Heilige Einfalt

 

 

„…die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.“ (Lk 16,8)

 

Wenn wir biblische Texte nicht nur überfliegen, sondern aufmerksam lesen, kann es leicht passieren, dass wir über einzelne Worte stolpern. Und meist lohnt es dann, stehenzubleiben und das Merkwürdige in Augenschein zu nehmen. Denn oft führt gerade das Sperrige zu neuen Einsichten. Mir ging es jedenfalls so, als ich über das Wort „Einfalt“ stolperte und merkte, dass die Bibel diesen Begriff positiv bewertet. Uns liegt das normalerweise fern, denn wer „einfältig“ ist, gilt als geistig „unterbelichtet“. Der „Einfältige“ ist naiv, begriffsstutzig und leichtgläubig – ein schlichtes Gemüt eben, ein „Dussel“, dem jeder ein „X“ für ein „U“ vormachen kann. Daher will niemand als „einfältig“ gelten, sondern ganz im Gegenteil als „clever“ und „ausgebufft“. Doch das ist eben das Verwirrende: die Bibel lobt nicht etwa die „Gerissenen“, die „es drauf haben“, sondern sie fordert wirklich die „Einfalt des Herzens“ (2. Kor 1,12 / 2. Kor 8,2 / 2. Kor 9,11 / 2. Kor 11,3 / Eph 6,5 / Kol 3,22). Und dementsprechend zählt die „heilige Einfalt“ dann auch in der Tugendlehre des Mittelalters zu den positiven Merkmalen christlicher Frömmig-keit! Nur – wie kann das gemeint sein? Sollen wir uns denn dümmer stellen als wir es sind? Sollen Christen als „Einfaltspinsel“ möglichst naiv durchs Leben gehen und sich damit zum Gespött machen? 

Man kommt dem rechten Verständnis näher, wenn man das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung betrachtet. Denn „simplicitas“ als „Einfachheit“ steht erst einmal wertneutral dem „Vielfachen“ oder „Vielschichtigen“ gegenüber. Und da wird jeder zugeben, dass „Kompliziertheit“ an sich noch kein Vorzug ist, sondern oft auch ein Handicap. Das Einfältig-Schlichte ist leicht zu überschauen, leicht zu verstehen und leicht zu reparieren, während das Vielfältig-Verwickelte immer mehrere Aspekte hat, deren Beziehungen man nicht ohne weiteres begreift. Das Einfältige liegt sichtbar da und ist nichts anderes als genau das, was man sieht. Das Vielfältige hingegen kann doppelbödig und zweideutig sein. Bei einfachen Menschen weiß man bald, wo man mit ihnen dran ist. Bei komplizierten eher nicht. Die Einfältigen verstellen sich selten. Sie tragen ihr Herz auf der Zunge. Die Komplizierten hingegen sind trickreich genug, um ihr Gegenüber zu manipulieren. Und da ist dann Vorsicht geboten. Denn wir bewundern zwar den Schlaukopf, der „mit allen Wassern gewaschen“ ist. Aber wenn wir jemandem ein Geheimnis oder einen Wertgegenstand anvertrauen wollen – sind uns die schlichten und gradlinigen Gemüter dann nicht lieber? Der Einfältige beantwortet Fragen mit „ja“ oder „nein“. Der Komplizierte hingegen redet lang herum, sagt irgendwie „ja“, aber irgendwie auch „nein“ – und legt sich am Ende doch nicht fest. Geben wir da den Schlichten, die „gerade heraus“ sind, nicht den Vorzug? Und ist es nicht eben diese Direktheit, die wir an Kindern so herrlich finden, weil ihnen das arglistige Berechnen und Taktieren, das absichtsvolle Verstellen und Verschweigen so fremd ist? 

