27 • Gottes Ort und Gottes Haus

Wo ist Gott?                                                                    Dieser Text als Video 

 

Wer Kinder hat, wird wissen, dass Kinder die allerbesten und allerschwersten Fragen stellen – Fragen nämlich, die uns durch ihre Kürze und Direktheit entwaffnen und unser vermeintliches Wissen sehr auf die Probe stellen. Eine solche Frage aber, die spätestens im Kindergartenalter aufgeworfen wird lautet: „Wo ist Gott?“

So schlicht die Frage ist, so schwer ist sie doch zu beantworten. Denn: Wo ist Gott? Sollte man dem Kind sagen „Gott ist im Himmel“, oder lieber „Gott ist überall“? Soll man sagen „Gott wohnt in der Kirche, denn das ist Gottes Haus“, oder einfach „Gott ist bei uns“? Sollte man die Frage vielleicht zurückweisen, weil sie auf dem Missverständnis beruht, Gott sei ein körperliches Wesen, das man irgendwo in Raum und Zeit lokalisieren könnte? Wenn man aber einwendet, Gott sei nicht körperlich, sondern geistig und unsichtbar, wird das Kind sich dann nicht so etwas vorstellen wie ein „Gespenst“?

Nun – es ist kein Wunder wenn die Eltern da ins Stammeln kommen, und die Kinder mit den Antworten unzufrieden sind, denn alle Beteiligten sind es gewohnt, dass Dinge oder Personen, die „existieren“, irgendwo in Raum und Zeit existieren – in der uns bekannten Welt. Man setzt voraus, dass also auch Gott in der Welt enthalten sein müsse, und sucht den Schöpfer irgendwo zwischen seinen Geschöpfen. Dass aber nicht Gott in der Welt, sondern die Welt in Gott enthalten ist, und der Schöpfer kein Bestandteil der Schöpfung, sondern ihr Gegenüber, das können sich schon Erwachsene schwer vorstellen. Wie sollen es da die Kinder begreifen? Doch gehen wir ruhig einmal die kindgerechten Antworten durch, um zu sehen, wie weit wir damit kommen:

1.

Die erste Ortsangabe, die uns einfällt, wenn Kinderaugen uns fragend anblicken, lautet wahrscheinlich „Gott ist im Himmel“. Und in der Tat kann man sich dafür auf die Bibel, und auf Jesus selbst berufen. Hat Jesus nicht seine Jünger gelehrt zu beten „Vater unser in dem Himmel...“? Es scheint, dass wir mit dieser Auskunft auf der sicheren Seite wären. Nur, wenn dann die neugierigen Kinderaugen zu den Wolken wandern, haben wir ein Problem. Denn wenn sie in den sommerlichen Himmel blinzeln, um zwischen den Wolken hindurch vielleicht einen Blick auf Gott zu werfen, entdecken sie nichts – oder höchstens einen Düsenjet. Und wir merken, dass sich das Verhältnis des Menschen zu jenem Himmel da oben verändert hat. Zur Zeit Jesu war der Himmel noch der Inbegriff des für Menschen unzugänglichen Raumes – und dadurch eine geeignete Metapher für den Raum Gottes. „Im Himmel“ hieß: Außer unserer Reichweite, jenseits, uns entzogen, weit über uns, zu hoch für uns, überlegen. Heute aber ist der Himmel zugänglich geworden. Luft- und Raumfahrt haben ihn für den Menschen erschlossen. Und jeder, der schon mal mit dem Urlaubsflieger nach Mallorca gejettet ist, weiß, wie die Wolken von oben aussehen. So haben Luft- und Raumfahrt für den Reisenden zwar Vorteile gebracht. Zugleich aber haben sie den Himmel als Symbol für die Weltüberlegenheit und Ferne Gottes unbrauchbar werden lassen.

Spätestens seit Juri Gagarin, der sowjetische Kosmonaut, von seinem ersten Weltraumflug zurückkehrte und der staunenden Öffentlichkeit verkündete, er habe unterwegs im Weltall Gott nicht gesehen – es gebe Gott also gar nicht – müssen wir anders vom Himmel reden, müssen nämlich so reden, dass naive Verwechslungen ausgeschlossen sind: Jeder muss wissen, dass das wolkenverhangene Blau über uns nicht der Wohnort Gottes ist. Denn heute, da wir den Himmel bereisen können, bringt der Satz „Gott ist im Himmel“ nicht mehr Gottes Unumschränktheit zum Ausdruck, sondern ist – wörtlich genommen – sogar eine Einschränkung Gottes, weil man Gott dadurch im Himmel lokalisiert. Ist er aber da oben irgendwo ausfindig gemacht, wo der Himmel ist, so wird schnell gefolgert, dass er auf der Erde nicht sei. Obwohl Himmel und Erde den Schöpfer nicht fassen, verweist man Gott in eine begrenzte himmlische Provinz. Die Wolken sollen dann sein Refugium sein, während die Erde anderen Mächten vorbehalten bleibt. Und das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Jesus sagen wollte, als er uns zu beten lehrte „Vater unser in dem Himmel...“. Was aber können wir Kindern antworten, wenn wir das problematisch gewordene Bild vom „lieben Gott im Himmel“ vermeiden wollen?

