Glaube als entschlossenes Zugreifen

 

Ich habe schon erschreckend viel über den Glauben gesagt und geschrieben. Und immer wieder entdecke ich neue Aspekte, die auch zum Glauben gehören. Denn wenn man sagt, er sei eine Weise des Erkennens, ist das richtig. Und wenn man ergänzt, es sei auch viel Gefühl dabei, stimmt das ebenso. Zum Glauben gehört so etwas wie Ergebung in Gottes Plan und auch tätiger Gehorsam gegen sein Gebot. Glaube ist Wagnis und Vertrauen, ist ein Fliehen zur Gnade und eine Sehnsucht nach Ewigkeit. Er ist Gott-Erleiden und Geistbegabung, Schöpfungs-jubel und stille Verehrung. Das alles hängt auch miteinander zusammen und bildet ein organisches Ganzes. Wenn aber jemand sagt „das ist mir zu bunt und zu verwickelt: was ist der Glaube denn nun in seinem Kern?“ – dann kann ich das auf einen einzigen Punkt konzentrieren und antworten: Im Zentrum geht es um den Glauben, der Gott bei seinem Wort behaftet und mit einer Art von frommer Frechheit alles auf die eine Karte setzt – dass nämlich Gottes Verheißung der Gnade für bekennende Sünder auch ihm gilt, und dass Gott um seiner Ehre willen hinter dieses Evangelium nicht mehr zurück kann. 

Gott amnestiert Sünder? Der Christ ruft „Hier“! Gott verteilt Gnade? Der Christ schreit „Für mich auch“! Gott reicht ihm einen Finger? Der Christ greift nach der ganzen Hand! Denn das gehört zum Glauben unbedingt dazu, dass ich mich bedürftig weiß, dass ich mich als „krummen Hund“ erkenne, als einen Heuchler vor dem Herrn – und eben darum auch einsehe, dass ich auf keinem anderen Wege als durch eine Amnestie der Verdammnis entgehen kann. Diese Chance hat einen Namen, weil sie allein in Christus gegeben ist. Sie zeigt uns Christi Kreuz als Fluchtpunkt und sicheren Hafen. Und wir müssten dumm sein, uns nicht dahin zu retten. Denn Gott hat sich wahrlich nicht überall gebunden. Er rettet nicht jeden auf jede erdenkliche Weise, sondern genau die, die sich an Christus hängen. Es führen nicht 20 Wege in den Himmel, sondern genau der eine, den das Neue Testament beschreibt. Und weil diese Tür nicht ewig offen steht, sondern das Leben sehr plötzlich enden kann, hat man auch nicht alle Zeit der Welt um seinen Hals zu retten, sondern vielleicht nur noch diese Stunde. Gott hat nicht versprochen, auf beliebige Weise für jeden Geduld aufzubringen. Er schuldet uns rein gar nichts! Aber in Christus – da hat der Allmächtige seine Freiheit eingeschränkt und hat sich verpflichtet. In Christus hat er Zusagen gemacht, hinter die er nicht zurück kann. Und im Namen des Vaters hat der Sohn versprochen niemand hinauszustoßen, der in Reue zu ihm kommt! Gott hat bei seiner Ehre versprochen, dass des Himmels Fluch keinen trifft, der sich hinter Christus in Deckung bringt! Und auch den schäbigsten Sünder will er begnadigen, wenn der nur eindeutig zu Christus gehört. Darauf hat Gott sein Wort gegeben, als er das Evangelium verkünden lies. Um das zu ermöglichen, gab der Sohn sein Leben. Und der Heilige Geist beglaubigt es täglich neu. Zur Vergewisserung des Angebotes haben wir nicht nur das Wort der Heiligen Schrift in die Hand bekommen, sondern obendrein Brief und Siegel in der Taufe und im Abendmahl. Selbst der Allmächtige könnte das nicht wiederrufen, ohne gegen seine Treue zu handeln. Er hat sich hier ganz weit aus dem Fenster gelehnt, um uns Sündern entgegen zu kommen! Und so ist diese Verheißung das einzige, worauf ein Mensch sich Gott gegenüber berufen kann! Das dann aber auch zu tun – das macht jene fromme Frechheit