„Kindermund tut Wahrheit kund“, weil die Kleinen unverblümt sagen, was sie denken! Warum also sollte die entwaffnende Einfalt, mit der Kinder ihr Herz sozusagen „offen“ tragen, nicht auch bei Erwachsenen eine Tugend sein? Bei Kindern erklärt sich die Offenheit daraus, dass sie die hintersinnigen Strategien der Erwachsenen noch nicht erlernt haben. Bei den richtig Dummen erklärt sich dieselbe Offenheit daraus, dass Verschlagenheit ihren Verstand überfordert. Die intelligenten Erwachsenen aber – die sind auf keine Weise geschützt. Sie sind allzeit gefährdet, ihren Verstand für üble Tricks zu missbrauchen. Und denen empfiehlt die Bibel, sich bewusst für „Einfalt“ zu entscheiden, statt sich durch unredliches Ränkespiel Vorteile zu verschaffen… 

Vielleicht kann eine Geschichte verdeutlichen, wie das gemeint ist. Thomas von Aquin, ein großer Theologe des Mittelalters, war einer der klügsten Köpfe seiner Zeit. Und trotzdem sagte man ihm nach, es sei leicht, ihm einen Bären aufzubinden. Ein Mitbruder seines Ordens wollte eines Tages prüfen, ob das wirklich so sei, und erlaubte sich einen Spaß. Er trat auf Thomas zu, machte ein ganz überraschtes Gesicht, zeigt staunend mit dem Finger zum Himmel und rief: „Schau nur, Thomas! Da fliegt ein Ochse!“ Der Angeredete drehte seinen Kopf tatsächlich in die angegebene Richtung, als suchte er den Himmel ab – und der Mitbruder freute sich über den gelungenen Streich. Er prustete heraus: „Wie kannst du nur glauben, dass ein Ochse fliegen könnte?“ Thomas aber antwortete gelassen: „Mein Freund, ich will eher daran glauben, dass ein Ochse fliegen kann, als dass ein Mitbruder mich absichtlich in die Irre führt…“ 

War Thomas von Aquin „einfältig“ in dem Sinne, wie der Ordensbruder es meinte? War er so „weltfremd“ und „blauäugig“, dass man ihn an der Nase herumführen konnte? Gewiss nicht! Der gelehrte Mann hatte einen scharfen Verstand. Aber er lehnte es prinzipiell ab, seinen Mitbrüdern zu misstrauen. Er riskierte lieber, bei so einem Streich dumm dazustehen, als Argwohn zu seiner Grundhaltung zu machen. Er wollte von den anderen stets Gutes denken und Gutes erwarten, weil es das christliche Miteinander verdirbt, wenn einer vom anderen jederzeit Übles erwartet. Das war eine bewusste Entscheidung! Und ich denke, jener Witzbold hat sich bald geschämt, mit einem Mann von so edler Gesinnung Spott getrieben zu haben… 

Was ist also „Einfalt“? Ist es wirklich die geistige Begrenztheit des Trottels, der leichtgläubig, weltfremd und unkritisch auf jeden Trick hereinfällt, weil er aus Erfahrungen nichts lernt und von der Bosheit der Welt nichts ahnt? Nein, jene „Einfalt des Herzens“, die uns die Bibel empfiehlt, beschreiben wir besser als die Haltung eines Menschen, der Verschlagenheit sehr wohl kennt, der sie sich aber bewusst nicht aneignet und sie nicht nutzt, weil ihm Winkelzüge zuwider sind. Dieser mit Absicht „Einfältige“ kennt die Möglichkeiten der Verstellung, der schlauen Heuchelei und der gezierten Höflichkeit – aber er verschmäht diese Möglichkeiten. Er weiß, wie man zweideutig redet und sich Hintertürchen offen hält, wie man Gefälligkeiten erzwingt und Menschen in Abhängigkeit bringt – aber er verzichtet darauf. Er könnte seine Absichten verschleiern, indem er anders redet, als er denkt, und anders handelt, als er redet – aber es ekelt ihn davor. Und wenn ihm durch seine Redlichkeit Vorteile entgehen, nimmt er das in Kauf, weil Jesus die selig preist, die reinen Herzens sind. Natürlich ist der Ehrliche dann immer wieder der Dumme – und sieht dem Dummen zum Verwechseln ähnlich: die anderen meinen wirklich, er sei zu einfältig, um mit verdeckten Karten zu spielen. Sie meinen, er sei halt‘ nicht so gerissen wie sie! Aber das macht den Unterschied, dass jener, der wirklich zu wenig Verstand hat, nicht mit Raffinesse handeln kann, während der, der einfältigen Herzens ist, nicht mit Raffinesse handeln will (F. Kirchner). Der will einfach keine „schillernde Persönlichkeit“ sein, die opportunistisch und „aalglatt“ von einer Rolle in die andere schlüpft, sondern will schlicht seine Gesinnung, seine Äußerungen und seine Handlungen miteinander in Übereinstimmung bringen – und so aufrecht leben, wie es Gottes Gebot fordert. 