2.

Sollen wir lieber sagen: „Gott ist überall“? Auch dabei hätten wir festen biblischen Boden unter den Füßen. Denn der 139. Psalm bezeugt in jeder Zeile Gottes „Allgegenwart“. Mit Blick auf diesen Psalm dürfen wir jene Frage „Wo ist Gott?“ getrost mit der Gegenfrage beantworten: „Wo ist Gott nicht?“ Gott ist nämlich an keinem speziellen Ort, weil er an jedem Ort ist. Er umgibt uns wie die Luft, die wir atmen – so allgegenwärtig und so selbstverständlich, dass wir gar nicht merken, dass er da ist. Wir schwimmen sozusagen in Gott, wie Fische im Wasser schwimmen, denn er ist überall. Er ist klein genug, um in jedem Wurm und in jedem Staubkorn drinnen zu sein. Und er ist groß genug, um Himmel und Erde zu umfassen. Er ist in uns, und wir sind in ihm. Er ist in allem, alles ist in ihm – und nichts ist außerhalb von ihm. Denn wäre Gott irgendwo nicht, zöge er sich mit seiner schöpferischen Kraft aus irgendeinem Winkel der Welt zurück, so zerfiele dieser Teil der Welt augenblicklich in Nichts.

Nichts, was wir kennen, könnte sein, wenn es nicht wäre in Gott und durch Gott. Darum ist es völlig korrekt, wenn wir sagen „Gott ist überall“. Und doch hat die Sache wieder einen Haken, so wie schon das mit dem Himmel einen Haken hatte. Denn so richtig die Auskunft ist – „Gott ist allgegenwärtig“ – so überfordert sie doch unseren Verstand. Oder können sie sich wirklich eine Person vorstellen, die überall gleichzeitig ist? Diese Abstraktion ist nicht nur für Kinder zu hoch, sondern auch für Erwachsene. Denn Personen kennen wir nur in Verbindung mit einem Leib – und ein Leib nimmt immer nur begrenzten Raum ein. Die Vorstellung, eine Person sei überall, ist darum mehr oder weniger identisch mit der Vorstellung, sie sei nirgends. „Überall“ und „nirgends“ – das ist für uns aber irgendwie dasselbe. Wer nirgends nicht ist, ist anscheinend überall ein bisschen – und wer überall ein bisschen ist, ist nirgends richtig. Die Auskunft, „Gott ist überall“, ist darum weniger eine Ortsangabe, als die Verweigerung einer Ortsangabe.

Weil es eine gut begründete Verweigerung ist, kann man an ihr festhalten. Denn nie ist Gott so „da“, dass man mit dem Finger auf ihn zeigen könnte. Aber leider unterscheiden die meisten Menschen wenig zwischen „nicht–da–sein“ und „nicht–sein“. Ist Gott nicht da oder dort, so ist er für viele gar nicht, denn sie stellen sich vor, die Wirklichkeit bestehe nur aus materiellen Körpern in dreidimensionalen Räumen. Und sagen wir ihnen, Gott sei unsichtbar und erfülle jeden Raum, so folgern sie nur, dass er wohl „gasförmig“ ist. Natürlich könnte man diese Leute eines Besseren belehren, indem man sie zu einem Höhenflug der Abstraktion ermutigt. Man könnte ihnen erklären, dass es neben Höhe, Breite, Tiefe und zeitlicher Erstreckung wahrscheinlich noch viele weitere Dimensionen gibt, von denen wir nichts wissen. Und man könnte sie zu der Einsicht führen, dass wenn schon die geschöpfliche Wirklichkeit über unser dreidimensionales Denken hinausreicht, doch erst recht der Schöpfer unsere Maßstäbe sprengen muss. Es würde daraus vielleicht ein interessantes philosophisches Gespräch. Aber meinen sie, damit wäre den Kindern geholfen, die doch wissen wollen, wo Gott ist?

Nein: Kinder können wohl staunen über jenen Gott, der in allem drin ist und doch von nichts umschlossen wird, der die Welt erfüllt und doch zugleich über und außer allem Weltlichen ist. Aber wüsste Kinder hinterher, wo sie Gott suchen soll? Nein. Sie wäre belehrt, aber nicht befriedigt. Denn hinter den Frage „Wo ist Gott?“ steht ja nicht nur Neugier, sondern eigentlich steht dahinter der Wunsch, diesem Gott begegnen zu können. Man erkundigt sich nach dem Ort Gottes, um ihn an seinem Ort aufsuchen und ihn sozusagen treffen zu können. Man erkundigt sich, um den Weg zu Gott zu finden und seiner angesichtig zu werden. Wenn aber die Antwort lautet: Er ist überall, so ist das unbefriedigend. Denn dann greife ich zwar in die Luft und glaube: Er ist da. Ich fasse ein Holz und glaube: Er ist drin. Ich trinke Wasser und weiß Gott gegenwärtig auch in diesem Wasser. Aber das alles ist mir nichts nütze, denn diese Formen seiner Gegenwart sind unpersönlich. Gott ist auf diese Weise zwar da – aber er ist nicht für mich da.

