Theologische Impulse H

 

Habgier

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug. Epikur

 

Habgier im Alter ist eine Narrheit. Vergrößert man denn seinen Reiseproviant, wenn man sich dem Ziel nähert? Marcus Tullius Cicero

 

HAMMER UND AMBOSS

„Wir sind Amboss und nicht Hammer! Aber seht einmal zu in der Schmiede! Fragt den Schmiedemeister und lasst es euch von ihm sagen: Was auf dem Amboss geschmiedet wird, erhält seine Form nicht nur vom Hammer, sondern auch vom Amboss. Der Amboss kann nicht und braucht auch nicht zurückzuschlagen, er muss nur fest, nur hart sein! Wenn er hinreichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboss länger als der Hammer.“

(Graf von Galen)

 

Hand Gottes

Dieselbe Hand Gottes, die uns niederbeugt, wartet darauf, uns zu erheben, sobald wir den Segen tragen können. C. H. Spurgeon

 

Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen leg ich meinen Tag in deine Hand. Sei mein Heute, sei mein gläubig Morgen, sei mein Gestern, das ich überwand. Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen, bin in deinem Mosaik ein Stein. Wollst mich an die rechte Stelle legen, deinen Händen bette ich mich ein. Edith Stein

 

Wein gewinnt man nur, indem man die Trauben auspresst. Falls du eine schöne, runde Traube bleiben willst, musst du Gottes Hand ausweichen. Oswald Chambers

 

Handlungen

Der Mensch schneidet nicht seine Handlungen und Neigungen nach seinen Grundsätzen, sondern diese nach jenen zu. Jean Paul

 

Ein jeder handle so, als wollte Gott eine große Tat durch ihn vollbringen. Martin Luther

 

Es liegt in der menschlichen Natur, vernünftig zu denken und unvernünftig zu handeln. Anatole France

 

Früher oder später wirst Du so handeln, wie Du denkst. Aus Japan

 

Ich habe gelernt, dass nicht das, was ich tue, falsch ist, sondern das, was infolge meines Handelns aus mir wird. Oscar Wilde

 

Konfuzius sprach: „Sieh, welche Mittel ein Mensch verwendet, um seine Ziele zu erreichen; betrachte die Beweggründe, die sein Handeln bestimmen; prüfe, worin seine Seele Ruhe findet und was ihn bewegt. Wie kann ein Mensch da noch sein Wesen verbergen? Wie kann ein Mensch da noch sein Wesen verbergen?“ „Gespräche“ des Konfuzius

 

Man nennt einen Menschen böse nicht darum, weil er Handlungen ausübt, welche böse sind, sondern weil diese so beschaffen sind, dass sie auf böse Maximen schließen lassen. Immanuel Kant

 

Mutige Leute überredet man dadurch zu einer Handlung, dass man dieselbe gefährlicher darstellt als sie ist. Friedrich Nietzsche

 

Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz. Immanuel Kant

 

Wer aus Gründen handelt, handelt noch lange nicht vernünftig; denn Gründe sind oft unvernünftig. Charles Joseph Fürst von Ligne

 

Wie kann man sich selbst kennenlernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist. Goethe

 

Zi-gong fragte, was einen Edlen ausmache. Der Meister antwortete: „Erst handelt er, wie er denkt. Dann spricht er, wie er handelt.“ „Gespräche“ des Konfuzius

 

Harmonie

Konfuzius sprach: „Der Edle mag Harmonie und Eintracht mit anderen, Kumpanei aber ist ihm fremd. Der Gemeine hingegen mag die Kumpanei; Harmonie und Eintracht sind ihm fremd.“ „Gespräche“ des Konfuzius

 

Härte

Gott würde dich so hart nicht fassen, hättest du sanft dich führen lassen. Emanuel Geibel

 

Hartnäckigkeit im Glauben

„Du, Herr, bist die Wahrheit Joh. 14,6.; dein Name ist heilig und wahr: sei auch mir Jesus und Heiland. Sei mir Jesus in diesem Leben, sei mir Jesus im Tode, sei mir Jesus im letzten Gericht, sei mir Jesus im ewigen Leben. Ja, du wirst mir es sein, lieber Jesu, weil du, wie du unveränderlich im Wesen, so auch unveränderlich bist in der Erbarmung: dein Name wird sich nicht ändern um meinetwillen, der ich allein ein armer Sünder bin; ja du wirst auch mir noch dazu der Heiland; denn wer zu dir kommt, den stößest du nicht hinaus; der du mir Mut gemacht hast zu kommen, du wirst mich auch nicht umsonst kommen lassen; denn deine Worte sind die Wahrheit und das Leben Joh. 6,63. 14,6. Mag die erste Sünde, die auf mich vererbt ist, verdammen: du bist doch mein Jesus. Mag mich meine Empfängnis aus sündlichem Samen verdammen: du bist doch mein Jesus. Mag mich meine in Sünden und unter dem Fluche geschehene Zeugung verdammen: du bist doch mein Heiland. Mag mich meine sündliche Geburt verdammen: du bist doch mein Heil. Mögen mich die Sünden meiner Jugend verdammen: du bist doch mein Jesus. Mag mich die Führung meines ganzen mit den schwersten Sünden behafteten Lebens verdammen: du bleibst doch mein Jesus. Mag mich der Tod, der mich treffen muss für die Sünden und mannigfache Schuld, verdammen: du bist doch mein Heiland. Mag mich das strengste Urteil des letzten Gerichts verdammen: du bist doch mein Jesus. An mir ist nichts als Sünde, Verwerfung, Verdammnis: in deinem Namen ist Gerechtigkeit, Erwählung, Seligkeit. Auf deinen Namen aber bin ich getauft; an deinen Namen glaube ich; in deinem Namen will ich sterben; in deinem Namen will ich auferstehen; in deinem Namen will ich erscheinen vor Gericht.“ (Johann Gerhard)

 

Hass

 

Wer Hassgefühle nicht unterdrücken kann, sollte ihnen die angemessene Richtung geben und von Herzen den Satan hassen, nicht aber die Menschen, in denen seine Bosheit Gestalt gewinnt. Wer den Puppenspieler treffen will, darf nicht auf die Puppen zielen. Denn gerade das entspräche seinem teuflischen Plan: Sobald ein Bruder im anderen den Teufel sieht, wird er versuchen den Teufel im Bruder zu erschlagen, den Bruder dabei töten, den Teufel aber verfehlen. Darum gilt es sorgsam zu unterscheiden: Nicht gegen „Fleisch und Blut“ haben wir zu kämpfen (Eph 6,11-12), sondern gegen den Grundbösen, der sich der Menschen bedient. Und ihn treffen wir nicht, indem wir seine Marionetten zerschlagen.

 

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„Ist einiger Hass erlaubt? Wie der Hass, der Liebe gerad entgegen stehet, so ist aller Hass, der auf einige Person selbst gehet, unrecht: aber doch habe ich die Laster böser Leute, und sie, sofern sie solche an sich haben, nach Gottes Exempel zu hassen, jedoch, dass ich dabei solchen Personen selbst alles Gute zu tun, und sie von solchem Bösen abzubringen willig und geflissen sei.“ (Philipp J. Spener)

 

„Von der Liebe und von dem Hass des Nächsten sollst du diesen Unterschied merken: Dass du zwar die Sünden und Laster in dem Menschen hassen sollst, als ein Werk des Teufels; aber den Menschen an sich selbst sollst du nicht hassen, sondern dich über ihn erbarmen, darum, dass solche Laster in ihm wohnen, und Gott für ihn bitten, wie der Herr Christus am Kreuz für die Übeltäter gebeten hat.“ (Johann Arndt)

 

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Hass muss produktiv machen, sonst ist es gleich gescheiter zu lieben. Karl Kraus

 

Wenn man fühlt, dass man nichts hat, womit man die Achtung eines Menschen erringen kann, ist man nicht mehr weit davon, ihn zu hassen. Luc de Clapier Vauvenargues

 

Wer einem Kranken seine Ratschläge gibt, erwirbt sich ein Gefühl von Überlegenheit über ihn, sei es, dass sie angenommen oder dass sie verworfen werden. Deshalb hassen reizbare und stolze Kranke die Ratgeber noch mehr als ihre Krankheiten. Friedrich Nietzsche

 

Konfuzius sprach: „Der Edle hasst den Gedanken, die Welt zu verlassen, ohne etwas geleistet zu haben, was bleibender Anerkennung wert ist.“ „Gespräche“ des Konfuzius

 

Konfuzius sprach: „Wo die Menge hasst, prüfe, warum sie hasst! Wo die Menge liebt, prüfe, warum sie liebt!“ „Gespräche“ des Konfuzius

 

Wer an die Freiheit des menschlichen Willens glaubt, hat nie geliebt und nie gehasst. Marie von Ebner-Eschenbach

 

Wenn der Hass feige wird, geht er maskiert in Gesellschaft und nennt sich Gerechtigkeit. Arthur Schnitzler

 

Wer um Gottes willen gibt und um Gottes willen hindert und um Gottes willen liebt und um Gottes willen hasst und um Gottes willen heiratet, dessen Glaube ist vollkommen geworden. Muhammad

 

Zi-gong fragte: „Was ist davon zu halten, wenn ein Mensch überall beliebt ist?“ Konfuzius meinte: „Das ist noch nicht genug.“ „Und wenn einer bei allen verhasst ist?“ Darauf der Meister: „Auch das ist noch nicht genug. Besser ist es, wenn ein Mensch von den Guten geliebt und von den Bösen gehasst wird.“ „Gespräche“ des Konfuzius

 

Hast

Wer glaubt, hastet nicht. Hudson Taylor

 

Haus

Dächte man sich ein Haus, bestehend aus Keller, Erdgeschoß und Obergeschoß, derart bewohnt, derart eingerichtet, dass da zwischen den Bewohnern jedes Stockwerks ein Standesunterschied wäre oder doch auf ihn gerechnet wäre – und vergliche man das ein Mensch Sein mit solch einem Hause: so tritt bei den meisten Menschen leider der traurige und lächerliche Fall ein, dass sie es vorziehen, in ihrem eige­nen Hause im Keller zu wohnen. Ein jeder Mensch ist die leibseeli­sche Synthesis, die aufs Geistsein angelegt ist, dies ist das Bauwerk; aber er zieht es vor, im Keller zu wohnen, das heißt, in den Bestim­mungen des Sinnlichen. Und er zieht es nicht bloß vor, im Keller zu wohnen, nein, er liebt es dermaßen, dass er erbittert wird, wenn etwa jemand ihm vorschlüge, den ersten Stock zu beziehen, welcher leer steht zu seiner Verfügung – denn er wohnt ja in seinem eigenen Hause. Sören Kierkegaard

 

Es ist, ihr möget wollen oder nicht, das Haus der Spiegel eurer selbst. Jeremias Gotthelf

 

Gott gebe allen, die mich kennen, zehnmal mehr, als sie mir gönnen! Siebenbürgischer Hausspruch

 

HAUS GOTTES

1.

Kirchen sind heilige und zu heiligende Räume, in denen weltliches Treiben nichts zu suchen hat. Denn wo die Glieder des Leibes Christi sich versammeln, ist auch das Haupt bei ihnen. Wo Gott aber gegenwärtig ist – sollte da nicht heiliger Boden sein? Gewiss ist Gott überall. Doch Kirchen sind Orte, wo er zuverlässig gefunden werden kann, weil er in ihnen – in Wort und Sakrament – gefunden werden will. Kirchenräume sind aus der Welt ausgegrenzt, um Brückenköpfe für das Reich Gottes und Schutzräume der Gnade zu bilden. Als Schnittstellen zum Heiligen dürfen sie nicht durch „Umnutzung“ profaniert und verzweckt werden.

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2.

Die Frage, wo Gott ist, kann nicht mehr mit dem Hinweis auf den „Himmel“ beantwortet werden, seit Luft- und Raumfahrt den „Himmel“ erschlossen haben. Gott ist allgegenwärtig, d.h.: Er ist in allem, alles ist in ihm und nichts ist außerhalb von ihm, denn er ist nirgends nicht. Weil wir aber dazu neigen, „überall“ und „nirgends“ gleichzusetzen, ist es wichtig, den Ort zu kennen, an dem Gott in besonderer Weise gegenwärtig ist: Nämlich dort, wo zwei oder drei im Namen Christi versammelt sind.

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Häutung

Der ganze Mensch muss in das Evangelium kriechen und dort neu werden, die alte Haut ausziehen, wie die Schlange es tut. Wenn ihre Haut alt wird, sucht sie ein enges Loch im Felsen. Da kriecht sie durch und zieht ihre Haut selbst ab und lässt sie draußen vor dem Loch. So muss der Mensch auch in das Evangelium und in Gottes Wort sich begeben und getrost folgen seiner Zusage; es wird nicht trügen. So zieht er ab seine alte Haut, lässt draußen sein Licht, seinen Dünkel, seinen Willen, seine Liebe, seine Lust, sein Reden, sein Wirken. Und wird also ein ganz anderer, neuer Mensch, der alles anders ansieht als vorhin, anders richtet, anders urteilt, anders denkt, anders will, anders redet, anders liebt, anders lüstet, anders wirkt und fährt als vorhin! Martin Luther

 

Heiden

Heiden sind Menschen, die ihr religiöses Bedürfnis im Wald verrichten. Definition eines Kindes

 

Heil

„Die erste Grundlage des Heils der Sünder ist die barmherzige Liebe Gottes, durch welche er bewogen wird, dass er nicht nur die Rettung der gefallenen Menschheit will, sondern auch beschließt, diese Rettung zu veranstalten und die Mittel darzureichen, durch welche die Verlorenen der Rettung teilhaftig werden können.“ (Adolf Hoenecke)

 

„Heil ist zum Guten erlebte Macht.“

(G. van der Leeuw)

 

HEIL, GEGENWÄRTIGES

Christen erwarten das Heil von Gottes kommendem Reich. Doch ist dasselbe Heil auch schon hier und heute gegenwärtig und kann durchaus erfahren werden, weil das, was den kommenden Himmel ausmacht, die innig-versöhnte Übereinstimmung mit Gott ist. Und die beginnt nicht irgendwann „später“, sondern heute: wer im Glauben Christus „hat“, hat in und mit ihm auch schon das Heil, die Seligkeit und das Ewige Leben. Alles Wesentliche ist ihm mit dem Brot des Abendmahls in die Hand gedrückt – und er steht mit einem Bein bereits im Himmel.

