Hilft beten?

 

Sie kennen sicher den Satz: „Jetzt hilft nur noch beten!“ Er taucht immer dann auf, wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, und einem in schlimmer Lage nichts anderes mehr einfällt. Man ist dann mit seinem Latein am Ende und ruft: „Jetzt hilft nur noch beten!“ Doch ist es nicht wirklich als Aufforderung gemeint, die Hände zu falten, sondern soll bloß heißen: „Man kann nichts mehr machen.“ Denn wenige glauben, dass beten ihnen aus konkreter Not heraushilft. „Wenn alle Stricke reißen, ändert beten auch nichts,“ sagen sie, „was soll das schon bringen? Da müsste ja ein Wunder geschehen!“ Und an Wunder glauben sie nicht. Soll man denen aber heftig widersprechen und rufen: „Doch, doch, wenn euer Flugzeug abstürzt, und euer Schiff untergeht, dann betet nur feste – und ihr werdet sehen, wie sich das Problem in Luft auflöst“? Solche Appelle sind mir immer schwer gefallen. Denn so funktioniert es nun mal nicht, dass Gott uns Lösungen herbeizaubert, wenn wir sie bei ihm „bestellen“. Und ich muss gestehen, dass ich deshalb lange ein ganz schlechter und unwilliger Beter gewesen bin. Als Jugendlicher fand ich es einfach widersinnig, Gott etwas zu erzählen, was er in seiner Allwissenheit doch sowieso schon weiß. Und ich meinte auch nicht, dass Gott ausgerechnet von mir beraten werden müsste, was er tun soll. Habe ich dann aber trotzdem um Dinge gebeten, die ich unbedingt wollte, konnte ich den „Effekt“ des Gebets nie überprüfen. Denn wenn das Erwünschte kam, wäre es vielleicht auch so gekommen. Und wenn es nicht kam, gab’s dafür immer eine fromme Erklärung, weil ich vielleicht falsch gebetet hatte, um das Falsche – oder zur falschen Zeit. Ob Beten wirklich hilft, war auf diesem Wege nie zu klären. Und so ließ ich es bald wieder sein. Doch ist mir inzwischen klar geworden, dass ich von falschen Voraussetzungen ausging. Denn die Frage ist gar nicht zuerst, ob Beten hilft, sondern wobei und wozu es denn helfen soll! Es kann ja kaum die Absicht eines Christen sein, Gott zu etwas zu überreden, was er anderenfalls nicht gewollt oder nicht getan hätte – so als müssten wir ihm mit guten Ideen auf die Sprünge helfen! Worauf es beim Beten aber sonst hinausläuft, habe ich besser verstanden, als ich eine Sammlung alter Gebete zusammenstellte. Denn da fiel mir auf, dass sie einer ganz eigenen Logik folgen, die anders ist, als ich dachte – und dass sie trotz vieler Variationen doch eine gemeinsame Struktur aufweisen. 

Die alten Gebete beginnen mit einer Anrufung Gottes, die zugleich immer schon die Gesprächssituation klärt, weil der Beter offen benennt, wer hier mit wem redet. Er weiß, wie groß Gott, und wie klein er selbst ist. Darum wird Gott angeredet als der des Lobes und des Dankes würdige allmächtige Schöpfer und Erlöser. Der betende Mensch hingegen bekennt gleich vorweg, dass er dem Herrn des Himmels als ein geringes und mit Schuld beladenes Geschöpf gegenübersteht. Der Allmächtige hat eigentlich keinen Grund ihm zuzuhören – das weiß und bekennt der Beter ausdrücklich! Doch im nächsten Schritt zieht er dann seine Trumpfkarte, indem er Gott daran erinnert, wie er sich doch schon zu biblischer Zeit der Schwachen erbarmt und sich den Schuldigen zugewandt hat, wenn sie nach ihm riefen. Außerdem hat Christus gerade den Verlorenen zugesagt, für sie da zu sein und sie nicht fortzustoßen, wenn sie zu ihm kommen. Gott will den Sündern gnädig sein! Sie zu retten, hat er seinen Sohn gegeben! An dieses Evangelium hat er sich gebunden und darf dabei behaftet werden. Denn Christus hat versprochen, sich der Mühseligen und Beladenen zu erbarmen, wenn sie vertrauensvoll und entschlossen bei ihm anklopfen. An vielen biblischen