Christus der Herr

 

Gott ist „der Herr“. Und das klingt so selbstverständlich, dass es kaum der Mitteilung wert erscheint. Denn wer oder was sollte Gott sonst sein, wenn nicht „der Herr“? Die Bibel nennt ihn ständig so. Er ist der „Herrgott“, wie auch Jesus der „Herr Jesus“ ist. Und das besagt umso weniger, als wir ja auch sonst jeden erwachsenen Mann als „Herrn“ anreden und ihn „Herr Müller“ oder „Herr Meier“ nennen. Nach heutigem Sprachgebrauch bedeutet der Titel fast nichts! Nimmt man das Wort aber so, wie es in biblischer Zeit geklungen hat, muss man im Herr-Sein eine konkrete Herrschaft mitdenken. Denn nur der ist ja wirklich „Herr“, der regiert und verfügt, bestimmt und besitzt. Ein „Herr“ kann von seinen Knechten Gehorsam erwarten und über ihren eventuellen Ungehorsam richten. Zwischen ihm und seinen Untergebenen herrscht ein Gefälle von Macht und Autorität. Der „Herr“ hat Gewalt über sie, hat Vorrechte und Vollmachten, kann Anordnungen treffen und über deren Ausführung Rechenschaft verlangen. Einem „Herrn“ kommt Ehre zu, die man ihm nicht ungestraft verweigert. Umgekehrt darf man von einem „guten Herrn“ aber auch erwarten, dass er die Seinen schützt und beschirmt, führt und versorgt. Denn ein „guter Herr“ übernimmt für seine Leute Verantwortung wie ein Vater für seine Kinder oder ein guter König für sein Volk. Wie aber wurde Gott zum „Herrn“? Eigentlich versteht es sich von selbst. Da wir aber gewohnt sind, Macht demokratisch zu legitimieren, sei ausdrücklich vermerkt, dass Gottes Macht ihm natürlich nicht vom Volk „verliehen“ wird. Er hat es nicht nötig, zum „Herrn“ gewählt zu werden, sondern ist es einfach deshalb, weil er alles, was ist, geschaffen hat, weil folglich die Welt sein Eigentum ist, weil er alles, was existiert, im Dasein erhält, alles Lebendige nährt und durch seine Vorsehung und Regierung Natur und Geschichte vollständig überblickt, lenkt und bestimmt. Gott muss nicht erst fordern, dass man ihn Herr sein lässt, sondern ist es von Anfang an durch sein faktisches Verfügen über alle Bedingungen des Seins. Gott wird zum „Herrn“ nicht erst berufen und braucht dazu von uns Menschen keine Erlaubnis, sondern herrscht auch über die, die das leugnen und schrecklich finden. Gottes Herr-Sein ist eine Gegebenheit, auch wenn wir‘s nicht glauben. Denn Gott ist kein Herr von „unseren Gnaden“. Er will uns aber durchaus ein „gnädiger Herr“ sein. Und das gilt besonders dort, wo er sich durch rettende Taten ein Gottesvolk erwählt und zu Eigen macht. Denn als Schöpfer ist er zwar Herr über alle Völker. Doch indem er Israel aus Ägypten führt, macht er sich in spezieller Weise zum Herrn dieses von ihm erwählten Volkes. Und ganz entsprechend wird er durch das Heilswerk Christi zum Herrn der Christenheit als des neuen Gottesvolkes. Über den Rest der Welt ist er natürlich auch Herr. Aber seinem Volk macht er sich bekannt. Zu ihm stellt er besondere Nähe her. Und als Christ hat man ihn sogar dreifach zum „Herrn“, weil der Vater uns geschaffen hat und erhält, weil der Sohn uns erlöst und begnadigt, und der Hl. Geist uns erfüllt und erleuchtet. Diese Beziehung kam aber nicht zustande, weil wir das wünschten, sondern weil Gott sie – uns erwählend, erleuchtend und zum Glauben überwindend – hergestellt hat. Wir waren anfangs gar nicht dafür! Denn im Zustand der Gottesferne, in dem wir geboren werden, stimmt das verstockte Herz niemals zu, Gott „Herr“ sein zu lassen. Der Sünder in uns will durchaus keine Autorität über sich haben, sondern will (pubertär und bockig) sein eigener Herr sein! Und so bedarf es von Gottes Seite eines großen Aufwands, unseren törichten Widerstand zu brechen und unser „Herr