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Heilig

Das ganze Leben eines Christen ist ein heiliges Heimweh. Augustin

 

Ein Heiliger ist ein toter Sünder, bearbeitet und neu herausgegeben. Ambrose Bierce

 

Es ist kein Mensch einer himmlischen Tröstung wert, der sich nicht zuvor in der Schule der heiligen Zerknirschung fleißig geübt hat. Thomas von Kempen

 

Gott liebt nichts in uns als die Gutheit, die er in uns bewirkt. Ein Heiliger sagt: Es wird nichts gekrönt von Gott als sein eigenes Werk, das er in uns wirkt. Meister Eckhart

 

Heilige sind Menschen, durch die es den anderen leichter wird, an Gott zu glauben. Nathan Söderblom

 

Je mehr du weißt und je besser du’s einsiehst, desto strenger wirst du darüber gerichtet werden, wenn du nicht um so viel heiliger gelebt hast, als deine Einsicht besser war. Darum trag du den Kopf deshalb nicht höher, weil du irgendeine Kunst oder Wissenschaft besitzt. Eben dies, dass dir soviel Erkenntnis gegeben ist, soll dich mehr furchtsam als stolz machen. Denn sie ist’s eben, die dich verdammt, wenn du nicht heiliger lebst als andere, die deine Erkenntnis nicht haben. Thomas von Kempen

 

Wenn wir sagen „Ich bin doch kein Heiliger“, ist das nicht Demut, sondern Hochmut. Es bedeutet, dass wir nicht glauben, dass Gott uns dazu gemacht hat. Oswald Chambers

 

Wer die heiligen Worte hütet, wird von ihnen behütet. Thomas von Aquin

 

Heilige

„Die Ekklesia Christi, die Jüngergemeinde, ist der Herrschaft der Welt entrissen. Zwar lebt sie mitten in der Welt. Aber sie ist zu Einem Leib gemacht, sie ist ein eigener Herrschaftsbereich, ein Raum für sich. Sie ist die heilige Kirche (Eph. 5,27), die Gemeinde der Heiligen (1. Kor. 14,34), und ihre Glieder sind die berufenen Heiligen (Röm. 1,7), die in Jesus Christus geheiligt sind (1. Kor. 1,2), auserwählt und ausgesondert, ehe der Welt Grund gelegt wurde (Eph. 1,4). Das war das Ziel ihrer Berufung zu Jesus Christus, ja ihrer Erwählung vor der Gründung der Welt, dass sie heilig und untadelig seien (Eph. 1,4), dazu hatte Christus seinen Leib in den Tod gegeben, dass er die Seinen heilig, unbefleckt und unsträflich vor sich selbst darstellte (Kol. 1,22), das ist die Frucht der Befreiung von der Sünde durch den Tod Christi, dass die, die einstmals ihre Glieder der Ungerechtigkeit liehen, sie nun zum Dienst der Gerechtigkeit gebrauchen, zur Heiligung (Röm. 6,19-22). Heilig ist allein Gott. Er ist es sowohl in der völligen Absonderung von der sündigen Welt, wie in der Gründung seines Heiligtums mitten in der Welt (…..). Das ist Gottes Heiligkeit, dass er sich mitten in der Welt seine Wohnung, sein Heiligtum bereitet, und von diesem Heiligtum Gericht und Erlösung ausgehen lässt (Psalm 99 u. ö.). Im Heiligtum aber verbindet sich der Heilige mit seinem Volk. Das geschieht durch Versöhnung, die nirgends anders erlangt wird als im Heiligtum (Lev. 16,16ff.). Gott schließt mit seinem Volk einen Bund. Er sondert es aus, er macht es zu seinem Eigentum und verbürgt sich selbst für diesen Bund. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott“ (Lev. 19,1), und „ich bin heilig, der Herr, der euch heiligt“ (Lev. 21,8). – Das ist der Grund, auf dem dieser Bund besteht. Alle weiteren Gesetze, die dem Volk gegeben werden, und die es halten soll in Gerechtigkeit, haben zur Voraussetzung und zum Ziel die Heiligkeit Gottes und seiner Gemeinde. Wie Gott selbst als der Heilige abgesondert ist vom Gemeinen, von der Sünde, so ist es auch die Gemeinde seines Heiligtums. Er hat sie selbst erwählt. Er hat sie zur Gemeinde seines Bundes gemacht. Er hat sie im Heiligtum versöhnt und gereinigt. Das Heiligtum aber ist der Tempel, und der Tempel ist der Leib Christi. So ist im Leib Christi der Wille Gottes zu einer heiligen Gemeinde erfüllt. Abgesondert von Welt und Sünde zum Eigentum Gottes gemacht, ist der Leib Christi das Heiligtum Gottes in der Welt.“ (Dietrich Bonhoeffer)

 

„Ein Heiliger ist also zunächst eine Leiche oder ein Teil davon. Für lebendige Heilige hat die Welt keine Verwendung.“

(G. van der Leeuw)

 

HEILIGE EINFALT

Die „Einfalt des Herzens“ ist eine Tugend, die man nicht mit Naivität oder Dummheit verwechseln darf, denn sie ist die Haltung eines Menschen, der die Möglichkeiten der Raffinesse, Verschlagenheit und Hinterlist sehr wohl kennt, sie aber nicht nutzt, weil sie ihm zuwider sind. Einfalt ist die Geradheit einer rechtschaffenen Seele, die sich weigert, auf die Weise klug zu sein, wie die Welt klug ist. Sie weigert sich, Böses mit Bösem und Tücke mit Tücke zu überwinden, weil sie sich dabei in das Ebenbild des Gegners verwandeln würde.

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HEILIGE SCHRIFT, BIBEL

1.

Die Bibel ist das einzige Medium, das uns zuverlässig mit Gottes geschichtlicher Offenbarung in Jesus Christus verbindet. Sie ist darum der verbindliche „Originalton“, an dem sich alle späteren Interpretationen des Evangeliums und alle Gestalten kirchlichen Lebens messen lassen müssen. Dass Menschenhände das eine Wort Gottes niedergelegt haben, ändert daran nichts: Gott bleibt der „Autor“ hinter den biblischen Autoren, denn sie waren Instrumente seines Geistes.

zum Text

2.

Die Bibel leiht sich ihre Autorität weder von der Vernunft noch von der Wissenschaft, sondern ist selbst in der Lage, ihre Botschaft Geltung zu verschaffen, indem sie den Leser berührt, ihn wandelt und zum Glauben überführt, niederschmettert und tröstet. Wer diese Erfahrung aber macht – wie könnte der noch zweifeln, dass diese Worte Gottes eigene Worte sind? Keiner glaubt der Bibel, weil man ihm vorher ihre göttliche Herkunft bewiesen hätte. Sondern umgekehrt: Weil die Schrift uns zu Gott neu in Beziehung gesetzt hat, darum glauben wir ihr.

zum Text

3.

Der Glaube unterscheidet sich von anderen „Weltanschauungen“ dadurch, dass er sich nicht menschlichem Grübeln verdankt, sondern göttlicher Offenbarung. Er ist darum an das Dokument dieser Offenbarung – an die Heilige Schrift – bleibend gebunden. Die große Versuchung der Theologie besteht darin, sich die Heilige Schrift durch „kritische“ Begutachtung, Bewertung und Interpretation gefügig zu machen. Doch dem muss widerstanden werden: Denn nicht wir richten über Gottes Wort, sondern Gottes Wort richtet über uns.

zum Text

4.

Das biblische Wort ist nicht Gottes Wort allein, denn niedergeschrieben haben es Menschen. Das biblische Wort ist aber auch nicht allein Menschenwort, denn Menschen finden sich darin seit Jahrhunderten von Gott angeredet. Die Bibel ist demnach Gotteswort und Menschenwort zugleich – und ähnelt darin dem, von dem sie berichtet. Denn Jesus Christus war auch Mensch und Gott zugleich, ohne dass seine menschliche Natur die göttliche aufgehoben hätte (oder umgekehrt).

zum Text

5.

Wie man vor einem Spiegel stehend entweder auf den Spiegel selbst, oder auf das in ihm erscheinende Spiegelbild der eigenen Person schauen kann, so kann man beim Lesen der Bibel seine Aufmerksamkeit auf das Buch als solches richten, oder auf das, was man im Spiegel der Bibel über sich selbst und Gott erfährt. Beides ist erlaubt, das Zweite aber wichtiger. Denn Gott gab uns die Bibel nicht, damit wir ihre Entstehung studieren und damit den Rahmen des Spiegels von hinten betrachten, sondern damit wir vorne reinschauen und uns selbst erkennen! 

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HEILIGER GEIST, PFINGSTEN

1.

Person und Werk des Heiligen Geistes sind in besonderem Maße „unanschaulich“. Doch würde Gott nicht als Heiliger Geist an uns und in uns wirken, könnte niemand erlöst werden: Der Geist sorgt dafür, dass das äußere Wort der Bibel uns innerlich so betrifft, erleuchtet und erneuert, dass wir Gott in Christus erkennen, durch den Glauben das Heil ergreifen und uns dann auf den Weg machen, (unserer Lebensführung nach) so „gerecht“ zu werden, wie wir es (nach Gottes barmherzigem Urteil) schon sind.

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2.

Was der Heilige Geist im Menschen bewirkt, ist verwirrend vielfältig – es geht aber alles auf einen großen Perspektivwechsel zurück: Das organisierende Zentrum des normalen Menschen liegt in seinem Bedürfnis, sich wunschgemäß in der Welt einzurichten. Das organisierende Zentrum des Christen liegt hingegen jenseits der eigenen Person in Gott. Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes will er Gott-gemäß in der Welt sein. Und das verändert all sein Wahrnehmen, Bewerten und Handeln. Statt „autonom“ von und für sich selbst zu leben, möchte er „theonom“ von Gott und auf Gott hin leben. Durch Gottes Geist findet er seine Mitte – findet sie aber nicht in sich selbst, sondern in Gott.

zum Text

3.

Beton oder Stahl sind „an sich“ weder gut noch schlecht. Es kommt darauf an, was der Geist des Architekten daraus macht. Und dasselbe gilt vom „Rohmaterial“ unseres Lebens, das aus Gesundheit, Intelligenz, Kraft oder Schönheit besteht. Nichts von alledem ist „an sich“ schon gut oder schlecht. Denn erst der Geist gibt den Dingen Form, Sinn und Ziel. Erst der Geist, der uns treibt, lässt unsere Potentiale zum Segen oder zum Fluch ausschlagen. Darum ist die zentrale Frage nicht, über welches „Rohmaterial“ ich verfüge, sondern welchem Geist es dienstbar wird.

zum Text

4.

Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes sind nicht erst die Ergebnisse unseres Denkens neu, sondern schon die Voraussetzungen. Der Wandel selbst aber wird nicht etwa begründet, sondern liefert seinerseits die Begründung für vieles – wie ja auch der, der von einem mächtigen Gegner überrannt wurde, keine besonderen Gründe braucht, um am Boden zu liegen. Nicht der Christ hat eine Erkenntnis, sondern sie hat ihn. Er hat nicht sichergestellt, sondern wurde sicher-gestellt. Und so ist Glaube tatsächlich „Gewissheit ohne Beweis“ (Amiel).

zum Text

5.

Dass Gottes Geist in den Gläubigen „wohnt“, ist irritierend, aber notwendig. Denn anders als durch den Heiligen Geist, der uns anschließt an die Quelle des Heils, würde Gott uns nicht erreichen. Wohnte Gott nicht in uns, blieben wir immer fern von ihm. Ist er aber in uns, so tut er stellvertretend für den menschlichen Geist, was dieser nicht vermag, und schafft die Glaubenszuversicht, die wir nie aufbrächten. Genau genommen ist es Gott selbst, der in uns an sich glaubt. Er lässt unseren Geist teilhaben an der Gewissheit, mit der Gott um sich selbst weiß.

zum Text

6.

Gott hat versprochen, die Seinen zu führen. Doch geschieht das eher selten durch wunderbare Zeichen, Träume, Stimmen, Engel oder Visionen, sondern in der Regel so, dass Gottes Geist uns durch das Wort der Schrift mit Gottes Prioritäten und Maßstäben vertraut macht. Wir eignen uns seine Perspektive an, beginnen zu lieben und zu hassen, was Gott liebt und hasst – und entscheiden dann ganz von selbst „in seinem Sinne“. Führung geschieht also durch betendes Nachdenken und nachdenkliches Beten, an dessen Ende wir Klarheit darüber haben, was Gottes Gefallen, und was sein Missfallen erregt. 

zum Text

 

Lieder zum Thema: Der Heilige Geist

 

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„Der heilige Geist ist wahrer Gott, die dritte Person in der heiligen Dreieinigkeit, welcher vom Vater und Sohn ausgeht und gesandt wird, der da gibt Zeugnis von dem Herrn Christo, dem Sohn Gottes, dem wahren Messia, und rühmet ihn herrlich, und erhebt und preist seine Person und Wohltaten. Der heilige Geist sammelt eine Gemeine unter dem einigen Haupt Christo, erneuert sie mit seinen Gaben, teilet ihnen Trost mit aus dem Verdienst des Herrn Christi, macht die Glieder des Herrn Christi lebendig, stärkt sie mit seiner Kraft, wiedergebieret sie, und bestätiget das geistliche Reich des Herrn Christi, in den Herzen der Gläubigen, er erleuchtet das Gemüt, reiniget die Herzen, und alles, was der Herr Christus im Fleisch unserthalben verrichtet hat, das schreibt er in unsere Herzen, damit es nicht außer uns bleibe, was inwendig im Herzen erfreuen und erquicken soll. Darum wird der heilige Geist in unsere Herzen ausgegossen, dass er in dieselbigen gießen möge des Herrn Christi Liebe, Verdienst, Wohltaten und Leben.“ (Johann Arndt)

 

„Dieser unser Glaube und die Gewissheit desselben kommt nicht aus Fleisch und Blut, d. h. aus den natürlichen Kräften in uns, sondern ist die Eingebung des heiligen Geistes, von dem wir bekennen, dass er Gott sei, gleich dem Vater und dem Sohne, welcher uns heiligt und uns in alle Wahrheit leitet durch seine eigene Wirksamkeit, ohne welche wir für immer Feinde Gottes bleiben und von seinem Sohne Jesus Christus nichts wissen würden. Denn von Natur sind wir so tot, so verkehrt und blind, dass wir das Licht weder fühlen, wenn wir davon getroffen werden, noch sehen, wenn es scheint, noch auch dem Willen Gottes zustimmen können, wenn er offenbart wird. Nur der Geist Jesu Christi belehrt den, der tot ist, entfernt die Dunkelheit aus unserm Streben und bringt unsere verstockten Herzen zum Gehorsam gegen seinen heiligen Willen.“ (John Knox)

 

„Es sind sonst mancherlei Geister in der Schrift, als Menschengeist, himmlische Geister und böse Geister. Aber Gottes Geist heißt allein ein heiliger Geist, das ist, der uns geheiligt hat und noch heiligt. Denn wie der Vater ein Schöpfer, der Sohn ein Erlöser heißt, so soll auch der heilige Geist von seinem Werk ein Heiliger oder Heiligmacher heißen. Wie geht aber solches Heiligen zu? Antwort: Gleichwie der Sohn die Herrschaft überkommt, dadurch er uns gewinnt durch seine Geburt, Sterben und Auferstehen etc., also richtet der heilige Geist die Heiligung aus durch die folgenden Stücke, das ist durch die Gemeinde der Heiligen oder christliche Kirche, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben, das ist, dass er uns ernstlich führt in seine heilige Gemeinde und in der Kirche Schoß legt, dadurch er uns predigt und zu Christo bringt. Denn weder du noch ich könnten nimmermehr etwas von Christo wissen noch an ihn glauben und zum Herrn kriegen, wo es nicht durch die Predigt des Evangelii von dem heiligen Geist würde angetragen und uns in den Busen geschenkt. Das Werk ist geschehen und ausgerichtet, denn Christus hat uns den Schatz erworben und gewonnen durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen etc. Aber wenn das Werk verborgen bliebe, dass niemand wüsste, so wäre es umsonst und verloren. Dass nun solcher Schatz nicht begraben bliebe, sondern angelegt und genossen würde, hat Gott das Wort ausgehen und verkünden lassen, darin den heiligen Geist gegeben, uns solchen Schatz und Erlösung heimzubringen und zuzueignen.“ (Martin Luther)

 

„Es sind aber die Gaben und Wohltaten des heiligen Geistes mancherlei: erstlich allgemeine Gaben, denn er ist ein Geist des Glaubens, der Weisheit, des Verstandes, des Rats, der Erkenntnis, der Stärke, der Kraft, der Furcht Gottes, der Liebe, der Hoffnung, der Gottesfurcht, der Sanftmut, der Demut, der Keuschheit, der Geduld, der Heiligung, der Gnaden und des Gebets, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! Welcher aufhilft unserer Schwachheit, und uns mit unaufhörlichem Seufzen vertritt. Er ist ein Geist der Wahrheit, der Beständigkeit, des Trostes, er ist ein lebendiger und getreuer Zeuge Christi, ein Schatzmeister der Reichtümer Christi, ein Erneurer des Ebenbilds Gottes; als durch den Finger Gottes; er ist auch der Schlüssel und Ausleger der heiligen Schrift und der göttlichen Geheimnisse, er vergewissert uns, dass Gott wohne und bleibe in unsern Herzen (…) er widersteht den fleischlichen Begierden, so bald er sich in uns reget. Er straft alles, was weltlich und fleischlich ist, und erwecket einen Ekel und Grauen vor derselben Eitelkeit. Er wirkt auch eine heimliche, jedoch selige Traurigkeit, wegen der begangenen Sünden. Er benimmt insonderheit alles Vertrauen und Ruhm der eigenen Werke, und legets alles auf unsern einigen Heiland und Seligmacher. Er löschet aus die unordentliche Liebe, da man die Welt und sich selbst liebt. Er drückt zu Boden die Hoffart, und macht uns eingedenk unser eigenen Schwachheit, und gibt nicht leicht zu, dass wir die Schwachheit unsers Nächsten fälschlich richten und übel auslegen. Er seufzet unaufhörlich in uns, und sehnet sich nach dem Himmlischen und Göttlichen und erneuert uns immerdar zur Gleichförmigkeit des Ebenbildes unsers Herrn Jesu Christi. Denn zu gleicher Maßen, wie die Seele ist das Leben des Leibes, also ist der heilige Geist das Leben unserer Seele.“ (Johann Arndt)

