Martin Luther predigend

Lucas Cranach der Ältere, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Das Bild ist sehr übersichtlich. Man erfasst die Situation mit einem Blick. Denn wir befinden uns in einem großen, ziemlich leeren Kirchenraum. Wir sehen rechts auf der Kanzel den predigenden Martin Luther. Wir sehen links die lauschende Gemeinde. Und in der Mitte steht ein großes Kreuz. Das scheint nun schon alles zu sein – der Maler hat sich weitere Details erspart. Und so meint man, mit diesem Bild schnell fertig zu werden. Doch steckt in Wahrheit mehr dahinter: 

1. Beobachtung: Das Kreuz, das wir hier sehen, steht ganz genau in der Bildmitte. Es ist unverkennbar das Zentrum dieses Gottesdienstes. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Denn in manchen katholischen Kathedralen findet man im räumlichen Zentrum den Thron des Bischofs. Und damit keiner meint, das sei nur ein katholisches Problem, will ich ergänzen, dass es auch in evangelischen Gemeinden vorkommt, dass der Geistliche ins Zentrum gerät. Es kann auch passieren, dass die Gemeinde selbst ins Zentrum des Gottesdienstes rückt, weil sie sich selbst feiert. Cranachs Bild aber ist Programm, insofern es diese Fehler konsequent vermeidet und dem Kreuz Christi die beherrschende Stellung einräumt. Cranach hat die Gemeinde ganz bewusst nach links gedrängt. Und er hat auch mit Luther keinen Personenkult getrieben, sondern hat ihn als Prediger ganz nach rechts geschoben. Gemeinde und Prediger bilden die Peripherie, Christus ist das Zentrum. Und diese räumliche Ordnung spiegelt die sachliche Ordnung, die im evangelischen Gottesdienst zu gelten hat. 

2. Beobachtung: Abgesehen vom Kruzifix herrscht in diesem Kirchenraum gähnende Leere. Es gibt da kein Inventar, sondern nur nackte Wände. Und auch diese Leere ist ein Programm und eine bewusste theologische Entscheidung. Denn Cranach hätte ja kein Problem gehabt, den Raum mit der üblichen Ausstattung zu versehen. Natürlich hätte er die Stühle malen können, Bilder und Verzierungen, Altäre und Kerzen, Chorgestühl und Lesepult, Opferstock und Taufstein. Es hätte ihm weder an Vorbildern noch an Fertigkeit gemangelt. Wenn Cranach diese Kirche aber so leerfegt, dass sie nicht mal Fenster hat, lässt er damit das Kreuz konkurrenzlos dastehen. Mehr braucht es nicht – will der Maler sagen. Wenn ihr Christus habt, habt ihr genug. Und all der fromme Plunder, mit dem die Kirche des Mittelalters ihre Gotteshäuser füllte, war schädlich, weil er von Christus ablenkte. Marienstatuen und Beichtstühle, Weihrauchkessel und Prunkgewänder, Weihwasser und Glöckchen, Deckchen und Lichtchen, goldene Engel und Bischofsstühle – wer braucht das eigentlich, wenn er Christus hat? Was kann uns das ganze Kirchenmobiliar geben, was Christus nicht gibt? Darum ist das Programm der Reformation eine Reduktion auf das Wesentliche, so wie wir es hier bildlich umgesetzt finden. Es ist genug, sagt die Reformation, wenn in der Kirche Christus schriftgemäß verkündigt, und sein Sakrament stiftungsgemäß verwaltet wird. Das ist genug, genug, genug. Und die tausend menschlichen Satzungen und Erfindungen, die das ergänzen oder aufpeppen sollen, richten nur Verwirrung an. Denn Christus braucht keine Verzierungen – er braucht nur unsere Konzentration. Wie kommen aber nun die Menschen in der Kirche vor? 

3. Beobachtung: Der Prediger, Martin Luther, ist offenbar nicht der „Star“ dieser Szene, sondern hat dienende und hinweisende Funktion. Das ist aber nicht so selbstverständlich, wie man denken könnte. Denn Cranach war ein Anhänger der Reformation und ein Bewunderer Luthers. Er hätte in Versuchung kommen können, dem Reformator ein imposanteres Denkmal zu setzen. Doch Luthers ganzes Werk bestand nun mal nicht darin, sich, sondern Christus in den Mittelpunkt zu rücken. Und genau so – in dieser zurückhaltenden, von sich weg verweisenden, dienenden Funktion – ist er hier abgebildet. Sein Gesicht ist authentisch dargestellt, denn Cranach malt dies Bild nur ein Jahr nach Luthers Tod. Und das Gewand ist einfach der Talar eines mittelalterlichen Gelehrten. Die Hände aber sagen alles, was über Luther zu sagen ist: Die Linke ruht auf der aufgeschlagenen Bibel, die der Reformator als den alleinigen Maßstab kirchlicher Lehre wiederentdeckte. Und die Rechte verweist auf den Gekreuzigten, von dem die Bibel zeugt. Dieser da, scheint Luther zu sagen, ist die Mitte der Heiligen Schrift. Schaut auf ihn – und nur auf ihn. Denn von diesem Christus redet die Bibel auf jeder Seite. Und er allein ist der Schlüssel zum Heil. Welche Bibelstelle Luther gerade aufgeschlagen hat, ist egal. Denn nach seiner Lehre ist jeder Teil der Bibel (verborgen oder offen) auf Christus ausgerichtet. Und sollte sich jemand wundern, dass Luther nicht mit einem Finger auf Christus zeigt, wie wir das gewöhnlich tun, sondern mit zweien, so ist auch das nicht ohne Grund. Denn die zwei Finger verweisen auf die zwei Naturen Christi, der wahrer Mensch und wahrer Gott ist – und nur in dieser Zweiheit der Naturen sachgemäß verstanden werden kann. Und was ist mit den Hörern? 

