Mut und Trotz

 

Ich habe kürzlich einen Menschen kennengelernt, der den ziemlich gewöhnlichen Namen „Heinrich Müller“ trägt. Er ist aber trotzdem ein ungewöhnlicher Mann, weil er sich auch in schwierigen Zeiten einen ungebrochenen Mut und fröhlichen Trotz bewahrt. Viele würden an seiner Stelle Verluste beklagen, vergebliche Mühen und verpasste Chancen. Heinrich Müller aber jammert gar nicht, sondern sagt: „Was sind denn schon die Güter dieses Lebens? Sie sind doch nur eine Hand voll Sand, der uns durch die Finger rinnt! Und wenn sie dir einer wegnimmt, was hat er schon gewonnen? Wird er sie etwa mitnehmen, wenn man ihn auf den Friedhof trägt? Du sagst, dein Freund hat dich hintergangen? Nichts verloren. Der allerbeste Freund ist sowieso im Himmel. Üble Nachrede hat dein Ansehen beschädigt? Nichts verloren. Unsere Namen sind doch in Gottes Bücher eingeschrieben – wer will sie dort heraus kratzen? Dein Leben ist bald vorbei und dahin? Nichts verloren als nur Mühe und Arbeit. Und bei Gott erwartet dich sowieso etwas Besseres.“ Aber Heinrich, denkt man – meinst du das ernst? Du sagst das so locker dahin, aber bist du denn nie traurig, deprimiert, furchtsam und in Sorge? „Klar,“ sagt er. „Aber kaum lege ich meine Stirn in Sorgenfalten, wird mir schon wieder bewusst, wie schlecht das zu einem Christen passt. Denn was haben wir als geliebte Kinder unseres himmlischen Vaters zu fürchten? Verliere ich materielle Güter, so ist eben Jesus mein Reichtum. Verliere ich Genüsse und Freuden, so ist künftig Jesus meine Freude. Und verlassen mich alle Freunde, so wird doch Jesus bleiben und für mich sorgen.“ 

Da merkt man schon, was der Heinrich für ein frommer Mensch ist. Man staunt darüber, bewundert ihn wohl auch, fragt sich dann aber doch, ob nicht ein bisschen Naivität dabei ist. Denn, guter Heinrich, die Welt ist doch voller Gefahren! Nicht jeder meint es gut mit dir! Und bis du zuletzt im Himmel ankommst, kann dir noch viel Übles zustoßen! Er aber lässt sich davon nicht bange machen. Denn an den zeitlichen Dingen, die man verlieren kann, hängt er sowieso nicht. Und die ewigen Dinge, an denen er wirklich hängt, die müssen ihm ja bleiben. „Nimm Geld und Gold,“ sagt er, „nimm Ruhm und Ehre, Schönheit und Gesundheit – was ist das schon im Vergleich zu unserem Gott, der solche Dinge mit einem Fingerschnippen entstehen und wieder vergehen lässt? Nicht seine Werke liebe ich, sondern ihn selbst! Und weil Gott seinerseits auch mich liebt, kann uns nichts trennen. Die Welt bedeutet mir nichts, Gott bedeutet mir alles. Und habe ich ihn, den ich doch auf keine Weise verlieren kann, was soll mir da fehlen, das er mir nicht ersetzen könnte? Er hat alles, kann alles und gibt alles! Bin ich da nicht reich genug, wenn ich Gott habe?“ 

Dass einer so denkt, ist ungewohnt – aber andererseits auch nicht ohne Logik. Und so fragt man sich, ob man denn selbst als gläubiger Mensch nicht ebenso empfinden müsste. Schließlich heißt es im Neuen Testament: „Alle eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch“ (1. Petr 5,7).  Nichts anderes tut dieser Heinrich! Und doch findet man‘s empörend, dass er es sich anscheinend so leicht macht. Ist das Leben denn nicht schwer? Oder kommt es uns etwa nur so vor, weil wir‘s uns selbst schwer machen – durch einen Mangel an Gottvertrauen? Man runzelt die Stirn und kann sich doch nicht verkneifen, den fröhlichen Heinrich zu mahnen: Täusche dich bloß nicht! Du kannst keinen Frieden finden, wenn der böse Nachbar dir keinen Frieden gönnt! Man will diesem sonnigen Gemüt alle Abgründe menschlicher Gemeinheit und Tragik vor Augen malen, damit er spürt, was uns beklommen macht. Heinrich aber fürchtet sich nicht, sondern sagt: „Lass den Feind nur kommen, und das Unglück mich umzingeln. In mir drin wird trotzdem Frieden sein, denn Christus ist mein Frieden. Und niemand kann mir ein Haar krümmen, wenn Gott es ihm nicht erlaubt. Da mögen sich alle Menschen und Teufel zusammenrotten: Bin ich in Christus geborgen, so haben sie‘s doch zuerst nicht mit mir, sondern mit ihm zu tun. Und ist Christus bei mir, so hab ich Sicherheit mitten in der Gefahr, habe Reichtum mitten in der Armut und Kraft inmitten meiner Schwäche.“ 

