Sich zur Christenheit beitragen

 

Das Neue Testament ist reich an Bildern und Gleichnissen. Denn die geistlichen und göttlichen Dinge, von denen es redet, sind nicht sehr anschaulich. Sie erschließen sich eher durch bildhafte Vergleiche als durch direkte Beschreibung. Und so wundert es nicht, dass auch die Christenheit selbst als Gemeinschaft der Gläubigen metaphorisch umschrieben wird – nämlich (unter anderem) als Haus Gottes, als Tempel oder überhaupt als Gebäude. Die Gemeinde wird im 1. Petrusbrief als „geistliches Haus“ bezeichnet, erbaut aus „lebendigen Steinen“ (1. Petr 2,5). Und ebenso nennt der 1. Timotheusbrief die Gemeinde das „Haus Gottes“ (1. Tim 3,15). Der Epheserbrief sagt, die Gemeinde sei „erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn“ (Eph 2,20-21). Und an die Korinther schreibt Paulus, er habe zu ihrer Gemeinde als zu „Gottes Bau“ den Grund gelegt, andere Apostel aber hätten dann auf diesem Grund weitergebaut (1. Kor 3,9-11). Der Vergleich mit einem Gebäude legt sich nahe, weil zu einem Haus oder Tempel viele Steine zusammenkommen, wie sich zur Gemeinde viele Christen versammeln. Dass darin aber noch tieferer Sinn steckt, ist mir bewusst geworden, als ich bei dem französischen Schriftsteller Saint-Exupéry Gedanken über den Dom und seine Steine fand. Und wenn sie erlauben, möchte ich das ein wenig ausführen. Stellen sie sich bitte ein Landschaft vor, in der irgendwo auf Feld und Wiese viele Steine herumliegen. Wie die Natur es so will, haben diese Steine weder Ordnung noch Zusammenhang. Sie sind alle verschieden groß und ohne Beziehung zueinander. Wollte sie aber jemand zusammentragen und auf einen Haufen werfen, wäre dieser Steinhaufen lediglich die Summe seiner Teile. Wie eng das Gewicht die Steine auch zusammendrängte – im Grunde bliebe doch jeder „für sich“ und „bei sich“. Sie bildeten zwar eine Ansammlung, aber keine Einheit. Und könnten die Steine denken, wären sie sich wahrscheinlich selbst ein Rätsel. Denn was wissen Steine schon von ihrem Potential? Allerdings wird alles anders, wenn einer dazukommt, der „in Domen denkt“. Denn der sieht nicht nur Steine herumliegen, sondern er sieht (sozusagen „durch die Steine hindurch“) den Dom, den sie miteinander bilden könnten. Und wenn er ihnen diese Vision vermittelt, ändert das die Lage. Denn die Steine entdecken dann, dass sie „mehr“ sein könnten, als nur „hier ein Stein“ und „dort ein Stein“. Ihr Dasein kann in dem Maße an Bedeutung gewinnen, wie sie aus der Vereinzelung zueinander finden! Es erscheint plötzlich in einem neuem Licht! Denn so ein Dom ist ja viel mehr, als nur die Summe der Steine, aus denen er sich zusammensetzt. Das Sinnstiftende am Dom liegt genau in dem, was sich nicht aus den Steinen erklärt. Und seine Bedeutung geht weit über sie hinaus. Denn der Dom übertrifft einen Steinhaufen nicht quantitativ, sondern qualitativ. Er ergänzt das Materielle durch eine geistige Dimension. Er verbindet die Erde mit dem Himmel. Er vermittelt Zeit mit Ewigkeit. Und es adelt die Steine, dass der Dom ihrer bedarf, um zu sein. Der Dom aber dankt es ihnen dadurch, dass er sie an seinem höheren Sinn und Wesen teilhaben lässt. Natürlich wird nur der Stein zu einem Teil des Ganzen, der sich in den Bau einfügt. Doch aus Liebe zum Dom gibt der Stein sich dazu her, opfert seine gewohnte Form und lässt sich mit dem Meißel bearbeiten, um nicht bloß „etwas“ zum Dom beizutragen, sondern „sich“ beizutragen. Der Stein lässt hinter sich, was er bisher war, tut’s aber durchaus freudig, denn dieses Opfer ist das Geschenk seiner selbst an das Wesen, an dem er teilhaben bzw. das er werden will. Und anders ginge es nicht. Denn die höhere Einheit des Doms kann nur entstehen, wenn der einzelne Stein den Dom wichtiger nimmt als sich selbst. Der Stein verliert dadurch sich selbst aus dem Blick, findet aber gerade so zu seiner Bestimmung. Denn um das eigene Potential zu nutzen, muss man lieben können, was noch nicht da ist. 

