60 • Das Heilswerk Christi im Überblick

Was war seine Lebensaufgabe und sein Ziel?                 Dieser Text als Video  

 

Philipp Melanchthon, der Freund Martin Luthers, hat sich einmal die Frage gestellt, wie man eigentlich Jesus Christus erkennen und verstehen kann. Und er schrieb dann den berühmten Satz: „Christus zu erkennen bedeutet, seine Wohltaten zu erkennen.“ Melanchthon will damit sagen, dass wir nicht allzu lange über Christi Person nachgrübeln sollten, in der Gottheit und Menschheit auf so geheimnisvolle Weise verbunden sind. Sondern wir sollen unser Augenmerk auf das richten, was Christus für uns tat. Denn Christus zu erkennen bedeutet nicht über seine zwei Naturen zu spekulieren, sondern auf seine konkreten Wohltaten zu schauen. Wer Christus ist, entnehmen wir am leichtesten dem, was er tut. Das Werk verrät den Meister! Worin aber bestehen die Wohltaten Christi, welches Werk vollbringt er an uns und für uns? Das Neue Testament gibt darauf nicht nur eine Antwort, sondern gleich mehrere, und manch einer ist durch diese Fülle schon in Verwirrung geraten. Darum will ich das große, mehrdimensionale Heilswerk Jesu in 7 Schritten darstellen:

 

1.

Die erste Wohltat Christi, die dabei erwähnt werden muss, ist die, die wir an Weihnachten feiern. Denn die Menschwerdung Jesu Christi ist nicht bloß die äußere Voraussetzung eines dann erst folgenden Heilswerkes, sondern, dass Gottes Sohn einer von uns wurde und rettend an unsere Seite trat, das ist selbst schon heilvoll. Wäre Gott uns fern geblieben, hätte er sich gescheut unser Schicksal mit uns zu teilen und in unsere Situation hineinzutreten, so wären wir verloren gewesen! Doch „das Licht schien in die Finsternis“, wie Johannes sagt, und „das Wort ward Fleisch“. Jesus kam zur Welt und machte unsere Not zu seiner Not. Er durchlief unser ganzes Leben und ersparte sich weder Schweiß noch Blut noch Tränen. Wenn Gott aber in unseren Schuhen läuft und sich unsere Situation aneignet, kann sie dann noch dieselbe bleiben? Muss nicht unser korrumpiertes Menschenleben durch die Berührung mit dem Heiligen geheilt werden? Ja! Indem Gottes Sohn in unser Menschenleben eingeht, verwandelt er es. Dass er unser Bruder wird, das ändert alles, denn so ist Gott plötzlich bei uns, ist mit uns und ist für uns. Es ist, wie wenn einer einen dunklen Kerker betritt mit einer hell leuchtenden Fackel in der Hand und die dort Gefangenen schauen auf!

2.

Aber der Sohn Gottes (das ist schon die zweite große Wohltat) bleibt nicht etwa stumm, sondern er redet von der großen Barmherzigkeit des himmlischen Vaters und öffnet uns damit die Augen. Christus bringt wahrlich eine „Gute Nachricht“, wenn er Gottes Liebe verkündet. Denn von Gott geliebt zu werden, war so ziemlich das Letzte, was wir als Sünder hätten erwarten dürfen. Wir sind schließlich von Adams und von Evas Art! Durch unseren Hang zum Bösen sind wir Gott entfremdet. Und weil wir genau wissen, was unser Tun verdient, verschließen wir uns vor Gott in Misstrauen, Angst und Argwohn. Als Sünder verstehen wir Gott nicht und fühlen uns auch unverstanden, sind trotzig, bockig und verstockt. Christi gute Botschaft aber überwindet diese seelischen Blockaden, sie wärmt die kalten Herzen und erleuchtet die trüben Gedanken, weil Gott Gnade walten lässt, die wir nicht verdienen. Die verlorenen Söhne und Töchter lädt er ein, in das Haus des himmlischen Vaters zurückzukehren. Und wenn sich daraufhin unsere ganze Gesinnung wandelt, weil Gottes Liebe bei uns Dankbarkeit, Reue und Gegenliebe weckt, dann sind dadurch Blinde sehend und Seelen frei geworden. Niemand kennt den Vater als nur der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will. Ohne ihn hätten wir nie erfahren, wie Gott wirklich zu uns steht. Darum ist es eine große Wohltat Christi, dass er uns ein Licht aufgehen lässt, unser Misstrauen aufbricht und Glauben in uns weckt.