zu werden“. Das gesamte Lebenswerk Christi ist dazu nötig – und obendrein das Wirken des Hl. Geistes, das in unsere Biografie eingreift und nur darauf abzielt, eines uneinsichtigen und verirrten Schafes auf heilvolle Weise „Herr“ zu werden. Denn als Sünder sind wir erst mal alle in der Hand des Feindes, dessen Versuchung wir in Adam erlagen, und in dessen Macht uns Gott gerechterweise „dahingegeben“ hat (Röm 1,24.26.28). Wir sind – wie Luther sagen würde – unter des Teufels Gewalt, in Blindheit verstrickt und in Schuld gefangen. Wir schlagen wild um uns, ohne das Geringste zu erreichen! Und Christus kann unser nur in der Weise „Herr werden“, dass er uns durch seinen Kreuzestod loskauft und aus der Hölle Rachen reißt, dass er die Tyrannen vertreibt und als ein Herr des Lebens und der Gerechtigkeit an ihre Stelle tritt. Christus führt uns zurück in die Gemeinschaft mit Gott, begnadigt und heilt uns, um uns künftig auf die denkbar beste Weise zu regieren und zu führen. Denn darauf zielt seine gesamte Sendung und all seine Mühe: „Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei“ (Röm 14,9; vgl. 1. Kor 15,22-28). Das „Herr-Sein“ Christi ist demnach kein Nebenaspekt, sondern das Zentrum des göttlichen Heilsplans. Christus muss unser törichtes Herz unter Kontrolle bringen, um es der grausamen Herrschaft Satans zu entziehen und seiner eigenen gnädigen Herrschaft zu unterstellen. Dieser „Herrschaftswechsel“ wird aber nicht nur im Evangelium proklamiert und im Neuen Testament beschrieben, sondern auch am Einzelnen durch die Taufe vollzogen. Er wird durch die Gabe des Hl. Geistes besiegelt – und begründet dann wechselseitige Erwartungen. Denn Christus als Herr kann erwarten, dass sich die Seinen vertrauensvoll von ihm führen lassen, während der Christ erwarten darf, von seinem Herrn sicher geleitet in Gottes Reich einzugehen. Der Herrschaftswechsel, der durch die Taufe am Einzelnen geschieht, soll aber letztlich an der Welt im Ganzen vollzogen werden. Denn der himmlische Vater will alles der Herrschaft des Sohnes unterwerfen. Er hat den Sohn „von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen“ (Eph 1,20-21). Das Ziel des Sohnes ist folglich, dass er keinen von denen verliert, die der Vater ihm anvertraut hat (Joh 6,39; 17,12; 18,9). Und das Ziel der Gläubigen muss sein, Christus als ihrem überaus gütigen Herrn die Gefolgschaft nicht zu kündigen, sondern ihm Ehre zu machen. Das beste Beispiel für solche Gefolgschaft und für unbegrenztes Vertrauen gibt uns der Hauptmann von Kapernaum (Mt 8,5-13). Denn der weiß als römischer Soldat sehr gut, was Herrschaft bedeutet. Von Berufs wegen kennt er sich mit Hierarchien und Befehlsketten aus. Und so geht er, als sein Knecht schwer krank daniederliegt, zu Jesus, dem er die höchste Vollmacht zutraut, Kranke zu heilen und vor dem Tod zu bewahren. Als Jesus aber einwilligt, in sein Haus zu kommen, lehnt der Hauptmann das ab, weil er sich (1.) unwürdig fühlt und es (2.) auch gar nicht für nötig hält. Er ist sich des Herr-Seins Jesu und seiner Befehlsgewalt so gewiss, dass ihm das Wort Jesu völlig genügt. Er sagt: „Auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's“ (Mt 8,9). Der Hauptmann weiß, dass Jesus nicht einer unter vielen Herren ist, sondern der Herr, der über allen Herren steht (Offb 1,5; 1. Tim 6,15; Dan 2,47). Jesus aber lobt seinen Glauben und heilt den Knecht aus der Ferne. Von diesem wie von jedem anderen Wunder kann man sagen, dass Jesus sich darin als „Herr“ erweist. Und doch muss man zugeben, dass er ein ganz untypischer „Herr“ ist. Denn mit all seiner Macht strebt Christus nicht nach oben, sondern nach unten. Indem Gottes Sohn Mensch