Natürlich dauert es dann, bis der Dom Gestalt annimmt! Doch die beteiligten Steine bilden von Anfang an eine Gemeinschaft, weil jeder einzelne an seiner Stelle für das Gelingen des Ganzen nötig ist. Die Steine haben im Dom verschiedene Funktionen und haben doch den gleichen Rang und Wert, denn keiner für sich reichte aus, um den Dom zu bilden. Die Schmucksteine an Turm und Fassade können dort nur glänzen, weil verborgenen Steine tief unten im Fundament sie tragen. Und was alle Steine verbindet, ist die Bereitschaft, ein Mittel zum gemeinsamen Zweck zu sein. Jeder fügt sich ein, wo er gebraucht wird, und ordnet sich damit dem gemeinsamen Ziel unter. Und ist das auch ein „Dienst“, so ist er doch von jener besonderen Art, die nicht erniedrigt, sondern erhöht. Sich für den Dombau gebrauchen zu lassen, setzt die Bereitschaft voraus, den Zielpunkt des eigenen Daseins jenseits seiner selbst zu verorten. Und es setzt auch Treue voraus. Denn kein Stein kann im Dom eine tragende Rolle spielen und zugleich „flexibel“ bleiben. Wer das aber schmerzlich fände, hätte nicht verstanden, was den Antrieb bildet. Die liebende Hingabe an den Dom erwächst ja aus der Einsicht in seinen überragenden Wert! Und es ist eine Ehre, zu ihm beizutragen. Denn wie nur Weniges ist er es wert, um seiner selbst willen gewollt zu werden. Fehlt einem dafür der Sinn, kann’s ihm ein anderer ebenso wenig „beweisen“ wie irgendein anderes Werturteil. Wer nicht „in Domen denkt“ und nicht von dem ergriffen ist, was da über die Summe der Steine hinausgeht, wird zum Dom weder beitragen noch daran teilhaben. Wer die Liebe zum Dom nicht hat, häuft vergeblich Steine aufeinander. Doch wohnt dem Dom selbst die Kraft inne, jene „lebendigen Steine“ zu erwecken, die ihn bauen. Und wenn so einer erst mal „in Domen denkt“, taugt er auch für nichts anderes mehr. Denn was vom Dom ablenkt oder mit dem Dom konkurriert, scheint ihm weder Zeit noch Mühe wert. So einen geht eigentlich nur noch an, was mit dem Dom in Beziehung steht. Und wenn man ihn zwingt, seine Aufmerksamkeit auf anderes zu lenken, leidet er darunter. Denn der beherrschende Gesichtspunkt und Maßstab seines Urteils ist, ob etwas den Dombau fördert oder hemmt. Die mit ihm „in Domen denken“, sind ihm darum nah – was sie auch sonst von ihm trennen mag. Und die nicht „in Domen denken“, werden ihm aus demselben Grund immer fremder – was sie auch sonst mit ihm verbinden mag. 

Nun, ich muss das Bild nicht weiter ausführen. Denn sie wissen längst, dass wir hier von der Christenheit als von „Gottes Bau“ und „Gottes Tempel“ reden. Wahrscheinlich wissen wir auch alle, wie ein gemeinsames Ziel Menschen beseelt, sie verbindet und Kräfte freisetzt. Wenn aber jemand meint, das sei nichts speziell „Christliches“, so gebe ich ihm Recht. Denn in der Tat kann vieles andere die Stelle des „Doms“ einnehmen – eine Familie kann es sein oder eine Nation, ein künstlerisches Ideal oder eine wissenschaftliche Disziplin. Auch Wölfe, die einen Hasen jagen, verbinden sich zum Rudel. Selbst eine schlechte Ideologie kann die Rolle des „Doms“ übernehmen. Und nichts ist dann trauriger, als wenn sich gute Steine vergeuden für den Bau eines Gefängnisses oder eines schmutzigen Kanals. Der Wunsch, in etwas Größerem aufzugehen als wir selber sind, kann missbraucht werden. Und das hat dann schlimme Folgen. Denn wofür wir uns als „Steine“ hergeben und zu welchem Bau wir uns verbünden, das bestimmt unser Schicksal. Nur an dem Ziel, dem wir uns hingeben, gewinnen wir auch Anteil. Werden wir also geboren als „unbehauene Feldsteine“, ist keine Frage wichtiger als: Wozu lassen wir uns sammeln? Wofür lassen wir uns begeistern? Und in welchen Bau fügen wir uns ein? 

