Frieden

 

Wenn sich die Menschheit in einem Wunsch einig ist, dann ist es wohl der Wunsch nach Frieden. Denn Streit und Gewalt gibt es genug. Und ich kenne keinen, der’s nicht leid wäre, dass da in zwischenmenschlichen Konflikten Ströme von Tränen fließen, und in Kriegen Ströme von Blut vergossen werden. „Hat das denn nie ein Ende?“ möchte man rufen. Und – müsste Frieden nicht möglich sein, wenn doch jeder, den man fragt, Frieden will und Frieden fordert? Was ist los mit uns Menschen, dass wir ewig zanken müssen, uns gegenseitig verletzen und damit den Frieden verhindern, den wir ersehnen? Warum bringt einer den anderen um seinen Frieden, obwohl es jedem besser ginge, wenn man sich nur mal „in Frieden“ ließe? Fragt man den Einen, so sind es immer die Anderen, die seinen Frieden stören. Die aber werfen ihm dasselbe vor. Und wer „angefangen hat“, lässt sich nicht mehr klären. Wahrscheinlich fing es schon mit Kain und Abel an! Dass aber seither gestritten wird – woran liegt das? Was ist es, das uns innerlich wie äußerlich den Frieden raubt? 

Ganz allgemein sind es Spannungen, die wir nicht hinnehmen, und Zustände, die wir nicht akzeptieren können. Es raubt uns die Ruhe, wenn Dinge nicht in Ordnung sind. Und das heißt in der Regel, dass irgendwer das Gute, das er will, nicht bekommt, oder das Übel, das ihn leiden macht, nicht loswird. Das scheint es doch zu sein, was uns in Konflikte zwingt! Denn wenn jeder bekäme, was ihm zusteht, und jedem erspart bliebe, was er nicht verdient hat, fänden wir das gerecht – und würden sagen: „ok, so ist es in Ordnung, so kann’s bleiben!“ Wir könnten der Welt dann unser Einverständnis geben, und ganz von selbst kehrte Friede ein, weil man, wo’s recht läuft, nichts ändern und um Änderung auch nicht kämpfen muss! Wären erst mal die gerechten Erwartungen aller befriedigt, endeten Konkurrenz und Futterneid, und man könnte entspannt aufatmen, weil jeder hätte, was ihm zusteht. Doch freilich: wann wäre die Menschheit je darüber einig geworden, wem was zusteht? Diesen Konsens bekommen wir ja kaum in der eigenen Familie hin! Wie soll es da im Weltmaßstab zwischen den Völkern funktionieren? Dass der Streit weitergeht, liegt aber nicht daran, dass nicht für alle genug da wäre, sondern der tiefere Grund dürfte sein, dass der Mensch unersättlich ist. Da liegt der Hund begraben! Denn macht man einen Menschen für heute zufrieden, will er morgen schon gleich „mehr“ – mehr Freiheit nämlich und mehr Freizeit, mehr Rechte und mehr Unterhaltung, mehr Macht und mehr Genuss, mehr Sicherheit und mehr Komfort. Erfüllte Wünsche sind leider wie Karnickel – sie kriegen ständig Junge! Und erfüllt man auch die neuen Wünsche, kehrt dennoch kein Frieden ein. Denn dafür sind wir selbst der beste Beweis: nie zuvor in der Geschichte waren die Deutschen so wohlhabend und so gesund wie heute, nie hatten sie so viel Freizeit und wurden so alt wie heute! Aber verhilft uns das äußere Wohlergehen etwa zum inneren Frieden? Sind die Klagen verstummt, und die Konflikte verschwunden? Nein – immernoch wird gehadert, gesorgt, geneidet, gejammert und gestritten. Der ganze Fortschritt hat die Menschen nicht fröhlicher und nicht friedlicher gemacht. Denn noch immer gibt es für jeden ein Gut, das er nicht bekommt, und ein Übel, das er nicht loswird. Wer keine Probleme hat, macht sich welche. Und bei diesem Unfrieden bleibt es – bis der Mensch tot ist. Dann kommt der Friedhofsfrieden über ihn, und man sagt: „Nun hat die liebe Seele Ruh‘…“ Aber, bitte: ist das etwa „wahrer Friede“, wenn unser Hadern und Sorgen erst mit uns selbst zum Erliegen kommt? Ich meine das ist bloß die Totenstille, die auf dem Schlachtfeld einkehrt, wenn keiner mehr lebt, der kämpfen könnte. Auf dem Friedhof herrscht Ruhe, weil man die Streithähne mit Erde bedeckt. Aber sollte es nicht einen besseren Frieden geben? Einen, in dem man auch leben kann? 

