Abrahams schlechteste Idee
Pharaoh Gives Sarah Back to Abraham, Isaac Isaacsz, Rijksmuseum, Public domain, via Wikimedia Commons
Es gibt eine biblische Erzählung, die weitgehend unbekannt ist, obwohl es ihr an spannenden Elementen nicht fehlt. Es geht darin um Lüge und Gewalt, um die Schönheit einer Frau, um die Feigheit ihres Ehemannes und die Begehrlichkeit eines Königs, kurz – es wäre eigentlich all der Stoff enthalten, den man braucht, um einen spannenden Kinofilm zu machen. Warum ist die Geschichte dann aber so unbekannt – und warum wird so selten drüber gepredigt? Der Grund wird wohl sein, dass darin der gute Abraham, den wir sonst als strahlendes Vorbild des Glaubens kennen, ganz schlecht wegkommt. Ja, man könnte sagen, die Geschichte ist für Abraham höchst peinlich. Denn er zeigt sich darin als Lügner und als Feigling. Und darum wird die Sache gern verschwiegen. Aber was soll’s. Ich will ihnen trotzdem nicht vorenthalten, was da geschrieben steht (1. Mose 12,10-20):
„Es kam eine Hungersnot in das Land. Da zog Abram hinab nach Ägypten, dass er sich dort als ein Fremdling aufhielte; denn der Hunger war groß im Lande. Und als er nahe an Ägypten war, sprach er zu Sarai, seiner Frau: Siehe, ich weiß, dass du eine schöne Frau bist. Wenn dich nun die Ägypter sehen, so werden sie sagen: Das ist seine Frau, und werden mich umbringen und dich leben lassen. So sage doch, du seist meine Schwester, auf dass mir's wohlgehe um deinetwillen und ich am Leben bleibe um deinetwillen. Als nun Abram nach Ägypten kam, sahen die Ägypter, dass seine Frau sehr schön war. Und die Großen des Pharao sahen sie und priesen sie vor ihm. Da wurde sie in das Haus des Pharao gebracht. Und er tat Abram Gutes um ihretwillen; und er bekam Schafe, Rinder, Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele. Aber der Herr plagte den Pharao und sein Haus mit großen Plagen um Sarais, Abrams Frau, willen. Da rief der Pharao Abram zu sich und sprach zu ihm: Warum hast du mir das angetan? Warum sagtest du mir nicht, dass sie deine Frau ist? Warum sprachst du denn: Sie ist meine Schwester –, sodass ich sie mir zur Frau nahm? Und nun siehe, da hast du deine Frau; nimm sie und zieh hin. Und der Pharao bestellte Leute um seinetwillen, dass sie ihn geleiteten und seine Frau und alles, was er hatte.“
Da ist die Episode schon zu Ende. Und sie lässt den Leser etwas ratlos zurück. Denn wer hohe Erwartungen hat an die Moralität biblischer Vorbilder, findet sich gründlich enttäuscht. Abraham ist gerade erst von Gott berufen und erwählt worden, der Stammvater eines großen Volkes zu werden. Es ist ihm versprochen, dass seine Nachfahren das Land Kanaan von Gott geschenkt bekommen und in Abraham alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und schwer genug war es, an diese großen Verheißungen zu glauben. Denn Abraham war 75 Jahre alt – und seine Frau unfruchtbar. Trotzdem macht sich das kinderlose Paar auf den Weg. Sie folgen der Aufforderung Gottes, ziehen nach Kanaan und lassen sich dort nieder. Doch statt des versprochenen Kindersegens kommt erstmal diese Hungersnot. Sie können nicht bleiben, sondern müssen nach Ägypten ziehen, in das fruchtbare Land am Nil, das noch über ausreichende Lebensmittelvorräte verfügt. Abraham muss diesen Weg