Glaube als Bund mit Gott

 

Wir leben in verwirrten Zeiten. Und Missverständnisse häufen sich, weil auch die einfachsten Begriffe nicht mehr klar sind. Zwar reden alle von „Gerechtigkeit“, aber jeder meint damit etwas anderes. Alle wollen „Freiheit“, aber jeder sucht sie in einer anderen Richtung. Alle wünschen sich „Frieden“, und ziehen doch ganz verschiedene Konsequenzen. Die großen Worte sind keine gültige Währung mehr. Was sie wirklich bedeuten, scheint immer strittig und bedarf der Nachfrage. Was mich daran aber am meisten stört ist, dass auch das Christentum von der großen Verwirrung erfasst wurde, und man selbst unter Gutwilligen kaum mehr Einigkeit darüber erzielt, was das Christ-Sein ausmacht und worin es besteht. Manch einer meint, er sei doch schon als Christ auf die Welt gekommen, weil seine Eltern Christen waren. Und ein anderer hält dagegen, Christ-Sein sei doch nicht erblich, sondern mehr so eine Sache des Gefühls. Der Dritte pfeift auf Gefühle und behauptet, man müsse nur getauft sein – und nichts weiter. Und der Vierte beharrt darauf, für einen richtig „echten“ Christ reiche der Taufschein keinesfalls, sondern man müsse auch regelmäßig zur Kirche gehen. Manche finden das ganz egal, denn sie meinen, Christentum sei dasselbe wie hilfsbereit, human und freundlich zu sein. Und andere wenden wieder ein, mit ein bisschen Menschlichkeit sei’s nicht getan, sondern man müsse schon fest von der Existenz eines höchsten Wesens überzeugt sein…

Du meine Güte denkt man – ist uns das Christentum so fremd, dass es derartige Rätsel aufgibt? Sind die Deutschen seit mehr als 1000 Jahren Christen und ha-ben doch keine Klarheit darüber, was das Christ-Sein ausmacht? Ist der Begriff denn eine leere Hülse, die jeder nach Belieben mit Inhalt füllen kann? Ich meine wir müssen da dringend für Klarheit sorgen. Und am einfachsten gelingt das, wenn wir auf die Bibel zurückgreifen, in der das Verhältnis Gottes zu seinem Volk oft als ein „Bund“ beschrieben wird. Sie wissen bestimmt, wie häufig das Alte Testament an diesen „Bund“ erinnert und darauf pocht, dass er zu halten ist! Es gibt da Gottes Bund mit Abraham, den Bund mit Noah und den Bundesschluss am Sinai, es gibt auch eine Erneuerung des Bundes bei der Landnahme durch Josua. Und immer geht es dabei um das Bündnis zweier Partner, die sich etwas versprechen und dann durch diesen Bund aneinander und an ihre wechselseiti-gen Zusagen „gebunden“ sind. Nun ist der Bund zwischen Gott und seinem Volk in mancher Hinsicht verschieden von einem „Vertrag“ im heutigen Sinne. Denn die Inhalte und Bedingungen des Bundes werden nicht frei ausgehandelt. Die Partner sind nicht auf gleicher Augenhöhe, sondern der Bund hat ein starkes „Gefälle“. Die Initiative geht einseitig von Gott aus, der sich (als klar überlegener Partner) Menschen zum Bund mit ihm erwählt und ihnen diesen Bund gnadenhaft gewährt. Wenn man diesen Unterschied berücksichtigt, ist es aber nicht falsch von einem „Vertrag“ oder einem „Abkommen“ zu reden. Denn es werden die Bedingungen beschrieben, unter denen sich die Partner „verbünden“, und eben-so die Pflichten, die daraus resultieren. Gott spricht am Berg Sinai:  

„Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getra-gen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ (2. Mose 19,4ff)

