Vom Dienen

 

Was ist es wert, getan zu werden?

 

Ist ihnen mal aufgefallen, dass es zwei ganz verschiedene Arten von Tätigkeiten gibt? Das eine sind Tätigkeiten, durch die man etwas erreichen will. Und das andere sind Tätigkeiten, die man um ihrer selbst willen anstrebt. Zu der ersten Sorte gehört alles, was bloß Mittel zum Zweck ist. Und zu der zweiten Sorte nur das, was Selbstzweck ist. Die Beschäftigungen der ersten Gruppe haben nur insofern einen Wert, als sie etwas anderes bewirken. Die der zweiten Gruppe hingegen haben ihren Wert in sich selbst. Und meist kann man das gut unterscheiden. Denn wenn zwei Verliebte an verschiedenen Enden der Stadt wohnen und mit dem Bus fahren müssen, um sich zu treffen, dann ist die lange Busfahrt für sie nur Mittel zum Zweck – und wenn’s möglich wäre, würden sie die Zeit der Anreise gern überspringen. Sitzen sie dann aber im Stadtpark vereint auf einer Bank, plaudern, küssen und halten Händchen, bezwecken sie damit nichts anderes als die innige Gemeinschaft, die sie in diesem Moment haben. Denn diese Zeit erleben sie als so erfüllend, sinnvoll und beglückend in sich selbst, dass sie wünschten sie könnte ewig währen… 

Aristoteles hat Beschäftigungen wie das Busfahren „Poiesis“ genannt – nämlich das zweckgebundene, für etwas anderes dienliche Tun. Und er hat Beschäfti-gungen wie die Zweisamkeit der Verliebten „Praxis“ genannt – nämlich das schon „in sich“ wertvolle, um seiner selbst willen angestrebte Tun. Die Tätigkeiten der ersten Gruppe haben rein technische Bedeutung. Wir wissen, dass sie nützlich sind, würden sie aber umgehen, wenn sie zur Erreichung unseres Ziels nicht notwendig wären. Die Tätigkeiten der zweiten Gruppe hingegen schätzen wir viel höher, weil sie nicht bloß der Weg, sondern selbst das Ziel sind. Wir nehmen ihretwegen vieles in Kauf! Aber sie sind auch seltener. Denn wer den eigenen Alltag daraufhin prüft, wird finden, dass ein sehr großer Teil seines Tuns nur nützlich ist – und er gut darauf verzichten könnte, wenn’s möglich wäre. Denn im Alltag hat fast alles sein „um zu“. 

Man steht morgens auf, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, und arbeitet dann, um sein Gehalt zu verdienen. Das Gehalt braucht man, um die Miete und den Einkauf zu bezahlen. Und den Einkauf muss man machen, um nicht Hunger zu leiden. Man putzt die Küche, weil man sonst nicht kochen kann. Man kocht, weil man nur durch vernünftige Ernährung gesund bleibt. Und gesund muss man sein, um am nächsten Morgen wieder aufstehen und arbeiten zu können… 

So arbeitet man, um zu leben, und lebt, um zu arbeiten. Manche sagen zwar, die Anstrengung im Job diene dem Zweck, sich hinterher einen schönen Urlaub zu gönnen. Andere aber verstehen‘s so, dass die Erholung im Urlaub dazu dient, die Arbeitskraft wiederherzustellen für neue Leistungen im Beruf. So ist denn eins für das andere nützlich, und alles legitimiert sich als Mittel für irgendetwas. Betrachten wir aber die Summe dieser Bemühungen – wozu dient dann das Ganze? Dient all das Streben nur der Fortsetzung und Verlängerung eben dieses Strebens? So vieles im Leben macht man nicht, weil es „in sich“ einen Wert hätte, sondern nur, weil die Unterlassung böse Folgen nach sich zöge! Und oft sind wir uns in unserem Trott auch gar nicht mehr im Klaren darüber, was eigentlich unser Ziel ist, und was nur „sein muss“. 