3.

Und darum gilt es zu begreifen, was schon Luther wusste, und in knappen Worten auf den Punkt brachte, als er sagte, es sei ein großer Unterschied zwischen Gottes Gegenwart und unserem Greifen. Denn Gott sei zwar überall gegenwärtig, aber er sei es in freier und ungebundener Weise. Er ist zwar da, aber man kriegt ihn nicht zu packen. Er ist immer da, aber er ist nicht immer für uns da. Sondern nur dann ist er für uns da, wenn er sich durch sein Wort an einen bestimmten Ort, eine Zeit oder einen Ritus gebunden hat. Nur dort bekommen wir ihn zu packen, wo er gesagt hat: Da sollt ihr mich packen. Nur dort finden wir ihn, wo er von uns gefunden werden will. Denn nur an diesem bestimmtem Ort hat Gott sich unserem beschränkten Vorstellungsvermögen angepasst. Er hat an bestimmter Stelle in dieser Welt Wohnung genommen, damit wir ihm in Raum und Zeit begegnen können. Und welcher Ort das ist, ist kein Geheimnis. Denn Gott wohnt auf Erden im Hause Gottes, im Gotteshaus, in unseren Kirchen. Das aber natürlich nicht, weil ihn die Kirchenmauern fassen könnten. Sondern weil Gott seiner Gemeinde versprochen hat, ihr nahe zu sein. Jesus Christus spricht: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

Dort also, wo Menschen auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft werden, dort, wo Gottes Wort ausgelegt, und das Sakrament des Abendmahles empfangen wird – dort kann man auch der göttlichen Gegenwart gewiss sein. Denn Gott wohnt im Sakrament, das er seiner Kirche anvertraut hat, und er ist präsent im Wort der Heiligen Schrift. Wenn wir aus der Bibel vorlesen, spricht er durch unseren Mund. Wenn wir Abendmahl feiern, schließt er seine ganze Kraft und Gottheit ein in Wein und Brot. Und wenn wir taufen, lässt er das Wasser sein Transportmittel und Vehikel sein.

Gott macht sich wahrhaftig ganz klein, damit wir ihn fassen, annehmen und aufnehmen können. Wer dürfte also jammern, er wüsste nicht, wo Gott ist, und könne ihn nicht finden? Nein, müssen wir dem sagen: Suche Gott doch nicht im Himmel, wo die Flugzeuge fliegen, suche ihn nicht in der Abstraktion, wo alle Vorstellungen enden, suche ihn nicht in dir selbst, wo du genau so gut einem Dämon begegnen kannst, und suche ihn auch nicht vorrangig in der Natur, die vieldeutig und grausam ist, sondern suche Gott dort, wo der Allgegenwärtige dir gegenwärtig und fasslich werden will: Stecke deine Nase in die Heilige Schrift, suche Gott in der Kirche, suche ihn im Abendmahl und schau vor allem auf Jesus Christus.

Denn du wirst Gott nie mit dem Zollstock ausmessen und auch nicht mit deinen Gedanken, du wirst ihn nie mit den Fingern greifen und nie in eine Schublade stecken. Das aber heißt Gott fassen und ergreifen, wenn dein Herz ihn ergreift, sich an ihn hängt und sich auf ihn verlässt. Denn wo einer sich auf Christus verlässt, wird er staunen und wird entdecken, dass der Gott, von dem er dachte, er sei unauffindbar fern, ihm viel näher ist, als er sich selbst – und die verbleibende, sehr begreifliche Unbegreiflichkeit Gottes muss ihn dann gar nicht weiter stören. Denn Luther hat Recht mit dem, was er einmal (mehr anbetend als erklärend) bekannte:

„Gott ist nicht ein ausgereckt, lang, breit, dick, hoch, tief Wesen, sondern ein übernatürlich, unerforschlich Wesen, das zugleich in einem jeglichen Körnlein ganz und gar und dennoch in allen und über allen und außer allen Kreaturen sei. Darum bedarfs keines Umzäunens hier; denn ein Leib ist der Gottheit viel, viel zu weit und könnten viel tausend Gottheit drinnen sein, wiederum auch viel, viel zu enge, dass nicht eine Gottheit drinnen sein kann. Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner, nichts ist so groß, Gott ist noch größer, nichts ist so kurz, Gott ist noch kürzer, nichts ist so lang, Gott ist noch länger, nichts ist so breit, Gott ist noch breiter, nichts ist so schmal, Gott ist noch schmäler, und so fort an, ist's ein unaussprechlich Wesen über und außer allem, das man nennen oder denken kann.“

 

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