wird, entäußert er sich seiner göttlichen Herrlichkeit und wird seinen Eltern „untertan“ (Lk 2,51). Er will überhaupt nicht „herrschen“, sondern „dienen“ (Mt 20,28). Und dementsprechend kommt er nicht hoch zu Ross nach Jerusalem, sondern reitet auf einem Esel hinein (Mt 21,5). Jesus als Herr zeigt sich gerade nicht stolz und „herrisch“, sondern demütig und sanftmütig (Mt 11,29). Er wäscht seinen Jüngern sogar die Füße (Joh 13,1-20)! Er macht sich den ärmsten Menschen gleich und wird gehorsam bis hin zum Tod am Kreuz (Phil 2,7-8). Und doch bleibt er bei alledem „der Herr“. Denn wenn sich ein König unter das Volk mischt, hört er deswegen ja nicht auf, der König zu sein. Und wenn Gott Mensch wird, hört er dabei nicht auf, Gott zu sein. Christus wird unser Bruder, wird aber keineswegs zum „Kumpel“: Der sich unendlich tief zu uns herabbeugt, ist immernoch der Herr des Himmels! Nur dass das zwischen uns bestehende Gefälle nichts Bedrückendes mehr hat, sondern im Gegenteil etwas Erhebendes und Schönes ist: Jünger eines solchen Herrn zu sein, darf jeden Christen mit Stolz und Freude erfüllen. Und ihm die Treue zu halten, versteht sich dann von selbst. Denn schließlich haben wir in der Taufe allen anderen Herren abgeschworen und sind nur noch diesem einen verpflichtet, der mit seinem Leben für unsere Erlösung bezahlt hat. Christus steht für uns gerade! Er erwartet im Gegenzug aber nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern wirkliche Gefolgschaft – dass wir ihn nämlich nicht bloß „Herrn“ nennen, sondern ihn auch faktisch Herr sein lassen über unsere gesamte Lebensführung (Mt 7,21). Seinem Beispiel folgend sollen wir einander in Liebe und Barmherzigkeit dienen (Mt 20,25-28). Er aber wird einst von uns Rechenschaft fordern, ob wir das uns Anvertraute treu verwaltet haben (Mt 24,45-51; Mt 25,14-30). Denn das mit dem „Herrschaftswechsel“ darf keine fromme Phrase sein. Der 2. Petrusbrief sagt: „von wem jemand überwunden ist, dessen Knecht ist er geworden“ (2. Petr 2,19). Wer von der Sünde überwunden wird, ist demnach der Sünde Knecht – zu seinem Nachteil. Und wer von Christus überwunden wird, ist Christi Knecht – zu seinem Vorteil. Eine dritte Möglichkeit gibt es aber nicht. Denn dass ein Mensch (jenseits dieser Alternative stehend) sein eigener Herr sein könnte: das ist die große Illusion, der heute ganz viele erliegen. Wo Christus nicht regiert, herrscht kein Vakuum, sondern da herrscht der Feind. Und wer vor Christus flieht, läuft ihm sehr bald in die Arme. Das, und nur das, ist „safe“ und „sicher“, worauf Christus seine Hand gelegt hat! Und folglich ist es in unserem eigenen Interesse, dass Christus Herr wird über unser ganzes Leben, zu jeder Stunde und in jeder Hinsicht. Denn jeder Aspekt unseres Daseins, den wir ihm anvertrauen, ruht sicher in Gottes Hand. Und jeder Aspekt, in dem wir uns vorbehalten selbst zu herrschen, bleibt gefährdet und bedroht. Wie könnte es auch anders sein? Der Herr selbst ist unser Schutz! Und so liegt es in unserem Interesse, möglichst vollständig von Christus umgeben zu sein. Nur sind wir leider überaus geschickt darin, uns Nischen des Ungehorsams offen zu halten. „Klar ist Jesus der Herr“, sagen wir, „aber in manchen Punkten scheinen mir seine Weisungen nicht zeitgemäß“. „Klar höre ich auf Jesus! Aber was die Klugheit erfordert, muss ich doch auch berücksichtigen.“ „Ich will ihm ja gehorchen! Aber was hat das mit meiner Arbeit zu tun, mit meiner Ehe oder mit meinem Geld?