128 • Ewiges Leben und Reich Gottes

Kommt das Beste erst noch?                                           Dieser Text als Video  

 

Zu Ostern erinnern wir uns an die Auferstehung Jesu Christi, die zeitlich hinter uns liegt. Aber damit unlöslich verbunden ist die Erwartung unserer eigenen Auferstehung, die zeitlich noch vor uns liegt. Denn Christus ist damals nicht bloß auferstanden, um seinen Tod zu überwinden, sondern um dabei zugleich unseren Tod zu überwinden. Auferstehend hat er den Weg gebahnt, den auch wir gehen werden. Was läge also näher, als einen Blick zu riskieren auf diesen Weg, und auf die Zukunft, die uns erwartet? Jesus sagt, er sei uns vorausgegangen, um uns die Stätte zu bereiten, wo wir Anteil haben werden an seiner und des Vaters Herrlichkeit. Wie aber sollen wir uns das vorstellen? Darf ich mal eine Vorschau geben?

Der erste Schritt ist selbstverständlich, dass wir sterben und den Weg in die Erde finden. Dass uns davor bange ist, weil das Sterben mit Schmerzen und mit Ängsten verbunden sein kann, ist nur natürlich. Es hat ja auch keiner Gelegenheit, das Sterben zu üben. Aber gelungen ist es noch jedem. Und leichter darf es uns werden durch die Zusage, die wir haben, dass wir nicht in der Erde landen wie nutzlos Verlorenes und Vergessenes, sondern dass wir auf Gottes Acker ausgesät werden wie Samenkörner, die dort keineswegs bloß verrotten, sondern keimen auf eine wunderbare Ernte hin. Der alte Mensch an uns soll untergehen, um dem neuen Menschen Platz zu machen! Das Unvollkommene vergeht, damit Vollkommenes auferstehen kann! Und in der Zeit bis zur Auferstehung werden wir uns auch nicht langweilen, denn ganz gleich, wieviel Zeit bis zum Jüngsten Tag vergeht, wird es uns doch vorkommen, als hätten wir gerade eine Viertelstündchen geschlafen. Wenn dann die Posaunen zur Auferstehung rufen, werden sich unsere Gräber auftun und auf unvorstellbare Weise wird Gott unseren Leibern ein neues Leben verleihen, wie er es auch Christus verlieh am Ostermorgen.

Inwieweit dabei auf die Stoffe zurückgegriffen wird, die heute unseren Körper bilden, kann niemand genau sagen. Aber wenn der Allmächtige diese Materie gebrauchen will, wird er gewiss keine Probleme haben, sie zu finden. Entscheidend ist nur, dass kein anderer Leib aufersteht als eben dieser, der des Recyclings gewürdigt wird. Bei allen Wandlungen, die vorgehen, werden wir dennoch mit uns identisch bleiben. Und auch das ist wichtig: Was aufersteht wird leiblich sein und nicht bloß geistig oder seelisch. Paulus sagt: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“ Wenn wir uns aber unter diesem geistlichen Leib wenig vorstellen können, so ist doch klar, dass er irgendwie stofflich sein wird, dass er anknüpft an unseren alten Leib, und dass er weit vollkommener sein wird als der alte, weil der Leib der Auferstehung keine Gebrechen oder Krankheiten kennt. Als neue Menschen sind wir schließlich für die Ewigkeit gemacht! Ob wir aber viel Zeit haben, über die verbesserte Neuauflage unserer Person zu staunen, weiß ich nicht. Denn es wird wohl unmittelbar das Jüngste Gericht folgen. An dem kommt keiner vorbei – und keiner kann sich entziehen. Doch als Christen werden wir dort eigentlich nur bestätigt finden, was uns schon auf Erden klar war: Wir alle werden mit unseren Taten konfrontiert – und bei keinem ergibt sich eine befriedigende Bilanz. Diejenigen aber, die sich hinter Christus in Deckung bringen und sich auf sein stellvertretendes Tun berufen, werden um seinetwillen freigesprochen. Wer seine Sündenlast anerkennt, sie schleunigst an Christus abgibt, und sich im Austausch dafür Christi Gerechtigkeit schenken lässt, der erlebt im Jüngsten Gericht eigentlich nur, dass sich im Himmel verewigt, was ihm schon zeitlich geschenkt war. Die Barmherzigkeit Gottes, die wir hier schon glauben, werden wir dort schauen. Und dann? Wenn wir einigermaßen beschämt und doch maßlos erleichtert aus dem Gericht hervorgehen – was kommt dann?