gehen, wenn er nicht mit Sarah verhungern will. Zugleich ist er aber voller Angst. Denn er weiß, dass Sarah eine ungemein attraktive Frau ist. Und er weiß auch, dass die Herrscher seiner Zeit wenig Hemmungen haben, sich an ausländischen Frauen zu vergreifen. Orientalische Könige zögern nicht, einen Ehemann aus dem Weg zu räumen, wenn‘s nötig ist, um ihrem Harem eine schöne Frau zuzuführen. Wie aber sollten Gottes Verheißungen wahr werden, wenn Abraham auf diese Weise umkäme? Er hat nicht genug Gottvertrauen, um seine Angst zu meistern. Abraham will einfach nur seine Haut retten. Und darum versucht er schlau zu sein – und überredet Sarah, mit ihm gemeinsam zu lügen. Er sagt: „Siehe, ich weiß, dass du eine schöne Frau bist. Wenn dich nun die Ägypter sehen, so werden sie sagen: Das ist seine Frau, und werden mich umbringen und dich leben lassen. So sage doch, du seist meine Schwester, auf dass mir's wohlgehe um deinetwillen und ich am Leben bleibe um deinetwillen.“ Das ist eine dicke Lüge, aus nackter Angst geboren. Doch der weitere Verlauf der Ereignisse scheint Abraham Recht zu geben. Denn tatsächlich bleibt Sarahs Schönheit den Ägyptern nicht verborgen. Die Leute des Pharaos erkennen, dass sie ganz dem Geschmack ihres Königs entspricht. Und der Pharao hat keine Hemmungen, Sarah zu sich zu holen. Denn – warum sollte er zögern? Sarah gilt schließlich als unverheiratet! Und ihr vermeintlicher „Bruder“ wird um ihretwillen gut behandelt. Der Pharao lässt sich die Neuerwerbung für seinen Harem durchaus etwas kosten und entschädigt den „Bruder“ mit Schafen, Rindern, Knechten und Mägden. Abraham bleibt also nicht nur am Leben, sondern macht auch noch ein Geschäft. Und nachdem er sich einmal darauf eingelassen hat, kann er nicht mehr zurück. Nur – muss er sich angesichts der vielen Geschenke nicht gefühlt haben wie der Zuhälter seiner eigenen Ehefrau? Hat er nicht sein Leben erkauft um den Preis seiner und ihrer Ehre? Und – schlimmer noch: Hat er mit seiner Lüge nicht auch Gottes Verheißungen zunichte gemacht? Wie soll er denn noch mit Nachkommenschaft gesegnet werden, wenn er seine Frau an den Pharao verloren hat? Und – selbst wenn er sie wiederbekäme: Wäre er wohl noch würdig, der Stammvater des Gottesvolkes zu werden, nachdem er die eheliche Treue so verraten hat? Kaum hat Gottes Heilsgeschichte mit Abraham begonnen, droht sie auch schon an seinem menschlichen Versagen zu scheitern. Er wollte clever sein. Und das ging nach hinten los. Doch Gott lässt nicht zu, dass seine Pläne dadurch in Verwirrung kommen. Sondern er belegt das Königshaus mit so großen Plagen, dass der Pharao schließlich merkt, dass etwas nicht stimmt. Er entdeckt, dass er dabei ist, sich an einer verheirateten Frau zu vergreifen. Und weil der Pharao viel mehr Anstand hat, als Abraham ihm zutraute, erschrickt er und macht die Sache schnell wieder rückgängig. Er lässt Abraham zu sich rufen und sagt: „Warum hast du mir das angetan? Warum sagtest du mir nicht, dass sie deine Frau ist? Warum sprachst du denn: Sie ist meine Schwester –, sodass ich sie mir zur Frau nahm? Und nun siehe, da hast du deine Frau; nimm sie und zieh hin.“ „Puh,“ könnte man sagen, „das ist gerade nochmal gut gegangen.