115 • Geduld

Wer will schon warten?                                                   Dieser Text als Video  

 

Die Geduld hat in den Katalogen christlicher Tugend, neben der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, der Wahrhaftigkeit und Treue, ihren festen Platz. Dass die Geduld dort aber zu Recht steht, merken wir schon daran, dass sie uns ebenso schwer fällt wie andere Tugenden. Ihr Gegenteil, die Ungeduld, muss niemand üben! Das unwillige Nicht-warten-können stellt sich von selbst ein. Unruhe und Wankelmut, Nervosität, Drängelei und Abschweifung liegen uns offenbar in der Natur. Doch Geduld zu üben, das ist wirklich schwer. Es erfordert Disziplin und hat mancherlei Voraussetzung. Denn es ist ja nicht so, dass der geduldige Mensch nichts wollte, oder dass es ihm weniger wichtig wäre als dem Ungeduldigen. Nein: Auch der Geduldige verfolgt ein Ziel, will und erwartet etwas. Aber sein entschlossener Wille verbindet sich mit langem Atem. Der Geduldige hat Zeit, er nimmt sich Zeit und lässt den Dingen ihre Zeit. Und sein Wille verbindet sich auch mit Nachsicht, weil der Geduldige Geduld hat mit denen, die sein Vorhaben bremsen. Der Wille des Geduldigen verbindet sich mit Beharrlichkeit und Ausdauer, weil er von seinem Ziel auch dann nicht ablässt, wenn andere Ziele leichter zu erreichen wären. Und dieser entschiedene Wille verbindet sich beim Geduldigen auch mit Leidensbereitschaft, weil der, der geduldig ist, in der Zeit der Geduld das Ersehnte entbehrt – und an dieser Entbehrung leidet.

Dies Leiden am Unverfügbaren auszuhalten, ist wohl das Wesentliche an der Geduld. Und wir erkennen spätestens daran, dass Geduld nichts mit Passivität zu tun hat, sondern ganz im Gegenteil eine höchst aktive Haltung ist. Der Geduldige bringt nämlich die Disziplin auf, sich durch Rückschläge nicht beirren und sich durch Enttäuschungen nicht vom Weg abbringen zu lassen. Er entbehrt lieber das Ziel seiner Geduld und leidet, als mit etwas anderem Vorlieb zu nehmen. Er gibt seine Hoffnung nicht preis! Und mit denen, die sein Vorhaben bremsen, weil sie vielleicht nicht so schnell können wie sie sollten, hat er auch noch Geduld, und wird nicht unwillig gegen sie. Neudeutsch nennt man das „Frustrationstoleranz“, wenn jemand immer wieder frustriert und enttäuscht werden kann, und doch nicht vom Kurs abkommt. Allerdings klingt es schöner und positiver, wenn man Geduld übersetzt mit „Durchhaltevermögen“ oder „Resistenz“. Denn Unbeirrbarkeit und Widerstandskraft machen den Kern der Geduld aus. Wenn das aber so ist, in welchem Verhältnis steht diese Tugend dann zum christlichen Glauben? Gibt es da eine innere Beziehung?

Ja! Mir scheint, dass die Geduld gerade für Christen einen besonders hohen Stellenwert hat, weil unser Glaube in und von Hoffnung lebt – und niemand zum Hoffen taugt, der keine Geduld aufbringt. Ich denke, dass ein Christ (1.) besonders viel Geduld braucht, dass er (2.) zur Geduld besonders guten Grund hat, und dass ihm (3.) zur Übung der Geduld besonders gute Vorbilder gegeben sind.

 

(1) Das Erstgenannte, dass der Christ besonders viel Geduld braucht, liegt auf der Hand, denn unser Glaube ist wahrlich nicht auf kurzfristige Erfolge berechnet. Die Kinder dieser Welt warten bloß auf den Feierabend, auf den nächsten Urlaub, auf eine Gehaltserhöhung oder auf den Frühling – denen kann bald geholfen werden! Doch die Kinder Gottes warten auf die Vollendung dieser Schöpfung! Wir warten auf die sichtbare Wiederkunft Christi, auf den Neuen Himmel und die Neue Erde und auf das Reich Gottes! Um endlich zu sehen, was wir hoffen und glauben, brauchen wir buchstäblich Geduld bis zum Jüngsten Tag. Denn „...wir sind zwar gerettet,“ schreibt Paulus „...doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“ Seit Paulus das schrieb, ist die Christenheit zweitausend Jahre auf dem Weg gewesen, und vielleicht brauchen wir noch viel längeren Atem, denn so ziemlich alles, woran wir glauben, ist heute noch unsichtbar.

 

(2) Dass wir aber unter diesen erschwerten Bedingungen trotzdem guten Grund haben, auf die Erfüllung christlicher Hoffnung geduldig zu warten – auch das liegt auf der Hand. Denn ob Geduld sich lohnt und begründet ist, hängt ja immer davon ab, wer das Erwartete herbeizuführen versprochen hat, und wer demnach meine Hoffnung verbürgt. Hat mir ein Mensch versprochen, mich zu besuchen, von dem ich weiß, dass er Verabredungen gern mal vergisst, habe ich wenig Grund, über die verabredete Zeit hinaus geduldig zu warten. Es wird sich kaum lohnen! Hat aber Gottes Sohn versprochen, wiederzukommen in Herrlichkeit, so liegt der Fall völlig anders. Denn dann geht es um ein Versprechen unseres Gottes, der nicht irren kann, der nichts zurücknimmt und den auch niemand an etwas zu hindern vermag. „Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge...“ sagt das 4. Buch Mose: „...noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten?“ Schon die Vorstellung ist absurd. Und darum hat die Geduld, die wir als Christen brauchen, die beste aller denkbaren Begründungen, weil Gott selbst in seinem Wort und in seiner Treue die Begründung ist.

