DER MENSCH

 

 45 • Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde

Was ist das Wesen und die Bestimmung des Menschen?

Der Mensch ist dazu bestimmt, Gottes Ebenbild zu sein. Doch ist dies nicht als

„Gottähnlichkeit“ misszuverstehen. Gemeint ist vielmehr eine gegenbildliche

Entsprechung wie sie zwischen Siegelring und Siegelabdruck besteht: Der Mensch ist bestimmt, zu empfangen, wo Gott schenkt, zu gehorchen, wo Gott befiehlt, zu folgen, wo Gott ruft. Bisher verfehlen alle Menschen dieses Ziel, bis auf einen: Jesus Christus ist das wahre Ebenbild Gottes und dadurch der Maßstab des wahrhaft Menschlichen.

 

Die Stellung des Menschen in der Schöpfung

Die Natur weiß nichts von ihrer Herrlichkeit und hat keine Sprache, um ihren Schöpfer dafür zu preisen. Der Mensch aber ist mit Bewusstsein, Sprache und Verstand auf Gott hin geschaffen. Und weil nur er die Möglichkeit hat, Gott ange-messen zu danken, ist er auch dafür verantwortlich, dass es geschieht. Allein der Mensch als Ebenbild Gottes ist dem Schöpfer nah genug, um in eine bewusste Beziehung zu ihm zu treten. Und diese Gottesbeziehung macht darum den ei-gentlichen Sinn des menschlichen Lebens aus.

 

46 • Sünde

Was soll das sein?

Sünde ist kein äußeres Fehlverhalten, sondern ist zuerst ein seelischer Schaden. Er besteht in der egozentrischen Unterstellung, (nicht Gott, sondern) wir selbst

seien der Mittelpunkt der Welt und das Maß aller Dinge. Dieser Grundirrtum, die

eigene periphere Stellung mit der zentralen Stellung Gottes zu verwechseln,

führt dazu, dass wir unseren Willen dem Willen der Mitmenschen und dem Willen

Gottes überordnen. Und daraus resultiert alles, womit wir einander das Leben

zur Hölle machen.

 

47 • Anmaßung und Egozentrik

Warum verfehlt der Mensch seine Bestimmung?

Sünde ist nicht in erster Linie unmoralisch, sondern zuerst und vor allem sinnlos.

Sie ist der tragische Irrtum eines Geschöpfes, das sein Verhältnis zu Gott

missversteht und darum meint, es könne oder solle von sich selbst oder von der

Welt leben. Der Sünder erwartet vom Stückwerk, was vernünftigerweise nur vom

Vollkommenen erwartet werden kann. Er maßt sich an, auch abgesehen von Gott

etwas zu sein, verkennt damit seine Lage und zieht falsche ethische Konse-quenzen. Der Grund ist aber immer, dass er von Gott zu gering denkt und

von sich selbst zu groß.

 

48 • Eigennutz und Selbstlosigkeit

Ist der Mensch wirklich so schlecht?

Ob ein Mensch „gut“ ist, bemessen wir nicht am Effekt seiner Taten, sondern an den Motiven seines Willens. Und wenn diese Motive eigennützig sind, können wir den Willen nicht „gut“ nennen. Doch wann handelten wir wirklich „selbstlos“?

Gewöhnlich tun wir das Gute nicht um seiner selbst willen, sondern weil es sich

in irgendeinem Sinne für uns „lohnt“. Was heißt das aber anderes, als dass wir

schlecht sind? Solange wir Gründe brauchen, um das Gute zu wollen, sind wir

fern vom Guten, denn dem Guten wäre es Lohn genug, dass das Gute geschieht.

 

  Erbsünde

   zum Text  

Der Begriff „Erbsünde“ ist ein unglücklich gewählter Ausdruck dafür, dass Sünde kein punktuelles, individuelles und vorübergehendes Versagen ist, sondern ein umfassendes, alles durchdringendes und dauerhaftes Verhängnis. Unvermeidlich ist die Sünde, weil wir (1.) vor allem unsere eigenen Nöte spüren, weil wir (2.) unseren Lebensbedarf Anderen streitig machen müssen und (3.) – um unsere Schwäche und Sterblichkeit wissend – in ständiger Sorge leben. Weil das für alle Menschen gilt, ist Sünde kein Merkmal, das die „bösen“ von den „guten“ unter-scheiden würde, sondern der Normalzustand aller, die in diese Welt geboren werden.