Unserem Schöpfer ist das zum Glück nicht egal. Er hat von Anfang an einen guten Plan mit uns. Und sein Heiliger Geist stellt uns darum die Kirche als den christlichen „Dom“ vor Augen, in dem wir unseren Platz finden sollen. Dieser wahrhaft würdige „Dom“ ist die Zeit und Raum übergreifende Gemeinschaft derer, die durch ihren Glauben mit Gott (und durch Gott miteinander) verbunden sind. Und so verschiedene die Steine auch sein mögen, die miteinander den christlichen „Dom“ bilden, so eint sie doch der Wunsch, sich Gott ganz zu überlassen und sich auf ihn auszurichten, in seiner Treue zu ruhen und ihm entsprechend zu leben, von ihm durchdrungen zu sein und seiner Ehre zu dienen, seinen Willen zu tun, seine Gedanken nach-zudenken und sein Wort weiterzutragen. Sie sind als Christen zwar nicht mit Gott „eins“, sind aber mit ihm einig. Man kann sie noch von Gott unterscheiden, kann sie aber nicht mehr von ihm trennen. Denn Gott selbst bildet den Mittelpunkt ihrer Bestrebungen. Ihm dienen sie mit all ihren Stärken. Und ihm überlassen sie sogar ihre Schwächen, damit er selbst das Krumme an ihnen gerade richte und nutze. Durch ihre Teilhabe am Heiligen werden Christen geheiligt. Und in der Entsprechung zu Gott erfüllt sich ihre Bestimmung, Ebenbilder Gottes zu sein, die zu ihm passen wie der Handschuh zur Hand. Christen sind die „lebendigen Steine“, aus denen sich Gott sein geistliches Haus und seinen heiligen Tempel erbaut. Und so kann die Beschreibung der christlichen Gemeinde nahtlos an das Bild vom Dom anknüpfen. Denn eben so, wie die Steine eines Domes das Haus Gottes bilden, ohne deswegen selbst Gott zu sein (so wie sie das Heilige umhüllen, ohne sich selbst mit dem Heiligen zu verwechseln), so dürfen Christen in der gemeinsamen Ausrichtung auf Gott bei ihm, in ihm und um ihn sein. 