Einfalt ist demnach die Geradheit einer Seele, die nur als das gelten will, was sie auch wirklich ist. Sie weicht ihren Pflichten nicht aus, indem sie Ausreden ersinnt. Sie weigert sich, auf die Weise klug zu sein, wie die Welt klug ist. Und sie verschmäht es, durch Arglist und Täuschung zu siegen. Einfalt will lieber dumm dastehen, als verschlagen zu handeln oder doppelzüngig zu reden. Und sie willigt nicht ein, Erfolge um den Preis der eigenen Seele zu erkaufen. Einfalt zieht es vor, ehrlich und dadurch angreifbar zu sein. Und wenn sie nur mit Hinterlist zum Ziel käme, verzichtet sie. Sie erscheint lieber klein, als sich aufzuplustern. Und sie vernebelt nicht einfache Wahrheiten durch komplizierte Betrachtung. Lieber riskiert der Einfältige getäuscht zu werden, als dass er durch allseitiges Misstrauen seine Seele vergiftet. Und muss er auch mit der Bosheit anderer Menschen rechnen, will er sich doch nicht in der Weise schützen, dass er sich nun gleichfalls mit Bosheit gegen sie wappnete. 

Wenn das dann aber aussieht wie die Wehrlosigkeit eines Geistesschwachen – kann es nicht trotzdem die Stärke eines Weisen sein? Ist der Einfältige wegen seiner Geradheit dumm? Nein. Er weigert sich nur, wie ein Dieb verschlungene Wege zu gehen. Und wenn ihm die Welt das schlecht lohnt, weiß er sich doch der verkehrten Welt gegenüber im Recht. Einfalt ist also ohne Argwohn. Sie macht sich die Offenheit der Kinder zu Eigen und trägt das Herz auf der Zunge. Einfalt liebt die Wahrhaftigkeit genug, um ihretwillen Nachteile in Kauf zu nehmen. Wenn die anderen darin aber eine Dummheit sehen – was macht das schon? 

Den Kindern dieser Welt erscheint ja auch Jesus dumm, weil er sich um die Mühseligen und Beladenen kümmert, statt sein Leben zu genießen. Jesus erscheint ihnen erst recht dumm, weil er seine Macht nicht einsetzt, um zu herrschen, sondern um zu dienen. Und Jesus erscheint ihnen darin am allerdümmsten, dass er sein Leben hingibt für die Sünder! Wir aber, als Jesu Nachfolger und Schüler – wir sollten danach streben, der Welt klug zu erscheinen? Wahrlich, nein! Je bessere Christen wir sind, desto törichter werden wir den anderen vorkommen. Denn Wahrhaftigkeit bringt in dieser Welt ebenso wenig Vorteile wie Sanftmut oder Barmherzigkeit. Den Cleveren und Gewieften, den geschäftstüchtigen „Schlaufüchsen“ muss das ganze Christentum als Narrheit erscheinen. Doch Gott gefällt dieser Weg umso besser, weil es der Weg seines Sohnes ist, und wir ihm gleichen sollen. Ja, selig sind, die in der Nachfolge Jesu Einfalt üben, denn sie bleiben in der Demut, im Gehorsam und im Konsens mit Gott. 

Wenn es aber scheint, dass der Preis dafür hoch sei, so bedenken sie bitte, was die Alternative ist. Fragen sie sich, in was wir uns verwandeln, wenn wir der Verschlagenheit der Bösen gleichziehen und sie mit ihren eigenen Waffen schlagen wollen! Verwandeln wir uns da nicht in das Ebenbild des Gegners, um so wie er Tücke mit Tücke, List mit List und Täuschung mit Täuschung zu überwinden? Fangen wir da nicht an, zu denken wie der Feind, zu fühlen wie der Feind und auch zu handeln wie er? Verlieren wir die Einfalt, werden wir genau das, was wir bekämpfen wollen! Wir begeben uns in der Wahl der Mittel auf das Niveau des Gegners. Und das heißt im Ergebnis: statt dass wir ihm aus dem moralisch Morast heraushelfen, zieht er uns hinein. Und selbst wenn‘s am Ende so aussieht, als hätten wir ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen, hat doch im Grunde er gewonnen, weil wir ihn kopierten und ihm dadurch ähnlich wurden… 