Beispielen kann man sehen, dass er‘s auch wirklich tut! Und unter Berufung auf diese biblischen Vorbilder und Zeugnisse wagt es dann auch der Beter, sich den anderen Bittstellern hinzuzugesellen, damit ihm die gleiche Gnade zuteilwerde wie ihnen. Er möchte auch so einer sein, der nach vielen Irrwegen bei Gott anklopft, sich der Gnade Gottes ausliefert und sich in seine Hand befiehlt! Und weil er sich als getaufter Christ zur Herde Jesu rechnen darf, nimmt er Gott beim Wort und bittet um Christi willen genau so geschützt, erleuchtet, gestärkt und geführt zu werden, wie es Christus seinen Jüngern zugesagt hat. Er fordert nichts anderes als nur das, was Gott aus Gnaden zu geben versprochen hat! Er fordert also nicht nach Belieben irdische Güter und Vorteile, sondern die geistlichen Gaben der Stärkung, der Bewahrung und Erleuchtung, des Glaubens und der Liebe. Nicht auf zeitliches Wohlergehen zielt sein Gebet, sondern auf die ewige Gemeinschaft mit Gott selbst! Doch auch die wird nicht bloß angestrebt, damit es dem Beter gut geht, sondern damit Gott sich am Beter als der erweist, der er ist – und nach erklärter Absicht für die Seinen sein will. Das wird deutlich ausgesprochen und als Endzweck benannt: Der barmherzige und treue Gott wird gebeten, er möge sich am Beter als barmherzig und treue erweisen. Und der dem Evangelium nach ein Helfer und Retter ist, wird gebeten, er möge sich am Beter auch als Helfer und Retter zeigen – damit alle Welt sehe, dass Gottes Wort nicht trügt, sondern genau so herrlich und verlässlich ist, wie es die Heilige Schrift sagt. In alledem schließt sich der Beter ganz mit Gott und seinen Zielen zusammen. Und so entsteht nie der Eindruck, er wolle Gott etwas „abschwatzen“, was der nicht geben will. Sondern im Gegenteil ist vorausgesetzt, dass Gott herzlich gern gibt, was er im Evangelium zugesagt hat. Und der Beter bittet lediglich, dass er dabei nicht übersehen wird. Er erinnert Gott an seine großen Taten und an die Güte, die er nicht nur Abraham, Mose und David erwiesen hat, sondern auch den namenlosen Blinden und Lahmen, die Jesus hinterherschrien. So wie die auf Gottes Güte setzten, will es auch der Beter tun – er stellt sich sozusagen mit in die Reihe der Mühseligen und Beladenen, hält die Hände auf, wie sie das tun, und bittet erquickt zu werden. Er bittet darum, dass Gott die in der Bibel gezeigte Milde auch auf die Person des Beters anwendet, auf seinen speziellen Umkreis, seine Problemlage und seine Familie. Das aber nicht allein, damit der Beter seinen Willen bekommt, sondern damit sich an ihm Gottes Wille erfüllt, der ja ganz dieselbe Richtung hat. Gottes gute Absicht soll an der Person des Betenden zu ihrem Ziel gelangen, auf dass dieser nicht nur Heil und Frieden findet, sondern auch als sichtbares Zeichen göttlicher Fürsorge zu Gottes Ehre in der Welt stehen, seinen Herrn rühmen und durch den empfangenen Segen selbst zum Segen werden kann. Was den Beter qualifiziert, derartiges zu wünschen, ist aber nie irgendein Verdienst, sondern allein der Umstand, dass er zu Christus gehört und sich auch im Gebet immer wieder Christus und seiner Gnade anbefiehlt. „Ich habe mich in deine Hand gegeben,“ sagt der Beter, „ich habe mich hingegeben und ausgeliefert, bin an Christus gebunden als an meinen alleinigen Halt – und bitte nun, nicht enttäuscht zu werden. Ich bin als Christ nach Christi Namen genannt, mein Schicksal ist mit seiner Treue verknüpft – darum, Herr, zeige der Welt, dass ich nicht auf Sand gebaut habe, sondern erweise dich als herrlich und mächtig an mir, auch wenn ich vielleicht dein schlechtester Diener bin. Du hast Nachsicht auch mit den schlimm Verirrten, wenn sie ihre Dummheiten bereuen – darum reklamiere ich für mich, so einer zu sein.