 

„Ach Herr, mein Herz hat mich verlassen, es denkt nicht mehr an mein Elend, hat seines eigenen Heils vergessen, hat sich verirrt und ist in ein fremdes Land gezogen. Ich habe ihm gerufen, aber es antwortet mir nicht, es ist fern von mir, umgekommen und verkauft in Sünden. Was soll ich nun tun? Was soll ich sagen? Mein Herr, ich schreie zu dir, schaffe in mir ein reines, demütiges, niedriges Herz, ein sanftmütiges, friedsames Herz, ein gütiges und gottesfürchtiges Herz, ein Herz, das niemanden schadet, nie Böses mit Bösem vergilt, ein Herz, das dich über alle Dinge liebt, von dir allezeit redet, dir immerdar dankt, sich an Psalmen und geistlichen Lobgesängen ergötzt und schon hier im Himmel wandelt. Ein solches Herz schaffe in mir, aus nichts schaffe es, auf dass ich durch Gnade bekomme, was ich von Natur nicht erlangen kann. Ja schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, gewissen Geist!“

Savonarola (+1498)

 

HEILIGKEIT DER KIRCHE

Die Kirche trägt den Ehrentitel der „heiligen christlichen Kirche“ nicht etwa, weil ihre Glieder und ihre Amtsträger „heilig“ oder „vollkommen“ wären. Sie sind es nicht und waren es nie. Aber wie eine klebrige Auster kostbar wird, durch die Perle in ihr, so wird unsere sehr fehlbare Kirche „heilig“ durch das Evangelium, das sie durch die Jahrhunderte trägt. Solange sie ein Gefäß ist, das diesen Schatz bewahrt, verdient sie, um seinetwillen sogar geliebt zu werden. Aber nur solange.

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HEILIGKEIT GOTTES

1.

Wer dem Heiligen gegenübertritt, erlebt die bestürzende Fremdheit eines Überlegenen, der er nur entsprechen kann, indem er in demütiger Beugung das unendliche Gefälle zwischen ihm und seinem Gegenüber anerkennt. Das Heilige ist gleichermaßen mächtig, dem Menschen das Heil zu schenken oder ihm den Untergang zu bereiten. Und wer das spürt, wird es zugleich suchen und meiden. Es zieht ihn an, weil ihm die Macht innewohnt, die dem Menschen so sehr fehlt. Und es schreckt ihn ab, weil er sich dieser Macht gegenüber nicht zu behaupten vermag. 

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2.

Belsazars Gastmahl

Erg.

 

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„Lenken wir den Blick nicht über die Erde hinaus, so sind wir mit der eigenen Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend reichlich zufrieden und schmeicheln uns mächtig – es fehlte, dass wir uns für Halbgötter hielten! Aber wenn wir einmal anfangen, unsere Gedanken auf Gott emporzurichten, wenn wir bedenken, was er für ein Gott sei, wenn wir die strenge Vollkommenheit seiner Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend erwägen, der wir doch gleichförmig sein sollten – so wird uns das, was uns zuvor unter dem trügerischen Gewand der Gerechtigkeit anglänzte, zur fürchterlichsten Ungerechtigkeit; was uns als Weisheit wundersam Eindruck machte, wird grausig als schlimmste Narrheit offenbar, was die Maske der Tugend an sich trug, wird als jämmerlichste Untüchtigkeit erfunden! So wenig kann vor Gottes Reinheit bestehen, was unter uns noch das Vollkommenste zu sein schien. Daher kommt es, dass nach vielfach wiederholten Berichten der Schrift die Heiligen von Furcht und Entsetzen durchrüttelt und zu Boden geworfen wurden, sooft ihnen Gottes Gegenwart widerfuhr. Menschen, die zuvor, ohne seine Gegenwart, sicher und stark dastanden – jetzt, da er seine Majestät offenbart, sehen wir sie derart in Schrecken und Entsetzen gejagt, dass sie geradezu in Todesangst niederfallen, ja vor Schrecken vergehen und fast zunichte werden! Daran merken wir, dass den Menschen erst dann die Erkenntnis seiner Niedrigkeit recht ergreift, wenn er sich an Gottes Majestät gemessen hat. Beispiele solcher Erschütterung haben wir im Richterbuche wie auch bei den Propheten. Es ging soweit, dass im Volke Gottes die Redewendung in Gebrauch kam: „Wir müssen sterben; denn wir haben den Herrn gesehen“ (Ri. 13,22; Jes. 6,5; Ez. 1,28; u.a.). Und wenn das Buch Hiob (z. B. Kap. 38ff.) den Menschen durch das Bewusstsein seiner Torheit, Ohnmacht und Beflecktheit zu Boden werfen will, so dienen ihm stets die Beschreibungen von Gottes Weisheit, Kraft und Reinheit zum Beweise. Das ist berechtigt: wir sehen, wie auch Abraham, nachdem er einmal von nahem des Herrn Herrlichkeit erschaut hat, um so besser erkennt, dass er „Erde und Asche“ ist (Gen. 18,27). Elia vermag sein Nahen nicht mit unverdecktem Antlitz zu ertragen (1. Kön. 19,13). Solcher Schrecken liegt in seinem Anblick! Was soll auch der Mensch tun, der doch Staub ist und ein Wurm, wenn selbst die Cherubim in heiliger Scheu ihr Angesicht verhüllen müssen! (Jes. 6,2). Eben dies spricht Jesaja aus: „Der Mond wird sich schämen und die Sonne mit Schanden bestehen, wenn der Herr der Heerscharen König sein wird“ (Jes. 24,23). Das heißt: wenn er seine Herrlichkeit in voller Nähe offenbaren wird, dann versinkt auch das sonst Leuchtendste in Finsternis.“ (Johannes Calvin)

 

HEILIGUNG

Aus Gottes Eigenschaften ergeben sich auf Seiten der Gläubigen entsprechende Tugenden: 1. Allmacht / Allgegenwart - Verantwortung / Haushalterschaft 2. Autorität / Gerechtigkeit - Einwilligung / Gehorsam 3. Weisheit / Wahrhaftigkeit - Wahrhaftigkeit / Zeugnis 4. Strenge / Allwissenheit - Demut / Dienstbereitschaft 5. Güte / Barmherzigkeit - Barmherzigkeit / Nächstenliebe 6. Heiligkeit / Vollkommenheit - Heiligung / Enthaltung 7. Unveränderlichkeit / Treue - Zuversicht / Resistenz.

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„Die Heiligung ist diejenige Tätigkeit der aneignenden Gnade des Heil. Geistes, kraft deren der gerechtfertigte Mensch das ihm noch anhängende sündliche Wesen von Tag zu Tag ablegt, hingegen von Tag zu Tag erneuert wird nach Gottes Bild und Gott lebt in Heiligkeit und Gerechtigkeit.“ (Adolf Hoenecke)

 

HEILSGEWISSHEIT

1.

Da Gott nicht einfach „alle“ erlöst, kann der Einzelne in quälende Zweifel geraten, ob die Zusagen des Evangeliums auch ihm persönlich gelten – oder vielleicht nur anderen. Wenn manche verworfen werden – wie weiß er, dass er zu den Erwählten gehört? Selbstbeobachtung führt garantiert nicht zum Ziel. Doch Gott hat Heilsmittel bereitgestellt, die uns seine Gnade verlässlich zueignen: Wer im Glauben am Abendmahl teilnimmt, darf seiner Erwählung unmittelbar gewiss sein. Und das nicht etwa, weil er „gut“, sondern weil Gottes Sakrament verlässlich ist. Die Heilsgewissheit, die es anderswo nicht gibt, findet man also am Altar.

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2.

Ein Christ kann und muss zu seiner Erlösung keinen eigenen „Beitrag“ leisten. Und das ist ein Glück. Denn sonst bliebe immer ungewiss, ob er „genug getan“ hätte. Da aber die Erlösung in keiner Weise auf dem Tun des zu Erlösenden und ausschließlich auf dem Tun des Erlösers beruht, kann der Christ seines Heiles gewiss sein. Er soll zwar vieles tun zum Wohle seiner Mitmenschen, aber nichts soll er tun zu seiner eigenen Rettung. Denn was Christus für uns tat, war keine halbe Sache.

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„Bei unserer Evangeliumsauffassung kommt Gewissheit und Freude des Hl. Geistes, weil ich an Gott hänge, der nicht lügen kann; er sagt nämlich: Sieh, ich geb meinen Sohn in den Tod, dass er dich mit seinem Blut erlöse von den Sünden und vom Tod. Da kann ich nicht zweifeln, wenn ich Gott nicht völlig verleugnen will. Und das ist der Grund, warum unsere Theologie Gewissheit hat: Sie reißt uns von uns selbst weg und stellt uns außerhalb unser, so dass wir uns nicht auf unsere Kräfte, Gewissen, Sinn, Person, auf unsere Werke stützen, sondern auf das, was außerhalb unser ist, nämlich auf die Verheißung und Wahrheit Gottes, der nicht täuschen kann.“ (Martin Luther)

 

„Gott ändert seinen Plan nicht, warum sollte er? Er ist der Allmächtige und kann deshalb tun, was immer er will. Warum sollte er nicht? Gott ist allweise und kann daher nichts falsch planen. Warum sollte er? Er ist der ewige Gott und kann daher nicht sterben, ohne dass sein Plan vollendet wäre. Warum sollte er sich ändern? Ihr wertlosen Atome der Erde, Strohfeuer eines einzigen Tages, ihr kriechenden Insekten auf dem Lorbeerblatt der Existenz, ihr mögt eure Pläne ändern, aber er niemals. Hat er mir gesagt, dass es sein Plan ist, mich zu retten? Dann bin ich für immer gerettet.“ (Charles H. Spurgeon)

 

„Wenn es irgend geschehen könnte, wollte ich nicht, dass mir der freie Wille gegeben wird, oder dass etwas in meiner Hand gelassen würde, wodurch ich mich um das Heil bemühen könnte, nicht allein deswegen, weil ich in soviel Anfechtungen und Gefahren, gegenüber soviel anstürmenden Dämonen nicht zu bestehen und jenes nicht festzuhalten vermöchte (...) sondern weil ich, auch wenn keine Gefahren, keine Anfechtungen, keine Dämonen da wären, dennoch gezwungen sein würde, beständig aufs Ungewisse hin mich abzumühen und Lufthiebe zu machen; denn mein Gewissen wird, wenn ich auch ewig leben und Werke tun würde, niemals gewiss und sicher sein, wie viel es tun müsste, um Gott genug zu tun. Denn bei jedem vollbrachten Werk bliebe der ängstliche Zweifel zurück, ob es Gott gefalle oder ob er etwas darüber hinaus verlange (...) Aber nun, da Gott mein Heil meinem Willen entzogen und in seinen Willen aufgenommen hat und nicht auf mein Werk oder Laufen hin, sondern aus seiner Gnade und Barmherzigkeit verheißen hat, mich zu erretten, bin ich sicher und gewiss, dass er treu ist und mir nicht lügen wird, außerdem mächtig und gewaltig ist, dass keine Dämonen und keine Widerwärtigkeiten imstande sein werden, ihn zu überwältigen oder mich ihm zu entreißen.“ (Martin Luther)

 

„Dies ist unsere Grundlage: Das Evangelium heißt uns nicht unsere guten Werke und unsere Vollkommenheit ansehen, sondern Gott selbst, der die Verheißung gibt, und Christum selbst, unsern Mittler. Dagegen befiehlt der Papst, dass man Gott nicht ansehen soll, der die Verheißung gibt, nicht Christum, den Hohenpriester, sondern unsere Werke und Verdienste. Da folgt mit Notwendigkeit Zweifel und Verzweiflung; auf unserer Seite aber Gewissheit und Freude in dem Heiligen Geist, denn ich hange an Gott, welcher nicht lügen kann. Denn er sagt: Siehe, ich gebe meinen Sohn in den Tod, damit er dich durch sein Blut von Sünden und Tod erlöse. Da kann ich nicht zweifeln, es sei denn, ich wollte Gott ganz und gar verleugnen. Und dies ist die Ursache, dass unsere Theologie gewiss ist, denn sie bringt uns dahin, dass wir nicht auf uns selbst sehen, sondern gründet uns auf das, was außer uns ist, dass wir nicht bauen auf unsere Kräfte, Gewissen, Gefühl, Person und Werke, sondern uns verlassen auf das, was außer uns ist, das heißt, auf die Verheißung und Wahrheit Gottes, welche nicht fehlen kann.“ (Martin Luther)

 

„Dass Gott sein Volk erwählt hat, ist der Grund, weshalb er bei ihnen bleibt und sie nicht verlässt. Er wählte sie um seiner Liebe willen, und er liebt sie um seiner Wahl willen. Sein eignes Wohlgefallen ist die Quelle ihrer Erwählung, und seine Erwählung ist der Grund für die Fortdauer seines Wohlgefallens an ihnen. Es würde seinen großen Namen entehren, wenn er sie verließe, da es zeigen würde, dass er sich entweder in seiner Wahl geirrt habe oder dass er wankelmütig in seiner Liebe sei. Die Liebe Gottes hat diesen Ruhm, dass sie sich niemals ändert, und diesen Ruhm wird er niemals verdunkeln lassen. Alle Erinnerungen an des Herrn frühere Güte und Freundlichkeit sollen uns dessen versichern, dass er uns nicht verlassen will. Er, der so weit gegangen ist, dass er uns zu seinem Volke gemacht hat, wird nicht die Schöpfung seiner Gnade vernichten. Er hat solche Wunder nicht für uns getan, um uns schließlich aufzugeben. Sein Sohn Jesus ist für uns gestorben, und wir können sicher sein, dass er nicht vergeblich gestorben ist. Kann er diejenigen verlassen, für die er sein Blut vergossen hat? Weil es bisher sein Wohlgefallen gewesen ist, uns zu erwählen und zu erretten, so wird es immer noch sein Wohlgefallen sein, uns zu segnen. Unser Herr Jesus ist kein veränderlicher Liebhaber. Wie er die Seinen geliebt hat, so liebt er sie bis ans Ende.“ (Charles H. Spurgeon)

 

HEILSWEGE

Gott ist wie eine verschlossene Burg, die sich nur an einer Stelle für den Menschen öffnet. Durch Taufe, Abendmahl, Bibel, Gebet und Gottesdienst will Gott sich finden lassen. Hier hat er die Zugbrücke heruntergelassen. Macht es da Sinn, über die Mauer zu klettern? Nein. Darum ist der Glaube ein fröhlicher Gehorsam, der von der Bahn, die Gott ihm beschrieben hat, weder links noch rechts abweicht. Er steigt nicht zum Fenster ein, sondern er nimmt die Tür. Denn Glauben heißt, Gott dort zu suchen, wo er gefunden werden will – und nirgends sonst.

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HEILSWERK CHRISTI

Das Heilswerk Jesu Christi umfasst seinen gesamten Lebensweg und hat mehrere Dimensionen, die eng miteinander verknüpft sind: (1.) wird er Mensch, um den Verlorenen hilfreich nahe zu kommen, (2.) offenbart er ihnen die Liebe Gottes, (3.) verbindet er sich unlöslich mit den Gläubigen, (4.) stirbt er stellvertretend für sie am Kreuz, (5.) sühnte er durch sein Opfer ihre Schuld, (6.) zahlt er das Lösegeld, um sie von allen Mächten freizukaufen, und (7.) überwindet er in der Auferstehung all ihre Feinde. Ja: „Christus erkennen bedeutet, seine Wohl-taten zu erkennen!“

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HEILUNG

Christus als Apotheker

Erg.