4. Beobachtung: Es waren für die Wittenberger Zeitgenossen durchaus vertraute Gesichter, die wir da sehen. Denn die Frau, die in der ersten Reihe sitzt, ist Katharina von Bora, die entlaufene Nonne, die Ehefrau Luthers. Und der kleine Junge im roten Mantel ist Hans Luther, der Sohn des Reformators. Die Männer aber, die im Hintergrund stehen, sind Wittenberger Bürger. Und unter ihnen sind auch die theologischen Mitstreiter Luthers zu sehen. Nicht nur die Familien haben Gottes Wort nötig, will das Bild damit sagen, sondern auch und vor allem die Theologen selbst haben es nötig. Im Übrigen ist aber schön zu sehen, wie diese Gemeinde aufrecht steht vor ihrem Gott. Die Häupter sind erhoben, und die Gesichter froh und zuversichtlich, denn sie hören ja die gute Nachricht, dass Christus für ihr Heil gesorgt hat. Keiner von ihnen muss Gottes Liebe erst noch verdienen. Keiner muss durch Wallfahrten und Ablasszettel zu seiner Erlösung beitragen. Keiner muss sich ängstlich verkrümmen unter der Drohung eines unbarmherzigen Gottes. Sondern sie alle dürfen aufrecht sein, froh und dankbar, weil Christus für sie gestorben ist und sie liebt. Diese Menschen müssen sich nicht durch gute Werke selbst erlösen – und eben deshalb sind sie innerlich frei, sich dem Hören ganz hinzugeben. Sie sind ungezwungen, sind mündige Christen in evangelischer Freiheit – finden aber trotzdem den Weg in die Kirche und sind dort ganz auf Empfang eingestellt, sind konzentriert und aufnahmebereit. Sie hören Gottes Wort – und antworten mit Gebet und Gesang. Denn evangelischer Gottesdienst ist dialogisches Geschehen zwischen Gott und Mensch, zwischen Wort und Glaube. Wenn sich aber jemand über die seltsame Stellung des Kreuzes wundert, findet er hier – im Verständnis des Gottesdienstes als Dialog – die Erklärung. Denn natürlich ist das keine reale Kirchensituation, wenn das Kreuz „quer“ zwischen Prediger und Gemeinde steht. Niemand würde eine Kirche so einrichten. Aber es geht hier auch gar nicht um die räumliche Ordnung im Gottesdienst, sondern um die sachliche Ordnung. Und die besteht darin, dass das Kreuz die Botschaft ist. Das Kreuz ist in diesem Bild kein Einrichtungsgegenstand, sondern der Inhalt der Mitteilung, die an das Ohr der Gemeinde dringt. Es ist das Wort Gottes, das von der Gemeinde in Gesang und Gebet beantwortet wird. Und um dieses dialogische Geschehen sinnfällig zu unterstreichen, verbindet das hell-weiße Lendentuch Jesu die linke Bildhälfte mit der rechten. Das Lendentuch flattert beinahe in die Horizontale, so dass es eine Verbindung herstellt zwischen dem Prediger einerseits und der Gemeinde andererseits. Das Lendentuch ist das einzige dynamisch-bewegte Element in dieser sonst so statischen Szenerie. Es weht fast wie eine Siegesfahne im Wind! Weil aber soviel Wind im Inneren einer Kirche kaum vorkommt, werden wir damit auf etwas anderes gestoßen. Denn statt um Wind geht es hier um das Wehen des Heiligen Geistes, der genau in dieser Situation zum Zuge kommt: Wo Gottes Wort verkündigt und gehört wird, wo Gemeinde und Prediger an den Rand treten, um Christus das Zentrum sein zu lassen – da weht der Heilige Geist und wirkt zum Segen aller Beteiligten. 

Was aber machen wir mit dem Bild, wenn wir das verstanden haben? Ich denke, wir sollten es zum Vorbild unsres eigenen Gemeindelebens nehmen – und als kritisches Korrektiv. Denn eine evangelische Gemeinde hat nicht um sich selbst zu kreisen – und schon gar nicht um den Pfarrer. Sie soll ihre Gottesdienste nicht mit kreativer Selbstdarstellung ausfüllen, sondern mit Gottes Wort. Denn Jesus Christus, wenn er im Zentrum steht, ist genug. Und wenn‘s jemanden nach „mehr“ verlangt, so ist der hier falsch.