Die östlichen Religionen weisen dazu einen Weg, der jedenfalls klüger ist als der westliche Versuch, durch gesteigerten Konsum zu einer Sättigung – und dadurch zum Frieden zu gelangen. Denn die östlichen Religionen setzen eher darauf, dass Frieden einkehrt, wenn das gierige Wollen und Streben aufhört. Friede, sagen sie, erwächst nicht daraus, dass brennende Wünsche erfüllt werden, sondern daraus, dass diese Wünsche erlöschen. Und tatsächlich kann man‘s auf diesem Weg mit Disziplin weit bringen. Der Lebenshunger, der uns in Konflikte treibt, wird dabei nicht gestillt, sondern er hört auf! Was man verabscheut, geht nicht weg, sondern man nimmt es an! Und wenn einer dann gar nichts mehr leidenschaftlich will, wird er auch nicht mehr frustriert – und durch Frustration nicht mehr aus der Ruhe gebracht. Die heftigen Gefühle der Abneigung oder Zuneigung regen ihn nicht mehr auf, denn er wünscht nichts herbei und wünscht nichts hinweg. Er muss nicht mehr streiten, denn er hat losgelassen, was ihn in Rage brachte. Er löst den Konflikt, indem er die Bedürfnisse abstellt, die ihm diese Welt nicht befriedigt. Und so genießt er schon lebend einen ähnlichen Frieden wie die, die auf dem Friedhof liegen. Denn wer nichts hasst und nichts liebt, dem tut auch nichts weh. Er ist unerschütterlich und schmerzfrei – und wenn ich’s recht verstehe, nennen östliche Religionen das „Erlösung“.

Aber sollte das derselbe „Friede“ sein, von dem die Bibel spricht? Sollte das „Schalom“ sein – und der Friede, den Christus schenkt? Nein. Und es ist wichtig, sich den Unterschied bewusst zu machen. Denn christlicher Glaube geht hier einen anderen Weg. Der Friede Christi resultiert gewiss nicht daraus, dass einst auf dem Wege der Weltverbesserung all unsere irdischen Bedürfnisse nach Gesundheit und Ordnung, Freiheit und Wohlstand gestillt werden – darauf könnten wir lange warten! Und der Friede Christi resultiert auch nicht daraus, dass man sich Bedürfnisse abtrainiert und sie zum Schweigen bringt. Sondern nur dort stellt sich der Friede Christi ein, wo der Mensch seine Erwartungen von der Welt weg, auf Gott hin ausrichtet, und von Gott selbst in den Frieden Gottes einbezogen wird. Es ist nämlich gar nicht falsch, dass der Mensch Glück und Schönheit begehrt, Vollkommenheit, Leben und Erfüllung. Sondern verkehrt ist nur, dass er mit diesen Erwartungen an die arme Welt herantritt, die ihm als gefallene Schöpfung gar nicht bieten kann, was er da sucht! Er fragt zu Recht nach Leben und Erfüllung! An der Sehnsucht ist nichts falsch! Aber er sucht leider am falschen Ort – und überfordert damit die Welt, sich selbst und auch seine Mitmenschen, die ihm nicht geben können, was nur bei Gott zu finden ist. So einer zürnt dann der Welt, die seinen Hunger nicht stillt, er wird nicht satt an ihrem trügerischen Glück und lässt die Enttäuschung darüber an seinen Mitmenschen aus. Zu Unrecht schimpft er und klagt, die Welt bliebe ihm etwas schuldig! Das wird ihm zu einer Quelle des Unglücks und ewiger Zwietracht! Dabei ist es der Mensch selbst, der sein Erdendasein mit falschen Erwartungen überfrachtet und über der Enttäuschung dann den inneren Frieden verliert. Er schüttelt eine Kiefer und schimpft, weil keine Äpfel herunterfallen! Doch was kann die Welt dafür, dass einer, der sich von Gott abwendet, im Irdischen keinen adäquaten Ersatz findet? Der Mensch selbst verursacht dies Ärgernis. Es ist ein Symptom seiner gestörten Gottesbeziehung! Und solang die gestört bleibt, werden Friedensappelle, Friedensliedchen und Friedenskonferenzen niemals dauerhaften Frieden schaffen, sondern höchstens Atempausen zwischen immer neuen Gefechten und Verteilungskämpfen.