 

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Einen Kranken, der sich für gesund hält, kann man nicht heilen. Henri Frédéric Amiel

 

Es ist viel dringender erforderlich, die Seele als den Körper zu heilen, denn Tod ist besser als ein schlechtes Leben. Epiktet

 

Obwohl der Mensch ständig seine Leidenschaften zu befriedigen sucht, seufzt er doch immer über ihre Tyrannei. Weder kann er ihre Gewalt ertragen, noch jene, die er sich antun müsste, um sich von ihrem Joch zu befreien. Er verabscheut sie ebenso wie die Heilmittel gegen sie. Er kann sich weder mit dem Schmerz der Krankheit noch mit der Anstrengung der Heilung abfinden. Mit einem Wort: er ist ein jämmerliches Geschöpf. Rochefoucauld

 

HEIMAT

Wenn Menschen sich in ihrem Land, ihrer Sprache und Kultur verwurzelt fühlen, ist das nicht zuerst als Problem zu sehen, sondern als gute Gabe des Schöpfers, der seine Geschöpfe nicht „ortlos“ in der Welt herumirren lässt. Nur muss, wer solche Beheimatung für sich in Anspruch nimmt, sie auch den anderen gönnen. Und wo das „Wir-Gefühl“ zur Ideologie wird, kann ein Christ nicht mehr mitgehen. Denn die Unterscheidung des Fremden und die Abwertung des Fremden sind sehr verschiedene Dinge, die man keinesfalls verknüpfen oder vermengen darf. 

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„Der Mensch hat einen Geist in sich, den diese Welt nicht befriedigt, der die Treber der Materie, die Dorn und Disteln am Wege mit Gram und Unwillen wiederkäut, und sich sehnet nach seiner Heimat. Auch hat er hier kein Bleiben und muss bald davon. So lässt es sich an den fünf Fingern abzählen, was ihm geholfen sein könne mit einer Weisheit, die bloß in der sichtbaren und materiellen Natur zu Hause ist. Sie kann ihm hier auf mancherlei Weise lieb und wert sein, nachdem sie mehr oder weniger Stückwerk ist; aber sie kann ihm nicht genügen. Wie könnte sie das, da es die körperliche Natur selbst nicht kann und sie ihn auf halbem Wege verlässt, und, wenn er weggetragen wird, auf seiner Studierstube zurückbleibt, wie sein Globus und seine Elektrisier-Maschine? Was ihm genügen soll, muss in ihm, seiner Natur, und unsterblich wie er sein; muss ihn, weil er hienieden einhergeht, über das Wesen und den Gang dieser körperlichen Natur und über ihre Gebrechen und Striemen weisen und trösten und ihn in dem Lande der Verlegenheit und der Unterwerfung in Wahrheit unverlegen und herrlich machen; und wenn er von dannen zieht, mit ihm ziehen durch Tod und Verwesung, und ihn wie ein Freund zur Heimat begleiten. Solch eine Weisheit wird freilich in keinem Buch gefunden, wird nicht um Geld gekauft, noch mit Halbherzigkeit zwischen Gott und dem Mammon.“ (Matthias Claudius)

 

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Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird. Christian Morgenstern

 

Als Gott die Welt erschuf, fragte er die Tiere nach ihren Wünschen. Gott hörte sie alle an und erfüllte sie. Dem Igel wurden Stacheln gegeben, damit er sich besser verteidigen kann. Der Storch bekam lange Beine für die Nahrungssuche in den sumpfigen Wiesen. Und die Feldmaus erhielt eine kleine und flinke Gestalt, so dass sie mühelos in jedes Loch passte, um sich dort vor Angreifern zu verstecken. Als die Menschen davon erfuhren, wurden sie unwillig, weil sie nicht gefragt worden waren. „Wir können mit dieser deiner Welt so nicht zufrieden sein“, stellten sie klar und unmissverständlich fest. „Das sollt ihr auch nicht“, erwiderte Gott, „denn diese Erde ist nicht eure Heimat, ihr seid hier nur Gäste auf Zeit“. Seitdem tragen nun die Tiere ihre Augen zur Erde, der Mensch aber geht aufrecht und schaut zum Himmel.

 

Lasst euer Leid zur Welle werden, die euch an das Ufer der ewigen Heimat trägt. Fritz von Bodelschwingh

 

HEIMSUCHUNG

Gott hat nicht aufgehört zu strafen. Und seine Strafen bringen Leid. Doch ist deswegen nicht alles Leid als Strafe anzusehen. Denn Gott kennt Strafen zur Seligkeit und Strafen zur Verdammnis. Er kennt gnädige Heimsuchungen zur Besserung und ungnädige zum Verderben. Die ersten treffen nur Christen, und die zweiten treffen nur Nicht-Christen. Denn für diese trägt Christus ihre Schuld. Und für jene ist sie noch eine offene Rechnung. Die einen treibt von Gott kommendes Leid immer weiter zu ihm hin. Die anderen treibt es immer weiter von ihm fort.

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Heimweh

Das ganze Leben eines Christen ist ein heiliges Heimweh. Augustin

 

Heirat

Gut gehängt ist besser als schlecht verheiratet. William Shakespeare

 

Held

Eine Frau, die sich schminkt, ist wie ein Mann, der sich einbildet, ein Held zu sein, weil er einen Säbel trägt. Carl Ludwig Schleich

 

Starker Arm und Schwertschlag ist nicht Heldenmut: Das ist’s, wenn man Unrecht tun kann und nicht tut. Saadi

 

HEMMUNGEN

Sollten Christen erlöst aussehen?

Erg.

 

Herr

Herr, gib mir die Kraft, alles zu tun, was du von mir verlangst. Dann verlange von mir, was du willst. Augustin

 

Herr, gib mir Kraft, dass ich mich erhebe über alles, was du, mein Gott, nicht bist, und dass ich, erhaben über alles, was du nicht bist, in dir allein Ruhe suche und Ruhe finde. Thomas von Kempen

 

Ich erkannte meinen Herrn durch das Zunichtewerden meiner Absichten. Ali

 

Ihr fragt oft, wie ihr leben sollt. Das sollt ihr hier mit Fleiß erkennen... Du sollst aus Gott sein und sollst für Gott sein und sollst nicht dein sein und nicht für dich sein und sollst niemandem gehören. Nehmt den Hund als Gleichnis dafür, der ein unver­nünftiges Tier ist. Der ist seinem Herrn völlig treu. Und wäre es möglich, dass der Hund seinem Herrn mit der Hälfte seines Wesens untreu wäre, so hasste er sich mit der anderen Hälfte. Meister Eckhart

 

Vom Gelde ist zu sagen, was von Caligula gesagt wurde: Es hätte nie einen so guten Sklaven und nie einen so bösen Herrn gegeben wie ihn. Michel de Montaigne

 

Wirf dein Anliegen auf den Herrn. Der hat einen weiten Hals und kann´s wohl tragen. Martin Luther

 

Wer etwas besitzt, muss dessen Herr bleiben und darf nicht dessen Knecht werden. Martin Luther

 

Herrschaft

Dies ist das gerechte Strafurteil Gottes, dass der Mensch, der einst Macht und Herrschaft über alle anderen Geschöpfe hatte, sich aber stattdessen freiwillig und in Missachtung des göttlichen Gebots dem Willen seiner Untergebenen unterwarf, nun, da er Gottes Gebot erfüllen will, erkennen und erfahren muss, wie alle Geschöpfe, die ihm eigentlich untertan sein sollten, sich hochmütig über ihn erheben und sich zwischen ihn und seinen Gott stellen. Die Wolke des Nichtwissens (Anonym, 14. Jh.)

 

Die Treue des Herrschers erzeugt und erhält die Treue seiner Diener. Otto von Bismarck

 

Jeder Mensch kommt mit einer sehr großen Sehnsucht nach Herrschaft, Reichtum und Vergnügen sowie einem starken Hang zum Nichtstun auf die Welt. Voltaire

 

HERRSCHAFT CHRISTI

1.

Es könnte scheinen, Himmelfahrt sei ein Trauertag für die Jünger, weil Jesus von ihnen Abschied nimmt und sich entfernt. In Wahrheit aber ist Christus, nachdem er zum Himmel aufgefahren ist, seinen Jüngern näher als zuvor. Denn früher war er immer nur hier oder dort. Seit er „zur Rechten Gottes“ sitzt hat er Teil an Gottes Allgegenwart und übt die Herrschaft aus, die ihm der Vater übertragen hat. Ein schrecklicher Gedanke ist das für seine Feinde, Freude und Trost aber für alle Gläubigen.

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2.

Der Sünder in uns will (pubertär und bockig) sein eigener Herr sein. Und so bedarf es von Gottes Seite eines großen Aufwands, unseren törichten Widerstand zu brechen und unser „Herr zu werden“. Doch auf dieses „Herr-Sein“ Christi zielt Gottes gesamter Heilsplan. Wer von der Sünde überwunden wird, ist der Sünde Knecht – zu seinem Nachteil. Und wer von Christus überwunden wird, ist Christi Knecht – zu seinem Vorteil. Eine dritte Möglichkeit gibt es aber nicht. Daher ist es widersinnig, sich einer Herrschaft entziehen zu wollen, ohne die wir nicht bestehen können.

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HERRSCHAFT, MACHT

Macht an sich ist weder gut noch böse, sondern verstärkt bloß den guten oder bösen Willen, der sich ihrer bedient. So kennt und verurteilt die Bibel den Machtmissbrauch, kritisiert aber nicht die Machtausübung als solche, wenn sie vor Gott verantwortet wird. Hierarchien werden nicht als schändlich empfunden, weil darin alle gleich sind, dass sie nach oben hin Rechenschaft schulden und nach unten hin zu Fürsorge verpflichtet sind. Der Wert eines Menschen hängt nicht daran, ob er im Machtgefüge „oben“ oder „unten“ steht, sondern daran, ob er dort, wo er steht, seiner Verantwortung vor Gott gerecht wird.

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Herz

Das Herz hat seine Vernunftgründe, welche die Vernunft nicht kennt; man erfährt es an tausend Din­gen. Blaise Pascal

 

Das Lächeln ist ein Licht, das sich im Fenster eines Gesichts zeigt, und anzeigt, dass das Herz daheim ist. Unbekannt

 

Das menschliche Herz ist ein Friedhof mit begrabenen Erinnerungen. Peter Sirius

 

Das menschliche Herz weidet sich gern an den eigenen Vorzügen oder an den Schlechtigkeiten der anderen. Francis Bacon

 

Dass uns Dinge begegnen, die uns lästig und durchaus zuwider sind, das ist für uns sehr gut. Denn sie treiben den Menschen, der aus seinem Herzen geflohen ist, wieder in sein Herz zurück, dass er es fühlen lerne: Ich bin hier nicht in meinem Vaterland, und dass er seine Hoffnung auf kein Gut dieser Welt gründe. Thomas von Kempen

 

Es gibt zwei Arten vernünftiger Menschen: Diejenigen, die Gott von ganzem Herzen dienen, weil sie ihn kennen. Und die, die Gott von ganzem Herzen suchen, weil sie ihn noch nicht gefunden haben. Blaise Pascal

 

Es ist dem lieben Gott sehr recht, wenn du einmal aus Herzensgrund lachst. Martin Luther

 

Es ist ebenso unnütz und ebenso lächerlich, dass die Vernunft vom Herzen Be­weise für seine ersten Prinzipien verlangt, wenn sie ih­nen zustimmen will, wie es lächerlich wäre, dass das Herz von der Vernunft ein Gefühl für alle Lehrsätze verlangte, die diese beweist, wenn es sie annehmen will. Blaise Pascal

 

Es kann in Ewigkeit kein Ton so lieblich sein,

als wenn des Menschen Herz mit Gott stimmt überein. Angelus Silesius

 

Gott hat sein Ohr an deinem Herzen. Augustin

 

Gott, der Vater, bewahre jeden um der Menschenliebe willen vor dem feinen Gehöre, die leisesten Töne der Menschenherzen deutlich zu vernehmen. Wer den Menschen lieben will, muss nicht in seine Tasche sehen. Karl Julius Weber

 

Ich will Menschen bilden, die mit ihren Füßen in Gottes Erde, in die Natur eingewurzelt stehen, deren Haupt bis in den Himmel ragt, und in dem selben schauend liest, deren Herz beides, Erde und Himmel, das gestaltenreiche Leben der Erde und Natur und die Klarheit und den Frieden des Himmels, Gottes Erde und Gottes Himmel eint. Friedrich Wilhelm August Fröbel

 

Jedes Herz ist eine Bude auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit. William Makepeace Thackeray

 

Man muss Gott beim Herzen zu packen verstehen, das ist seine schwache Seite. Teresa von Avila

 

Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert. Friedrich Nietzsche

 

Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das lange im Nassen gelegen hat. Christian Morgenstern

 

Mensch, gibst du Gott dein Herz, er gibt dir seines wieder:

Ach, welch ein werter Tausch! Du steigest auf, er nieder. Angelus Silesius

 

So mancher meint, ein gutes Herz zu haben, und hat nur schwache Nerven. Marie von Ebner-Eschenbach

 

So wie die Saat nur aus dem Staube wächst, kann die Saat der Weisheit auch nur aus einem staubgleichen Herzen wachsen. Abu Talib al-Makki

 

Viele, die über Ablasskrämerei in der katholischen Kirche lachen, üben sie doch täglich selbst. Wie mancher Mann von schlechtem Herzen glaubt sich mit dem Himmel ausgesöhnt, wenn er Almosen gibt. G. Chr. Lichtenberg

 

Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein. Arthur Schopenhauer

 

Was der Mensch liebt, das ist sein Gott. Er trägt es in seinem Herzen. Er bewegt es Tag und Nacht in sich. Es sei, was es sei: Reichtum oder Geld, Vergnügen oder Ehre. Martin Luther

 

Willst du ein aufrechtes Herz haben? Tue du, was Gott will, und wolle nicht, dass Gott tue, was du willst. Augustin

 

Wovon das Herz nicht voll ist, davon geht der Mund über, habe ich öfters wahr gefunden, als den entgegengesetzten Satz. G. Chr. Lichtenberg

 

Heuchelei

Heucheln: dem Charakter ein sauberes Hemd überziehen. Bierce

 

Wir sind so gewöhnt, uns vor anderen zu verstellen, dass wir es zuletzt auch vor uns selber tun. Rochefoucauld

 

Manche Tugenden kann man erwerben, indem man sie lange Zeit heuchelt. Andere zu erringen, wird man umso unfähiger, je mehr man sich den Anschein gibt, sie zu besitzen. Zu den ersten gehört der Mut, zu den zweiten die Bescheidenheit. Marie von Ebner-Eschenbach

 

HEUWAGEN (H. BOSCH)

Gottes schöne Erde ist so reich an Gütern, dass jeder satt werden könnte. Doch ist ein rücksichtsloser Streit entbrannt, weil jeder rafft und hortet, so viel er kann. Die Cleveren machen sich die Taschen voll, die weniger Geschickten kommen unter die Räder. Doch gibt es zum großen Verteilungskampf einen christlichen Gegenentwurf, weil ein Christ im Streben nach den Gaben nie den Geber vergisst. So sehr er der Güter bedarf, wird er sie doch nie anders als im Sinne des Spenders gebrauchen. Der hat sie nicht geschaffen, um einzelne reich, sondern um alle satt zu machen. Und dementsprechend gilt es zu handeln. Denn Gott selbst ist des Christen Glück und Ziel – die Güter der Erde sind es nicht.

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HEXE VON ENDOR

Erg.

