DIE HEILIGE SCHRIFT

 

13 • Transzendenz und Offenbarung Gottes

Wie ist Gotteserkenntnis möglich?

Weil Gott den menschlichen Horizont überschreitet, wissen wir von ihm nur, was er uns hat wissen lassen in seiner Offenbarung. Sie geschah, als Gott in den

menschlichen Gesichtskreis trat und Mensch wurde. Darum ist Jesus Christus

Grund und Grenze aller christlichen Rede von Gott: Wir dürfen nicht mehr von

Gott sagen, als wir am Leben, Sterben und Auferstehen seines Sohnes ablesen

können – aber auch nicht weniger.

 

14 • Gottes Verborgenheit und Wegweisung

Wo soll man Gott suchen?

Gott ist wie eine verschlossene Burg, die sich nur an einer Stelle für den Menschen öffnet. Durch Taufe, Abendmahl, Bibel, Gebet und Gottesdienst will Gott sich finden lassen. Hier hat er die Zugbrücke heruntergelassen. Macht es da Sinn, über die Mauer zu klettern? Nein. Darum ist der Glaube ein fröhlicher Gehorsam, der von der Bahn, die Gott ihm beschrieben hat, weder links noch rechts abweicht. Er steigt nicht zum Fenster ein, sondern er nimmt die Tür. Denn Glauben heißt, Gott dort zu suchen, wo er gefunden werden will – und nirgends sonst.

 

15 • Wort Gottes und Schriftprinzip

Warum geht’s nicht ohne Bibel?

Die Bibel ist das einzige Medium, das uns zuverlässig mit Gottes geschichtlicher

Offenbarung in Jesus Christus verbindet. Sie ist darum der verbindliche

„Originalton“, an dem sich alle späteren Interpretationen des Evangeliums und

alle Gestalten kirchlichen Lebens messen lassen müssen. Dass Menschenhände das eine Wort Gottes niedergelegt haben, ändert daran nichts: Gott bleibt der

„Autor“ hinter den biblischen Autoren, denn sie waren Instrumente seines

Geistes.

 

16 • Die Autorität der Bibel

Muss man glauben, bloß weil’s geschrieben steht?

Die Bibel leiht sich ihre Autorität weder von der Vernunft noch von der

Wissenschaft, sondern ist selbst in der Lage, ihre Botschaft Geltung zu

verschaffen, indem sie den Leser berührt, ihn wandelt und zum Glauben

überführt, niederschmettert und tröstet. Wer diese Erfahrung aber macht – wie

könnte der noch zweifeln, dass diese Worte Gottes eigene Worte sind? Keiner

glaubt der Bibel, weil man ihm vorher ihre göttliche Herkunft bewiesen hätte.

Sondern umgekehrt: Weil die Schrift uns zu Gott neu in Beziehung gesetzt hat,

darum glauben wir ihr.

 

17 • Der Inhalt der Bibel

Legen wir die Bibel aus – oder legt sie uns aus?

Es ist nicht der Gläubige, der die Bibel deutet, sondern es ist die Bibel, die den

Gläubigen deutet. Sie beschreibt nämlich den großen Zusammenhang, in den sein Dasein eingebettet ist, und verrät ihm die Intention seines Schöpfers: Gott

will trennen, was heute noch verquickt ist, will die Sünde vernichten, die

Person des Sünders aber retten. Wer davon hört, ist eingeladen, Gottes

Unterscheidung im Blick auf sich selbst mit- und nachzuvollziehen. Insofern ist

die Bibel kein Rätsel, das der Mensch lösen müsste, sondern der Mensch ist das

Rätsel, dessen Lösung die Bibel verrät.

 

18 • Die Bibel als Norm

Kritisieren wir die Bibel – oder kritisiert sie uns?

Der Glaube unterscheidet sich von anderen „Weltanschauungen“ dadurch, dass er sich nicht menschlichem Grübeln verdankt, sondern göttlicher Offenbarung.

Er ist darum an das Dokument dieser Offenbarung – an die Heilige Schrift – bleibend gebunden. Die große Versuchung der Theologie besteht darin, sich die Heilige Schrift durch „kritische“ Begutachtung, Bewertung und Interpretation gefügig zu machen. Doch dem muss widerstanden werden: Denn nicht wir richten über Gottes Wort, sondern Gottes Wort richtet über uns.

 

  Altes und Neues Testament

  zum Text   

Die verbreitete Ansicht, der Gott des Alten Testaments sei ganz „anders“ als der des Neuen, ist falsch. Denn hier wie dort erwählt Gott Menschen zu seinem Volk und schließt voller Gnade einen Bund mit ihnen. Und hier wie dort gilt, dass jene, die außerhalb des Bundes stehen, unter dem Fluch bleiben, der mit Adams Sünde begann. Der Unterschied der Testamente liegt darin, dass Jesu die Zu-gangsbedingungen ermäßigt: Der neue Bund steht auch Heiden und Gescheiter-ten offen. Aber wie Gottes Gnade dabei ungeahnte Formen annimmt, so auch sein Gericht (Offb. des Joh.!). Beide Züge treten im NT stärker hervor. Gott aber bleibt ganz derselbe.