Nachdem Mose dem Volk alles vorgelegt hat, was Gott redet und gebietet, ant-wortet das Volk einmütig zustimmend: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun.“  Damit ist ein Vertrag geschlossen, und ein Abkommen tritt in Geltung, das künftig beide Seiten bindet und zur Treue verpflichtet. Solange nämlich Israel seinem Gott hingegeben lebt und seinen guten Willen tut, solange wird Gott seine Hand über das Volk halten und wird sich mächtig erweisen, indem er es auf der rechten Spur leitet, es schützt und segnet. Wenn Israel den Bund aber bricht, indem es anderen Göttern nachläuft, untreu wird und böse handelt, zieht es sich Gottes Zorn zu und gerät unter seinen Fluch. Die heilvolle Gemeinschaft beruht allein auf Gottes freier und gnadenhafter Zuwendung. Nichts daran ist verdient, alles ist Geschenk! Aber der Mensch soll wissen, dass er die Gemeinschaft mit Gott verspielen und zerstören kann – und dann mit den Folgen leben muss. Die Bedingungen des Bundes könnten klarer nicht sein, als sie in der Bibel formuliert werden. Und was Gott betrifft, gibt es keinerlei Unsicherheiten, denn er hält immer Wort und vergisst keines seiner Versprechen. Er meint, was er sagt, und kann, was er will. Weil’s auf der menschlichen Seite aber anders aussieht, kennt das Alte Testament Wege, um Verletzungen des Bundes und Störungen der Gottesbeziehung durch Buße, Gebet und sühnende Opfer zu heilen. Und es kennt dann über den alten Bund hinaus die Verheißung eines neuen Bundes, von der wir bei Jeremia lesen:  

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewe-sen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Ge-setz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,31ff.) Der Hebräerbrief des Neuen Testamentes zitiert in Kap 8 und 9 diese Worte Jeremias und bestätigt, dass es genau so kam, wie es der Prophet angekündigt hat. Denn der Mittler jenes Neuen Bundes ist Jesus Christus, der durch sein Blut alle Übertretung ein für allemal gesühnt und damit das Verhältnis von Gott und Mensch auf eine neue heilvolle Grundlage gestellt hat. Was also sollte Christen-tum bedeuten, und was sollte unser Christ-Sein ausmachen, wenn nicht die Teil-habe an diesem neuen Bund? Jesus selbst stößt uns darauf, denn er sagt bei der Einsetzung des Abendmahls: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!“ (Lk 22,20) Und dementsprechend besteht Christ-Sein in der Zugehörigkeit zu diesem neuen Bund und ist demnach eine Art von Vertragsverhältnis zwischen Gott und Mensch, das beide Seiten zur Wahrung der Gemeinschaft und zu wechselseitiger Treue verpflichtet. Das ist etwas anderes, als bloß ab und zu religiöse Gefühle zu haben! Das ist mehr, als das Dasein eines höheren Wesens zu vermuten! Das ist viel mehr als Moral und Mitmensch-lichkeit! Es ist nämlich eine gnadenhaft gewährtes Vertragsverhältnis und eine durch Bundesschluss bekräftigte Gemeinschaft, die wechselseitige Loyalität und unbedingtes Vertrauen einschließt, die aber durch unsere Neigung zum Bösen auch gefährdet werden kann und darum bewusst gepflegt werden will. Denn es unterliegt zwar keinem Zweifel, dass Gott mit unbedingter Verlässlichkeit seinen Teil des Bundes einhält und erfüllt, was er versprochen hat. Wir aber vergessen immer wieder, wozu uns das Christ-Sein verpflichtet, drohen dann aus Gottes Schutz herauszufallen und können durchaus die Vorteile verlieren, die Gottes Gemeinschaft uns gewährt…  

Weil es die Sache anschaulicher macht, will ich hier ein kurzes „Formular“ wie-dergeben, in dem Christ-Sein als ein Angebot begriffen wird, das der Mensch durch seine Taufe und seinen Glauben annimmt und „unterzeichnet“. Der Ur-heber, der das Angebot macht und die Bedingungen setzt, ist aber Gott selbst, der überaus freundlich zu uns spricht:

„Ich, der ewige und allmächtige Gott, verbinde, verschwöre und verschrei-be mich dir durch die Hingabe meines Sohnes am Kreuz, dass ich dir (und allen Menschen, die in Erkenntnis ihrer Sünden auf Jesus Christus ihren Glauben setzen) alle deine Sünden vergeben und deiner Fehler nie mehr gedenken will, sondern dich losspreche vom Fluch des Gesetzes und von der Gewalt des Teufels. Du sollst vor meinem Zorn sicher sein und mir als so gerecht und selig gelten, als wenn du alle meine Gebote erfüllt und nie Böses getan hättest. Und das will ich tun einzig und allein um meines Sohnes willen, der stellvertretend für dich das Gesetz erfüllte, deine Strafe trug, den Zorn versöhnte, Teufel, Hölle, Welt und Tod überwand und den vollen Preis deiner Erlösung zahlte. Verlasse dich künftig ganz auf ihn – und nicht mehr auf dich selbst. Denn dann sollst du durch solchen Glauben unauflösliche Gemeinschaft mit mir haben, so dass ich ewig dein lieber Vater bin, und du ewig mein lieber Sohn, Tochter und Erbe. Zur Stärkung deines Glaubens gebe ich dir neben meinem biblischen Wort und dem Heiligen Geist die Sakramente des neuen Bundes, nämlich die heilige Taufe als Sakrament der Wiedergeburt und das heilige Abendmahl als Sakrament der Gemeinschaft, die du mit mir hast. Ich, der Herr dein Gott, gelobe das alles fest und ewig zu halten und zu erfüllen, verbinde es aber mit der Wei-sung und der Erwartung, dass du mir künftig in Gerechtigkeit dienen, gott-gefällig leben, Christus nachfolgen, die Sakramente gebrauchen und im Bemühen um Heiligung fortfahren wirst. Den Geist der Kraft und der Weis-heit will ich dir dazu geben. Sofern du aber aus Schwachheit sündigst, soll dir das nicht zum Verhängnis werden, sondern, wenn es dir herzlich Leid tut und du auf den guten Weg zurückkehrst, soll dich meine Gnade wieder aufrichten und trösten. Widerstrebe mir künftig nicht mehr, sondern bleibe fest in dem Bund, den wir schließen, denn dann will ich dir nach diesem irdischen Leben das ewige schenken, deinen ganzen Schaden heilen und alle deine Tränen trocknen.“  

Nun – kann man dazu „nein“ sagen, wenn man klaren Verstandes ist? Natürlich ist das kein biblischer Text. Die Vorlage stammt von einem frommen Autor des 17. Jahrhunderts. Ich meine aber, dass hier Gottes Angebot im neuen Bund angemessen zusammengefasst wird. Das ist es, worauf das Neue Testament hinauswill! Und wenn jemand wissen möchte, worauf er sich im Christentum einlässt, findet er hier eine treffende Antwort. Denn der ist Christ, der bewusst in der hier beschriebenen Beziehung zu Gott steht, oder jedenfalls versucht in ihr zu stehen. Die Taufe allein, ohne diese Beziehung, kann uns nicht helfen. Und ein moralisches Leben, ohne diese Beziehung, bringt uns nicht in den Himmel. Diffuse religiöse Gefühle werden niemanden retten. Und ein allgemeiner Glaube an die Existenz Gottes tut’s auch noch nicht. Denn so verbindlich wie das Bun-desverhältnis für Gott ist, so verbindlich, so eindeutig und persönlich soll es auch für uns sein…  

Das heißt nun nicht, dass jemand dieses kleine Formular unterschreiben sollte, so als ob es auf diese Formulierung ankäme – nein! Aber ein Denkanstoß kann es schon sein, wenn wir nämlich prüfend in uns hineinhorchen, ob wir dies wohl im Herzen durch unseren Glauben schon unterzeichnet haben, oder unterzeich-nen können. Sind wir da unbefangen? Oder wird uns doch etwas mulmig? Ist uns die Sache in dieser Vertragsform unbehaglich, weil alles so verbindlich klingt – und auch so gemeint ist? Haben wir den Impuls, erst mal das Kleingedruckte zu lesen? Oder hätten wir den Wunsch, ein paar Klauseln hinzuzufügen? Vermissen wir Hinweise zum Kündigungsrecht? Suchen wir nach versteckten Kosten, Risi-ken und Nebenwirkungen? Würden wir lieber erst mal in Verhandlungen eintreten und Vorbehalte machen? Schrecken wir zurück, weil wir Gott misstrauen, oder weil wir uns selbst misstrauen? Ärgert uns irgendeine Unklarheit – oder ärgert es uns gerade, dass das Angebot so klar ist, und unsere Hemmung so verräterisch? Stellen wir unsere Gottesbeziehung ruhig noch einmal auf den Prüfstand und führen wir uns vor Augen, wieviel es Gott gekostet hat, uns dieses großzügige Angebot machen zu können. Es hat Christus sein Leben gekostet! Gott hat für den neuen Bund alles gegeben, um uns möglichst weit entgegen zu kommen. Er wartet darauf, dass wir seine ausgestreckte Hand ergreifen – und die Engel im Himmel applaudieren jedem, der sich nun Gottes Güte gefallen lässt!