Was ist dagegen nun „wahrer Frieden“? Er ist nichts, was Menschen erkämpfen oder erzwingen könnten. Denn was den Frieden betrifft, ist der Menschen nicht die Lösung, sondern das Problem. Und trotzdem spricht das Neue Testament sehr zuversichtlich von einem speziellen Frieden, der nicht aus menschlichen Bemühungen erwächst, sondern eine Gabe Jesu an seine Jünger ist. Dieser Friede wird von Menschen weder „geschlossen“ noch „errungen“, sondern geschenkweise empfangen. Denn Jesus Christus lässt seine Jünger bei Gott finden, was die Welt ihnen nicht bieten kann: Christus versöhnt die Seinen mit dem himmlischen Vater. Er stellt die Gemeinschaft wieder her, die im Sündenfall verlorenging. Und er lässt die Gläubigen dadurch teilhaben an dem Frieden, den Gott in sich selbst hat, und den er uns schenkt, indem er uns in seinen eigenen Frieden einbezieht. Weil das aber durch Christus geschieht, sagt das Neue Testament, dass Christus selbst unser Frieden „ist“ (Eph 2,14). In ihm „haben“ wir Frieden durch das rettende Werk, das er an uns tut, und durch das er den Grundkonflikt unseres Lebens löst. Christus heilt den tiefen Widerspruch unseres Daseins, dass wir uns als Lebende von der Wurzel des Lebens getrennt haben. Christus vermittelt in unserem sinnlosen Streit gegen Gott, den wir nie hätten gewinnen können. Er verbindet unsere Wunden und versöhnt uns mit dem Vater. Denn um Christi willen sind wir Gott „recht“, um Christi willen lässt er uns gelten und stellt uns ganz unverdient mitten hinein in den Gottesfrieden. Gerade so, wie wir im Glauben Anteil haben am Geist Jesu Christi und an seiner Gerechtigkeit, an seinem ewigem Leben und an seiner Wahrheit, so haben wir auch Anteil an seinem Frieden. Und ist dieser Friede auch so verborgen da, wie Gottes Reich verborgen ist, bringt er der Seele doch eine tiefe, jeden irdischen Sturm umgreifende Ruhe, die uns der Lärm dieser Welt nicht mehr nehmen kann. Einbezogen in Gottes eigenen Frieden lassen wir die Streitereien dieser Welt zwar nicht hinter uns. Aber wir lassen sie unter uns. Sie reichen an unser Innerstes nicht mehr heran. Und am Leben vieler bedrängter Glaubenszeugen, die in großer Not doch getrost waren und getröstet blieben, kann man genau das ablesen.

Was ist also der wahre Frieden? Er ist gewiss kein Einverständnis mit den Zuständen dieser verkehrten Welt. Aber er ist ein tiefes Einverständnis mit dem Gott, der das Verkehrte in der Welt und in uns selbst gerade zu richten verspricht. Akzeptieren wir erst einmal, dass wir uns selbst nicht erlösen müssen, so schenkt uns das tiefe Gelassenheit – und großer Druck fällt von uns ab. Denn dann dürfen wir unsere Nöte an jemanden abgeben, der ihnen gewachsen ist. Wer aber gelassen ist, weil er sich Christus überlassen hat, sollte der nicht zur Ruhe kommen, Frieden haben in sich – und dann auch friedfertig umgehen mit seinen Mitmenschen? Hier kommt es zu einer glücklichen Umkehrung der fatalen Prozesse. Denn vorhin sahen wir, wie als Nebeneffekt einer gestörten Gottesbeziehung Zwietracht entsteht. Nun aber wird deutlich, wie – umgekehrt – als Nebeneffekt der geheilten Gottesbeziehung auch wieder friedfertiges Leben möglich wird. Denn die Seligkeit, die einer in Gott hat, muss er nicht mehr versuchen, der Welt abzutrotzen und abzuzwingen. Um das erfüllte Leben, das ihm in Christus geschenkt ist, muss er mit keinem Nachbarn konkurrieren. Und was ihm der Himmel gibt, muss er nicht vergeblich von der Erde verlangen. Den Trost, den er in der Gnade hat, muss er nicht mehr woanders suchen. Und so kann ein Christ dann entspannt, versöhnt und versöhnlich leben – ohne sich und andere zu überfordern. Der, dessen Herz befriedet ist, wird auch nach außen hin friedensfähig. Und hat er Gott, können seine Erwartungen an die anderen Menschen sehr viel bescheidener ausfallen. Da der Schöpfer sich mit ihm versöhnte, darf er seinem Nachbarn nicht endlos böse sein. Und da er selbst von Gottes Vergebung lebt, kann er sie seinem Schuldner schwerlich versagen. Ist ihm selbst Frieden gewährt, wird er ungern Streit vom Zaune brechen. Und käme dieser innere Frieden zu allgemeiner Verbreitung, würde das den Weltfrieden fast automatisch nach sich ziehen. Nur muss man eben beachten, dass sich die Reihenfolge nicht umkehren lässt. Äußerer Friede kann nicht lange halten, wenn der innere fehlt. Denn wahrer Friede ist ein Nebeneffekt des Heil-Seins, das wir der Erlösertat Christi verdanken, und ein Symptom der damit verbundenen Neuschöpfung. Er wird als Geschenk empfangen. Und erst im zweiten Schritt wird dann aus der Gabe auch eine Aufgabe. So kann niemand den Gottesfrieden für sich erzwingen. Aber jeder kann es sich gefallen lassen, gnadenhaft in diesen Gottesfrieden versetzt zu werden. Er bleibt stets eine Nebenwirkung des Heils, das wir im Glauben haben. Und darum ist auf dieser Welt ohne Christus – allein mit Politik und Waffen – kein Friede zu schaffen. Er kommt nicht anders in die Welt, als auf dem Umweg über die Herzen. Denn die Quelle der Zwietracht ist nicht irgendwo da draußen, sondern in uns drinnen...