aus, von der ich sprach. Und Schüchternheit wäre hier ganz fehl am Platz. Denn wenn einer nur die eine Karte hat, die er ausspielen kann, wenn er nur an die Gnade appellieren kann, die ihm Christus gewährt – wer würde dann nicht entschlossen zugreifen und festhalten, drauf insistieren und beharren, pochen und drängen und das geschenkte Heil für sich reklamieren? Eben dieser „Zugriff“ macht den Kern des Glaubens aus. Und ohne ihn würde uns nicht nützen, was sonst noch zum Glauben gehört. Denn all die anderen Gefühle und Willensregungen hängen davon ab, dass an diesem Punkt Klarheit besteht und wir Gott beim Wort nehmen. Nun sagen Sie vielleicht: „Was betont er das so? Versteht es sich nicht von selbst?“ Doch seltsamer Weise ist das nicht der Fall. Sondern – wie schon Spurgeon feststellte – :

Das Evangelium ist für viele wie ein Scheck, von dem sie zwar wissen, den sie aber zeitlebens nicht abholen und nicht einlösen. Der Scheck liegt für sie bereit! Gott persönlich hat ihn unterschrieben! Und Sonntag für Sonntag stehen auch Prediger auf den Kanzeln, um daran zu erinnern, dass doch bitte ein jeder seinen Scheck abholen und einlösen möge, damit seinem Konto das ewige Leben gutgeschrieben wird! Die Menschen freuen sich sogar drüber und sagen „Gut zu wissen – es liegt ein Scheck für mich bereit! Das ist beruhigend!“ Doch dann gehen sie heim und kümmern sich nicht mehr drum. Vielleicht denken sie „Ich kann den Scheck noch einlösen, wenn ich älter bin und dafür Zeit habe…“ Vielleicht denken sie „Gnade ist ja schön, aber so nötig habe ich sie gar nicht…“ Vielleicht denken manche auch „Diese Schecks gibt‘s bestimmt nur für gute Menschen, die nicht so sind wie ich…“ Doch keiner von denen wird um einen Cent reicher durch einen Scheck, den er nicht abholt! Keiner kommt in den Himmel durch ein Evangelium, das er nicht persönlich nimmt. Und Gottes Friedensangebot wird auch niemandem nützen, der nicht eindeutig darauf eingeht. Denn das hohe Gut wird nicht mein Besitz, wenn ich es nicht aneigne. Und ein verbrieftes Recht hilft dem nicht, der es nicht geltend macht. Denn der Schalter bei der Himmelsbank ist nicht ewig geöffnet. Und für einen Scheck, den ich nicht abgeholt habe, wird man mir auch nichts auszahlen. Dass Christus damals am Kreuz starb, wird mir nichts nützen, wenn ich nicht erkennbar zu ihm gehöre. Und wenn ich es versäume, das Gut einzufordern, das Christus für mich erwarb, wird später keiner was drauf geben, dass ich ja „hätte können, wenn…“ Dass Gottes Schecks gedeckt sind, steht zum Glück außer Frage. An ihm wird’s gewiss nicht scheitern! Aber bitte – was nützt mir ein Geschenk, von dem ich nur gehört habe, ohne es je entgegenzunehmen? Gott weiß, dass ich es dringend nötig habe – aber weiß ich es vielleicht selbst nicht? Die Saumseligen und Schüchternen erliegen mit ihrem Zaudern einem tragischen Missverständnis. Denn das Heil, das man nicht mit der Hand des Glaubens ergreift und festhält, das „hat“ man auch nicht. Man kann hundert Jahre in die Kirche gehen und sich etwas vom Evangelium erzählen lassen – wenn man sich‘s nicht aneignet und seinen Teil beansprucht, bleibt es bloße Theorie! Sie können zehnmal getauft sein – wenn sie nicht vor Gott darauf pochen, durch ihre Taufe wirklich sein Kind zu sein, ist es vergeblich. Und selbst das Abendmahl bleibt äußerlich, wenn sie es nicht ganz und gar persönlich nehmen als „für Sie“ gegeben. Allgemeine Erklärungen über die Menschenfreundlichkeit Gottes bringen überhaupt nichts. wenn man sie auf „die anderen“ bezieht, auf „manche“ oder „die meisten“, aber nicht auf sich selbst! Darum muss ein jeder seinen Mut zusammennehmen, muss selbst bei Gott vorstellig werden und ernstlich darauf dringen, dass bitte auch sein Name ins Buch der Lebenden und ins Register der um Christi willen Amnestierten eingetragen wird. Und sollte er sich dessen noch nicht sicher sein, falte er täglich die Hände und gehe Gott damit so lange auf die Nerven, bis er Gewissheit hat. Delegieren sie das bloß nicht an ihren Ehepartner, an die Kirche oder den Pfarrer, sondern sorgen sie selbst dafür, dass Gott sie kennt! Schicken sie keinen anderen, um ihren Scheck abzuholen, sondern tun sie’s persönlich! Denn es ist ein offene Geheimnis, dass Gott an nichts so sehr Freude hat, als wenn wir bei ihm vorstellig werden, um entschlossen die Chancen zu nutzen, die er uns eröffnet. Wer aber davor zurückschreckt, weil’s ihm aufdringlich erscheint, wie ein lästiges Kind am Hosenbein des Vaters zu ziehen und nach Aufmerksamkeit zu verlangen – der werfe einen Blick in die Bibel und staune, was sich Gott von seinen Kindern so alles gefallen lässt! Schauen wir nur auf Abraham, wie er so beharrlich Fürbitte tat für Sodom (1. Mose 18,16ff.). Hat er Gott nicht erfolgreich an seine Gerechtigkeit erinnert, der es schlecht zu Gesicht stünde, Gerechte in das Schicksal von Gottlosen mit hineinzuziehen? Abraham feilscht mit Gott wie ein Teppichhändler, weil er weiß dass man an Gottes Gerechtigkeit nicht vergeblich appelliert! Und legt nicht Mose eine ähnliche Frechheit an den Tag? Nach der Sache mit dem goldenen Kalb ist Gott voller Zorn und drauf und dran sein Volk zu vertilgen. Er hat genug von ihnen! Aber Mose hält ihm vor, dass er den Erzväter etwas anderes versprach, und das es auf Gottes Ehre zurückfiele, wenn seine Zusagen am Ungehorsam des Volkes scheiterten (2. Mose 32, 7-14). Das ist ziemlich dreist! Aber Mose hat Erfolg. Und bei Hiob steht es ähnlich. Auch der fordert Gott heraus, dass einem der Atem stockt: Hiob streitet mit seinem Schöpfer. Und obwohl er auf verlorenem Posten steht, wagt er, sich gegen Gott auf Gott selbst zu berufen, schleudert dem Schicksal seinen verzweifelten Glauben ins Gesicht und ruft: „…ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben“ (Hiob 19,25). Hiob wird daraufhin nicht von einem Blitz niedergestreckt, wie man meinen könnte, sondern seine wütende Anhänglichkeit scheint Gott sogar zu imponieren. Er wird am Ende rehabilitiert! Jesus erzählt von einer Witwe, die vom faulen Richter verlangt, er solle ihr Recht schaffen. Sie nervt, und der Richter tut’s nur, weil er fürchtet, dass die Alte am Ende noch handgreiflich wird. Aber für Jesus ist sie damit ein Vorbild des nachdrücklichen Gebets, das nicht locker lässt und nicht aufhört Gott zuversichtlich in den Ohren zu liegen (Lk 18,1-8). Ein vehementer Zugriff auf Gottes Verheißungen ist demnach nicht nur erlaubt, sondern dringend geboten. Und soll Glaube wirklich Glaube sein, darf der Nachdruck auch gar nicht fehlen. Denn was wäre die Alternative? Schon Luther kannte einen anderen, einen lauen bloß „angelernten“ Glauben, der Glaubenslehren herunterleiert und biblischen Historien aufsagt wie alte Geschichten, die ihn nichts angehen. Und Luther betont, dass solcher Glaube – so korrekt er auch scheinen mag – den Menschen doch seinem Heil kein bisschen näher bringt. Ohne eine leidenschaftliche Beteiligung des Herzens ist es umsonst! Der wahre Glaube aber ist von Lippenbekenntnissen dadurch