121 • Hoffnung

Soll man hoffen – schon aus Prinzip?                            Dieser Text als Video 

 

Ich habe noch nie jemanden getroffen, der gegen Hoffnung gewesen wäre. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Mit der Forderung nach Hoffnung rennt man überall offene Türen ein. Denn „die Hoffnung darf man nie aufgeben“, sagen die Leute, „hoffen ist immer gut“. Allerdings – stimmt das wirklich? Allenthalben wird ein Loblied auf die Hoffnung gesungen. Und doch möchte ich dazu ermutigen, in den Hoffnungen wählerisch zu sein – und genau zu unterscheiden. Denn es ist wichtig, dass wir nicht von einer unbestimmten Allerweltshoffnung reden, sondern sehr präzise von der christlichen Hoffnung, die allein zu trösten vermag. Hoffnung ist nämlich nicht gleich Hoffnung – nein! Je nachdem, was Grund und Ziel der Hoffnung ist, ist Hoffnung und Hoffnung zweierlei. Und die falsche Hoffnung ist durchaus ein Feind der richtigen. Freilich – was für Arten der Hoffnung kennen wir?

Die erste Hoffnung, mit der wir in Berührung kommen, ist die naive Hoffnung, die auf nichts anderem beruht als auf bloßer Unkenntnis. Wir beobachten diese Hoffnung bei Kindern. Denn die wissen noch nicht, was alles ihr Leben und ihre Träume bedroht. Kinder kennen nicht die Abgründe von Schuld, Angst und Verzweiflung – und sind eben aus dieser Unkenntnis heraus hoffnungsvoll und optimistisch. Bei Kindern ist das auch gut und richtig – es muss so sein. Uns Erwachsenen aber kann diese Art der Hoffnung wenig nützen. Denn um sie zu teilen, müssten wir die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Wir müssten so tun, als wüssten wir nicht um Vergänglichkeit und Vergeblichkeit. Weil wir das aber nicht können, ohne unaufrichtig zu sein, darum ist uns der Weg zurück in die kindliche Hoffnung verbaut. Sie ist keine Hoffnung, die uns an Gräber trösten könnte. Denn Hoffnung ist nicht gleich Hoffnung. Was aber gibt es noch? Neben der naiven Hoffnung der Kinder ist die Hoffnung der Selbstbewussten und Stolzen zu nennen, die sich irgendwann im Jugendalter einstellt, wenn an die Stelle der schwindenden Naivität ein um so größeres Macht- und Kraftgefühl tritt. Denn da spüren wir den Pulsschlag eines starken Willens in uns und ziehen aus, um die Welt zu erobern. „Ha, es wäre doch gelacht,“ ruft diese Hoffnung „wenn ich mir nicht nehmen könnte, was ich erträume!“ Solche Hoffnung ist ein Produkt der Selbstüberschätzung, aus der heraus man meint, dem Scheitern und der Vergänglichkeit etwas entgegensetzen zu können. Da pflegt man die Gesundheit und stählt den Körper, um dem Schicksal ein Lebensjahr nach dem anderen abzutrotzen. Da werden Häuser gebaut und Firmen gegründet. Da erwirbt man sich öffentliches Ansehen und erzieht Kinder, in deren Andenken man eines Tages weiterzuleben hofft.

Der Grund solcher Hoffnung liegt aber allein im Menschen selbst, der meint, er sei tüchtiger als die, die er schon hat scheitern sehen. Der Tod geht da immer nur die anderen an, denn im Grunde hält der Mensch sich für zu kostbar, um sich den eigenen Untergang wirklich vorstellen zu können. Er nimmt an, Gott werde eine aufrechte Seele wie die seine bestimmt nicht fallen lassen, und gibt sich hoffnungsvoll – aus purer Eitelkeit. Denn er meint, er sei zu schade, um von der Bildfläche zu verschwinden. Auch solche Hoffnung ist noch naiv – und ist natürlich nicht geeignet, uns zu trösten. Denn Hoffnung ist nicht gleich Hoffnung – und die falsche ist der Feind der wahren. Man könnte freilich meinen, dass sich das Problem von selbst erledigt, sobald die Blüte des Lebens überschritten ist, und die Kräfte nachlassen. Die Hoffnung aus Selbstüberschätzung wird ja durch die Gebrechlichkeit des Alters widerlegt. Und man könnte denken, der Mensch würde nun klug. Doch weit gefehlt. Denn der alternde Mensch, wenn er mangels Potential in sich selbst keine Gründe mehr findet, um zu hoffen, hofft auch ohne Gründe – aus reinem Starrsinn – und verlegt sich, nachdem er die naive und die überhebliche Hoffnung aufgeben musste, auf eine dritte Spielart, die wir die blinde Hoffnung nennen können.

„Blind“ ist sie, weil der Mensch weit und breit nichts sieht, was ihn zur Hoffnung berechtigen könnte, sich aber trotzdem weigert, zu verzweifeln. Er kennt sehr wohl den Tod, die eigene Schuld, die Absurditäten des Daseins und den Wurm, der an allem nagt, hofft aber aus Trotz und aus Prinzip – einfach, weil er anders nicht leben kann. Solche Leute hoffen notgedrungen, weil die Alternative zur Hoffnung die Selbstaufgabe wäre. Im Grunde ist es ihnen aber zuwider, hoffen zu müssen. Denn sie würden lieber kontrollieren, als zu vertrauen. Sie würden lieber zufassen, als zu warten. Sie würden lieber wissen, als zu hoffen. Da sie aber keine andere Möglichkeit sehen, ziehen sie die Hoffnung der Verzweiflung vor – und hoffen blindlings drauflos. Ein unwilliges Hoffen ist das, ein irrationales und trotziges Hoffen auf irgendwas. Und es ist wohl nicht nötig zu sagen, dass solche Hoffnung zu vage und unbestimmt ist, als dass sie uns an den Gräbern unserer Lieben trösten könnte. Denn Hoffnung ist nicht gleich Hoffnung. Und die falsche Hoffnung ist der Feind der wahren. Was aber ist wahre, christliche Hoffnung?