“ Ein Glück, dass der Pharao so viel mehr Verstand und Moral beweist als Abraham. Man darf erleichtert aufatmen, denn Sarah ist der Gefahr entkommen. Gottes Pläne gehen auf! Nur – ist die Sache nicht trotzdem schrecklich peinlich für Abraham? Ist der Lügner, der lieber seine Frau einem anderen überlässt, als ein persönliches Risiko einzugehen – ist das wirklich derselbe, der uns später als Vorbild des Glaubens begegnet? Die Sache schädigt sein Ansehen. Wenn‘s aber so ist – warum wird es dann erzählt? Um welchen Gewinnes willen wird die Geschichte überliefert? Nun, zuerst will sie wohl eine Warnung sein, dass man die „großen“ Wirkungen vermeintlich „kleiner“ Sünden nicht unterschätzen darf. Denn obwohl alles mit einem kleinen Mangel an Gottvertrauen und einer vermeintlich harmlosen „Notlüge“ beginnt, erwächst daraus doch gewaltiges Unheil, das nicht nur Abraham, sondern auch viele andere in Gefahr bringt. Der Pharao droht unwissend zum Ehebrecher zu werden. Sarah landet im königlichen Harem, weil ihr Mann es nicht wagt, offen zu seiner Frau zu stehen. Abraham selbst verstrickt sich in die Eigendynamik seines Schwindels. Und schließlich wird das ganze Königshaus mit Plagen geschlagen, weil Gott den drohenden Frevel verhindern muss. Abraham hat seine Frau, die doch in Gottes Plänen eine so große Rolle spielen soll, selbst dem Pharao in die Hände gespielt. Sein Manöver sollte ein Unglück verhüten – und hat ein anderes herbeigeführt. Angesichts der königlichen Belohnung muss es Abraham vorkommen, als hätte er seine Frau verkauft. Er muss Sarah in den Armen eines anderen vermuten. Und als wäre das nicht schlimm genug, ist er auch noch selbst schuld daran. Ja, Abraham ist eine tragische Figur. Und insofern will die Geschichte eine Warnung sein. Denn vermeintlich „kleine“ Sünden ziehen oft größere nach sich. Ein zweiter Gewinn aus dieser Geschichte ist aber, dass sie uns ernüchtert im Blick auf die großen Namen der Bibel. Denn wir sehen, dass sie weder Helden noch Heilige oder Genies waren, sondern ganz gewöhnliche Menschen mit furchtsamen Herzen und schlechten Ideen. Leute wie Abraham sind uns nicht himmelhoch überlegen, so dass sie immer das Richtige täten. Sondern sie sind ganz von unserer Art. Und das zu sehen, ist tröstlich. Denn wenn Gott sich zu seinen Plänen nicht irgendwelcher „Ausnahmemenschen“ bedient, sondern ganz normaler Leute, dann kann er ja auch uns gebrauchen. Gott versteht sich auf die Kunst, mit fehlbaren Menschen zu arbeiten. Und trotz des schlechten Materials bringt er große Dinge zuwege. Er ist es gewöhnt, mit der Ungeschicklichkeit der Seinen klarzukommen. Er rechnet mit gar nichts anderem – und versteht doch, unsren Dummheiten eine heilvolle Wendung zu geben. Eben das aber ist die frohe Botschaft dieser merkwürdigen Geschichte. Denn auch wir sind unsrem guten Gott sehr schlechte Helfer. Gott jedoch hat damit Erfahrung – und lässt sich nicht beirren. Seit biblischer Zeit hat er überhaupt nur mit solchen Leuten zu tun, die die Folgen ihres Tuns nicht richtig abschätzen. Er musste schon immer auf krummen Linien gerade schreiben. Und dass er’s vermag, ist beruhigend für alle, die sich in Abraham wiedererkennen. Wir kommen uns schlau vor, ohne es zu sein. Gott aber trägt uns dennoch geduldig zum Ziel.
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