 

Hilfe

„Und lehrt uns dieser erste Vers (Jona 2,3) zwo große und nötige Lehren. Die erste, dass man ja vor allen Dingen zu Gott laufe und schreie in der Not zu ihm, und klage es ihm. Denn das kann Gott nicht lassen, er muss helfen dem, der da schreiet und ruft; seine göttliche Güte mag sich nicht enthalten, sie muss hören. Es liegt nur daran, dass man rufe und schreie zu ihm, und schweige ja nicht; den Kopf nur aufgerichtet, und die Hände aufgehoben, und flugs gerufen: Hilf Gott, mein Herr etc., so wirst du alsbald fühlen, dass es besser wird. Kannst du rufen und schreien, so hat es freilich keine Not mehr. Denn auch die Hölle nicht Hölle wäre, noch Hölle bliebe, wo man darinnen riefe und schriee zu Gott. (…..) Die andere Lehre ist, dass wir also schreien, dass wir auch im Herzen fühlen, es sei ein solch Schreien, dem Gott antworte, und auch mögen mit Jona rühmen, dass uns Gott antworte, wenn wir in der Not rufen. Das ist nun nichts Anderes, denn mit rechtem Glauben des Herzens rufen; denn der Kopf lässt sich nicht aufrichten, noch die Hände sich aufheben, das Herz sei denn zuvor aufgerichtet. Welches sich also aufrichtet, wie ich gesagt habe, dass es durch des Geistes Beistand zu dem zornigen Gott läuft, und unter dem Zorn Gnade sucht, lässt Gott strafen, und darf sich dennoch zugleich seiner Güte trösten. Da merke du, welch ein scharf Gesichte das Herz müsse haben, das mit eitel Zorn und Strafe von Gott umgeben ist, und doch keine Strafe noch Zorn, sondern Gnade und Güte sieht und fühlt, das ist, es will sie nicht sehen noch fühlen, ob sie es gleich aufs höchste sieht und fühlt, und will die Gnade und Güte sehen und fühlen, ob sie gleich aufs tiefste verborgen sind. Siehe, ein solch groß Ding ist es, zu Gott zu kommen, dass man durch seinen Zorn, durch Strafe und Ungnade zu ihm breche, als durch eitel Dornen, ja, durch eitel Spieße und Schwerter.“ (Martin Luther)

 

„Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.“ Hos. 6,1. Es ist des Herrn Weise, zu zerreißen ehe er heilt. Das ist die aufrichtige Liebe seines Herzens und die sichere Heilkunst seiner Hand. Er schlägt, ehe er verbindet, sonst würde es ein ungewisses Werk sein. Das Gesetz kommt vor dem Evangelium; das Gefühl der Bedürftigkeit vor der Gabe. Ist der Leser jetzt unter der überführenden, zermalmenden Hand des Geistes? Hat er den knechtischen Geist empfangen, dass er sich abermals fürchten muss? Dies ist eine heilsame Vorbereitung auf das wirkliche Heilen und Verbinden des Evangeliums. Verzweifle nicht, liebes Herz, sondern komme zu dem Herrn mit all deinen zackigen Wunden, schwarzen Beulen und eiternden Geschwüren. Er allein kann heilen, und er freut sich, es zu tun. Es ist unsres Herrn Amt, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, und er versteht es trefflich.“ (Charles H. Spurgeon)

 

„Kleide den Nackten. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht gekleidet, so ist’s soviel als hättest du ihn beraubt. Nimm den Fremdling auf. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht beherbergt, so ist’s soviel als hättest du ihn fortgejagt. Tränke den Durstigen. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht getränkt, so ist’s soviel als hättest du ihn durstig gemacht. Tröste den Traurigen. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht getröstet, so ist’s soviel als hättest du ihn traurig gemacht. Lehre den Irrenden. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht belehrt, so ist’s soviel, als hättest du ihn irregeführt. Weise den Sünder zurecht. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht zurechtgewiesen, so ist’s soviel als hättest du ihn zum Sündigen verleitet. Entschuldige den Verleumdeten. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht entschuldigt, so ist’s soviel als hättest du ihn verleumdet. Heile den Kranken. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht geheilt, so ist’s soviel, als hättest du ihn geschwächt.“

(Martin Luther)

 

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Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können. Abraham Lincoln

 

Unglück hat mich gelehrt, Unglücklichen Hilfe zu leisten. Vergil

 

Wir die nichts verdienen als Zorn und das Unglück, wornach wir ringen, murren mit Gott, warum er uns nicht eher helfen will, uns, die nicht wollen geholfen seyn. Johann Georg Hamann

 

Nichts kann den Menschen mehr stärken als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt. Adolf von Harnack

 

HILFE ZUM GLAUBEN

Seelsorge ist die Fortsetzung dessen, was Jesus seinen Jüngern tat, als er ihnen den Willen und die Liebe Gottes so nahe brachte, dass sie aus der Entfremdung vom Vater zu neuer Gemeinschaft fanden. Außerhalb dieser Gemeinschaft gibt es kein gelingendes Leben. Darum geht die Absicht der Seelsorge über das mitmenschliche „Für-einander-da-sein“ hinaus. Ihre wichtigste Hilfe zum Leben besteht in der Hilfe zu jenem Glauben, der seinerseits dann menschliches Leben gelingen lässt.

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HILFT BETEN?

Ein Gebet versucht Gott nichts „abzuschwatzen“, was er nicht geben will, sondern bittet nur um das, was Gott aus Gnade zu geben versprochen hat – und fordert ihn auf, sich auch im Leben des Beters als der zu erweisen, der er nach biblischem Zeugnis ist und sein möchte. Gott wird zu nichts „überredet“, wird aber an seine Verheißungen erinnert. Bei deren Erfüllung möchte der Beter nicht übersehen werden, sondern macht betend auf sich aufmerksam, damit Gottes Güte auch auf ihn, seine Situation und seinen Umkreis Anwendung finde.

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HIMMEL

1.

Die Frage, wo Gott ist, kann nicht mehr mit dem Hinweis auf den „Himmel“ beantwortet werden, seit Luft- und Raumfahrt den „Himmel“ erschlossen haben. Gott ist allgegenwärtig, d.h.: Er ist in allem, alles ist in ihm und nichts ist außerhalb von ihm, denn er ist nirgends nicht. Weil wir aber dazu neigen, „überall“ und „nirgends“ gleichzusetzen, ist es wichtig, den Ort zu kennen, an dem Gott in besonderer Weise gegenwärtig ist: Nämlich dort, wo zwei oder drei im Namen Christi versammelt sind.

zum Text

2.

Den Himmel zu ersehnen, bedeutet keineswegs, in fromme Luftschlösser zu fliehen, aufs „Jenseits“ zu vertrösten und der alten Erde die Treue aufzukündigen. Denn der Himmel ist nichts anderes als die durch Gottes Gegenwart gesundete Erde. Er ist keine Alternative zur Schöpfung, sondern die herrliche Zukunft, die sie haben wird: Wenn Gott sein Werk gegen den Widerstand des Bösen vollenden will und es in seiner Allmacht auch vollenden kann, so folgt zwingend, dass er es vollenden wird.

zum Text  

3.

Mit dem Tod endet nur unseres Lebens erster Teil, denn nach der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht werden die Gläubigen gereinigt, runderneuert und vollendet in Gottes Reich eingehen. „Herrlichkeit“ wird dafür ein viel zu kleines Wort sein! Doch sollte man sich den Himmel nicht zu sehr in Kategorien des Konsums vorstellen. Unsere Seligkeit wird nicht darin bestehen, dies und jenes zu genießen (im Sinne eines Schlaraffenlandes), sondern dass wir Gott schauen und Gott genießen. Seine Nähe wird uns beglücken und wir werden Gottes voll sein.

zum Text

4.

Christen erwarten das Heil von Gottes kommendem Reich. Doch ist dasselbe Heil auch schon hier und heute gegenwärtig und kann durchaus erfahren werden, weil das, was den kommenden Himmel ausmacht, die innig-versöhnte Übereinstimmung mit Gott ist. Und die beginnt nicht irgendwann „später“, sondern heute: wer im Glauben Christus „hat“, hat in und mit ihm auch schon das Heil, die Seligkeit und das Ewige Leben. Alles Wesentliche ist ihm mit dem Brot des Abendmahls in die Hand gedrückt – und er steht mit einem Bein bereits im Himmel.

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„Was also ist meine Hoffnung? Nicht wahr, der Herr? Herr Jesu, wie lange wird es währen, dass ich zu dir komme? Wann werde ich erscheinen vor deinem Angesicht? Ps. 42,3. Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir! Ps. 42,2. O wahre, und vollkommene und volle Freude! O Freude über Freude, die über alle Freude geht, außer der es keine Freude gibt; wann werde ich eingehen zu dir, dass ich meinen Gott schaue, der in dir wohnet? Herr, du erfreuest mich mit Freuden deines Antlitzes Ps. 21,7; liebliches Wesen ist zu deiner Rechten ewiglich Ps. 16,11; ich werde trunken werden von den reichen Gütern deines Hauses, und du wirst mich mit Wollust tränken als mit einem Strome; denn bei dir ist die lebendige Quelle Ps. 36,9.10. O ersehntes Leben! O seliges Glück, in dem die heilige Dreieinigkeit die Erfüllung unserer Verlangen sein wird, die ohne Ende geschauet, ohne Abnahme der Lust geliebt, ohne Ermüdung gelobt werden wird! Gott schauen wird über alle Freuden gehen. Christum sehen, mit Christo leben, Christum hören wird alles, was unser Herz sich ersehnen kann, weit übersteigen. O Jesu Christe, süßester Bräutigam meiner Seele, wann wirst du deine Braut in den königlichen Palast einführen? Woran wird es da mangeln können? Was wird es da weiter zu wünschen oder zu erwarten geben können, wo Gott alles in allem sein wird? 1 Kor. 15,28. Schönheit wird er für das Gesicht, Süßigkeit für den Geschmack, Lobgetöne für das Gehör, Balsam für den Geruch, Pracht für das Gefühl sein. Alles wird Gott sein, und einem jeden wird er nach dem Wohlgefallen seines Herzens Güter zuteilen. Verlangst du Leben, Gesundheit, Frieden, Ehren: dort wird Gott alles in allem sein.“ (Johann Gerhard)

 

„Es haben die Menschen je und allewege gemeint, der Himmel sei viel tausend Meilen von diesem Erdboden entfernt und Gott wohne allein in diesem Himmel. Auch ich habe dafür gehalten, dass das allein der rechte Himmel sei, der sich rund und lichtblau über den Sternen wölbt in der Meinung, Gott habe allein da innen sein Wesen und regiere allein in Kraft des heiligen Geistes in dieser Welt. Als mir dies manchen harten Stoß gegeben hat ohne Zweifel von dem Geist, der Lust zu mir hatte, bin ich in große Traurigkeit geraten, als ich die große Tiefe der Welt und die ganze Schöpfung betrachtete und in allen Dingen Böses und Gutes fand. Dazu betrachtete ich das kleine Fünklein Mensch, was es wohl doch gegen diesem großen Werk Himmels und der Erden vor Gott möchte geachtet sein. Und weil ich fand, dass es in dieser Welt den Gottlosen so wohl ginge als den Frommen, ward ich deswegen ganz melancholisch und betrübt und konnte mich keine Schrift trösten, obgleich sie mir fast wohl bekannt war. Dabei gewiss der Teufel nicht wird gefeiert haben, welcher mir auch oft heidnische Gedanken einbleute. Als ich aber in solcher Trübsal meinen Geist ernstlich in Gott erhob als mit einem großen Sturm und mein ganzes Herz und Gemüt samt Willen sich alles darein schloss, ohne Nachlassen mit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu ringen und nicht aufzuhören, er segne mich denn, das ist, er erleuchte mich mit seinem heiligen Geist, damit ich möchte seinen Willen verstehn und meine Traurigkeit loswerden: so brach der Geist durch bis in die innerste Geburt der Gottheit und war allda mit Liebe umfangen. Was aber für ein Triumphieren im Geist gewesen, kann ich nicht beschreiben. Es lässt sich auch mit nichts vergleichen als nur mit dem, wo mitten im Tod das Leben geboren wird, und vergleicht sich der Auferstehung der Toten. In diesem Licht hat mein Geist Gott erkannt, wer er ist und wie er ist und was sein Wille ist. Nun merke: Wenn du deine Gedanken fassest von dem Himmel, so darfst du sie nicht viel tausend Meilen von hinnen schwingen. Denn der rechte Himmel ist allenthalben, auch an dem Ort, wo du stehst und gehst. Dass aber wahrhaftig ist, dass ein Himmel „über“ der Tiefe der Welt sei, in welchem Gottes Wesen mitsamt den heiligen Engeln freudenreich aufgeht, das ist unleugbar, und wäre der nicht aus Gott geboren, der solches verneinte: denn in Gott ist weit und nahe ein Ding, überall Vater, Sohn, heiliger Geist.“

(Jakob Böhme)

 

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Alle wollen in den Himmel, aber niemand will sterben. Aus den USA

 

Der Himmel hat den Menschen als Gegengewicht gegen die Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben: die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen. Immanuel Kant

 

Der Nachteil des Himmels besteht darin, dass man die gewohnte Gesellschaft vermissen wird. Mark Twain

 

Der Theologe Karl Barth pflegte als Professor in Basel nach den Seminarsitzungen mit seinen Studenten noch auf ein Glas Bier in eine Kneipe zu gehen. Dies war dem frommen und prinzipienfesten Basler Frauenverein zu Ohren gekommen und wurde dort scharf missbilligt. Man verstieg sich sogar zu der Vermutung, Barth werde, weil er junge Menschen zum Alkohol verführe, wohl nicht in den Himmel kommen. Dies wiederum wurde Karl Barth zugetragen. Doch der kommentierte: „Erstens geht es den Basler Frauenverein nichts an, ob ich mit meinen Studenten Bier trinke. Zweitens entscheidet nicht der Basler Frauenverein darüber, ob ich in den Himmel komme oder nicht. Und drittens, in den Himmel des Basler Frauenvereins will ich auch gar nicht.“

 

Der Theologe Karl Barth wurde von einer etwas anstrengenden Dame nach den ewigen Leben befragt: „Herr Professor, sagen Sie bitte, ist es auch ganz gewiss, dass wir im Himmel all unsere Lieben wiedersehen werden?“ - Barth sah die Dame scharf an und sagte dann langsam und mit Nachdruck: „Ja - aber die anderen auch.“


Die Barmherzigkeit Gottes ist wie der Himmel, der stets über uns fest bleibt. Unter diesem Dach sind wir sicher, wo auch immer wir sind. Martin Luther

 

Die Gemeinde auf den Knien würde den Himmel auf die Erde bringen. E.M. Bounds

 

Du hättest gern zugleich den Himmel und die Erde. Ich fürchte, dass dir so von beiden keines werde. Friedrich Rückert

 

Ich glaube, dass die Selbstgerechtigkeit dein Verderben ist, und darum sage ich dir ganz offen und aufrichtig, dass du ebenso gut hoffen kannst, mit einem Luftballon in den Himmel zu fliegen, als durch deine guten Werke hineinzukommen. Ebenso gut könntest du in einem Sieb nach Ostindien fahren, als durch dein gutes Wesen in die Herrlichkeit zu gehen. Du könntest ebenso gut in Spinnweben deinem Fürsten dich vorstellen, als in deiner eigenen Gerechtigkeit dem König des Himmels. Fort mit deinen Lumpen, mit deinen zerfaulten, stinkenden Fetzen. Sie sind nur ein Mistbeet für das Unkraut des Unglaubens und Stolzes. Es ist in Gottes Augen nichts nütze. Warum willst du deinen Kopf so hoch tragen, dass man ihn abschneiden muss? C. H. Spurgeon

 

Ich will Menschen bilden, die mit ihren Füßen in Gottes Erde, in die Natur eingewurzelt stehen, deren Haupt bis in den Himmel ragt, und in dem selben schauend liest, deren Herz beides, Erde und Himmel, das gestaltenreiche Leben der Erde und Natur und die Klarheit und den Frieden des Himmels, Gottes Erde und Gottes Himmel eint. Friedrich Wilhelm August Fröbel

 

Man soll nicht in den Himmel gaffen, wenn man vom Himmelreich reden hört. Das Himmelreich ist überall da, wo der Glaube ist. Martin Luther

 