Pflegen wir Bekanntschaften, weil wir die Leute wirklich mögen – oder weil uns bestimmte Kontakte nützlich sind? Streben wir nach Bildung um der Erkenntnis willen – oder weil uns der Wissensvorsprung konkrete Vorteile verschafft? Streiten wir wirklich, um die bessere Lösung durchzusetzen – oder wollen wir bloß zeigen, wie erfolgreich wir streiten können? Gesund, klug und wohlhabend zu sein: ist das nur der Weg – oder schon das Ziel? Geliebt, geschätzt und respektiert zu werden: ist das ein Mittel – oder schon der Zweck? Oft fehlt es diesbezüglich an Klarheit. Denn welcher Zustand ist es wert, um seiner selbst willen angestrebt zu werden? Ist es der Zustand des zufriedenen Genusses, wenn man die Füße hochlegt und sich fühlt wie die Made im Speck des Lebens? Sind es Momente des fröhlichen Wohlbefindens, für die sich der Aufwand lohnt? Wenn diese Momente aber selten sind und nie dauerhaft, weil uns der Spaß vom Wochenende am Montag wieder vergeht – ist dann die reine Selbsterhaltung das, was wert ist, „um seiner selbst willen“ angestrebt zu werden? Ist das schon der Hauptgewinn im Leben, wenn ich es schaffe, möglichst spät zu sterben? Oder gehört zum gelingenden Leben auch ein bestimmtes Quantum vergänglicher Freuden, die ich nicht verpasst, sondern ausgekostet habe? 

Gegen solche Freuden ist wahrlich nichts einzuwenden! Aber alle Lust will Ewigkeit – und genau die bekommt sie nicht. Darum kann man es drehen und wenden wie man will: die Rechnung geht nicht auf. Das Leben selbst müsste schon der Endzweck des Lebens sein! Und das ist schwer zu glauben. Denn – sollte unser Leben kein besseres Ziel haben, als recht und schlecht fortgesetzt zu werden, bis unser Verstand den Faden verliert, und der Leib in die Brüche geht? Bedürfte es nicht eines besseren Ertrags, um den Aufwand unseres Daseins zu rechtfertigen? Sollten wir nicht vielleicht einem höheren Zweck dienen, als wir es selber sind? 

Viele ahnen das und verlegen darum das Ziel ihres Tuns jenseits der eigenen Person nach außen. Sie leben dann z.B. für ihre Kinder oder für die Firma. Einige bestehen darauf, dass ihr Hund oder ihr Garten sie braucht. Und wieder andere verbeißen sich in eine so obskure „Lebensaufgabe“ wie das Sammeln von Bierdeckeln. Der Nachbar lacht darüber! Doch steht eine Wahrheit dahinter. Denn der Mensch braucht wirklich sein persönliches „um zu“. Er braucht ein Ziel für seinen Weg und einen Sinn für sein Dasein. Im Wahn der Jugend scheint es dem Menschen vielleicht noch ausreichend, dass er da sei, um da zu sein. Stößt er aber an seine Grenzen und hört auf, sich selbst grandios zu finden, braucht er einen besseren Grund, um zu leben. Und weise geworden sucht er dann seine Ehre darin, ein taugliches Mittel zu sein für etwas, das größer, besser und wichtiger ist als er selbst. Er sucht Erfüllung in der persönlichen Hingabe an einen höheren Zweck, der es wert ist, dass man ihm dient. Und er ist damit wirklich auf der richtigen Spur. Denn in dem kleinen Wort „dienen“, über das wir allzu leicht die Nase rümpfen, liegt tatsächlich des Rätsels Lösung und der wahre Adel menschlicher Existenz… 

Freilich ist das „Dienen“ aus der Mode gekommen. Keiner will heute ein „Diener“ sein, denn man denkt dabei an die Lakaien der Feudalzeit und ihr unterwürfiges Gebaren. Solcher „Dienst“ scheint etwas Erzwungenes zu sein – der demütigende Zustand eines Knechtes, nicht eines freien Bürgers! Was aber, wenn dem „Dienen“ dabei Unrecht geschähe? Was, wenn in Freiheit bejahter „Dienst“ einen Menschen gar nicht erniedrigte, sondern erhöhte? Könnte da unsere Existenz nicht durch den guten Zweck, dem sie als Mittel dient, geheiligt, geadelt und über den engen Horizont des Eigennutzes hinausgehoben werden? 