„Wer zu lange gegen Drachen kämpft, wird selbst zum Drachen“, sagt August Strindberg. Und ich meine er hat Recht! Denn wenn wir die Einfalt aufgeben, um uns in einen verschlagenen Gegner hineinzudenken, gewöhnen wir unser Herz an verschlagene Gedanken. Und um das Ränkespiel der Welt zu durchschauen, müssen wir es erst einmal erlernen. Was wird dabei aber – aus uns? Überwinden wir Raffinesse mit Raffinesse und Falschheit mit Falschheit, mögen wir uns einbilden, der gute Zweck heilige die Mittel. Doch dem Neuen Testament zufolge sollen wir gerade nicht Böses mit Bösem überwinden, sondern Böses mit Gutem (Röm 12,21)! Und das ist uns im eigenen Interesse geboten. Denn wir können uns der schmutzigen Tricks nicht bedienen, ohne dabei schmutzig zu werden. Bevor wir etwas Listiges tun, müssen wir es denken. Um es zu denken, müssen wir es wollen. Und was wir wollen, färbt zwangsläufig auf unsere Seele ab. „Wer zu lange gegen Drachen kämpft, wird selbst zum Drachen.“ Hat man sich erst einmal in ihn „hineingedacht“, kann man leicht in der Mentalität des Gegners gefangen bleiben. Der Versuch, sich wieder „herauszudenken“, kann scheitern. Und eben davor will uns die Hl. Schrift bewahren, wenn sie „Einfalt“ empfiehlt… 

Das heißt natürlich nicht, dass wir uns dümmer stellen als wir sind. Nein! Wir sollen durchaus klug sein wie die Schlangen, sagt Jesus, und zugleich ohne Falsch wie die Tauben (Mt 10,16). Dies Letztere funktioniert aber nicht, wenn wir den Cleveren clever erscheinen wollen und die Gerissenen an Gerissenheit zu übertreffen suchen. Die ganz „ausgebufft“ sein möchten, verheddern sich irgendwann in den eigenen Gedanken. Und die zu viel täuschen, wissen bald selbst nicht mehr, was wahr ist. Unter den vielen Masken verlieren sie ihr Gesicht und glauben am Ende die eigenen Lügen. Darum sollten wir ihre Künste gar nicht erst üben. Denn sie färben unausweichlich unseren Charakter… Oder stimmt es nicht, dass man die schlechten Menschen an ihren guten Ausreden erkennt? Ich denke es stimmt! Um dem aber zu entkommen, braucht man den Mut, einfältig, offen und geradlinig zu sein – auch wenn sich andere darüber belustigen. Denn das unterscheidet den Trottel vom Christen, dass der Trottel es nicht anders kann, und der Christ es nicht anders will. 

Wagen wir es also, evtl. mit Naiven, Weltfremden und Beschränkten verwechselt zu werden? Jesus Christus hat dieses Risiko jedenfalls nicht gescheut. Man hat den Gekreuzigten schon im alten Rom mit einem Eselskopf dargestellt. Den heidnischen Römern schien es eine Eselei, sich für andere zu opfern. Und die ach so coolen, ach so abgeklärten Erfolgsmenschen von heute sehen das genauso. Aber muss uns das stören? 

„Gerades Scheitern steht höher als ein krummer Sieg“ sagt Sophokles. Darum lebe sie hoch, die Einfalt des Herzens! Wie jede rechte Tugend bringt sie uns in dieser verkehrten Welt Nachteile ein. Aber Gott gefallen die Redlichen und Schlichten umso besser. Er hat gerade Menschen geschaffen und will sie nicht verkrümmt sehen, er hat uns offen geschaffen und hält nichts vom Versteckspiel. Die Wahrhaftigen sind ihm darum lieber als die allzu Schlauen, und die reinen Herzens sind, zieht er den Berechnenden vor.