Wahre, christliche Hoffnung hat nichts zu tun, mit dem Zweckoptimismus politischer Festtagsreden. Sie ist auch nicht zu verwechseln mit dem „Positiven Denken“, das Frauenzeitschriften gern empfehlen. Und erst recht ist christliche Hoffnung kein „Prinzip“, an das man sich klammert, weil das Leben sonst zu trostlos wäre. Denn wahre Hoffnung, die ihren Namen verdient, braucht einen Spender, einen Grund und ein Ziel. Der Spender der christlichen Hoffnung aber ist Jesus Christus. Der Grund ist Christus. Und das Ziel ist er auch. Gespendet hat Christus unsere Hoffnung, als er seinen Jüngern das ewige Leben zusagte. Begründet hat er unsere Hoffnung, als er sterbend den Preis unserer Erlösung zahlte. Und ein Ziel gab er unserer Hoffnung, als er uns einlud bei ihm zu sein in seinem Reich. So ist Christus zugleich das „Woher“ und das „Wie“ und das „Wohin“ unserer Hoffnung. Und wer diese Hoffnung hat, weil er Christus hat, der kann sich von jenen drei Zerrbildern der Hoffnung getrost verabschieden. Denn seine Hoffnung ist auf diese schlechten Krücken nicht mehr angewiesen. Wenn wir Christus haben, müssen wir nicht in kindliche Naivität fliehen, um hoffen zu können. Wir müssen den Grund der Hoffnung nicht in uns selber suchen. Wir hoffen dann nicht bloß aus Prinzip oder aus Trotz und stochern auch nicht weiter im Nebel, sondern – wenn wir Christus haben – können wir ihn kennen und benennen als den, von dem her und auf den hin wir hoffen: „Ich habe den Herrn allezeit vor Augen“, sagt Petrus einmal, „denn er steht mir zur Rechten, damit ich nicht wanke. Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge frohlockt; auch mein Leib wird ruhen in Hoffnung. Denn du wirst mich nicht dem Tod überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe. Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht.“ (Apg 2)

Wer so ein fröhliches Zeugnis der Hoffnung hört oder liest, frage sich selbst, ob er diese Hoffnung schon von Herzen teilt, oder ob er sich bisher mit schlechtem Ersatz zufriedengegeben hat. Ist er aber diesbezüglich im Zweifel, so ergreife er die Chance und fange an, in seiner Hoffnung wählerischer und anspruchsvoller zu sein. Denn entgegen der landläufigen Meinung ist längst nicht jede Hoffnung gut und richtig. Und nicht jeder Trost ist guter Trost. Wir sollten kritischer hinschauen auf den Grund unseres Hoffens. Denn das ist eine zentrale Botschaft des Neuen Testamentes, dass wir, wenn wir hoffen wollen, uns nicht trösten dürfen mit einer trügerischen Hoffnung, die bloß auf Naivität, auf Selbstüberschätzung oder auf Trotz beruht, sondern nur mit der wahren Hoffnung, die Christus schenkt. Wir sollten nicht die Kopie nehmen, wenn wir das Original haben können! Damit aber die Hoffnung Christi in unser Leben einziehen kann, müssen ein paar andere Dinge weichen:

Unser aufgeblasenes Ego muss weichen, damit Christus in unserer Seele Platz hat. Wir müssen einwilligen, klein zu sein, damit Gott groß in uns werde. Wir müssen schweigen lernen, damit Gott zu reden beginnt. Wir müssen unsere Schwäche zulassen, damit er stark in uns sei. Wir müssen auf Selbstbehauptung verzichten, damit Gott für uns streiten kann. Und wir müssen uns loslassen, damit Gott uns auffängt. Kurz: Wir müssen verzichten auf all die Hoffnungen, die Menschen sich selbst machen, und müssen uns mit der Hoffnung bescheiden, die Gott uns von sich aus schenkt.

Haben wir die aber, so dürfen wir sie festhalten und dürfen uns von Herzen daran freuen, weil sie nicht nur uns selbst einschließt, sondern auch unsere Verstorbenen. Eine gewaltig große Hoffnung ist das –sie ist eindeutig zu groß für unseren Verstand. Aber eine kleinere Hoffnung hat Gott uns nicht gegeben. Und eine kleinere würde auch nicht genügen. Denn es ist gegen den Tod kein Kraut gewachsen als nur Christus allein. Wer von ihm nichts wissen will, mag auf eigene Rechnung mit dem Tod verhandeln. Wer sich seinem Schutze nicht unterstellen will, mag anderen Herren nachlaufen. „Such, wer da will, ein ander Ziel“. Wir aber wollen uns bergen unter dem Mantel Christi. Denn da ist gute Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Im Namen des kommenden Heils übersteigen wir die beängstigende Erfahrung der Gegenwart. Und mag uns auch Dunkel umhüllen, so bestreiten wir doch diesem Dunkel eine letzte Bedeutung, weil uns das Licht des Ostermorgens schon längst erreicht hat.

Komme, was wolle – Gott ist mächtig! Komme, was wolle, denn unser Gott erfüllt, was er verheißen hat. Er vergisst nicht das Geringste und er nimmt auch nichts zurück. Darum hoffen wir auf ihn allein, sind unbescheiden und geben uns nicht mit weniger zufrieden als mit ihm selbst – dem Herrn, der da kommen wird in Herrlichkeit, um Himmel und Erde zu vollenden…

 

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