“ Man täuscht sich nicht: das ist ein durchaus frecher Zugriff auf Gottes Güte. Es hat etwas vom Mut der Verzweiflung, Gott derart bei seinen Verheißungen zu packen! Und doch erbitten jene alten Gebete nie etwas anderes als nur das, was sowieso in Gottes guter Intention liegt. Denn dass der Beter von Gott ungetrennt von Gottes Güte leben soll, ist ja ebenso Gottes wie des Beters Wunsch. Gott hat sich in Freiheit an sein Wort gebunden, damit Menschen das als ihre Chance ergreifen! Gottes Gnade ist dazu da, in Anspruch genommen zu werden. Und so schließt der Beter dann seinen eigenen Willen mit dem gnädigen Willen Gottes zusammen und bittet, in diesen gnädigen Willen eingeschlossen zu sein und zu bleiben. Wie das konkret aussieht, wird aber natürlich Gott anheimgestellt. Denn ernsthaftes Beten ist kein „Wunschkonzert“. Ob Gott uns auf leichten oder auf schweren Wegen zu sich holt, wird ihm nicht vorgeschrieben. Was er an irdischem Wohlbefinden gönnen will, bleibt ihm überlassen – aber eben nicht das ewige Heil, das er verheißen hat. Es bleibt offen, ob Gott uns durch Milde zu sich zieht oder durch Strenge. Die rechten Mittel kennt er ja viel besser. Aber das Ziehen selbst steht nicht zur Debatte. Denn darauf muss und darf der Beter um Christi willen bestehen. Er hat ja sonst nichts, was ihm Hoffnung gäbe oder für ihn spräche, darum muss und darf er hier insistieren. Und so gewinnt das Gebet seine Durchschlagskraft nicht etwa aus der Würdigkeit des Beters (der ja selbst gesteht, unwürdig zu sein), sondern es ist kräftig durch die Güte des Gottes, an den der Beter sich wendet. Denn der bittet gar nicht in seinem, sondern in Christi Namen. Und er bittet auch nicht um irgendetwas, wonach ihm der Sinn steht, sondern letztlich nur um das, wofür er sich auf Christus berufen kann. Erbeten werden nicht beliebige Wohltaten, sondern erbeten wird, was Christus den Seinen versprochen hat – nämlich bei ihnen zu sein, vor Gott für sie gerade zu stehen, sie durch Gottes Geist zu stärken und sie auf holprigen Wegen doch sicher in Gottes Reich zu bringen. Der Beter pocht keineswegs darauf schonend behandelt zu werden, sondern nur darauf, dass Christus ihn nicht aus der Hand gibt. Er rechnet durchaus mit Gottes rauer Pädagogik, erinnert Christus aber zugleich an das gegebene Wort. Und weil man an diesem Wort gar nicht zweifeln kann, ohne Christus damit zu beleidigen, ist die Erhörung des Gebets auch nicht fraglich. Denn so wenig Gott lügen kann, so wenig kann er den Seinen feindlich sein, sie vergessen oder dauerhaft verstoßen. Christus, der so freundlich war sein Schicksal mit dem unseren zu verknüpfen, wird keine Seele verlieren, die sich ihm anvertraut. Und so werden konkrete Bitten nicht vorgebracht, auf dass der Mensch zufrieden sei, sondern damit Gott sich an ihm als sein Gott erweise, und das Schicksal des Beters Gottes Ruhm vermehre. Der Allmächtige wird zu nichts gedrängt, was ihm fremd ist – allein die Vorstellung wäre schon absurd! Aber er wird aufgefordert, sich auch im Leben des Beters als der zu erweisen, der er nach biblischem Zeugnis ist. Und diese durchaus robuste Forderung wird nie anders begründet, als durch Gottes erklärte Absicht und durch die vielen biblischen Vorbilder. „Du bist der, der an Abraham, Isaak und Jakob dies und das getan hat,“ sagt der Beter, „darum tue Entsprechendes bitte auch an mir. So und so hat dich David in den Psalmen gepriesen, darum lass mich Gleiches erfahren, damit auch ich dein Lob vermehre. Und bin ich auch noch schlechter als der Schächer am Kreuz, darf ich dennoch bitten, wie dieser dich bat“. Das ist aber kein Versuch, Gott