Ja, Heinrich, denkt man – schon recht: deine Zuversicht in allen Ehren! Aber wirst du auch noch so reden, wenn dich böse Krankheiten plagen, wenn man dir Gewalt antut, dich verspottet und verleumdet? „Und wenn sie’s noch so übel treiben,“ sagt er, „ist mein Helfer doch dabei. Durch den Glauben ist ein Christ schließlich in Christus eingewickelt wie in einen Mantel. So habe ich Christus angezogen wie ein Kleidungsstück,“ sagt Heinrich, „wir sind nicht voneinander zu trennen. Und ob sie mich nun jagen, plagen oder schlagen: wer meinen Leib anrühren will, muss zuerst die Kleidung berühren, die ihn bedeckt. Wer mich treffen will, muss zugleich auch meinen Jesus treffen. Und weil der‘s genauso fühlt wie ich, wird er schon zur rechten Zeit Abhilfe schaffen.“ Aber Heinrich, will man da rufen, meinst du denn, der Himmel ersparte den Christen alles Leid? Gibt’s nicht Beispiele genug, dass man gerade den Besten und Treuesten am Übelsten mitspielt – so wie dem Gekreuzigten selbst? „Ich weiß das,“ sagt Heinrich. „Aber bedenke doch, dass mir so oder so alles zum Besten dienen und zum Vorteil werden muss. Denn unter Gottes Vorsehung gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder trifft mich ein Unglück, weil es Gott in seiner Weisheit für gut befunden und dazu genickt hat – in diesem Fall wär’s sehr töricht, wenn ich meinem himmlischen Vater widerstreben wollte. Oder im anderen Fall, wenn Gott gar nicht will, dass mich das Unglück trifft, dann wird‘s mich auch nicht treffen – und alle Sorge ist überflüssig! So oder so wird sich Gutes ergeben. Darum mag mir die Welt noch so viel drohen. Geschehen kann immer nur, was Gott erlaubt. Und weil der‘s nicht böse mit mir meint, erlaubt er zwar Schweres, erlaubt aber nichts, was mir wirklich schaden würde.“ 

Guter Heinrich, will man da sagen, du bist mit deiner großen Zuversicht schon ein sonderliches Exemplar von einem Christen! Er aber dreht den Spieß herum und fragt mich, warum mir denn als Ausnahme erscheint, was doch eigentlich unter Christen die Regel sein müsste. „Kennt ihr denn einen anderen Gott als ich?“, fragt Heinrich. „Oder glaubt ihr ihm etwa seine Treue nicht? Was stimmt nicht mit euch, dass ihr so oft bedrückt und ängstlich seid? Ich kenne meinen Gott und weiß, dass er all meinen Jammer mit mir fühlt. Ich kenne Gottes Augen und weiß, dass sie alle meine Nöte sehen. Ich kenne Gottes Ohren und weiß, dass sie all meine Gebete hören. Ich kenne Gottes Mund und weiß, dass er alles hält, was er jemals zugesagt hat. Ich kenne Gottes Fuß und weiß, dass er in Angst und Leid nicht von meiner Seite weicht. Ich kenne auch Gottes Hand, und wenn die mir etwas Bitteres zu trinken gibt, weiß ich, dass es Medizin ist und ganz sicher kein Gift. Mein himmlischer Vater ist immer wach und jedem Feind gewachsen. Bin ich also im Glauben mit ihm vereint, wen oder was soll ich fürchten? Kann man etwa ein Kind im Mutterleib verwunden, ohne dass es die Mutter merkt? Gott trägt mich in seiner Liebe, wie eine Mutter das Kind in sich trägt! Ich liege ihm am Herzen! Und wenn einer wagt, Gottes Kinder anzutasten, dann läuft er mit dem Kopf gegen eine Mauer und hat selbst den größten Schaden davon. Warum soll ich also verzagt sein? Ich verstehe euren Trübsinn nicht,“ sagt Heinrich. „Wer unseren Gott kennt, der muss ihn lieben. Und wer ihn nicht liebt, naja, der kennt ihn wohl noch nicht...“ 

