Die blutflüssige Frau

Der Bericht von der „blutflüssigen Frau“ gehört zu den Wundergeschichten, über die Männer oft hinweglesen, weil’s ja um so ein „Frauending“ geht. Es steckt aber doch mehr darin. Und so schauen wir nochmal genauer, was Markus schreibt (Mk 5,25-34). „Da war eine Frau, die hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren und hatte viel erlitten von vielen Ärzten und all ihr Gut dafür aufgewandt; und es hatte ihr nichts geholfen, sondern es war noch schlimmer mit ihr geworden.“ Nun, Frauen können sich besser vorstellen, was so eine Krankheit bedeuten muss – so eine nie endende Regelblutung. Aber auch Männern ist wohl klar, dass es unter den hygienischen Bedingungen jener Zeit schwer gewesen sein muss, mit unaufhörlichen Blutungen zu leben. Und erschwerend kommt hinzu, dass diese spezielle Erkrankung religiöse und soziale Folgen hatte. Denn nach alttestamentlichem Gesetz ist eine Frau während ihrer Regel unrein. Wer unrein ist, darf an keinem Gottesdienst teilnehmen. Und wer eine Unreine berührt, wird ebenfalls für gewisse Zeit unrein, darf also nicht in den Tempel und kann auch nicht mit anderen zusammen essen, sondern muss zurückgezogen leben. Weil der Blutfluss bei jener Frau aber gar nicht endete, führte das zur sozialen Isolation. Und so kam zum körperlichen Leiden ein seelisches hinzu. Die Frau musste in der Überzeugung leben, dass sie jeden beschmutzt, den sie berührt. Und so wundert es nicht, dass sie im Laufe der Jahre ihr ganzes Vermögen zu den Ärzten getragen hat. Zwölf Jahre lang ließ sie Behandlungen aller Art über sich ergehen und gab viel Geld dafür aus. Doch statt zu helfen, haben all die Prozeduren ihr Leiden nur verschlimmert. Nun kommt aber Jesus in ihre Stadt – und die Frau sieht in ihm ihre letzte Chance. Das Gedränge um den berühmten Mann ist natürlich groß. Jeder will zu Jesus, jeder will sehen und hören, was er sagt und tut. Und die Frau darf in der Menschenmasse eigentlich niemandem zu nahe kommen. In ihrer Unreinheit darf sie am allerwenigsten Jesus berühren, den Mann Gottes! Aber in ihrem Kopf hat sich der Gedanke festgesetzt, dass ihr genau das helfen würde. Und so entschließt sie sich, es heimlich zu tun. Denn wo Jesus vorbeigeht, herrscht sowieso ein großes Gedränge und Geschiebe, so dass es keiner merken muss. Die Frau arbeitet sich in der Menge an Jesus heran, nähert sich unbemerkt von hinten und berührt nur mal schnell einen Zipfel seines Gewandes. Das hat sie ihren ganzen Mut gekostet! Aber sie spürt auch sofort die erhoffte Wirkung. Denn „sogleich,“ schreibt Markus „versiegte die Quelle ihres Blutes, und sie spürte es am Leibe, dass sie von ihrer Plage geheilt war.“ Nicht ihre Unreinheit ist auf Jesus übersprungen, sondern (wie erhofft) etwas von seiner Reinheit auf sie. Innerlich wird sie schon gejubelt haben! Doch als Jesus plötzlich stehenbleibt und sich umdreht, erschrickt sie sehr. Wahrscheinlich macht sie sich möglichst klein, um in der Menge nicht entdeckt zu werden. Aber Jesus hat gespürt, dass Kraft von ihm ausging. Er ist ja keine Batterie, die man anzapfen könnte, ohne dass er‘s merkt. Er schaut darum in die Menge und fragt: „Wer hat meine Kleider berührt?“ Seine Jünger verstehen die Frage nicht, denn während Jesus durch die ihn schiebende und drückende Menge ging, haben ihn sicher viele Körper gestreift. Sie sagen: „Du siehst, dass dich die Menge umdrängt, und fragst: Wer hat mich berührt?“ Jesus aber wartet, und der Frau wird klar, dass sie nicht länger verborgen bleiben kann. Sie ist aufgeflogen und hat kein gutes Gewissen. Denn sie hat sich ihre Heilung ja erschlichen. Sie hat Jesus Kraft geraubt, ohne ihn vorher zu fragen oder drum zu bitten! Zitternd kommt sie daher zu Jesus, fällt vor ihm nieder, gesteht die Wahrheit – und erwartet gescholten zu werden. Aber Jesus, der sehr wohl streng sein kann, ist es an dieser Stelle nicht. Sondern er sagt freundlich: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht; geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!“ Schon das ist bemerkenswert, dass Jesu sie als „meine Tochter“ anredet und damit sozusagen die Rolle eines fürsorglichen Vaters übernimmt. Aber in seinen Worten ist auch sonst keine Kritik. Denn die Frau zeigt den Mut der Verzweiflung. Sie erwartet nur noch von Jesus ganz viel, sonst aber von keinem mehr. Sie liefert sich ihm aus. Und solche Leute hat Jesus nie enttäuscht. Denn Jesu Berührung zu suchen und bei ihm Gottes Nähe zu erwarten – das ist Glaube in Reinform. Und wenn dieser Glaube sich hier nicht in geschliffenen Worten ausdrückt, sondern bloß in der etwas hilflosen Geste des Anfassens, ist das Jesus ziemlich egal. Denn auch das Anfassen ist eine Art von Bekenntnis. Und Jesus kommt es dabei nicht auf die äußere Form an, sondern auf die Entschlossenheit des