etwas „abzupressen“, was er nicht geben will – und das Gebet ändert auch nicht Gott oder seinen Willen –, sondern verändert wird der Mensch, der durch sein Beten immer mehr Gott entspricht. Wo Gott sich Freiheit vorbehalten hat, versucht der Beter nicht, ihn zu binden. Wo Gott sich aber durch Verheißungen gebunden hat, da nimmt der Beter ihn fröhlich beim Wort. Wo Gott sich versagt und schweigt, will der Beter nichts erzwingen. Wo ihm Gott aber ausdrücklich die Hand reicht, lässt er sich das nicht zweimal sagen. Er versucht Gott nicht vorzuschreiben, wann, wo und wie er sich als treu erweisen soll, verlässt sich aber drauf, dass es geschehen wird. Er hängt sich an Christus dran und lässt um keinen Preis los. Er wahrt aber in diesem Zugriff stets die Ehrfurcht und Demut. Der Beter schmiegt sich an Gott, wie das Kind an den Vater. Er „passt“ so gut zu ihm, wie der Handschuh zur Hand. Was sich aber mit Gott und seiner Nähe nicht verträgt, das wird nicht nur aus dem Gebet ausgeschieden, sondern nach und nach auch aus dem Leben des Beters, weil der ja betend Gott unter die Augen tritt und dabei merkt, worauf Gottes Auge nicht mit Wohlgefallen ruht. Ja, die beschriebenen Weisen, vor Gott zu argumentieren, verhindern fast automatisch, dass man um das Falsche bittet.

(1) In der ersten Form erinnert der Beter an ein biblisches Vorbild und sagt: „Herr, so wie du Abraham geführt hast und deinem Volk als Feuersäule vorangegangen bist, so weise auch mir den Weg. Wie du Noah vor der Flut und Daniel vor den Löwen gerettet hast, so schütze auch mich in meiner Not. Wie du Hiob aus seinen Leiden und Lazarus aus dem Grab befreit hast, so befreie auch mich und gewähre mir dasselbe“.

(2) Eine zweite Form der Argumentation verankert die eigene Bitte in dem, was Gott fordert und verheißt. Der Beter ruft: „Herr, weil du die Ehe gestiftet hast und sie segnen willst, verleihe mir das Geschick, mit meiner Frau gut auszukommen. Weil du mich mit einem Amt betraut hast, gib mir auch die Weisheit, die ich brauche, um es recht auszuführen. Weil du Früchte des Glaubens sehen willst, darum erfülle mich mit den Gaben deines Heiligen Geistes. Weil ich aus eigener Vernunft nicht zu dir kommen kann, darum leite du mich in deiner Wahrheit. Und weil du Gutes in mir angefangen hast, darum gib mir auch die Kraft zur Vollendung“.

(3) Die dritte Form der Argumentation ist der zweiten ganz ähnlich, weil sie die eigene Bitte mit Gottes erklärten Zielen verknüpft und sich mit ihm in gemeinsamer Absicht zusammenschließt: „Herr, behüte uns vor Versuchungen, damit wir dir treu dienen können. Gibt deiner Kirche treue Prediger, damit sie deinen Widersachern Einhalt gebieten. Und öffne unsere tauben Ohren, damit dein Reich inwendig zu uns komme. Erlöse uns von der Gewalt der Finsternis, damit wir als Kinder des Lichts vor dir wandeln. Mach uns kräftig in Werken der Liebe, damit die Welt über deine Güte staune. Und schenke uns Liebe zur Wahrheit, damit wir standhaft bei deinem Wort verharren.“

(4) In einer vierten Argumentation wird Gott aber darauf hingewiesen, dass das Schicksal seiner Gläubigen unmittelbar mit seiner Ehre und seinem Namen verknüpft ist, weil ein Scheitern der Kinder auf ihn als Vater zurückfallen müsste: „Herr, stehe uns bei, damit nicht recht behalten, die sagen, du hättest uns verlassen. Streite wider unsere Bestreiter, damit sie sich nicht rühmen, sie hätten über dich gesiegt. Lass die Christenheit nicht zuschanden werden, auf dass dein Name nicht gelästert werde. Schaffe Recht und Gerechtigkeit, auf dass du beweist deine Macht unter den Völkern. Und nimm weg von uns alles, was dir missfällt, auf dass wir wandeln im Glanz deiner Gnade“.