Warum aber wollen wir das? Einfach, weil es sich unendlich „richtig“ anfühlt. Und weil sich für den, der es erfahren hat, nichts anderes mehr „richtig“ anfühlt. Der Stein, der seinen Platz im Dom gefunden hat, spürt, dass es dieser Platz war, den er schon immer suchte, ohne ihn zu kennen. Er ist nach langer Irrfahrt zu Hause angekommen. Und plötzlich passt alles zusammen, wie das letzte Teil eines Puzzles in die letzte Lücke passt. Nur so stimmt es dann und macht Sinn! Es fällt einem „wie Schuppen von den Augen“. Und wer erfährt, wo er im Puzzle hingehört, der strebt natürlich dorthin. Der Stein will seinen Platz im Dom ausfüllen. Und anders kann es nicht sein. Denn was wäre das für ein Fluss, der nicht zum Meer strebte? Was wäre das für ein Same, der nicht zum Baum werden wollte? Was wäre das für ein Christ, der nicht die Nähe Gottes suchte? Gibt‘s denn einen Fisch, der nicht schwimmen möchte, wenn er den Ozean sieht? Was sollte ein Christ also noch anderes mit sich anfangen, wenn er doch spürt, dass er zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen ist? Sobald er’s begreift, ist er wie ein Pfeil abgeschossen auf eben dieses Ziel – und will davon auch nicht mehr abgelenkt werden. Der Stein hat angefangen „in Domen zu denken“ und will nun ein Teil dessen werden, was ihn fasziniert. Er will kein Stolperstein mehr sein, der nutzlos auf dem Feld herumliegt, sondern will sich in die Gottesgemeinschaft einfügen, um am Heiligen teilzuhaben. Und wenn er dann mit zwei oder drei Gleichgesinnten in Christi Namen zusammenkommt, sind sie schon mehr als nur die Summe der versammelten Menschen. Denn Jesus Christus, der sie vereint, ist mitten unter ihnen. Natürlich kann ein Außenstehender das Sinnstiftende und Beglückende daran nicht sehen. Denn der Außenstehende denkt nicht in Domen. Die Beteiligten aber schon. Und aus Liebe zur Gottesgemeinschaft fügen sie sich als „lebendige Steine“ in das „geistliches Haus“ der Kirche. Sie lassen hinter sich, was sie einmal waren, tun‘s aber durchaus freudig. Denn ihre Hingabe ist das Geschenk ihrer selbst an das, wozu sie beitragen und was sie werden wollen. Die Gottesgemeinschaft ist ihnen wichtiger, als sie sich selber sind. Und wenn sie sich dabei selbst vergessen, finden sie doch gerade so zu ihrer Bestimmung. Sie treffen Glaubensgeschwister, die derselbe Geist beseelt. Und sie achten einander, weil jeder an seiner Stelle für das Gelingen des Ganzen nötig ist. Jeder fügt sich ein, wo er gebraucht wird, und weiß sich durch diese Unterordnung doch erhöht. Denn der Dienst Gottes als „Gottesdienst“ nützt dem Dienenden weit mehr als Gott. Wer hingegeben lebt, kreist nicht mehr um sich selbst, sondern verortet das Ziel seines Daseins in Gott. Und mit der Egozentrik verliert er das, was seine guten Potentiale bisher blockierte. Als einen „Verlust“ wird das aber keiner ansehen. Denn die liebende Hingabe an Gott erwächst aus der Einsicht in den überragenden Wert der Gemeinschaft mit ihm. Freilich versteht das nicht jeder. Wer diesen Wert nicht erkennt und spürt, dem kann es auch keiner demonstrieren. Fehlt einem die Liebe zum Dom, sieht er immer nur Steine. Der andere aber, der die Gottesgemeinschaft gekostet hat, dem genügt künftig nichts anders mehr. Was davon ablenkt, scheint ihm weder Zeit noch Mühe wert. Und eigentlich geht ihn nur noch an, was mit diesem Ziel in Beziehung steht. Denn der beherrschende Gesichtspunkt und Maßstab seines Urteils ist, ob ihn etwas Gott näher bringt oder von Gott entfernt. Die mit ihm zu Gott streben, sind ihm darum nah. Die es aber nicht tun, werden ihm aus demselben Grund immer fremder. 

Nun, wir haben hier vom Wirken des Heiligen Geistes geredet und von der Einheit, zu der er uns verbinden will. Doch Worte richten wenig aus, wo Gott nur durch Gott selbst zur Erfahrung wird. Man kann’s sagen, aber davon fühlt’s noch keiner. Man kann’s erklären, aber davon spürt’s noch keiner. Den Heiligen Geist aber, der sich selbst am besten bezeugt und uns zur Kirche formt, den kann man immerhin darum bitten – und muss nicht zweifeln, dass er’s dann auch tut und den guten Willen Gottes an uns vollzieht. Denn die Christenheit soll gar nicht in erster Linie Tempel in die Landschaft bauen, sondern soll in erster Linie selber Gottes Tempel sein, wie es Luther einmal so schön gesagt hat: „Das steinerne oder hölzerne Haus (Gottes) ist nicht sein Haus, er will ein geistliches Haus haben, das ist die christliche Versammlung, darin wir alle gleich sind in einem Glauben…“ (zu 1. Petr 2,5). Dass wir aber in diesem Sinne nicht Kirche von außen diskutieren, bekritteln, beloben oder beklagen, sondern zuallererst lernen, selbst wahrhaft Kirche zu sein – das schenke uns Gott.