3.

Doch lässt er‘s dabei nicht bewenden, sondern lässt dem Weckruf weitere Taten folgen, insofern er mit den Menschen, die er aufrüttelt und gewinnt, die denkbar engste Verbindung eingeht, so dass er in den Gläubigen, und die Gläubigen in ihm sind. Diese dritte große Wohltat beschreibt das Neue Testament durch das Bild vom Weinstock und den Reben, vom Leib Christi und vom Haupt dieses Leibes, oder auch vom Bräutigam und seiner Braut. Die Bilder der innigen Gemeinschaft variieren, sagen aber immer dasselbe: dass nämlich Christus alles, was er ist und hat, mit seinen Jüngern teilt, und sie an allem partizipieren lässt, was ihm gehört. Christus und die Seinen werden durch den Glauben so sehr miteinander verbacken und verschweißt, dass ihn niemand mehr von uns zu trennen vermag, und wir in engster Gütergemeinschaft und Schicksalsgemeinschaft seinen ganzen Weg mitgehen und von ihm mitgezogen und durchgeschleppt werden bis ins Reich Gottes. Paulus verdeutlicht das anhand der Taufe, und schreibt an die Römer: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben, durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten, durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (Röm 6). Im Galaterbrief sagt Paulus, dass wir Christus „angezogen“ haben wie ein Kleidungsstück, und Luther spricht später davon, dass Christus mit den Gläubigen „zusammengebacken“ wird wie Milch und Mehl in einem Kuchen. Einen „fröhlichen Wechsel und Tausch“ nennt Luther das, denn Christus nimmt an sich unsere ganze Armseligkeit und Last und schenkt uns dafür seine Herrlichkeit, sein Leben und seine Gerechtigkeit! Wer hätte je einen besseren Tausch gemacht?

4.

Mit diesem Gedanken des Austauschs nähern wir uns schon der vierten großen Wohltat Christi, dem Zentrum seines Werkes, das er am Kreuz vollbringt. Denn Christus macht unsere Not so sehr zu der seinen, dass er auch unseren Tod auf seine Schultern lädt, den Fluch, den wir auf uns geladen haben, den Berg unserer Schuld und die dafür angemessene, elende Strafe. Gott will lieber selber leiden als uns leiden zu sehen, und teilt darum sich selbst die Verdammnis zu und uns die Freiheit. Stellvertretend für alle Sünder geht Christus ans Kreuz, und erleidet als Unschuldiger, was unsere Schuld verdient. Er fängt mit seinem eigenen Leib den Schlag ab, der von Rechts wegen uns treffen müsste, und hält den Kopf für uns hin. Denn er ist nach den Worten des Neuen Testamentes „das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“ (Joh 1,29). Und die ganze Christenheit findet die Erklärung für seinen schrecklichen Kreuzestod in den prophetischen Worten Jesajas: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt, und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet, und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4-5)

5.