Wenn man Heinrich so reden hört, beginnt man sich für die eigene Verzagtheit zu schämen. Denn was ihn so tapfer macht, sollte das nicht jeder Christ genauso empfinden? Sind es nicht unmittelbare Konsequenzen des Evangeliums, die ihn so mutig machen? Und wenn sie es sind, warum ist dann so viel Kleinmut in unserer Kirche, soviel Beklommenheit, Zaudern und ängstliches Sorgen? Stehen wir da nicht im Gegensatz zu unserer eigenen Botschaft? Auch Heinrich ist kein naiver Schuljunge! Er hat selbst genug Schlimmes gesehen und weiß, dass auf Menschen kein Verlass ist. Aber er baut ja auch nicht auf Menschen, sondern zieht seine Schlüsse aus dem, was das Neuen Testament von Gott sagt. Dazu gehört nun mal, dass Gott sich unwiderruflich an sein gnädiges Wort gebunden hat. Und wenn ein gläubiger Mensch ihn bei seinen Zusagen behaftet, dann muss Gott halten, was er verheißen, und muss erfüllen, was er versprochen hat. Gottes Ehre lässt nicht zu, dass er je etwas zurücknähme! Da darf jeder von uns so sicher sein wie Heinrich, denn hat Gott im Neuen Testament zugesagt, für die Seinen zu sorgen, so ist es unmöglich, dass er zum Lügner würde! Und indem Heinrich daran eisern festhält, gewinnt er eine unüberwindliche Position. Denn verleugnete Gott sein Wort, so verleugnete er seine Wahrheit. Verleugnete er aber seine Wahrheit, so verleugnete er sich selbst – und könnte nicht mehr Gott sein. „Darauf lasse ich es getrost ankommen“, sagt Heinrich. „Erst wenn Gott aufhört Gott zu sein, wird er aufhören sein Wort zu halten. Das wird in Ewigkeit nicht geschehen. Und wer auf dieses Wissen baut, hat folglich keinen Grund mehr zu zittern, zu zagen, zu sorgen oder zu klagen, sondern wenn er 1 und 1 zusammenzählt, wird ihn das Ergebnis mutig, trotzig und munter machen. Gott ist gütig,“ sagt Heinrich, „das erfreut mich. Gott ist wahrhaftig, das erhält mich. Gott ist allmächtig, das stärkt mich. Gottes Herz ist voller Erbarmen, sein Mund spricht die Wahrheit und seine Hand kann alles ändern. Die Welt flucht und droht, aber mein Gott segnet mich. Die Welt verwundet, aber mein Gott heilt mich wieder. Die Welt verstört und raubt, aber Gott kann alles erstatten. Die Welt hasst mich, aber Gott ist mir gnädig. Und wer von beiden das letzte Wort behält – liegt das nicht auf der Hand?“ 

Man ärgert sich beinahe, dass diesen Mann so gar nichts aus der Ruhe bringt. Man sucht ein Haar in seiner Suppe und sagt: Heinrich, wie kannst du dir der Gnade Gottes überhaupt so sicher sein? Vielleicht verdienst du sie ja gar nicht! Oder bist du etwa frei von jener Schuld, die der Himmel verdammen muss? „Ach, keineswegs!“ ruft Heinrich – und bekennt sich gleich als einen großen Sünder. „Aber als Christ bin ich doch sozusagen mit Christus verheiratet. Und wenn jemand Vorwürfe erhebt gegen die Ehefrau, dann wird der Mann sie verteidigen und mit allem, was er hat, für seine Frau einstehen. So bin ich im Glauben mit Christus verheiratet,“ sagt Heinrich, „und wenn jemand Klage gegen mich erhebt, wird Christus für mich antworten und meine Schuld begleichen. Denn als Ehepaar haben wir ja sowieso alles gemeinsam. Christi Gerechtigkeit gilt als meine Gerechtigkeit, und sein Gehorsam als mein Gehorsam. Kann man ihn nicht verdammen, kann man also auch mich nicht verdammen. Christus stellt sich vor mich und bedeckt meine Blöße, damit ich mich vor niemandem schämen muss. Er tut das übrigens für jeden Christen,“ sagt Heinrich – und schaut mich wieder fragend an: „wisst ihr das etwa nicht? Wenn ihr‘s aber wisst, warum wundert ihr euch über meine Zuversicht, die ihr doch selbst ganz genauso haben solltet? Wie vertragen sich eure Sorgenfalten mit dem Evangelium? Wie passt euer Kleinmut zur Größe unseres Gottes? Und warum resigniert ihr, wenn Christus doch euer Trost sein will? Was seid ihr denn für traurige Boten einer fröhlichen Botschaft? Warum stammelt und zaudert ihr, wo Gott euch Gewissheit schenkt? Und warum ist Glaubensmut unter euch die Ausnahme, wo er doch die Regel sein sollte?“ 

