Die Uhr

Die Uhr

(nach einer Erzählung von Fritz Binde)

 

Ich habe kürzlich von einem Lehrer gelesen, der seinen Schülern klarmachen wollte, wie das mit dem Glauben ist. Und wie‘s scheint, kam er auf eine verblüffende Idee. Als die Klasse versammelt war, zog er seine schöne Uhr vom Handgelenk und hielt sie in die Höhe, so dass jedes Kind sie betrachten konnte. Jeder sah, dass sie ziemlich neu war – und nicht von der billigen Sorte. Dann rief der Lehrer: „Kinder, wer von euch glaubt, dass ich ihm diese Uhr schenke, dem soll sie gehören!“ Als die Jungs das hörten, staunten sie sehr, waren erst verblüfft, steckten dann aber die Köpfe zusammen und sagten: „Der macht ja wohl Scherze! Das glaubt ihm doch keiner. Der sucht einen Leichtgläubigen, über den er dann lachen kann!“ Und auch die Mädchen tuschelten untereinander: „Das ist bestimmt eine Falle! Die Uhr ist ja viel zu wertvoll. Außerdem braucht er sie selber – und hat gar keinen Grund so großzügig zu sein!“ Keiner rührte sich, keiner kam nach vorn, um sich die Uhr zu holen. Der Lehrer aber wiederholte sein Angebot: „Wer von euch glaubt, dass ich ihm diese Uhr schenke, der soll kommen, dem soll sie gehören!“ Und schließlich stand doch in der letzten Bank einer von den Kleinsten auf, der nicht sehr beliebt und auch nicht besonders helle war. Der Lehrer streckte ihm die Uhr aufmunternd entgegen, während der Junge unsicher nach vorn schlich. Und die anderen freuten sich schon: „Ihr werdet sehen: Sobald der Dussel nach der Uhr greift, zieht der Lehrer sie ihm schnell vor der Nase weg, und dann lachen ihn alle aus! Der Trottel glaubt wirklich, er bekäme diese teure Uhr. Wie naiv kann man sein!“ Doch der Kleine kam verlegen grinsend beim Lehrer an. Und der zuckte gar nicht, sondern legte dem Jungen das kostbare Stück tatsächlich in die Hand. „Ach, wie – echt jetzt?“ riefen alle: „Kein Scherz, kein Fake, keine Lachnummer? Ausgerechnet der Dümmste in der Klasse bekommt so ein Geschenk – und wir andern gehen leer aus?“ Der Lehrer aber nickte und sagte: „Mein Angebot war schließlich ernst gemeint. Und dass ihr es nicht ernst genommen habt, war nicht meine Schuld. Ihr habt mir nicht zugetraut, dass ich so großzügig sei. Der Kleine hier schon! Und ich habe meine Uhr dafür hergegeben, weil ich euch zeigen wollte, dass es sich mit Gott und dem Glauben genauso verhält. Gott hält uns seine Gnade hin, Vergebung, Seligkeit und Leben, und er sagt: „Wer das von mir annimmt, soll es haben. Greift danach und ihr sollt sehen, dass ich großzügig bin.“ Aber freilich, Kinder: Wer Gott nicht glaubt, macht sich gar nicht erst auf den Weg. Wer Gottes Güte nicht traut, der greift nicht zu. Und wenn er Gottes Gnade nicht annimmt, geht er tatsächlich leer aus. Die aber die Welt für dumm hält, die nehmen Gott beim Wort. Und wie sie es glauben, so finden sie es auch. Denn so freundlich, wie sie von Gott denken, so freundlich begegnet er ihnen. Die anderen aber glauben ihm nicht, dass er freundlich sei. Und zu denen ist er dann auch nicht freundlich.“ 

 

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