So steht es mit dem, dem Gottes Wille gefällt: Alles, was Gott ihm zukommen lässt, sei es Krankheit oder Ar­mut oder was es auch sei, das hat er lieber als irgend­etwas anderes. Nun sagt ihr gerne: „Woher weiß ich denn, ob es Gottes Wille ist?“ Ich antworte: Wäre es bloß für einen Augenblick nicht Gottes Wille, so wäre es auch nicht. Schmeckte dir nun der Wille Gottes, so wärst du recht wie im Himmelreich, was dir auch ge­schehe oder nicht geschehe. Meister Eckhart

 

Voltaire (1694-1778), der als Gegner jeglicher dogmatischen Metaphysik leidenschaftlich gegen die Religion kämpfte, war von 1750 - 1753 Gast des jungen Preußenkönigs Friedrich II. An der Tafelrunde von Sanssouci war niemand und nichts vor seiner scharfen Zunge sicher. So äußerte er einmal: „Wenn es darauf ankommt, bin ich bereit, meinen Platz im Himmel für einen Taler zu verkaufen.“ Der Hofprediger, der in seiner Nähe saß und gegen den sich der Satz richtete, schüttelte nur den Kopf: „Oh, oh, Monsieur, Sie vergessen, dass Sie in Preußen sind! Und nach preußischem Recht darf man nur das verkaufen, was man als rechtmäßigen Besitz ausweisen kann.“

 

Wehe denen, die zu groß sind, um mit den Kleinen klein zu werden; denn die Tür des Himmels ist niedrig und nicht hoch genug, um so große, von sich volle und von falscher Größe aufgeblähte Menschen einzulassen! Thomas von Kempen

 

Wenn das Meer alle seine Kraft anstrengt, so kann es das Bild des Himmels gerade nicht widerspiegeln; doch wenn es stille wird und tief, senkt sich das Bild des Himmels in sein Nichts. Sören Kierkegaard

 

Wenn ein Finger zum Himmel weist, schaut nur ein Dummkopf auf den Finger. Anonym

 

HIMMELFAHRT

Durch seine Himmelfahrt wird Christus weit über Freund und Feind erhoben und steigt hoch hinauf, um zur Rechten Gottes zu sitzen und künftig über alles zu herrschen. Antiautoritäre Affekte sind dabei aber ganz fehl am Platz. Denn – in wessen Händen wäre die Macht besser aufgehoben? Ein Verurteilter richtet nun über die Richter! Ein Knecht herrscht über die Herren! Ein Opfer entscheidet über die Täter! Christi Herrschaft raubt nur dem Satan seine Freiheit – den Christen ist sie aber ein inneres Fest. Denn wenn wir Christus gehören, gehören wir keinem anderen mehr. Und was an Karfreitag geschah, kehrt sich damit um: Die Welt wollte Gottes Sohn los werden – und befindet sich nun ganz in seiner Hand. 

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Hindernis

Verbringe deine Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis, vielleicht gibt es gar keines. Franz Kafka

 

Widerwärtigkeiten sind Pillen, die man schlucken muss, nicht kauen. G. Chr. Lichtenberg

 

HINGABE

Zur Hingabe gibt es keine echte Alternative. Denn wer nie für etwas „brennt“, verpasst sein Leben. Doch liegt darin das Geheimnis der Hingabe, dass wir an dem, wofür wir uns hingeben, nicht anders teilhaben als durch Opfer und Schmerz. Und Christus ist das beste Beispiel. Er nahm den Kreuzestod auf sich, damit wir neues Leben empfingen. Er lieferte sich aus, um uns zu schützen. Und in diesem Engagement Christi offenbart sich das Wesen Gottes. Sind wir aber sein Ziel – wäre es da nicht angemessen, Gottes Hingabe mit gleicher Hingabe zu beantworten? In der Tat. Wir sollen unser Dasein nicht banalisieren, indem wir Banales ins Zentrum stellen, sondern sollen unser Leben an Gott verlieren, um es auf ewig zu gewinnen.

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Gespräch zwischen Gott und der Seele (Mechthild von Magdeburg)

 

Gott:

Du jagest sehr in der Minne. Sage mir, was bringst du mir, meine Königin?

Die Seele:

Herr, ich bringe dir mein Kleinod: Das ist größer als die Berge, es ist breiter als die Welt, tiefer als das Meer, höher als die Wolken, schöner als die Sonne, mannigfaltiger als die Steine; es wiegt mehr als die ganze Erde.

Gott:

O Bild meiner Gottheit, geehrt mit meiner Menschheit, geziert mit meinem heiligen Geiste, wie heißt dein Kleinod?

Die Seele:

Herr, es heißt meines Herzens Lust, die habe ich der Welt entzogen, in mir selber zurückgehalten und allen Kreaturen versagt; nun kann ich sie nicht weiter tragen. Herr, wo soll ich sie hinlegen?

Gott:

Deines Herzens Lust sollst du nirgendhin legen als in mein göttliches Herz und an meine menschliche Brust. Da allein wirst du getröstet und mit meinem Geist geküsst.

 

„Herr! Du weißt, wie es besser ist. Was und wie du willst, das und so soll es geschehen. Gib mir das, was du mir geben willst; gib mir, soviel du willst, und gib es mir zur Zeit, wenn du es geben willst. Schalte und walte mit mir, wie du willst, wie es dir besser gefällt, wie es dir zur größeren Ehre gereicht. Stelle mich hin, wohin du willst, und tu mit mir in allem, frei und ungehindert, wie du willst. Wie hätte es mir übel gehen können bei dir? Lieber will ich arm sein um deinetwillen als frei ohne dich. Lieber will ich mit dir auf Erden Pilger sein, als ohne dich das Himmelreich besitzen. Wo du bist, da ist der Himmel, wo du nicht bist, da sind Tod und Hölle.“

(Thomas v. Kempen)

 

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Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie lässt sich Gott gefallen. In der Blume, als Blume träumt er seinen schönsten Traum, da widerstrebt ihm nichts. Christian Morgenstern

 

Wollte ich mich einem Menschen beliebt machen und wollte ich dem allein gefallen, so wollte ich alles, was dem Menschen gefällig wäre und wodurch ich ihm wohlgefiele, lieber als irgend etwas anderes. Und wäre es so, dass ich ihm besser gefiele in einem schlichten Kleide als in Samt, so besteht kein Zweifel darüber: ich trüge das schlichte Kleid lieber als irgendein anderes Kleid. So auch steht es mit einem, dem Gottes Wille gefällt: alles, was ihm Gott zuteilt, sei's Krankheit oder Armut oder was es auch sei, das hat er lieber als irgend etwas anderes. Eben weil Gott es will, darum schmeckt es ihm besser als irgend etwas anderes. Meister Eckhart

 

Man kann das Ich nicht anders gewinnen, als indem man es hergibt. Sören Kierkegaard

 

Wer alle Dinge loslässt, der erhält das Hundertfache zurück. Wer es aber auf das Hundertfache absieht, dem wird nichts zuteil, denn er lässt nicht alles los, der will vielmehr das Hundertfa­che haben. Meister Eckhart

 

Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen leg ich meinen Tag in deine Hand. Sei mein Heute, sei mein gläubig Morgen, sei mein Gestern, das ich überwand. Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen, bin in deinem Mosaik ein Stein. Wollst mich an die rechte Stelle legen, deinen Händen bette ich mich ein. Edith Stein

 

Gott strebt danach, dass er sich uns völlig gebe. In glei­cher Weise, wie wenn das Feuer das Holz in sich ziehen will und sich wiederum in das Holz; dann befindet es das Holz als ihm ungleich. Darum bedarf es der Zeit. Zuerst macht das Feuer das Holz warm und heiß; dann raucht es und kracht, weil das Holz ihm ungleich ist. Und je heißer das Holz dann wird, desto stiller und ruhiger wird es, und je gleicher das Holz dem Feuer ist, desto fried­licher ist es, bis es ganz und gar Feuer wird. Meister Eckhart

 

Ich bin nur ein schlichtes einfältiges Werkzeug. Gott tue und mache, was er will. Was er will, das will ich auch; und was er nicht will, das will ich auch nicht. Will er, dass ich es soll wissen, so will ich es wissen; will er aber nicht, so will ich auch nicht. Ich will nichts und tot sein, auf dass er in mir lebe und wirke, was er will. Jakob Böhme

 

Will mich Gott nicht lebendig haben, so will ich sterben; will er mich nicht reich haben, so will ich arm sein. Martin Luther

 

So steht es mit dem, dem Gottes Wille gefällt: Alles, was Gott ihm zukommen lässt, sei es Krankheit oder Ar­mut oder was es auch sei, das hat er lieber als irgend­etwas anderes. Nun sagt ihr gerne: „Woher weiß ich denn, ob es Gottes Wille ist?“ Ich antworte: Wäre es bloß für einen Augenblick nicht Gottes Wille, so wäre es auch nicht. Schmeckte dir nun der Wille Gottes, so wärst du recht wie im Himmelreich, was dir auch ge­schehe oder nicht geschehe. Meister Eckhart

 

HIOBS GROSSER GLAUBE

Erg.

 

Historiker

Der Historiker ist nicht immer ein rückwärts gekehrter Prophet, aber der Journalist ist immer einer, der nachher alles vorher gewusst hat. Karl Kraus

 

HISTORISCHER JESUS

Oft wird gesagt, das Neue Testament zeige nicht den „historischen Jesus“, sondern nur den „geglaubten Christus“. Doch wie sollten beide unterscheidbar sein? Weder kann man den Evangelisten aus ihren eigenen Schriften (!) beweisen, dass sie sich mit ihrer Christologie zu Unrecht auf Jesus berufen, noch kann man aus ihren eigenen Schriften (!) beweisen, dass sie es zu Recht tun. Wir haben keinen Zugang zu einem „historischen Jesus“, brauchen aber auch keinen. Denn der Jesus, den die Christenheit kennt und braucht, ist der biblische Christus.

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HISTORISCH-KRITISCHE EXEGESE

1.

Das biblische Wort ist nicht Gottes Wort allein, denn niedergeschrieben haben es Menschen. Das biblische Wort ist aber auch nicht allein Menschenwort, denn Menschen finden sich darin seit Jahrhunderten von Gott angeredet. Die Bibel ist demnach Gotteswort und Menschenwort zugleich – und ähnelt darin dem, von dem sie berichtet. Denn Jesus Christus war auch Mensch und Gott zugleich, ohne dass seine menschliche Natur die göttliche aufgehoben hätte (oder umgekehrt).

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2.

Wie man vor einem Spiegel stehend entweder auf den Spiegel selbst, oder auf das in ihm erscheinende Spiegelbild der eigenen Person schauen kann, so kann man beim Lesen der Bibel seine Aufmerksamkeit auf das Buch als solches richten, oder auf das, was man im Spiegel der Bibel über sich selbst und Gott erfährt. Beides ist erlaubt, das Zweite aber wichtiger. Denn Gott gab uns die Bibel nicht, damit wir ihre Entstehung studieren und damit den Rahmen des Spiegels von hinten betrachten, sondern damit wir vorne reinschauen und uns selbst erkennen! 

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3.

Die Bibel ist nicht „nur“ Menschenwort oder „nur“ Gotteswort, ist auch nicht teils das eine und teils das andere, sondern beides zugleich und beides in Gänze. Ein Widerspruch besteht aber nicht, weil „Gotteswort“ die Urheberschaft meint und „Menschenwort“ die Berichterstattung: Wenn das Wasser einer Quelle durch Leitungen transportiert wird, darf man es mit demselben Recht „Quellwasser“ nennen, wie man es auch „Leitungswasser“ nennt.

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HOCHMUT UND VERZWEIFLUNG

Der Mensch neigt dazu, sich entweder stolz zu überschätzen und zu überheben oder - von solchen Höhenflügen abgestürzt - in Verzweiflung zu versinken und die Selbstachtung zu verlieren. Gott aber will uns vor beidem bewahren und gibt uns darum als „Begrenzung nach oben“ sein Gesetz (es zwingt uns zu nüchterner Selbsterkenntnis und schützt so vor aller Aufgeblasenheit) und als „Begrenzung nach unten“ sein Evangelium (auch, wo wir versagen, sagt es uns Gottes Liebe zu, die uns trägt).

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HÖCHSTES GUT

Der Mensch könnte nicht „gut“ sein, wenn’s nicht die gute Seite gäbe, auf die er sich stellt, und die gute Sache, die er zu „seiner“ Sache macht. Aber gibt es – jenseits dessen, was sich gerade für diesen oder jenen „gut anfühlt“ – ein objektiv Gutes? Unsere Vernunft findet dazu keinen Zugang. Und so ist es Gott allein, der uns zum Guten verpflichten kann, weil er (1.) als Schöpfer das Recht hat, seiner Schöpfung eine Richtung vorzugeben und (2.) in eigener Person das „höchste Gut“ ist. An seinem Willen muss sich orientieren, wer „zu etwas gut“ sein will. Denn wer möchte schon mit der Vorstellung leben, etwas von dem zu sein, was besser nicht wäre? 

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„Wer an allen anderen Gütern reich wäre, der hätte nichts, wenn ihm die Gnade und Liebe Gottes fehlte. Wer aber sie besitzt, der hat alles. Daraus folgt, dass sich der Christ, so viel er kann, bemühen wird, diesen Schatz zu erhalten und zu vermehren. Sehen wir doch schon bei unvernünftigen Kreaturen, dass sie ihr Leben auf jegliche Weise zu retten suchen, dass sie mit allen Kräften ihrem Untergang widerstehen und alles andre daran geben, wenn nur ihr Dasein erhalten werden kann. So will denn auch der Christ, dessen eigentliches Leben in der Gnade und Liebe besteht, alle Güter Leibes und der Seele opfern, alles Elend, ja selbst den Tod eher erdulden, als die Gnade und Liebe Gottes verlieren.“

Savonarola (+1498)

 

Wir Menschen sind auf viel Dings bedacht, das doch unnütz ist und machen uns viel vergeblicher Sorgen. Aber um das einige, das am nötigsten ist, bekümmern sich wenige. Mancher sorgt, wie er reich werde und wäre doch reich genug, so er sich begnügen ließe ... (1 Tim. 6,6). Ein anderer bemüht sich groß zu werden in der Welt, wäre groß genug, wenn er sich selbst wüsste zu beherrschen ... (Spr. 16,32). Manchem ist‘s um Glückseligkeit zu tun, die ihm doch nicht entgehen könnte, wenn er so lebte, dass er selig stürbe ... (Offenb. 14,13). Aber wer bedenkt, was zu seinem Frieden dient? Mit Gott wohl dran sein und einen gnädigen Gott haben, ist das beste.

(Heinrich Müller)

 

HOCHZEIT

Der viel missbrauchte Begriff der „Liebe“ muss korrigiert werden: (1.) Liebe macht nicht blind, sondern sehend, denn sie sieht den Partner so, wie ihn Gott gemeint hat. (2.) Wahre Liebe ist nicht zu verwechseln mit dem begehrlichen Konsumieren eines Partners, das beim anderen doch nur wieder sich selbst und das eigene Glück sucht. (3.) „Ich liebe dich“ heißt immer: „Ich will mit dir alt werden“ – und wenn es das nicht heißt, ist es gelogen. Eine Überforderung ist „wahre Liebe“ nur dann nicht, wenn sie sich von Gottes größerer Liebe umfangen weiß.

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HOCHZEIT CHRISTI UND DER KIRCHE

Im Neuen Testament ist es ein geläufiges Bild für das Reich Gottes, dass der Bräutigam (Jesus Christus) kommt, um seine Braut (die Kirche) zur Hochzeit zu führen. Er hat sich selbst für sie dahingegeben, damit sie ohne „Flecken oder Runzel“ sei, herrlich, heilig und untadelig (Eph 5). Und die Kirche sollte ihn darum voller Freude, Treue und Hingabe erwarten. Wo sie aber gar nicht einer bildhübschen, jugendfrischen Braut ähnelt, sondern einem alten Weib mit zwielichtiger Vergangenheit, entsteht ein Problem. Denn eines Tages wird der Bräutigam in der Tür stehen und wird nach der Kirche fragen, seiner geliebten „Gemeinschaft der Heiligen“.