Das Neue Testament weiß oft und überraschend positiv von solchem Dienst zu reden. Denn da steht nicht nur, dass Menschen ganz selbstverständlich Gott dienen, sondern auch die Engel dienen Gott und Jesus Christus. Und Jesus wiederum fordert von seinen Jüngern, dass jeder von ihnen der Diener aller anderen sein soll. Er selbst, der Menschensohn, ist nicht in die Welt gekommen, damit er sich dienen lasse, sondern dass er diene. Jesu Hingabe am Kreuz dient zu unserer Erlösung! Und die Apostel, die Jesus folgen, verstehen sich in ihrer Verkündigung als Diener seines Wortes. In der Urgemeinde dienen die Besitzenden den Armen, indem sie ihre Habe mit ihnen teilen. Und wenn es um Jesu Wiederkunft geht, gebraucht er für seine Jünger das Bild dienstbarer Knechte, die auf ihren Herrn warten. Ausdrücklich ausgeschlossen wird, dass Christen einem anderen Herrn dienen, wie etwa dem schnöden Mammon oder eitlem Ruhm. Stattdessen mahnt Paulus, dass Christen ihre Glieder hingeben sollen „an den Dienst der Gerechtigkeit“. Und ganz allgemein können die Aufforderungen ergehen „dient dem Herrn“, „seid Diener Christi“ oder „dient den Heiligen“ – nämlich den Glaubensgeschwistern. Solcher Dienst ist im Neuen Testament eine direkte Konsequenz der Liebe, die nicht „das Ihre“ sucht, sondern das, was dem Geliebten nützt. Und weil Jesus seine Jünger aneinander verweist, gilt in der Gemeinde die Regel: „niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient.“ Ja: „durch die Liebe diene einer dem andern“, sagt das Neue Testament. Denn solches Tun bezeugt die Hingabe an den Willen des Herrn, dessen Werk wir als seine Diener fortzuführen berufen sind. 

Das alles aber steht nicht nur im Einklang mit der Weisung Gottes, sondern auch mit seinem eigenen Vorbild, weil auch der Vater, der Sohn und der Heilige Geist nicht sich selbst, sondern jeweils einer dem anderen dient. Der Sohn bezeugt in der Welt nicht sich selbst, sondern die Ehre seines himmlischen Vaters. Das Zeugnis des Heiligen Geistes dient nicht ihm selbst, sondern der Verherrlichung Jesu Christi. Und der Vater wiederum bestätigt in der Auferweckung des Sohnes nicht sich selbst, sondern das Zeugnis des Heiligen Geistes. So scheut sich nicht mal Gott (der Herr!) vor dem Dienen, sondern dient uns bis hin zum Tode am Kreuz und gibt damit ein Beispiel des Daseins „für andere“! Denn darin liegt das Geheimnis sinnerfüllter Existenz, dass ein Mensch sein Leben nicht bewahren kann, indem er es krampfhaft festhält, sondern er bewahrt es nur in der Weise, dass er es hingibt (Mt 10,39; 16,25). Dem lebendigen Gott und seinem Willen zu dienen, ist die eigentliche Berufung des Menschen. Das ist die tiefe Beugung, die ihn hoch erhebt. Das ist die Erfüllung, die so viele suchen, ohne sie zu kennen. Das ist der lohnende Zustand, der es wert ist, um seiner selbst willen angestrebt zu werden. Wer also will glauben, er sei bloß da, um für sich selbst da zu sein? Wer könnte atmen in so egozentrischer Enge? Wer vermöchte den Sinn dieses Lebens in seiner bloßen Fortsetzung zu finden, oder in den kurzen Glücks-momenten, die so schnell wieder vergehen? Das wäre doch ein allzu dürftiger Lohn, der uns (kaum, dass wir ihn empfangen) gleich wieder zwischen den Fingern zerrinnt! An der Lust dieser Welt kann man sich nur hungrig essen. Und darum soll sie uns nicht ablenken von jenem besseren „um zu“. Denn alles, was in dieser Welt nicht Gott selber ist, ist zu seinem Dienst bestimmt und wird durch jede andere Verwendung seinem eigentlichen Zweck entfremdet… 