Im Grunde kann man das in ein einziges Votum zusammenfassen: „Herr, mach es so mit mir, wie es zu deiner Ehre und zu meiner Seligkeit das Beste ist“. Solches Beten steht in biblischer Tradition. Und wenn’s auch „bauernschlau“ und „durchsichtig“ erscheint, sorgen die beschriebenen Muster doch dafür, dass aus dem Gebet alles herausfällt, was zum Willen Gottes nicht positiv ins Verhältnis gesetzt werden kann. Das wirklich Verkehrte erweist sich ganz von selbst als nicht anschlussfähig – und findet dann im Gebet auch keinen Raum. Der Beter versucht zwar, Gott in Gottes Worten zu fangen – das ist offensichtlich. Aber verwerflich ist es nicht. Denn eben dazu hat Gott sein Wort gegeben, dass man ihn dabei behaften könne. Wo ertappt man also den Glauben „auf frischer Tat“ und wo sieht man ihn lebendig „in Aktion“? Just in einem solchen Gebet, das mit Gott immer wieder Fühlung nimmt, und in dem der Beter Gottes Nähe suchend zu sich selbst findet! Dem Schöpfer gegenüber wird er sich seiner Kreatürlichkeit bewusst und dem Gesetzgeber gegenüber fallen ihm seine Pflichten ein. Im Angesicht des Richters spürt er seine Schuld und im Angesicht seines Heilands kommt er zur Ruhe. Hat er aber seinen Frieden oder seine Würde verloren, findet er beides wieder, sobald er die Hände faltet, die eigene Wirrnis vor Gott ausbreitet und ihn in schlichter Logik bittet: „Herr, den Umkehrenden hast du zugesagt, dass sie bei dir offene Türen finden – weil ich aber auch so einer bin, gewähre mir dasselbe. Herr, den Blinden, die zu dir rufen, hast du versprochen die Augen zu öffnen – weil ich aber auch im Dunklen sitze, gewähre mir dasselbe. Herr, den Sterbenden, die zu dir flehten, hast du ewiges Leben geschenkt – weil ich nun aber auch fast am Ende bin, gewähre mir dasselbe“. Man pocht da nicht auf ein Recht, sondern bittet um Christi willen und in seinem Namen, weil nur die Berufung auf ihn unserem Gebet Gewicht verleihen kann. Und so verschieden die Lebenssituationen auch sind, erbittet man doch eigentlich immer dasselbe: dass nämlich, was den Jüngern Jesu zugesagt ist, auch auf uns selbst Anwendung finde. Es geht nie darum, Gottes Willen zu ändern, sondern wir bitten ihn lediglich, seinen längst bekannten, guten Willen an uns zu vollstrecken und uns (auch wenn wir schlechte Christen sind) bloß nicht davon auszunehmen. Wenn sie mir aber erlauben, dafür ein Bild zu gebrauchen, so sind es die frisch geschlüpften Vögelchen im Nest einer Amsel. Wenn deren Mutter mit Futter im Schnabel das Nest erreicht, recken sich die Kleinen hoch, schreien und reißen den Schnabel auf. Dass tun sie aber nicht, weil sie die Mutter erst „umstimmen“ oder zum Füttern überreden müssten: an ihrer guten Absicht besteht ja kein Zweifel! Sondern die kleinen Vögel machen gerade darum auf sich aufmerksam, weil ihnen die gute Absicht der Mutter bekannt ist und jedes für sich seinen Teil abhaben will. So steht mit dem Evangelium auch Gottes gute Absicht längst fest. Der einzelne Beter aber macht auf sich aufmerksam, weil er keinesfalls übersehen werden möchte. Er besteht darauf, ganz persönlich ein Anwendungsfall für Gottes Güte zu sein. Er schreit nach dieser Güte, damit sie bloß nicht an ihm vorübergehe. Gott aber muss nicht erst gedrängt werden, dem Wunsch zu entsprechen, sondern freut sich, wenn wir ihn beim Wort nehmen. Hilft also beten? Ja, klar! Man muss nur wissen, wozu.