Die Bibel scheut sich nicht, von der Ewigkeit anschauliche Bilder zu zeichnen. Und das ist auch konsequent. Denn wenn der auferstandene Jesus kein immaterielles Gespenst war, sondern durchaus angefasst werden konnte, und wenn auch unsere neuen Leiber gleich seinem auf irgendeine Weise stofflich sein werden, dann gehört dazu auch ein Himmel mit Substanz. Die Bibel spricht ausdrücklich von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Sie meint damit aber keineswegs eine andere Schöpfung als diese, sondern meint die vollendete Form dieser Schöpfung, die sich zur alten Erde wohl etwa so verhalten wird, wie unser Auferstehungsleib zum irdischen Leib. Gott hält seiner Schöpfung die Treue, indem er sie reinigt, runderneuert und vollendet. Und genau wie er uns nach Geist und Leib die Treue hält, so gönnt er auch der alten Erde ein großes Comeback. Weil dabei aber alles bewahrt bleibt, was an dieser Welt gut war, und nur das Schlechte fehlt, bin ich ziemlich sicher, dass die Ewigkeit nicht bloß nach Weihrauch duftet, sondern auch nach frischer Erde, nach Frühlingsregen und Meeresbrise. „Herrlichkeit“ wird ein viel zu kleines Wort sein für das, was es dort zu sehen gibt! Bunt und lebendig wird es zugehen! Wahrheit und Klarheit werden herrschen! Wenn Jesus aber von himmlischen Wohnungen redet, die er im Hause des Vaters für seine Jünger vorbereitet, dann werden diese Wohnungen sicher ein Teil des himmlischen Jerusalems sein. Denn dass Gott bei den Seinen ist, und die Seinen bei Gott, dass bringt die Bibel in das Bild einer von Licht durchfluteten himmlischen Stadt, die aus Gold, Edelsteinen und Perlen erbaut ist und zwölf Tore hat, bewacht von zwölf Engeln, die aber keinen Tempel braucht, weil Gott selbst ihr Tempel ist, und die auch keine Sonne kennt, weil Gott selbst ihre Sonne ist, die aber durchflossen wird von Strömen lebendigen Wassers und voller Bäume ist, die herrliche Früchte tragen, in der jedoch weit und breit nichts Verfluchtes zu finden ist, nichts Unreines, kein Gräuel und keine Lüge. Denn von alledem, was uns hier das Leben verbittert und verleidet, wird die himmlische Stadt gereinigt sein: „Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein denn das Erste ist vergangen.“ Als Bewohner des himmlischen Jerusalems sind wir angetan mit weißen Gewändern, denn wir haben unsere Kleider hell gewaschen im Blut des Lammes. Und keiner ist dort, der nicht geheiligt, entsühnt und befreit wäre durch das stellvertretende Leiden Christi. Wenn’s dort aber auch Tiere gibt, woran ich gar nicht zweifle, dann wird der himmlische Friede an ihrem Miteinander abzulesen sein, weil Wolf und Schaf beieinander wohnen, weil der Löwe Stroh frisst wie das Rind, und kleine Kinder mit Schlangen spielen, ohne dass irgendwer zu Schaden käme. Wir dürfen uns das ruhig paradiesisch vorstellen und handfest!

Wendet aber jemand ein, dass wir dabei allzu irdische Vorstellungsmuster auf den Himmel übertragen, so können wir das ganz gelassen zugeben, weil’s die Bibel nicht anders macht, weil wir um das Ungenügen unserer Vorstellungen durchaus wissen und selbst damit rechnen, dass der Himmel diese Vorstellungen bei Weitem überbieten und übertreffen wird: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild“ sagt das Neue Testament ja selbst, „dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ Jetzt erkennen wir stückweise, dann aber werden wir erkennen wie wir erkannt sind. Richtig bleibt an dem Einwand allerdings, dass wir uns das Leben nach der Auferstehung nicht all zu sehr in Kategorien des Konsums und der Zerstreuung vorstellen sollten. Denn das Herrliche am Himmel wird nicht sein, dass alle erdenklichen Bedürfnisse gestillt werden, sondern dass das eine, zentrale Bedürfnis nach ungestörter Gemeinschaft mit Gott gestillt wird. Wir werden uns im Himmel nicht vorwiegend miteinander beschäftigen, und auch nicht mit den läppischen Vergnügungen, mit denen wir uns hier auf Erden trösten, sondern wir werden auf Gott konzentriert sein. Nicht irgendwas wird uns beglücken, sondern seine Nähe wird uns beglücken. Und an einen anderen Genuss als diesen werden wir wohl nicht einmal denken. Denn in der Gemeinschaft mit Gott werden unsere Gedanken nicht unruhig umherschweifen zu diesem oder jenem Vergangenen, sondern die Erkenntnis Gottes wird uns innerlich füllen und beseligen. Wir werden Gott verstehen, den wir in diesem Leben so oft nicht verstanden. Wir werden sein Angesicht sehen, das uns jetzt noch verborgen ist. Und wir werden ohne jeden inneren Widerstand dasselbe wollen, was Gott will. Ja, Augustin sagt, wenn Gott alles in allen sein wird, dann werden wir Gottes voll sein. Und das Unglück unseres jetzigen Lebens, das hauptsächlich darin besteht, in schuldhafter und törichter Weise von Gott getrennt zu sein, ist dann überwunden und vergessen. Wir sind dann ganz in Gott und ganz von ihm umfangen, nichts steht mehr zwischen ihm und uns, keine Scham, keine Schuld, kein Misstrauen. Und wenn wir als Geschöpf auch vom Schöpfer unterschieden bleiben und nie mit ihm identisch werden, so werden wir doch in keiner Weise mehr von ihm getrennt sein.