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HOFFNUNG

1.

Gewöhnliche Hoffnung besteht in dem Wunsch, etwas Positives, aber Ungewisses, möge aus dem Bereich des Möglichen in den des Wirklichen übergehen. Weil die Erfüllung dieses Wunsches aber nur mehr oder minder wahrscheinlich ist, wird die gewöhnliche Hoffnung stets von Unsicherheit und Furcht begleitet. Christliche Hoffnung zielt dagegen auf Heilsgüter, die dem Glaubenden schon hier und heute geschenkt sind. Sie steht darum so fest wie der Allmächtige, dessen Wort sie begründet. Sie hat volle Gewissheit und keinerlei Furcht, weil das, was Gott will, nicht nur kommen kann, sondern unausweichlich kommen muss.

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2.

Hoffnung ist nicht gleich Hoffnung – und die falsche ist der Feind der wahren. Darum ist christliche Hoffnung klar zu unterscheiden 1. von der Hoffnung der Naiven (die sich bloß ihrer Unkenntnis verdankt), 2. von der Hoffnung der Stolzen (die auf der Überschätzung ihrer Kräfte beruht) und 3. von der Hoffnung der Trotzigen (die „blind“ und nur aus Prinzip hoffen). Christliche Hoffnung hat ihren Spender, ihren Grund und ihr Ziel in Jesus Christus – und hat darum mit Zweckoptimismus, Fortschrittsglaube oder positivem Denken nichts zu tun.

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3.

Der Glaube ist ganzjährig voller Erwartung, er sitzt sozusagen „auf gepackten Koffern“ und freut sich auf den Tag, da der gottlose Zustand dieser Welt überwunden wird, weil entweder der Herr zu uns kommt – oder wir zu ihm. Auch der Herr will das. Denn der Wartende ist es dem Kommenden wert, dass er kommt. Und der Kommende ist es dem Wartenden wert, dass er wartet. Einer ist des andern Ziel. Und in der gedanklichen Vorwegnahme der noch nicht vollendeten Gemeinschaft bilden sie doch schon eine Gemeinschaft: Der Kommende ist dem Wartenden in seiner Erwartung gegenwärtig, wie auch der Wartende dem Kommenden als Ziel seines Laufes vor Augen steht. 

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„Was ist die Hoffnung? Dass wir Gott dem Herrn zutrauen, Er werde auch ins künftige unser lieber Vater bleiben, uns aus aller Not zu rechter Zeit erretten, und endlich des versprochenen ewigen Heils teilhaftig machen.“ (Philipp J. Spener)

 

„Gleichwie der Glaube nichts anders ist, als eine gewisse ungezweifelte Zuversicht (Hebr. 11,1.) auf Gottes Gnade in Christo verheißen, dadurch das ganze Herz und Gemüte Gott anhanget, also ist die Hoffnung eine geduldige beharrliche Auswartung und beständige Zuverlässigkeit dessen, was man glaubet, oder dass man mit Geduld erwartet, was man glaubet; und ist nichts anders, als der geduldige, beständige, wartende Glaube bis ans Ende. Von dieser Hoffnung sagt St. Paulus Röm. 5,5. dass sie nicht lässt zu Schanden werden; Ursache: Sie hat einen unbeweglichen Grund, wie auch der Glaube, das ist Gott selbst, darum kann sie nicht zu Schanden werden, denn ihr Grund und Fundament ist fest, ewig und unbeweglich.“ (Johann Arndt)

 

„Selig ist das Volk, dessen der Herr ein Gott ist, das Volk, welches er sich zum Erbteil erwählet hat. Die vorzüglichste Versicherung des Glaubens aber besteht in der Hoffnung der ewigen Seligkeit, welche durch Gottes Wort außer allen Zweifel gesetzt ist. Wo nur der lebendige Glaube stattfindet, da hat er auch diese Hoffnung zur unzertrennlichen Begleiterin, und ohne sie kann er gar nicht sein. Denn da der Glaube eine feste Überzeugung von der Wahrheit Gottes ist, so fehlt es nicht, dass diejenigen, welche die Verheißungen Gottes für wahr halten, auch erwarten, dass er dieselben in Erfüllung bringen werde, so, dass also die Hoffnung nichts anders ist als eine Erwartung der Dinge, von denen der Glaube wahrhaft glaubt, dass sie von Gott verheißen sind. Der Glaube glaubt, dass Gott wahrhaftig sei; die Hoffnung erwartet, dass er zur rechten Zeit seine Wahrheit in Erfüllung gehen lassen werde. Der Glaube glaubt, dass Gott unser Vater sei; die Hoffnung erwartet, dass er sich allezeit als ein Vater gegen uns erweisen werde. Der Glaube glaubt, dass uns ewiges Leben von Gott geschenkt sei; die Hoffnung erwartet, dass dasselbe einst offenbar werde. Der Glaube ist der Grund, auf dem die Hoffnung beruht; die Hoffnung nährt und erhält den Glauben. Denn so wie Niemand etwas von Gott erwarten kann, als nur der, welcher zuvor seinen Verheißungen glaubt: so muss auch wiederum die Schwachheit unsers Glaubens durch geduldiges Hoffen und Harren unterstützt und gekräftigt werden, damit er nicht ermüdet zusammen sinke. Mit Recht stellt also Paulus unser Heil in die Hoffnung. Röm. 8,24. Denn indem dieselbe mit Schweigen des Herrn harret, so hält sie den Glauben an, dass er nicht durch zu großes Eilen dahin stürze; sie bekräftigt ihn, dass er bei Gottes Verheißungen nicht wanke, oder an der Wahrheit derselben zu zweifeln anfange; sie erfrischt ihn, dass er nicht müde werde; sie richtet seinen Blick auf das Ziel, damit er nicht mitten im Lauf dahin schwinde.“ (Johannes Calvin)

 

„Da der Glaube eine feste Überzeugung von der Wahrheit Gottes ist, so fehlt es nicht, dass diejenigen, welche die Verheißungen Gottes für wahr halten, auch erwarten, dass er dieselben in Erfüllung bringen werde, so, dass also die Hoffnung nichts anders ist als eine Erwartung der Dinge, von denen der Glaube wahrhaft glaubt, dass sie von Gott verheißen sind. Der Glaube glaubt, dass Gott wahrhaftig sei; die Hoffnung erwartet, dass er zur rechten Zeit seine Wahrheit in Erfüllung gehen lassen werde. Der Glaube glaubt, dass Gott unser Vater sei; die Hoffnung erwartet, dass er sich allezeit als ein Vater gegen uns erweisen werde. Der Glaube glaubt, dass uns ewiges Leben von Gott geschenkt sei; die Hoffnung erwartet, dass dasselbe einst offenbar werde. Der Glaube ist der Grund, auf dem die Hoffnung beruht; die Hoffnung nährt und erhält den Glauben.“

(Johannes Calvin)

 

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Gott hat solches Wohlgefallen an seinem eingeborenen Sohn, dass er Wohlgefallen an allen hat, die sich auf ihn als ihre einzige Hoffnung verlassen. C. H. Spurgeon

 

Auf der Wiese der Hoffnung weiden viele Narren. Aus Russland

 

Dass uns Dinge begegnen, die uns lästig und durchaus zuwider sind, das ist für uns sehr gut. Denn sie treiben den Menschen, der aus seinem Herzen geflohen ist, wieder in sein Herz zurück, dass er es fühlen lerne: Ich bin hier nicht in meinem Vaterland, und dass er seine Hoffnung auf kein Gut dieser Welt gründe. Thomas von Kempen

 

Der Himmel hat den Menschen als Gegengewicht gegen die Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben: die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen. Immanuel Kant

 

Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt. Arthur Schopenhauer

 

Die Mystikerin Rabi’a wurde in einer Straße Basras gefragt, warum sie eine Fackel in der einen Hand, einen Eimer Wasser in der anderen trage, und sie antwortete: „Ich will Feuer ans Paradies legen und Wasser in die Hölle gießen, damit diese beiden Schleier verschwinden und es deutlich wird, wer Gott aus Liebe und nicht aus Höllenfurcht oder Hoffnung aufs Paradies anbetet.“ nach A. Schimmel

 

Du bist frei von dem, auf das du nicht hoffst, und Sklave dessen, was du begehrst. Ibn Ata Allah

 

Ein Kennzeichen dafür, dass man noch auf eigene Werke vertraut, ist, dass sich bei einem Fehltritt die Hoffnung vermindert. Ibn Ata Allah

 

Gottes Gnade ist reichlicher, als wir hoffen. Wir hätten’s nicht gewagt, ihn um so viel zu bitten. Martin Luther

 

Hier ruht. Nahrung für die Würmer, der Körper von Benjamin Franklin, Buchdrucker, gleich dem Deckel eines alten Buches, aus dem die Blätter gerissen sind und dessen Einband abgebraucht ist. Aber das Werk wird nicht verloren gehen, denn es wird wieder erscheinen, so hofft er, in einer neuen Auflage, durchgesehen und verbessert vom Verfasser. Grabinschrift von Benjamin Franklin, der gelernter Buchdrucker war

 

Hoffnung und Furcht sind untrennbar. Keine Furcht ohne Hoffnung, keine Hoffnung ohne Furcht. Rochefoucauld

 

Je kleiner die Eidechse, umso größer ihre Hoffnung, ein Krokodil zu werden. Aus Abessinien

 

Warum du wider alles Hoffen noch niemals mitten ins Schwarze getroffen?

Weil du's nicht lassen konntest, beim Zielen immer ins Publikum zu schielen. Emanuel Geibel

 

Wenn du willst, dass dir das Tor der Hoffnung aufgetan werde, so schau auf das, was von Ihm zu dir kommt, und wenn du willst, dass dir das Tor der Furcht aufgetan werde, so schau auf das, was von dir zu Ihm geht! Ibn Ata Allah

 

Wir haben soviel, wie wir glauben und hoffen. Martin Luther

 

Wir lieben neue Bekannte nicht so sehr, weil wir der alten überdrüssig sind oder Freude an der Abwechslung finden. Der wahre Grund ist der Ärger, dass uns jene, die uns zu gut kennen, nicht genügend bewundern, und die Hoffnung, dass jene, die uns nicht kennen, es um so mehr tun werden. Rochefoucauld

 

Höflichkeit

 

Die meisten jungen Menschen glauben natürlich zu sein, wenn sie bloß grob und unhöflich sind. Rochefoucauld

 

Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, dass sie verlangt, dass wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen. Arthur Schopenhauer

 

Höflichkeit ist wie ein Luftkissen; es mag wohl nichts drin sein, aber es mildert die Stöße des Lebens. Arthur Schopenhauer

 

Von der Höflichkeit, dieser chinesischen Kardinaltugend, habe ich den einen Grund angegeben in meiner Ethik; der andere liegt in Folgendem. Sie ist eine stillschweigende Übereinkunft, ge­genseitig die moralisch und intellektuell elende Beschaffenheit von einander zu ignorieren und sie sich nicht vorzurücken: wodurch diese, zu beiderseitigem Vorteil, etwas weniger leicht zutage kommt. Höflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhöflichkeit Dummheit: sich mittelst ihrer unnötiger- und mutwilligerweise Feinde machen ist Raserei, wie wenn man sein Haus in Brand steckt. Denn Höf­lichkeit ist, wie die Rechenpfennige, eine offenkundig falsche Münze: mit einer solchen sparsam zu sein, beweist Unverstand; hingegen Freigebigkeit mit ihr Verstand. (…..) Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, dass wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, wäh­rend die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaf­testen Anteil an ihnen simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. Höflichkeit mit Stolz zu vereinigen ist ein Meisterstück. Arthur Schopenhauer

 

Wir sind höflich, um höflich behandelt und für höflich gehalten zu werden. Rochefoucauld

 

HOHELIED DER LIEBE

Das „Hohelied der Liebe“ scheint in maßloser Übertreibung die Gottesgabe der Liebe gegen alle anderen auszuspielen, so als wollte Paulus eine Tugend auf Kosten aller anderen loben. Doch redet er gar nicht von der zwischenmenschlichen Liebe, die unsereiner empfindet, sondern von der göttlichen Liebe, deren Gegenstand wir sind. Und erst so macht es dann Sinn: Auch in seiner „Bestform“ ist der Mensch nichts, wenn Gott ihn nicht liebt. Denn nicht die Liebe, die er übt, sondern die Liebe, die ihm gilt, verleiht dem Menschen Wert und Bedeutung.

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HÖLLE

1.

Das Quälende an der Hölle ist der innere Widerspruch, dass in der Liebe Gottes alles liegt, was man ersehnt, und man sie doch nicht erträgt. Der Mensch ist dort ein Irrender, der sehenden Auges durch falsches Beharren eben jenes Unglück verschuldet, das nun seine Identität ausmacht. Er will selbst nicht von dem lassen, was ihn foltert. Er kann Gott ebensowenig akzeptieren wie loswerden. Und er tut sich damit selbst das Schlimmste an. Denn in der Hölle brennt nichts anderes als sein verkehrter Eigenwille. Der wird ihm zugestanden. Aber die Strafe für die Trennung vom Guten ist dann eben, von allem Guten getrennt zu sein. 

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2.

Die Lehre von der „Allversöhnung“ ist heute verbreitet, obwohl sie im Neuen Testament keine Grundlage hat. Jesus rechnet damit, dass Sünder, die nicht im Glauben das Heil ergreifen, auf ewig vom Heil ausgeschlossen bleiben und verloren gehen. In der bewussten Trennung von Gott liegt ihre Schuld – und zugleich ihre angemessene Strafe. Wer aber will sich anmaßen, darüber mehr zu wissen als Gottes Sohn? Die Hölle, von der er spricht, verschwindet nicht, bloß weil wir uns weigern, an sie zu glauben. Trösten wir uns also nicht mit Ausflüchten wie der Allversöhnungslehre, sondern ergreifen wir die konkrete Hilfe, die Christus bietet.

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3.

Die Hölle, die Menschen einander auf Erden bereiten, stellt alles in den Schatten, was man früher als „jenseitige“ Hölle erwartete. Und so wird eine alte Lehre neu bedeutsam: Christus ist nach seinem Tod hinabgefahren an den Ort der Verdammten, um auch ihr Bruder zu werden, ihre Verdammnis mit ihnen zu tragen und ihnen das Evangelium zu verkünden. Wenn aber der Arm der Liebe Gottes bis in die Hölle hinabreicht, ist das der Anfang vom Ende der Hölle. Denn Christus ist des Teufels Teufel.