Zum Glück wartet Heinrich keine Antwort ab, sondern ruft: „Was kann die Welt denn tun? Sie droht euch vielleicht. Aber davon sterbt ihr nicht. Sie nimmt euch Gut und Ehre. Aber das bringt euch nicht um. Sie spottet und hasst euch. Aber das ging Jesus nicht anders. Die Feinde jagen euch im Kreis herum. Aber das entfernt euch nicht von Gott. Und wenn ihr sterbt, ist‘s auch nicht tragisch, denn dann steht euch augenblicklich der Himmel offen, und das Leben fängt erst richtig an. Nichts trennt euch von der Liebe Gottes. Und habe ihr die, was soll euch da noch fehlen? Gibt’s denn einen größeren Reichtum oder eine höhere Ehre, als Gottes Kind und Erbe zu sein? Gibt’s einen besseren Schutz, als der Allmächtige euch bietet? Wenn ihr an ihm festhaltet, so wird er euch segnen. Warum also wollt ihr nicht mutig sein? Wird ein Christ krank, so wird das zu Gottes Ehre oder zu seinem eigenen Nutzen nötig sein. Und ist er elend, wird der himmlische Vater doch irgendwie für ihn sorgen. Wollen Menschen ihn stürzen, lässt Gott ihn nicht fallen. Und nimmt man ihm das Erdenleben, schenkt Gott ihm zum Ausgleich den Himmel. Irdische Väter können böse sein und ihre Kinder im Stich lassen. Doch unser himmlischer Vater kann so etwas nicht tun, weil er die Liebe selber ist. Irdische Väter können manchmal nicht helfen, weil sie zu schwach sind. Doch unser himmlischer Vater ist allmächtig, so dass ihm niemand widersteht. Irdische Väter wissen manchmal gar nicht, wenn ihre Kinder in Not sind. Doch unser himmlischer Vater ist allwissend und kennt all unseren Kummer. Sollten wir da noch kleinlaut sein und verzagt? Im Gegenteil!“ ruft Heinrich, „ich für meinen Teil trotze dem Teufel, denn in der Taufe habe ich Christus angezogen, und außer ihm hat nun niemand mehr ein Recht an mir. Ich trotze auch der Welt, denn sie kann mir nichts geben, das ich in Christus nicht schon herrlicher hätte. Ich trotze der Sünde, denn wenn Christus mich verteidigt, kann mich kein Ankläger verdammen. Ich trotze dem Leid, denn Christus bleibt bei mir und trocknet meine Tränen. Und ich trotze auch dem Tod, denn Christus ist mein Leben und wird mich fröhlich auferwecken. Was ist also dran gelegen, ob ich der Welt gefalle, wenn doch Gott Gefallen hat an mir? Vielleicht muss ich leiden,“ sagt Heinrich, „denn keine Rose ist ohne Dornen, kein Himmel ohne Wolken und kein Christ ohne Kreuz. Doch wenn ich mit Christus verbunden bleibe, so ist seine Stärke meine Stärke. Nichts kann mir geschehen, wenn es Gott nicht gefällt. Was Gott aber für gut befindet, will ich nicht böse nennen. Denn letztlich zählt nur, dass ich an Jesus hängen bleibe wie eine Klette am Kleid – und mich nicht abschütteln lasse. Bleibe ich an ihm, kann mich der Tod nicht schrecken, und der Teufel nicht beißen, meine Schuld kann mich nicht binden, und die Hölle mich nicht fangen. Weil Jesus gesagt hat, ich soll zu ihm kommen, kann er mich nicht abweisen. Und weil er gesagt hat, ich soll anklopfen, wird er mir seine Tür nicht verschließen.“ 

Nun – man merkt sicher, worauf das hinausläuft. Heinrich Müller hat nicht bloß ein fröhliches Naturell, sondern er zieht aus dem Evangelium Folgerungen, die logisch unabweisbar sind. Und es tritt zu Tage, dass ein resignierender Christ mit sich selbst im Widerspruch steht. Denn ein Christ darf wissen, dass er am Sieg Jesu Christi teilhat, und soll darum nicht herumlaufen wie ein Verlierer, sondern darf aufrecht gehen und unbeirrt mutig sein. Falls Sie nun Lust bekamen, diesen Heinrich Müller einmal kennenzulernen, so muss ich ihnen leider mitteilen, dass er schon vor 345 Jahren starb. Er lebte seinerzeit in Rostock und war später Pfarrer und Theologieprofessor in Hamburg. Auch ich hätte ihn gern mal getroffen! Doch immerhin hat er ein schönes Buch voller Andachten hinterlassen. Und wenn sich jemand von Heinrichs Zuversicht anstecken lassen will, kann ich ihm nur empfehlen, in dieses Buch mal hineinzusehen.*

 

 

* In digitaler Form findet man es hier:

Heinrich Müller: "Erquickstunden"