Der Himmel besteht also nicht darin dass wir dies und jenes schauen und genießen im Sinne eines Schlaraffenlandes, sondern dass wir Gott schauen und Gott genießen. Die Seligkeit der Seligen besteht darin, mit Gott innig verbunden zu sein. Und diese Verbundenheit wird nicht gestört durch Zurückliegendes. Denn wer auf Erden etwas verloren hat um Christi willen, der findet sich durch die Gemeinschaft Gottes hundertfach entschädigt. Und wer in der Zeit gelitten hat, wird feststellen, dass diese Leiden nicht mehr ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart wird. Die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, die sind dann satt. Und die Barmherzigen haben Barmherzigkeit erlangt. Die Sanftmütigen besitzen das neue Erdreich. Die Verfolgten haben in Gott Ruhe gefunden. Und die Friedfertigen freuen sich ohne Ende, weil sich im Himmel der Streit erübrigt, der manchmal auf Erden nötig war. Denn dann haben sich gebeugt aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist.

Die Hoffnung hat dann aufgehört, weil sich längst alles erfüllte, was Gott versprochen hat. Und das Predigen hat aufgehört, weil die Erkenntnis Gottes ohnehin alles überflutet. Fragen und Zweifel haben aufgehört, weil alle Bescheid wissen. Und nur die Liebe hört niemals auf, weil sie bleibt in Ewigkeit. Während wir aber lieben und loben, schauen und staunen, werden wir auch essen und trinken. Denn das ist das Bild, das uns Jesus am häufigsten vor Augen stellt. Wenn er mit seinen Jüngern über das Reich Gottes redet, schildert er es bevorzugt als ein Freudenmahl, als großes Fest oder Hochzeitsfeier. Und Jesus redet dabei ganz unbefangen vom Wein, der getrunken wird, und von festlichen Gewändern, redet auch vom Essen an Gottes Tisch und von fröhlicher Gemeinschaft. Da werden Angehörige aller Völker versammelt sein, die zusammengeströmt sind aus aller Herren Länder, und werden zusammen das auserwählte Geschlecht sein und die königliche Priesterschaft, und die Gerechten werden leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich...

Man könnte noch Vieles aus der Schrift zusammentragen. Entscheidend ist aber nicht die Vollständigkeit der Beschreibung. Sondern entscheidend ist, dass wir das Gesagte ganz ernst und persönlich nehmen und es keinesfalls unter die schönen Träume rechnen. Denn was ich geschildert habe, ist nichts anderes als unsere Zukunft, die genau so sicher kommt, wie unser Tod, und die genauso ernst genommen werden will. Denn Gott hat es sich viel kosten lassen, uns diese Perspektive zu eröffnen. Und er wusste, dass wir der Bedrängnis eines Christenlebens ohne diese Perspektive nicht standhalten könnten. Darum sagt er’s uns so deutlich und will, dass wir’s hören. Denn er hat wahrlich Besseres mit uns vor, als uns bloß ein Grab zu bereiten. Er wird uns aus unseren Gräbern wieder auferwecken, so wie er es mit seinem Sohn getan hat. Und auf den fulminanten Abschluss, den Gott damit unserer kläglichen Lebensgeschichte geben wird, dürfen wir uns von Herzen freuen. Denn wenn wir durch die Taufe und den Glauben eins geworden sind mit Christus und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, werden wir ihm auch gleich sein in der Auferstehung. Und für dieses schöne Ziel lohnt es sich, ein lumpiges Erdenleben zu investieren! Denn hier sind wir nur kurz und dort ganz lang. Ja: Wenn die Ärzte abwinken, und die Welt uns am Ende glaubt, dann werden wir erst am Anfang stehen und dürfen in der Überzeugung Abschied nehmen, dass das Beste noch kommt!