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„Wie im Reiche Gottes nichts begehrt wird, was nicht gefunden wird, so wird in der Hölle nichts gefunden, was begehrt wird. Den Verdammten wird es da nichts helfen, dass sie in diesem Leben mancher Ergötzungen sich zu erfreuen gehabt haben, ja es wird die Erinnerung daran sie nur noch um so mehr quälen. Den Verdammten wird es nichts helfen, dass sie in diesem Leben in steter Sättigung und Trunkenheit gelebt haben, weil sie dort nicht einmal einen Tropfen Wassers erlangen können Luk. 16,24. Es wird ihnen nichts helfen, dass sie in köstliche Kleider sich gekleidet haben, denn sie werden mit Schmach umgeben, und ihre Leiber werden in Schande gekleidet werden. Es wird ihnen nichts nützen, dass sie in diesem Leben Ehrenstellen eingenommen haben, weil es in der Hölle keine Ehre, sondern ununterbrochenes Seufzen und Schmerzen gibt. Es wird ihnen nichts nützen, dass sie in diesem Leben Reichtum gesammelt haben, weil dort sich alle in gleicher Armut befinden werden. Von dem seligen Schauen Gottes werden sie verbannet sein. Gott nicht schauen übersteigt alle Martern der Hölle. Wenn die in das Gefängnis der Hölle eingeschlossenen Verdammten das Angesicht Gottes sähen, so würden sie keine Strafe, keinen Schmerz und keine Traurigkeit empfinden. So aber werden sie den Zorn Gottes erfahren, und doch das beseligende Antlitz Gottes niemals schauen. Sie werden Strafen leiden von dem Angesicht deß, dessen Angesicht sie doch niemals sehen werden. Der Zorn Gottes wird das Feuer der ewigen Verdammnis fort und fort wie einen schwefeligen Strom entzünden (…). Die Verdammten werden nicht bloß äußerlich durch die bösen Geister gequält werden, sondern auch innerlich durch den Wurm des Gewissens. Alle Sünden ohne Unterschied, die sie jemals begangen haben, werden ununterbrochen ihnen vor Augen stehen. Die Marter wird aber um so heftiger sein, weil die Gnade der Buße ihnen nicht mehr verstattet ist. Wenn die Jungfrauen, die sich bereitet haben, mit dem Bräutigam zur Hochzeit eingegangen sind, so wird sofort die Tür verschlossen werden Matth. 25,10, nämlich die Tür der Vergebung, die Tür der Erbarmung, die Tür des Trostes, die Tür der Hoffnung, die Tür der Gnade, die Tür der heiligen Bekehrung. Die Verdammten werden schreien und sprechen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns und verberget uns vor dem Zorne des Lammes Off. Joh. 6,16; aber ihr Schreien wird umsonst sein…“ (Johann Gerhard)

 

„Wo man nach seinem eignen Willen lebt, da sucht man Freude ohne und außer Gott. Eine solche Freude aber trägt im Verborgenen in sich das schrecklichste Gift, den furchtbarsten Tod, weil sie eine Feindschaft und Verachtung des Schöpfers ist. Sie ist unsicher, unstet und mit einer geheimen Bangigkeit verbunden, und mit dem Tod hört sie ganz auf. Denn da wird einer solchen Seele alles genommen, was sie liebte; sie verliert die eigene Ehre, den eigenen Ruhm und alle sinnlichen Genüsse. Und von der Wand des Leibes losgetrennt, hinter der sie sich bisher vor sich selber versteckt hatte, erkennt sie immerdar, was sie hätte sein sollen, und was sie durch ihre Schuld geworden ist. Da fängt sie sich denn an zu hassen, und aus dem Hass gegen sich selbst entspringt der Hass gegen Gott, der ihr das Dasein gegeben. Sie wünscht erbittert, dass er nicht sein möchte, damit auch sie nicht wäre. Aber nicht bloß sich und Gott, auch alle andere Kreaturen hasst sie, weil sie Gottes sind. Und da sie nun weder sich, noch Gott, noch die Kreaturen vertilgen kann, so übersteigt ihr Elend alle Grenzen. Nimmer kann sie ruhen, nimmer zu denken aufhören, und das Gedächtnis ihrer Sünde gießt immerfort Öl auf das Feuer ihres Jammers, das in alle Ewigkeit brennt.“

Raymund (+1436)

 

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Alles, was besser als Hölle ist, ist Gnade. C. H. Spurgeon

 

Das Alter ist die Hölle der Frauen. Rochefoucauld

 

Die Mystikerin Rabi’a wurde in einer Straße Basras gefragt, warum sie eine Fackel in der einen Hand, einen Eimer Wasser in der anderen trage, und sie antwortete: „Ich will Feuer ans Paradies legen und Wasser in die Hölle gießen, damit diese beiden Schleier verschwinden und es deutlich wird, wer Gott aus Liebe und nicht aus Höllenfurcht oder Hoffnung aufs Paradies anbetet.“ nach A. Schimmel

 

Hölle ist da, wo Gott nicht mehr hinsieht. Dostojewski

 

Immer noch haben jene die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen. Friedrich Hölderlin

 

Nun könnt ihr sagen: Schlechte Menschen haben es sehr gut, sie kriegen ihren Willen mehr als andere Leute. Salomon sagt: Der böse Mensch soll nicht sagen: Was schadet es mir, dass ich Übles täte, wenn es mir doch nicht weh täte? Oder: Wer täte mir deshalb Übles? Eben das, dass du Übles tust, das ist ganz und gar dein Schaden und tut dir weh genug. Seid dessen gewiss bei der ewigen Wahrheit, dass es ein ebenso großer Zorn Gottes ist; er könnte dem Sünder nichts Schlimmeres antun, weder mit der Hölle noch mit irgend etwas, als er ihm damit antut, dass er es ihm gestattet oder über ihn verhängt (=ihm zulässt), dass er sündig ist und dass er sich nicht dadurch über ihn erbarmt, dass er keinen so großen Jammer (=Unheil) über ihn zuließe, nicht sündigen zu können. Und gäbe ihm Gott das Weh der ganzen Welt, so könnte ihn Gott dennoch nicht mehr schlagen, als er damit geschlagen ist, dass er sündigt. Meister Eckhart

 

Hören

„Ich will hören, was der Herr, mein Herr, in mir spricht. (Ps. 85,9.) Selig die Seele, die den Herrn in sich reden hört, und aus seinem Munde des Trostes Worte empfängt. Selig die Ohren, welche das leise Wehen Gottes vernehmen und auf die Einflüsterungen dieser Welt nicht achten. Ja, ganz selig die Ohren, welche nicht auf die von außen kommende Stimme, sondern auf die im Innern lehrende Wahrheit hören. Selig die Augen, welche der Außenwelt verschlossen, für das Innere aber aufgetan sind. Selig, die in’s Innere dringen und sich durch tägliche Übungen mehr und mehr geschickt machen, die himmlischen Geheimnisse zu erfassen. Selig, welche sich Gott zu widmen begehren, und sich von jedem Hindernisse der Welt losreißen! Merke dies, meine Seele, und verschließe die Türe deiner Sinnlichkeit, dass du könnest hören, was in dir der Herr, dein Gott, rede.“ (Thomas von Kempen)

 

„Wenn Gott redet und sein Wort gibt, so gibt er’s reichlich, schüttet seinen Schatz überschwänglich aus, tut den Himmel weit auf, ruft und spricht: Alle gen Himmel, alle gen Himmel! Alsdann ist’s Zeit, dass man die Ohren auftue und höre. Wenn man aber sein Wort nicht hören will, so schweigt er stille, und nimmt sein Wort rein hinweg. So geht’s denn also: Haben wir Gott nicht wollen hören, da er mit uns redete, so mögen wir den Teufel hören, wenn Gott schweigt. Haben wir nicht gen Himmel wollen, weil er offen stand, so kann Gott den Himmel zuschließen, und die Hölle aufschließen; da mögen wir zusehen, wo wir bleiben (…). Jetzt schließt Gott auch den Himmel auf, und schließt die Hölle zu, schüttet sein Wort reichlich aus durch die Predigt des Evangelii, und redet getrost; aber niemand will es fast mehr hören. So wird’s auch geschehen, dass Gott den Himmel wird zuschließen, und die Hölle aufschließen, dass die Leute mit Haufen werden hinein fahren müssen, weil sie jetzt nicht in den Himmel wollen, weil er offen steht. Darum lasset uns fleißig hören, weil Gott mit uns redet, auf dass er sein Wort nicht hinwegnehme, und stille schweige. Nimmt er sein Wort hinweg, und schweigt stille, so ist’s mit uns aus.“ (Martin Luther)

 

„Wir lesen in der Meditation den uns gegebenen Text auf die Verheißung hin, dass er uns ganz persönlich für den heutigen Tag und für unsern Christenstand etwas zu sagen habe, dass es nicht nur Gottes Wort für die Gemeinde, sondern auch Gottes Wort für mich persönlich ist. Wir setzen uns dem einzelnen Satz und Wort so lange aus, bis wir persönlich von ihm getroffen sind. Damit tun wir nichts anderes, als was der schlichteste, ungelehrteste Christ täglich tut, wir lesen Gottes Wort als Gottes Wort für uns. Wir fragen also nicht, was dieser Text andern Menschen zu sagen habe, für uns Prediger heißt das, wir fragen nicht, wie wir über den Text predigen oder unterrichten würden, sondern was er uns selbst ganz persönlich zu sagen hat. Dass wir dazu den Text erst einmal seinem Inhalt nach verstanden haben müssen, ist gewiss, aber wir treiben hier nicht Textauslegung, nicht Predigtvorbereitung, nicht Bibelstudium irgendwelcher Art, sondern wir warten auf Gottes Wort an uns. Es ist kein leeres Warten, sondern ein Warten auf klare Verheißung hin. Oft sind wir so belastet und überhäuft mit andern Gedanken und Bildern, Sorgen, dass es lange dauert, ehe Gottes Wort das alles beiseite geräumt hat und zu uns durchdringt. Aber es kommt gewiss, so gewiss Gott selbst zu den Menschen gekommen ist und wiederkommen will. Eben darum werden wir unsere Meditation mit dem Gebet beginnen, Gott wolle seinen Heiligen Geist durch sein Wort zu uns senden und uns sein Wort offenbaren und uns erleuchten.“ (Dietrich Bonhoeffer)

 

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Niemand ist so taub wie der, der nicht hören will. C. H. Spurgeon

 

Beten heißt nicht, sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört. Sören Kierkegaard

 

Der Mensch hat zwei Ohren und eine Zunge, damit er doppelt so viel hören kann, wie er spricht. Epiktet

 

Lerne zuhören, und Du wirst auch von denjenigen Nutzen ziehen, die dummes Zeug reden. Platon

 

Seht, dies sollt ihr fürwahr wissen: Will jemand anders in dem Tempel, das ist in der Seele, reden als Jesus allein, so schweigt Jesus, als sei er nicht daheim, und er ist auch nicht daheim in der Seele, denn sie hat fremde Gäste, mit denen sie redet. Soll aber Jesus in der Seele reden, so muss sie allein sein und muss selbst schweigen, wenn sie Jesus reden hören soll. Meister Eckhart

 

HÖREND NICHT HÖREN

Erg.

 

HUMOR

Mit Spott bringt man Autoritäten auf Distanz. Man macht lächerlich, um nicht ernst nehmen zu müssen. Und so witzelt mancher auch über Gott. Doch der nimmt es keineswegs „mit Humor“. Denn Gott kann im Leben des Menschen ein Gegenstand der Verehrung sein. Oder er kann ein Gegenstand der Belustigung sein. Er kann aber nicht beides zugleich sein. Wovor einer Ehrfurcht hat, darüber lacht er nicht. Und worüber er lacht, davor hat er keine Ehrfurcht. So lachen Gottes Kinder mit dem Vater, aber nicht über ihn. Sie freuen sich am Vater, aber nicht auf seine Kosten. 

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Das Evangelium kann nicht ohne Humor gepredigt werden. Martin Luther

 

Denken ist höher als Gefühl und Phantasie, das wird von einem Denker doziert, der selbst weder Pathos noch Lei­denschaft hat; es wird doziert, dass Denken höher sei als Ironie und Humor, und das wird von einem Denker do­ziert, dem der Sinn für das Komische völlig fehlt. Wie komisch! Sören Kierkegaard

 

Humor ist das umgekehrt Erhabene. Er erniedrigt das Große, um ihm das Kleine, und erhöht das Kleine, um ihm das Große an die Seite zu setzen und so beide zu vernichten, weil vor der Unendlichkeit alles gleich und nichts ist. Jean Paul

 

Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt. Joachim Ringelnatz

 

Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom Standpunkte des Unendlichen aus. Oder: Humor ist das Bewusstwerden des Gegensatzes zwischen Ding an sich und Erscheinung und die hieraus entspringende souveräne Weltbetrachtung, welche die gesamte Erscheinungswelt vom Größten bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgefühl umschließt, ohne ihr jedoch einen anderen als relativen Gehalt und Wert zugestehen zu können. Christian Morgenstern

 

Was würde wohl aus uns werden, wenn jeder das bisschen Humor und Witz, das in ihm steckt, unterdrücken wollte? Macht es nicht jenen armseligen Menschen nach, die mit traurigem und missmutigem Gesicht daherkommen, weil sie fromm sein möchten. Sie haben Angst, ihre Frömmigkeit könnte davonfliegen, falls sie vernünftig reden. Hl. Theresia von Avila

 

Hund

Je mehr ich die Menschen kennenlerne, desto lieber habe ich meinen Hund. Schopenhauer

 

Ich verachte Leute, die Hunde halten. Das sind Feiglinge, die sich nicht trauen, die Leute selber zu beißen. Johan August Strindberg

 

Nach manchem Gespräch mit einem Menschen hat man das Verlangen, einen Hund zu streicheln, einem Affen zuzunicken und vor einem Elefanten den Hut zu ziehen. Maxim Gorki

 

Wenn du einen verhungernden Hund aufliest und machst ihn satt, dann wird er dich nicht beißen. Das ist der Grundunterschied zwischen Hund und Mensch. Mark Twain

 

Hunger

„Eine starke Hungersnot ist auf Erden eingetreten, den unvernünftigen Tieren sind wir gleich geworden, essen Träber und werden nicht satt. Wer Geld liebt, wird nicht satt, wer Schwelgerei liebt, wird nicht satt, wer Ruhm sucht, wird nicht satt. Ihr törichten Kinder Adams, indem ihr das Viehfutter dieser Welt genießt, stärkt ihr ja nicht die hungrige Seele, sondern den Hunger selber. Und dass ich es euch durch ein Beispiel klar mache, indem ich eins von den Dingen nenne, wonach die Eitelkeit trachtet: So wenig können menschliche Herzen durch Gold befriedigt werden, als menschliche Leiber sich daran sättigen mögen. Wer satt zu werden wünscht, der muss nach der Gerechtigkeit hungern, nach jenem Brot verlangen, dessen im Hause des Vaters die Fülle ist. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“

Bernhard (+1153)

 

Du hörst so manch Trostwort in der Predigt, schmeckt dir aber nicht und geht nicht zu Herzen. Was kann dir lieblicheres gepredigt werden, als dass sich Christus dir zu eigen gegeben hat, mit allem, was er hat und vermag, dass dein Unglück sein, sein Leben dein sei? Doch hast du keine Wonne davon im Herzen. Wie kommt‘s? Weil du deine Seele mit Weltträbern schon angefüllt, bist du satt und fühlst keinen Hunger? Ein voller Bauch zertritt auch Honigseim, spricht Salomon. Wenn der göttliche Trost einem Weltherzen vorgelegt wird, ist‘s eben, als wenn man einen Vollzapf, dem Bier und Wein möchte aus Nase und Mund gezapft werden, ein Trünklein süßen Weins vorsetzt, er stößt den Becher samt dem Wein um; das Weltkind verachtet den Tröster samt dem Trost, weil es die Fülle des Welttrostes hat. Aber, wenn Gottes Tröstung in ein geisthungrig Herz fällt, wird sie so begierig eingeschlungen, wie das Wasser vom heißen Stein. Wer ein weltgesinntes Herz mit göttlichem Trost will abspeisen, ist gleich dem, der dem Pferd Gold und Silber in die Krippe wirft: das Pferd sollte eher verschmachten, als Gold und Silber anrühren. Heu und Hafer ist des Pferdes Speise, nicht Gold und Silber. Es ist keine Seele geschickt zu schmecken, wie freundlich der Herr ist, als die durch Anfechtung und Trübsal von allem kreatürlichen Trost ganz ausgeleert und entblößt ist. Nur ein zerbrochenes Herz will Gott heilen, ein verwundetes verbinden, ein mattes stärken, ein trauriges trösten. Ein blödes Gewissen ist das Gefäß, das Gott mit dem Honig seines Trostes anfüllt. Wenn das Herz seinen Jammer fühlt, wird‘s begierlich nach göttlichem Trost, wie ein hungriges krankes Kindlein nach den Mutterbrüsten. Hört‘s dann nur ein Wörtlein davon, so spürt‘s immer mehr und mehr nach und kann nicht satt werden (...). Gott und die Natur lassen nichts leer. Was schon voll ist, lässt Gott, wie es ist. Wein und Wasser dienen nicht in ein Fass, so auch Himmel und Erde nicht in ein Herz. Ist das Fass voll Wasser, muss der Wein draus bleiben. Ist das Herz voll Welttrost, muss Gottes Trost zurück stehen; was aber Gott leer findet vom irdischen, das füllt er mit himmlischem Trost an.

(Heinrich Müller)

 

HYBRIS

Turmbau zu Babel

Erg.