 

(3) Wunderbare Beispiele und Vorbilder der Geduld bekommt der Christ aber gleich mitgeliefert, weil die Bibel auch davon reichlich enthält. Denken sie nur an die Geduld Abrahams, der hundertjährig immer noch auf den verheißenen Sohn wartete. Oder an die Geduld, die Mose in der Wüste aufbringen musste, als das Volk immerzu murrte. Wir haben die Geduld des Propheten Jeremia vor Augen, der 40 Jahre lang gegen alle Erfahrung anpredigen musste, bevor eintrat, was er vorausgesagt hatte. Wir kennen Hiobs große Geduld, der in seinem Elend lange warten musste, bis Gott seiner Klage antwortete und ihn rehabilitierte. Und nicht zuletzt lesen wir von der Geduld, die Jesus mit seinen Jüngern hatte, wenn sie ihn immer wieder missverstanden, kleingläubig waren und feige.

Letztlich ist Gott selbst das beste und erstaunlichste Beispiel der Geduld, weil er es mit der Menschheit immer noch nicht aufgegeben hat. Uns allen wäre an Gottes Stelle längst der Kragen geplatzt angesichts seiner undankbaren Brut! Doch seit der Sintflut verfährt Gott mit seinen Geschöpfen unglaublich nachsichtig und langmütig. Er straft nicht gern, ist langsam zum Zorn und verfolgt seine guten Pläne mit Ausdauer und Beharrlichkeit sogar gegen den störrischen Widerstand derer, die zu retten er sich vorgenommen hat. Alle, die wir noch atmen und lebendig sind, verdanken das einer ganz unbegreiflichen Geduld Gottes. Und da sollten wir nicht auch unsererseits Geduld üben und Geduld haben mit unseren Mitmenschen? Ja: Nachsicht, Beharrlichkeit und Langmut stünden uns gut zu Gesicht und dürften auch gar nicht so schwer fallen. Denn schließlich arbeitet die Zeit für uns. Die Vollendung der Schöpfung, auf die wir warten, kommt ganz gewiss. Und wenn’s auch dauern mag, so kann unsere Hoffnung doch nicht enttäuscht werden, weil Gott in der Weltgeschichte garantiert als Letzter lacht.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis uns Gott mit unserem Glauben ins Recht setzt. Am Ende werden wir schauen, was wir geglaubt haben, während die Spötter verstummen. Wenn das aber gewiss ist und durch Gottes Treue verbürgt – sollten wir dann nicht in der Lage sein, Frustrationen zu tolerieren, Durststrecken durchzuhalten und geduldig gegen allen Augenschein zu hoffen? Eigentlich dürfte das nicht schwer fallen. Denn Gott selbst steht dafür gerade, dass unsere Geduld sich lohnt. Christliche Hoffnung ist darum unsinkbar. Sie kennt keine Resignation und ist gegen Enttäuschung auch dann noch resistent, wenn sie richtig weh tun. Um aber für solche Resistenz und Geduld ein einprägsames Beispiel zu geben, möchte ich von einem Esel erzählen, den ich mir zum Vorbild erkoren habe:

 

Jener Esel war schon alt – und war obendrein ein Pechvogel. Denn er gehörte einem ausgesprochen hartherzigen Bauern. Eines Tages geschah es, dass der Esel unglücklicherweise in einen leeren Brunnen fiel. Das arme Tier schrie vor Angst – und der Bauer fluchte. Als er aber alles Mögliche überlegt hatte, wie man einen Esel aus dem tiefen Brunnen retten könnte, kam der Bauer zu dem Ergebnis, dass es nicht machbar sei. Der Esel saß auf dem Brunnenboden fest. Und da es schon spät war, ging der Bauer ärgerlich ins Haus und legte sich schlafen. Der Esel aber schrie die ganze Nacht hindurch, und der Bauer machte kein Auge zu, so dass er am nächsten Morgen ganz grimmig und erbost aufstand. Er beschloss dem Geschrei ein Ende zu machen, den Brunnen einfach mit Erde aufzufüllen, und den Esel auf diese Weise zu begraben. Der Bauer bat einige Freunde um Hilfe, und zusammen begannen sie, einen Spaten Erde nach dem anderen in den Brunnen zu werfen. Als der alte Esel das spürte, wie ihm die Erdhaufen auf den Rücken fielen, war er entsetzt. „Wieso passieren solche Sachen immer mir?“ dacht er. „Erst falle ich in diesen Brunnen, und niemand kommt, um mir zu helfen. Und nun versuchen sie mich auch noch zu vergessen, indem sie mich hier begraben. Soll mein Leben wirklich auf so demütigende Weise enden?“ Doch während der Esel dort auf dem Brunnenboden stand und sich Leid tat, hatte er eine Idee. Statt einfach nur dazustehen und sich von Erde begraben zu lassen, beschloss er, die Erdbrocken, die auf seinen Rücken fielen, abzuschütteln und darauf zu trampeln. Immer und immer wieder tat er das: Abschütteln und darauf trampeln, abschütteln und darauf trampeln. Ohne auf Müdigkeit und Schmerzen zu achten, machte er sich unverdrossen daran, die Erdbrocken von sich abzuschütteln und darauf zu steigen. Er zwang sich, nicht aufzugeben. Er weigerte sich, von dem Dreck besiegt zu werden, mit dem er beworfen wurde. Und drei Stunden später konnte der Esel triumphierend über den Brunnenrand steigen. Er stand auf sicherem Boden, denn die Erde, die ihn begraben sollte, hatte stattdessen sein Leben gerettet.

 

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