Ganz ähnlich (und doch etwas anders) beschreibt es der Hebräerbrief, wenn er sagt, dass Christus sich „für uns“ geopfert hat. Denn während das stellvertretende Leiden in die Gedankenwelt des Strafrechts gehört, meint der Hebräerbrief tatsächlich ein Sühnopfer, wie es im Jerusalemer Tempel dargebracht wurde. Man opferte dort täglich zahllose Tiere, um damit so etwas wie sühnende Wiedergutmachung zu leisten. Die Gott dargebrachten Gaben sollten Versöhnung erwirken und das durch menschliche Schuld gestörte Gottesverhältnis heilen. Doch nun, sagt der Hebräerbrief, ist durch den Kreuzestod Christi alles anders geworden. Denn hier ist es Gott selbst, der die Schuld seines Volkes tilgt und sühnt, indem Christus als Hohepriester ein Sühnopfer darbringt, das er selber ist. Gott opfert am Kreuz keinen anderen, Gott opfert sich selbst! Und durch diese unglaubliche Tat macht Gott allem weiteren Opferdienst ein für allemal ein Ende. Denn wer wollte künftig noch irgendetwas geben, nachdem Gottes Sohn sich selbst gegeben hat? Wer wollte das überbieten? Wer wollte dem noch etwas hinzufügen? Wer müsste da noch etwas ergänzen?

6.

Gott selbst hat den denkbar höchsten Preis bezahlt, um sich mit uns versöhnen zu können. Er hat es sich das Blut seines Sohnes kosten lassen. Und so wundert es nicht, dass das Neue Testament Christi Heilswerk auch in die Sprache des Besitzrechts beschreiben kann. Das sechste große Bild für das Werk Christi, ist nämlich das des „Loskaufes“, das auch Jesus selbst benutzte, als er sagte: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45) In unseren Ohren, klingt es vielleicht seltsam, wenn es heißt, Christus habe uns „freigekauft“. Doch zur Zeit des Neuen Testaments war Sklaverei etwas Alltägliches, das jeden treffen konnte, denn wer finanzielle Probleme hatte, geriet leicht in „Schuldknechtschaft“. Wenn ein Schuldner nichts hatte, um sich frei zu kaufen, und auch keiner für ihn einsprang, führte die Insolvenz direkt ins Gefängnis oder in die Sklaverei. Christus aber hat es sich sein Leben kosten lassen, uns freizukaufen aus unserer Schuldknechtschaft. Er hat den Preis bezahlt, der nötig war. Denn wir hatten kein Besitzrecht mehr an uns selbst, sondern hatten unsere Seelen verkauft und verpfändet. Wer der Sünde dient, der ist automatisch der Sünde Knecht. Wer dem Vergänglichen dient, der ist dem Tod verfallen. Und wer dem Satan nicht wiedersteht, der ist sein Gefangener. Doch Christus, sagt der Kolosserbrief, „hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.“ (Kol 2,14). Christus hat die Seinen teuer erkauft mit seinem Blut, hat unsere Seelen für Gott erkauft und war sich nicht zu schade, als Lösegeld dafür sich selbst zu geben.

7.

Oder kann man die Passion Jesu anders verstehen, als dass Sünde, Tod und Teufel sich der Person Jesu bemächtigten? Haben sie sich etwa nicht an ihm ausgetobt? Sie haben ihn überwältigt und gefoltert, und während er sich nicht wehrte, haben sie ihn wie eine Beute weggeschleppt bis in den Tod und in den Abgrund der Hölle hinein, um ihn dort zu verderben. Wie sich einer gegen Geiseln austauschen lässt, hat Christus sich gegen uns austauschen lassen, und die Mächte der Finsternis haben ihn wie einen Köder gefressen und verschlungen. Bekommen ist ihnen diese Beute aber schlecht. Denn Gottes Sohn, der wie ein Opfer zur Hölle fuhr, hat dort die Türen eingetreten und hat die Gefangenen befreit, ist zurückgekehrt, um von den Toten aufzuerstehen – und hat dabei mächtig über Sünde, Tod und Teufel triumphiert. Denn unsere Gläubiger, aus deren Schuldknechtschaft Christus uns herauskauft, diese Sklaventreiber und Menschenverderber werden von ihm nicht nur ausbezahlt, sondern anschließend auch erschlagen. Dies ist die siebte und letzte der großen Wohltaten Christi. Und sie darf nicht verschwiegen werden. Denn wenn die kriegerischen Bilder auch irritieren, so sind sie doch gut neutestamentlich. Schließlich war schon Jesu Lebensweg geprägt vom Kampf mit den dämonischen Mächten, die er austrieb, und die seinem Befehl weichen mussten. Johannes sagt: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ (1. Joh 3,8) Und der Kolosserbrief jubelt: „(Gott) hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet, und sie öffentlich zur Schau gestellt, und hat einen Triumph aus ihnen gemacht, in Christus.“ (Kol 2,15) Christus hat sich den Mächten der Finsternis nicht ausgeliefert, ohne sie hinterher unter seine Füße zu treten, denn er, der sich erniedrigte und gehorsam ward bis zum Tode, ist derselbe, dem sich beugen sollen „aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ (Phil 2,8-11)