 

49 • Die Sinnlosigkeit des Bösen

Wo hat das Böse seinen Ursprung?

Wie kommt das Böse in Gottes gute Schöpfung? Manche Gelehrte versuchen, das Rätsel zu lösen, indem sie dem Bösen einen Sinn abgewinnen und ihm einen Nutzen beilegen. Doch verharmlosen sie es damit. Denn die Natur des Bösen besteht gerade darin, für nichts gut zu sein. Es ist ein Fremdkörper im Organismus der Schöpfung, dem wir nicht „verstehend“ begegnen sollten, sondern bewusst „verständnislos“. Es hat keine Daseinsberechtigung. Und so sollten wir es auch behandeln.

 

50 • Das Böse in Person

Welche Rolle spielt der Teufel?

Man sollte den Teufel weder unterschätzen noch überschätzen – denn beides wäre ihm willkommen. Wo man ihn nicht ernst nimmt, weil man ihn für ein Fabelwesen hält, da hat er leichtes Spiel. Wo man ihn aber zu ernst nehmen wollte, da täte man ihm zu große Ehre an, die der ewige Verlierer nicht verdient. Halten wir uns besser in der Mitte. Und halten wir uns vor allem nahe bei Christus. Denn eine Gefahr ist er nur, wo wir uns von Christus entfernen. Satan will versuchen, verklagen und verderben. Christus aber ist des Teufels Teufel.

 

51 • Gottes Wille

Geschieht er nach dem Sündenfall nicht mehr?

Wir bitten nicht „Dein Wille geschehe“, weil Gott derzeit nur den Himmel regierte.

Nein: Gottes Wille geschieht auch auf der Erde. Doch bitten wir, dass Gottes

Wille auch auf Erden in der milden und heilvollen Weise geschehen möge, wie er

jetzt schon im Himmel geschieht. Noch zwingt die menschliche Bosheit Gott,

gegen seinen eigentlichen Willen hart zu sein. Noch sträubt sich die Erde und

beugt sich seiner Hand nur unwillig und unter Schmerzen. Wenn aber Gottes Reich anbricht, wird diesbezüglich zwischen Himmel und Erde kein Unterschied mehr sein.

 

52 • Gottes Gericht in der Zeit

Hat Gott aufgehört, menschliches Unrecht zu strafen?

Gottes Gericht besteht oft darin, dass er uns in unserem törichten und bösen Tun nicht aufhält, sondern (statt einzugreifen), uns einfach den Konsequenzen unseres Tuns überlässt. Denn meist gebärt die Sünde selbst das Übel, das sie verdient. Das ist hart, aber gerecht. Darum hadert der Glaube nicht mit Gott, sondern beugt sich seinem Gericht, zumal er ja weiß, wohin ihn Gottes raue Pädagogik führen soll: Er soll endlich bleiben lassen, was ihm und anderen zum Schaden gereicht, und soll lernen, zu wollen, was gewollt zu werden wert ist.

 

53 • Gottes Gebote

Leben wir nicht danach?

Gottes Gesetz ist die „Hausordnung“, die der Schöpfer seiner Schöpfung gegeben hat. Ihre Notwendigkeit und Güte müsste eigentlich jeder einsehen. Für uns Sünder allerdings, die wir das geforderte Gute nicht vorbehaltlos bejahen, wird das Gesetz zur Bedrohung, weil es unser Versagen schonungslos aufdeckt. Die Einsicht in das eigene Versagen ist aber in Wahrheit ein Gewinn: Das Gesetz

zwingt uns dadurch, nicht auf die eigene Moralität, sondern auf die Gnade

Gottes zu vertrauen.

 

54 • Desillusionierung, Selbsterkenntnis und Buße

Was nützt mir Gottes Gesetz?

Unser Scheitern an Gottes Geboten verdirbt uns die Lust daran. Denn Gottes Gesetz scheint für nichts anderes zu taugen, als dass es unser Versagen aufdeckt. Es ist der Eisberg, an dem die „Titanic“ menschlicher Selbstsicherheit zerschellt. Doch ist das in Wahrheit gut so! Denn was da zerbricht, war eine Illusion. Erreicht der Schiffbrüchige aber das Rettungsboot, das man Kirche nennt, und schlüpft bei Christus unter, so kommt er unter Jesu Führung an das Ziel, zu dem ihn seine „Titanic“ (sein stolzes Bemühen um Vervollkommnung) niemals hätte bringen können.