unterschieden, dass er Jesu Evangelium auf sich selbst bezieht und Gottes Wort persönlich nimmt. Wirklicher Glaube hört sich nicht bloß an, was bei der Kreuzigung und bei der Auferstehung geschah, sondern spürt, dass es ihn betrifft, und merkt, dass dabei nicht ein fremdes, sondern sein eigenes Leben auf dem Spiel steht. Der wahrhaft Gläubige begafft Christus nicht wie eine historische Gestalt mit interessanten Lehren, sondern fällt ihm dankbar um den Hals! Er referiert nicht, Christus habe dies und das getan – und hört dann auf. Sondern er bekennt, dass es alles „für ihn“ geschah und jubelt! So einer kann nicht vom Evangelium reden, ohne zugleich von sich selbst zu reden, sondern Jesu Geschichte ist für ihn immer auch seine eigene Geschichte. Er weiß nicht nur, was Gottes Gericht „an sich“ bedeutet, sondern er weiß, was es für ihn bedeutet. Er weiß nicht nur, was Gottes Gnade „an sich“ wert ist, sondern was sie ihm wert ist. Und er kennt Jesus nicht als einen Herrn unter vielen, sondern als seinen Herrn, dem seine Liebe und Treue gehört. Wahrer Glaube steht nicht bloß da und nimmt etwas zur Kenntnis, sondern er ergreift das Heil mit jeder Faser seines Willens. Und auf diese Aneignung kommt alles an. Luther sagt: „Also macht das „für mich“ oder „für uns“, wenn man es glaubt, den wahren Glauben aus, und unterscheidet diesen von jedem andern Glauben, der nur die Historien hört.“ (Walch, 2. Ausg. Bd. 19, Sp. 1439) Erst dieser „zugreifende“ Glaube, der sich Christus aneignet, macht gerecht und rettet! Denn ein Evangelium, das ich nicht persönlich aneigne, ist so viel wert wie ein Scheck, den ich nicht einlöse, wie ein Geschenk, das ich nicht auspacke, oder ein Medikament, das ich nicht nehme. Und darum sollten wir uns die Frage durchaus mal stellen: Sind wir am Ende solche Leute, die krank sind, sich ein Medikament verschreiben lassen – und es dann in der Schublade vergessen? Legen wir uns die Tabletten unters Kopfkissen oder stecken wir sie in die Jacke, statt sie einzunehmen? Und wundern wir uns dann, dass die Schmerzen nicht nachlassen – wo wir doch so gute Tabletten besorgt haben? „Du Schaf“ würde man sagen, „du musst deine Medizin nicht nur aus der Apotheke holen und zufrieden sein – du musst sie auch nehmen!“ Darum prüfe sich bitte ein jeder selbst, ob er nicht etwa so mit dem Evangelium verfährt. Denn das kann ich mir zwar jeden Sonntag in der Kirche abholen – die ist eine zuverlässige Apotheke! Aber wenn ich das Mittel dann nicht anwende und einnehme, werde ich auch nicht geistlich gesunden. Ein Evangelium, das bloß den anderen gilt, kann mir nichts nützen! Und darum sollte sich jeder in einem Vier-Augen-Gespräch mit Gott dessen vergewissern, dass ihm das Wort der Gnade auch persönlich gilt, ihm angerechnet und gutgeschrieben wird. Falsche Scheu, Zögern und Zaudern sind dabei aber nicht angebracht. Denn wenn wir hartnäckig seine Nähe suchen, uns nicht abwimmeln lassen und Gott ein bisschen „stalken“, hat er sogar Freude dran. Gott wird herzlich gern beim Wort genommen! Und wenn einer den Mut dazu aufbringt, erweist er sich dem auch gern als treu. Was Gott nicht versprochen hat, soll keiner wagen von ihm zu fordern – das ist ein ganz anderes Ding! Wo Gott sich aber durch sein Wort gebunden hat, da bleibt er‘s auch niemandem schuldig, und keiner kann ihn einer Lüge zeihen. So einen Gott zu haben, ist eine einmalige Chance. Seine Verheißungen zu kennen, ist der Hauptgewinn. Und Glaube besteht einfach nur darin, sich den nicht entgehen zu lassen…