Glaubens, der sich um jeden Preis irgendwie an ihn dranhängen will. Was hat das aber uns zu sagen, da wir doch das Problem mit dem Blutfluss nicht haben – und Jesus auch in keinem Gedränge berühren können? Ich meine, wir stehen der Sache gar nicht so fern. Denn man achte genau auf den Wortlaut! Jesus sagt zu der Geheilten nicht „die Berührung hat dich gesund gemacht“, sondern „dein Glaube hat dich gesund gemacht“. Und er verschiebt damit den Akzent in einer Weise, wie es die Frau nicht erwartet hatte. Sie hatte sich (etwas abergläubisch) alles von der physischen Berührung versprochen – jetzt oder nie, Jesus ist vielleicht nur einmal in meiner Stadt! Die Frau erwartet von der Berührung eine magische Wirkung und hat über ihren Glauben nicht viel nachgedacht. Für Jesus ist das Entscheidende aber nicht die körperliche Berührung, sondern entscheidend ist der Glaube jener Frau, die ihm einfach alles erdenklich Gute zutraut und es bei ihm sucht, weil er den direkten Draht zu Gott hat. Im Gedränge wurde Jesus von vielen berührt. Und ohne den Glauben waren das ganz belanglose Kontakte. Jene Berührung durch die Frau war aber Ausdruck ihres Glaubens. Und um seinetwillen folgte aus dem Anfassen des Gewandes eine spontane Heilung. Viele andere waren bloß aus Neugier herbeigeströmt. Jene Frau aber suchte Jesus mit heißem Herzen. Sie traute ihm zu, ihrem Leben eine Wendung zu geben. Und diese entschlossene Hoffnung hat Jesus nicht enttäuscht. Geholfen hat aber nicht die Geste oder die räumliche Nähe, sondern der Glaube jener Frau. Nicht ihr Finger hat sich mit einem Stück Stoff verbunden, sondern im Glauben hat sich ihre Seele mit Gott verbunden. Und das war’s, was Heilung brachte. Es war kein Automatismus, keine Magie oder Zauberei, sondern eine folgenreiche innere Nähe zu Gott, wie auch wir sie haben können! Die ließ den Funken überspringen. Und schon erfuhr die Frau die Umkehrung dessen, was sie sonst immer erleben musste: Sie hatte gelernt, dass ihre Unreinheit auf andere Menschen überfließt. Hier aber geschah das Umgekehrte, dass nämlich etwas von Jesu Reinheit auf sie überging. Nicht sie hat auf ihn abgefärbt, sondern er auf sie! Das war ihre Hoffnung und Erwartung gewesen, dass ihr persönliches Elend in der Begegnung mit Jesus den Kürzeren ziehen und verschwinden würde! Solche Zuversicht ist aber Glaube in reinster Form. Und der wird von Jesus sofort erkannt. Darum sagt er nicht „Die Berührung hat dir geholfen!“, sondern „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Und das ist tröstlich für uns, die wir Gottes Sohn ja nicht mehr in Menschengestalt über den Weg laufen, so dass wir ihn berühren könnten. Diese Gelegenheit haben wir verpasst. Gelegenheit zum Glauben ist aber immer. Und so ist wichtig zu sehen, dass Jesus jenen Satz vom helfenden Glauben auch bei anderen Wundern gebraucht (Mk 10,52; Lk 7,50; 17,19; 18,42) und überhaupt sehr oft den Glauben seines Gegenübers ins Zentrum stellt (Mk 9,23-24; Mt 8,10; 15,28). Was die Leute sagen und tun, ist sehr verschieden. Jesus aber schaut auf ihren Glauben. Und wo er den findet, enttäuscht er ihn nicht, so dass uns die blutflüssige Frau durchaus zum Vorbild werden kann. Jesu Gewand anfassen – das klappt nicht mehr. Aber entschlossen glauben – das können wir heute genauso. Denn darin gleichen sich all die Blinden und die Lahmen, die Schuldigen und Verstörten, dass sie beharrlich zu Jesus streben, weil sie von sich selbst nur noch gering denken, von ihm aber groß. „Nun denn,“ sagen sie „ich sitze in der Finsternis. Aber Jesu Licht kann meine Finsternis gewiss überstrahlen. Was ihn oben hält, ist weit mehr, als was mich herunterzieht. Und also, wenn Gottes Sohn will, dann ist der Mantel seiner Ehre weit genug, um auch meine Schande zu bedecken. Nur den Kontakt muss ich herstellen. Und selbst wenn ich mich Gottes Sohn ungeschickt nähere, wird in seiner Nähe dann doch alles richtig sein. Wenn er sich erbarmt, muss ich nicht verloren gehen. Also setzte ich alles auf diese Karte!“ Und eben das ist die Geisteshaltung, ohne die es nicht geht. Denn wir sind alle ebenso „unrein“, wie jene Frau mit ihrem Blutfluss. Wir sind es aus anderen Gründen. Aber das spielt keine Rolle. Auch so befleckt es jedes Projekt, das wir anfassen! Wenn wir aber bei Christus Anschluss finden, wenn unser Glaube zu der Hand wird, die den Zipfel seines Gewandes ergreift, dann genügt dieser Kontakt, um unsren Hals zu retten, und ein Moment reicht dann, um alles aufzuwiegen, was wir je verfehlten. Gewinnen wir Gottes Gnade, ist alles im Lot. Und erforderlich ist nur jener Glaube, der seine Chance entschlossen nutzt, der nach Jesus ruft und nach Jesus greift. Dass er aber nicht mehr von uns erwartet, als nur das – das sei ihm gedankt in Ewigkeit.
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