dass sich seine Kraft über kurz oder lang gegen unsere Schwäche durchsetzen und seine Reinheit über unseren Schmutz siegen wird. Denn der Menschgewordene versenkt unsere Not tief hinein in seine Liebe.

 

63 • Die Nähe des Reiches Gottes

Welche Botschaft hat Jesus verkündet?

Ins Zentrum seiner Verkündigung hat Jesus das Reich Gottes gestellt. Er predigt vom Reich, weil es nahe herbei gekommen ist. Er erzählt davon in höchst dynamischen Gleichnissen. Und er fordert von seinen Jüngern, für das Kommende radikal offen und bereit zu sein. Jesus knüpft die Nähe des Reiches unmittelbar an seine Person. Seine Wunder machen anschaulich, welche Freiheit damit anbricht. Die Bergpredigt zieht die ethischen Konsequenzen. Und auch das Kreuz Christi ist direkt auf das Reich bezogen, weil es Sündern den Zugang ermöglicht.

 

64 • Naturgesetz, Wunder und Freiheit Gottes

Muss man glauben, was so unwahrscheinlich klingt?

Die Wundertaten Jesu laufen den uns bekannten Gesetzmäßigkeiten zuwider und irritieren uns darum. Doch gerade in der Irritation liegt ihre Botschaft: Wo

Jesus Christus ins Spiel kommt, muss nicht alles bleiben, wie es immer war und

der fatale Lauf der Welt ist nicht mehr unabänderlich. Krummes kann durch ihn

gerade und Totes lebendig werden. Darum glauben Christen nicht unbedingt alle

Mirakel der Vergangenheit - aber sie glauben, dass Gott jederzeit frei ist,

unser Geschick zum Guten zu wenden.

 

65 • Das konsequente Vertrauen Christi

Waren unglückliche Umstände schuld an seinem Tod?

Jesu Tod war kein Justizirrtum und kein tragisches Missverständnis, sondern eine direkte Folge seines kompromisslosen Lebens. Jesu Grundüberzeugung war, dass der, der Gott gehorcht und sich ihm vertrauensvoll in die Arme wirft, von Gott aufgefangen wird. Er machte den Selbstversuch, lebte sein Programm, blieb auf Kurs, wurde dafür gehasst – und das, wovon er überzeugt war, wurde ihm zum Schicksal. Die Welt schlug ihn ans Kreuz. Aber Gott erweckte ihn auf. Und der Beweis ist damit erbracht: Radikales Gottvertrauen ist nicht Wahnsinn, sondern Weisheit.

 

66 • Das Kreuz Jesu Christi

Wollten Menschen seinen Tod – oder wollte ihn Gott?

Die Kreuzigung Christi war kein Justizirrtum und kein Missverständnis, sondern eher eine Kampfhandlung. Christus war ein Opfer der Menschheit, die sich dem

Anspruch Gottes entziehen wollte, indem sie seinen Repräsentanten aus der Welt schafft. Und Christus war zugleich ein Opfer Gottes, der ihm als Reprä-sentanten der Menschheit diesen Tod zugemutet hat. Erst von Ostern her erschließt sich der Sinn dieses schrecklichen Vorganges: Gottes Sohn ging durch die Hölle, damit wir es nicht müssen.

 

67 • Gottes Zorn, unsere Schuld und Christi Kreuz

Warum sagt man, Christus sei „stellvertretend“ gestorben?

Gott befindet sich der sündigen Menschheit gegenüber im Zwiespalt: Die Gerechtigkeit Gottes fordert, die Sünde durch Vernichtung der Sünder aus der Welt zu schaffen. Die Liebe Gottes aber bejaht auch die Geschöpfe, die sich vom

Schöpfer abkehren. Durch das Leiden Christi wird Gott beidem gerecht und

vereint Sühne mit Bewahrung: Gott selbst nimmt die Strafe auf sich, die wir

verdient haben. Er stirbt unseren Tod, damit wir leben. Er lässt sich verwerfen, damit wir nicht verworfen würden.

 

68 • Christi Sühnetod und unsere Erlösung

Wäre Versöhnung ohne das Kreuz möglich gewesen?

Warum Gott Mensch wurde und am Kreuz starb? (1.) bestand die Notwendigkeit der Erlösung, um Gottes Plan zum Ziel zu führen. Und (2.) konnte die Erlösung nicht stattfinden, ohne dass eine entsprechende Sühne vorausging. (3.) vermochte niemand diese Sühne zu leisten außer Gott. Und (4.) sollte niemand die Sühne leisten außer dem Menschen, der den Schaden verursacht hat. Daraus folgt aber unausweichlich (5.), dass derjenige, der die Sühne wirklich leistet, Gott und Mensch zugleich sein muss (freie Bearbeitung eines Werkes

des Anselm v. Canterbury).

 

69 • Die Selbstdurchsetzung der Liebe

Wurde Gottes Liebe am Kreuz erkauft – oder zahlte sie den Preis?

Der Kreuzestod Jesu wäre missverstanden, wenn man annähme, Gottes Sohn habe durch das Opfer seines Lebens die Liebe Gottes erst erkauft oder herbei-geführt. Es ist nämlich weder so, dass ein liebloser und zorniger Gott durch das Kreuz erst Liebe lernen musste, noch verhält es sich so, dass Vergebung ohne das Kreuz möglich gewesen wären. Vielmehr hat Gottes Liebe im stellvertre-tenden Tod Jesu den einzig möglichen Weg gefunden, um sich gegen Gottes sehr berechtigten Zorn durchzusetzen. Aus Liebe litt Gott lieber selbst, als uns leiden zu sehen.