 

Wahrlich: „Christus zu erkennen bedeutet, seine Wohltaten zu erkennen.“ Melanchthon sagte das ganz zu Recht. Denn wer nicht weiß, was Christus für ihn tut, der kennt ihn überhaupt nicht. Wenn wir aber im Neuen Testament gleich sieben Grundmotive der Erlösung und Versöhnung gefunden haben, stehen die dann etwa in Konkurrenz zueinander? Man könnte durchaus fragen, ob die Menschwerdung das Wichtigste ist, mit der Christus an unsere Seite tritt, oder ob es eher auf die Offenbarung der Liebe Gottes ankommt, die unser Misstrauen überwindet. Ist die Schicksalsgemeinschaft das Entscheidende, weil Christus die Seinen teilhaben lässt an seinem Weg und seinen Gütern? Oder steht das Kreuz mit dem stellvertretenden Erleiden unserer Strafe beherrschend über allem? Christus ist der Hohepriester, der sich selber opfert, er gibt sein Leben als Lösegeld, das uns freikauft, und schließlich siegt er an Ostern groß und herrlich über all die Mächte, die uns bedrängten! Doch wer dürfte eines dieser Werke gegen das andere ausspielen, oder eins davon ignorieren? Sind es nicht nur verschiedene Dimensionen eines einzigen Werkes, und einer einzigen großen Lebensaufgabe, die den ganzen Weg Jesu umfasste? Es wäre ganz unsinnig, Weihnachten gegen Karfreitag auszuspielen oder Ostern gegen beide. Denn offensichtlich sind die sieben Wohltaten Christi untereinander eng verknüpft.

Christus könnte unser subjektives Misstrauen nicht ausräumen, wenn er die Mächte des Verderbens nicht ganz objektiv besiegt hätte. Und er hätte jene Mächte nicht überwinden können, ohne vorher die Schuld zu tilgen, die uns ihren Händen auslieferte. Wäre Christus im Tod geblieben, was würde es uns dann nützen, durch die Taufe mit ihm verbunden zu sein? Und wie hätte er unsere Strafe am Kreuz tragen können, wenn er nicht zu Bethlehem ein Mensch geworden wäre – mit aller Konsequenz?

Das alles bildet einen großen, unlöslichen Zusammenhang. Und wenn sich das eine mehr auf der Ebene der Erkenntnis abzuspielen scheint, das andere auf der Ebene konkreter Macht und das dritte auf der Ebene von Schuld und Sühne, so spiegelt es nur wieder, dass auch unsere Not diese verschiedenen Ebenen der Erkenntnis, der Macht und der Schuld gehabt hat. Das Heilswerk Jesu Christi ist genauso vielgestaltig wie der menschliche Notstand, den es behebt. Und doch ist es ein und derselbe Heiland, der sich all dieser Mühen unterzieht, um dem Menschen auf mehrfache Weise aus der einen, großen Misere herauszuhelfen. Wahrlich: „Christus zu erkennen bedeutet, seine Wohltaten zu erkennen.“ Wer aber diese Wohltaten erkennt, wird zugleich einsehen, dass er sie nötig hatte. Und dem ist dann zur Erkenntnis Christi zugleich Selbsterkenntnis geschenkt, so dass er um so mehr Anlass hat, zu staunen und zu danken…

 

- WEITER GEHEN ZU KAPITEL 61 -