“ Die Gefahr ist groß, dass wir Christus Herr sein lassen so „ganz im Allgemeinen“ – aber eben nirgends im Konkreten. Wir beten dann am Sonntag, dass sein Wille geschehe, und folgen am Montag doch wieder unserm eigenen! Betrogen haben wir damit aber vor allem uns selbst. Denn wie sollten jene Teile unseres Lebens, die wir Christus streitig machen, unter seinem Schutz stehen? Wenn unser Gehorsam nicht ehrlich ist, können wir lange „Halleluja“ rufen – Christus merkt, wenn wir uns nur zum Schein vor ihm beugen! Und halbe Sachen mag er nicht. Es genügt ihm nicht, Herr über die schönen Seiten unseres Lebens zu sein, nur über manche Tage oder nur über einige Aspekte. Christus teilt seinen Anspruch auch nicht mit anderen Instanzen. Sondern wie er sich ganz für uns gegeben hat, will er auch, dass wir uns ihm ganz geben und dabei nichts zurückhalten. Mit weniger ist er nicht zufrieden – und mit weniger wäre uns auch nicht geholfen. Denn tatsächlich ist es eine Wohltat, wenn Christus über uns herrscht: je vollständiger, je besser! Doch wie soll es dahin kommen, wenn ich mich insgeheim für autonom halte und meine, Christus dürfe nur so weit Herr sein, wie ich es ihm erlaube? Wie soll Christi Herrschaft denen nutzen, die sich nichts sagen lassen, weil sie gar keine Autorität über sich ertragen? Da wird nichts draus! Denn wer nicht in Christi Hand sein will, gerät bald wieder dem Feind in die Finger. Und eine neutrale Zone gibt es nicht. Wir sollten darum immer mal wieder prüfen, wer in uns eigentlich das Regiment führt. Denn in der Schwebe bleiben kann das nicht. Keine Antwort ist in diesem Fall auch eine Antwort. Und wenn ich unschlüssig dastehe und grüble, in welchem Bereich ich Christus „Herr“ sein lasse, habe ich schon entschieden, dass ich der „Herr“ bin, der über Christi Reichweite bestimmt. Selbst wenn ich Christus treuherzig zugestehe, er dürfe über alles Herr sei, liegt doch schon diesem Zugestehen die Meinung zugrunde, Christus brauche zum Herr-Sein meine Erlaubnis. Doch, wer bin ich denn? Muss sich Gottes Sohn bei mir um sein Herrenamt bewerben, auf dass ich ihn prüfe – und ihn dann anderen Herren freundlich vorziehe? Die Vorstellung, ich sei Herr in meinem Haus, ist dabei gerade nicht aufgegeben. Und selbst meine „Glaubensentscheidung“ wird dann noch den Irrtum enthalten, der von mir erwählte Gott sei ein „Herr“ von meinen Gnaden. Denn wo ich sage „ja, Christus, du darfst mein Herr sein“, habe ich sein Herr-Sein durch eben diese Erlaubnis schon wieder bestritten. Richtig wird‘s aber erst, wenn ich eingestehe, dass Christus sich die Herrschaft über mich gegen meinen Widerstand erstritten hat – und jedes Recht dazu besaß. Denn ihm gegenüber ist nicht Wahl angezeigt, sondern Kapitulation. Und in Wahrheit gibt‘s da auch nichts zu „entscheiden“, sondern bloß etwas Gegebenes einzusehen. Man lässt Christus nur in der Art „Herr“ sein, wie man aufhört, gegen eine offenkundige Wahrheit anzulügen. Man gibt einen sinnlosen Widerstand auf und streckt die Waffen! Eben das aber hat uns Christus denkbar leicht gemacht. Denn jeder kann verstehen, dass der Widerstand gegen das Herr-Sein Christi ein Widerstand gegen die eigene Rettung ist. Ein solcher Widerstand ist nicht nur zwecklos, sondern vor allem dumm – er schadet uns selbst! Denn es ist widersinnig, sich einer Herrschaft zu entziehen, ohne die wir nicht bestehen können. Und antiautoritäre Affekte können wir uns da sparen. Denn einen besseren Herrn als Christus kann sich keiner wünschen. Und darum sollten wir uns dem fröhlich beugen, der kommt, um uns zu erheben. Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden (Mt 28,18). Ihm sind untertan die Engel und die Mächte (1. Petrus 3,22). Durch ihn sind alle Dinge (1. Kor 8,6). Jedes Knie wird sich ihm beugen (Phil 2,10). Und niemand, der bei Verstand ist, kann sich wünschen, dass es anders sei.