Damit ist nichts gegen Kinder gesagt, gegen Glücksmomente, gegen einen gepflegten Garten, Bierdeckel, Zierfische – oder was sonst das Herz erfreut! Aber bitte – wir dürfen diese Dinge nicht mit der Erwartung überfrachten, dass sie unser Dasein rechtfertigen sollten. Denn als Lebensinhalt taugen sie nicht. Unser eigentlicher Daseinszweck ist die Gemeinschaft mit Gott, in die wir immer tiefer hineinwachsen, je weniger wir uns von unserem, und je mehr wir uns von seinem Willen leiten lassen. Nicht um uns selbst, sondern um Gott sollen wir kreisen! Einem besseren Zweck sollen wir dienen, als wir es selber sind! Denn nur wo das Leben in der Hingabe an etwas Höheres über sich hinaus verweist, ist der Menschen bei seiner ureigensten Sache… 

Wenn wir das aber erkennen, was ändert sich dann? Laufen wir nicht trotzdem im Hamsterrad unseres Alltags? Müssen wir nicht trotzdem morgens aufstehen, um zu arbeiten? Müssen wir nicht trotzdem einkaufen, um zu essen? Ist nicht trotzdem der erholsame Schlaf ein Mittel zum Zweck neuer Leistung? Ja, das alles „muss sein“ und hört nicht auf. Aber als Christen tun wir’s nicht mit dem kurzsichtigen Ziel, bloß immer weiter da zu sein. Wir leben nicht „für uns selbst“ und nicht „zum Spaß“. Wir leben auch nicht, weil uns der Tod als Alternative noch weniger gefällt. Sondern wir leben auf Gott hin. Wir treiben die nötigen Geschäfte, weil wir von Gott selbst auf diese Spur gesetzt wurden. Wir verantworten unseren Alltag vor ihm, spielen unsere Rolle in seinem Plan – und versuchen auch in den banalsten Arbeiten einen Gottesdienst oder einen Dienst am Nächsten zu sehen. Und mag das auf den ersten Blick auch „bescheiden“ wirken, sind wir als Christen doch eigentlich sehr „unbescheiden“, weil wir uns mit keinem geringeren Ziel zufrieden geben, als mit Gott selbst. Wir führen besseres im Schilde, als nur eine Made im Speck des Lebens zu sein! Und machen wir dabei als kleine Menschen auch nur kleine Schritte, so wachsen wir doch mit jedem neuen Tag Gott entgegen. Wir wischen geduldig den Staub, der morgen wieder da ist, und reparieren Dinge, die übermorgen wieder kaputt sein werden. Aber mit alledem leisten wir unseren Beitrag zu Gottes Plan und reifen dabei für seine große Ernte. Als Christen bewältigen wir das Leben nicht, weil es ein so großes Vergnügen wäre, sondern weil es Gottes Auftrag ist. Wir genießen die irdischen Freuden, weil Gott sie uns gönnt. Und wir dulden die irdischen Leiden, weil Gott sie uns zumutet. Das alles aber nicht zum eigenen Ruhm oder in gierigem Zugriff auf das Leben, sondern alles zu Gottes Ehre und Wohlgefallen…

Selig ist darum, wer zu dienen versteht. Selig ist, wer sich in der liebenden Hingabe an etwas Höheres selbst vergessen kann. Selig ist, wer in dem Guten aufgeht, an dem er teilhaben darf. Denn das Leben eines Menschen ist immer so viel wert, wie die Dinge, um die es ihm wirklich ernst ist. Und ernst sind uns nur die Dinge, für die wir dienend da zu sein bereit sind. Wer für nichts weiter da ist, als nur für sich selbst, lebt ein entsprechend armes Leben. Wer aber bewusst Jesus Christus folgt, lebt für etwas, das schwerer wiegt als das Erdenleben selbst – und sein Herr weist ihm einen Dienst zu, der ihn nicht erniedrigt sondern erhöht...