     

19 • Historisch-kritische Exegese

Ist die Bibel Menschenwort oder Gotteswort?

Das biblische Wort ist nicht Gottes Wort allein, denn niedergeschrieben haben es

Menschen. Das biblische Wort ist aber auch nicht allein Menschenwort, denn

Menschen finden sich darin seit Jahrhunderten von Gott angeredet. Die Bibel ist

demnach Gotteswort und Menschenwort zugleich – und ähnelt darin dem, von dem sie berichtet. Denn Jesus Christus war auch Mensch und Gott zugleich, ohne dass seine menschliche Natur die göttliche aufgehoben hätte (oder umgekehrt).

 

Zwei Weisen, die Bibel zu lesen

Wie man vor einem Spiegel stehend entweder auf den Spiegel selbst, oder auf das in ihm erscheinende Spiegelbild der eigenen Person schauen kann, so kann man beim Lesen der Bibel seine Aufmerksamkeit auf das Buch als solches rich-ten, oder auf das, was man im Spiegel der Bibel über sich selbst und Gott erfährt. Beides ist erlaubt, das Zweite aber wichtiger. Denn Gott gab uns die Bibel nicht, damit wir ihre Entstehung studieren und damit den Rahmen des Spiegels von hinten betrachten, sondern damit wir vorne reinschauen und uns selbst erken-nen! 

 

20 • Gesetz und Evangelium

Was hilft gegen Hochmut und Verzweiflung?

Der Mensch neigt dazu, sich entweder stolz zu überschätzen und zu überheben oder - von solchen Höhenflügen abgestürzt - in Verzweiflung zu versinken und die Selbstachtung zu verlieren. Gott aber will uns vor beidem bewahren und gibt uns darum als „Begrenzung nach oben“ sein Gesetz (es zwingt uns zu nüchterner Selbsterkenntnis und schützt so vor aller Aufgeblasenheit) und als „Begrenzung nach unten“ sein Evangelium (auch wo wir versagen, sagt es uns Gottes Liebe zu, die uns trägt).

 

Gesetz und Evangelium – oder umgekehrt?

zum Text 

Ob das Gesetz dem Evangelium vorausgeht oder ihm nachfolgt, hängt vom Standpunkt der Betrachtung ab: Der Sünder erfährt das Gesetz als verdam-mende Zwangsordnung, vor der er zum Evangelium hin flieht. Der Gerechtfertigte hingegen, der vom Evangelium herkommt, erlebt es als gute Lebensregel, die ihn in der Nachfolge leitet. Das Gesetz nimmt dabei verschiedene Gestalt an, obwohl es sich inhaltlich nicht ändert. Es muss aber in beiderlei Hinsicht gepredigt wer-den, weil ohne den Zusammenhang mit dem Gesetz auch das Evangelium nicht so verstanden werden kann, wie es im Neuen Testament gemeint ist.

 

21 • Der Absolutheitsanspruch des Christentums

Was ist von anderen Religionen zu halten?

Die nichtchristlichen Religionen entspringen nicht einfach menschlicher Willkür und Phantasie, sondern auch sie verdanken sich dem Wirken und Sich-Bezeugen Gottes. Sie sind einem Christen darum nicht völlig fremd, sondern enthalten – unter vielen Irrtümern – manche sehr respektable Wahrheit, die man anerkennen sollte. Doch wieviel Wahrheit andere Religionen auch enthalten mögen, so fehlt ihnen ohne Christus doch der Zugang zu Gott, den sie haben müssten, um ihren Anhängern das Heil zu vermitteln. Sie kennen das Ziel. Aber sie erreichen es nicht.

 

22 • Wissenschaft, Vernunft und Zweifel

Kann die Suche nach Wahrheit von Gott entfernen?

Es liegt im Wesen des Glaubens, dass er die Wahrheit (und die vorbehaltslose Suche danach) nicht fürchten muss, ja nicht einmal fürchten kann. Denn wenn Gott der Grund aller Wirklichkeit ist, dann kann, wer den Grund aller Wirklichkeit

sucht, letztlich nichts anderes finden als Gott. Und ist Wahrheit Übereinstimmung mit Wirklichkeit, so wird sich am Ende der Glaube - die Übereinstimmung mit Gott - von selbst als die größte Wahrheit erweisen.

 

23 • Die Unerforschlichkeit Gottes

Kann Gott ein Objekt menschlicher Untersuchung sein?

Es liegt in der Natur des Menschen, dass er die Dinge verstehen will. Er erkundet

und untersucht seine Umwelt mit der Absicht, sie seinen Zwecken dienstbar zu

machen. Doch wer sich in dieser Weise Gott zuwendet, stößt an Grenzen. Denn der „Untersuchungsgegenstand“ Gott erweist sich als lebendiges Gegenüber. Und je näher man ihm kommt, desto mehr kehrt sich das Verhältnis um: Gott wird nicht erforscht und hinterfragt, erforscht und hinterfragt aber uns. Glauben heißt,

das zuzulassen – und zu erkennen, dass man von Gott erkannt ist.