 

70 • Jesus Christus am Tiefpunkt

Ging er durch die Hölle?

Die Hölle, die Menschen einander auf Erden bereiten, stellt alles in den Schatten,

was man früher als „jenseitige“ Hölle erwartete. Und so wird eine alte Lehre

neu bedeutsam: Christus ist nach seinem Tod hinabgefahren an den Ort der

Verdammten, um auch ihr Bruder zu werden, ihre Verdammnis mit ihnen zu tragen und ihnen das Evangelium zu verkünden. Wenn aber der Arm der Liebe Gottes bis in die Hölle hinabreicht, ist das der Anfang vom Ende der Hölle. Denn Christus ist des Teufels Teufel.

 

71 • Christi Kampf und Sieg

Was habe ich davon, dass er auferstand?

Das Leben ist ein Kampf, in dem sich der menschliche Wille zum Leben gegen den Tod zu behaupten sucht. Ob aber dies tägliche Ringen Sinn macht, hängt davon ab, ob es ein - aufs Ganze gesehen - gewinnbarer oder schon verlorener Kampf ist. Christen glauben Ersteres, denn die Auferstehung Christi ist der entscheidende Sieg, der den Ausgang des ganzen Krieges vorwegnimmt: Seither gewinnen die Mächte der Finsternis zwar noch einzelne Schlachten. Aber sie gewinnen nicht mehr den Krieg.

 

72 • Ostern unverkürzt

Lebt der Auferstandene nur in uns – oder leben wir in ihm?

Dass Jesus auferstand, besagt nicht bloß, dass er eine bis heute lebendige

Wirkungsgeschichte hat und „in uns weiterlebt“ – so als wäre unser Herz sein

letzter Zufluchtsort. Sondern Auferstehung heißt umgekehrt, dass wir in ihm

weiterleben. Nicht wir halten ihn lebendig, indem wir in seinem Sinne handeln

und glauben, sondern er hält uns am Leben, indem er sein erlösendes Werk an uns tut. Jesus Christus ist nicht auf uns angewiesen, wir aber sind darauf angewiesen Glieder seines Leibes zu sein, denn nichts hat Zukunft, was nicht geborgen wäre in ihm.

 

73 • Leeres Grab und historische Kritik

Leibliche Auferstehung – kann das wahr sein?

Die moderne Infragestellung der Auferstehung Christi beruht im Wesentlichen auf

weltanschaulichen und historisch-methodischen (Vor-) Urteilen, die diesen Vorgang von vornherein „undenkbar“ erscheinen lassen. Dagegen ist geltend zu machen, dass Gott kein Gefangener der von ihm geschaffenen Gesetz-mäßigkeiten ist. Der Anstoß, den die Freiheit des Schöpfers unserem Denken bereitet, ist im biblischen Gottesbegriff selbst enthalten und könnte nur mit ihm gemeinsam beseitigt werden.

 

74 • Auferstehung als Aufhebung

Was unterscheidet Auferstehung von „Wiederbelebung“?

Auferstehung meint mehr als nur die Wiederbelebung eines Verstorbenen. Sie lässt ihn nicht in sein altes, vergängliches Leben zurückkehren, sondern ist in dreifachem Sinne als „Aufhebung“ zu verstehen. Das Leben wird (1.) „auf-gehoben“ im Sinne von „abgeschlossen, beendet, nicht fortgesetzt“, (2.) im Sinne von „bewahrt, geschützt, nicht preisgegeben“ und (3.) im Sinne von „hinauf-gehoben auf ein höheres Niveau“. Alle drei Aspekte sind zu beachten, wenn man von Jesu Auferstehung spricht. Sie werden aber genauso unsere eigene Auf-erstehung prägen.

 

75 • Himmelfahrt und Herrschaft Christi

Hat sich Christus aus der Welt zurückgezogen?

Es könnte scheinen, Himmelfahrt sei ein Trauertag für die Jünger, weil Jesus von

ihnen Abschied nimmt und sich entfernt. In Wahrheit aber ist Christus, nachdem

er zum Himmel aufgefahren ist, seinen Jüngern näher als zuvor. Denn früher war

er immer nur hier oder dort. Seit er „zur Rechten Gottes“ sitzt hat er Teil an

Gottes Allgegenwart und übt die Herrschaft aus, die ihm der Vater übertragen

hat. Ein schrecklicher Gedanke ist das für seine Feinde, Freude und Trost aber

für alle Gläubigen.

 

Jüngerschaft und Nachfolge 

Ging Jesus seinen schweren Weg, damit wir ihn auch gehen? Oder ging er ihn stellvertretend für uns, damit wir das nicht müssen? Wohl folgt ein Jünger seinem Vorbild. Aber die Erlösten werden nicht zu Erlösern, wie der Lehrling einmal zum Meister wird. Der im Guten Vorangehende bahnt und ebnet für alle Nachfolgen-den den Weg, so dass sie ihn in seinem „Windschatten“ bewältigen können. Jesus vertritt uns im Beseitigen der Hindernisse. Die Stellvertretung geht aber nicht so weit, dass er uns auch noch das Laufen abnähme!