105 • Der Ursprung christlicher Ethik

Warum verändert der Glaube                                          Dieser Text als Video 

unser Tun und Lassen?    

 

Viele Sätze des Neuen Testamentes haben einen unverkennbar „moralischen“ Klang. Z.B. schreibt Petrus: „Seid allesamt gleichgesinnt und mitleidig, brüderlich, barmherzig und demütig, wendet euch ab vom Bösen und tut Gutes! Niemand wird sich wundern, derartiges im Neuen Testament zu lesen. Und ich glaube auch kaum, dass jemand dem moralischen Appell widersprechen wollte. Wer wüsste nicht selbst, dass er das Gute tun und das Böse lassen soll? Doch vermute ich, dass es trotzdem innere Reserven gibt – und dass mancher den erhobenen Zeigefinger des Apostels nur unwillig zur Kenntnis nimmt. Denn wer liebt schon die Moral? Moral ist schließlich das, was einem ein schlechtes Gewissen macht. Moral ist der Maßstab, dem man nie genügt. Moral ist ein großer Spaßverderber. Moral ist das drohende Urteil der Anderen über mich. Vor allem aber wird Moral als permanente Überforderung empfunden, weil unser Alltag erfahrungsgemäß aus vielen faulen Kompromissen besteht, die dem Vergleich mit hohen Idealen kaum standhalten. Wenn mich Petrus aber mit seiner Forderung des Guten nur daran erinnert, dass ich nicht bin, wie ich sein sollte, was nützt sie dann? Und wozu soll ich überhaupt „moralisch“ handeln? Soll ich mir etwa vorstellen, mein gutes Tun könnte die Zustände auf dieser Erde maßgeblich verbessern, und die Erde in einen Himmel verwandeln? Damit würde ich mich doch sehr überschätzen! Oder sollte ich moralisch handeln, um einmal wegen meiner Verdienste und guten Werke in den Himmel zu kommen? Das widerspräche dem evangelischen Glauben, der mir Gnade verspricht und gerade nicht „Belohnung“! Soll ich meine Mitmenschen vielleicht gut und anständig behandeln, damit sie mir gegenüber dasselbe tun? Das wäre in Wahrheit nicht Moral, sondern Eigennutz und Berechnung! Oder soll ich am Ende versuchen ein „guter Mensch“ zu werden, um mich zu vervollkommnen und anschließend „gut“ zu fühlen? Wäre das nicht nur eine Art moralischer Eitelkeit?

Nichts von alledem leuchtet so richtig ein. Denn „gut“ zu handeln, um Gott damit zu beeindrucken, oder um das eigene Gewissen zu besänftigen, ist Unsinn. Und Gutes nur zu tun, um sich dann „gut“ vorzukommen, ist auch nicht besser. Wenn ich das Gute tue, bloß weil es die anderen von mir erwarten, so bin ich nicht „gut“, sondern bin bloß ein Heuchler. Und wenn ich mir einbilde als „Gutmensch“ die Welt zu retten, mache ich mich lächerlich. Wozu also befassen wir uns mit „Moral“? Und warum hält Petrus es für nötig, uns dazu zu ermahnen, dass wir das Gute tun und das Böse lassen sollen?

Die Antwort, die das Evangelium gibt, ist ernüchternd und zugleich überraschend. Denn christliche Ethik gibt es nicht deshalb, weil unser menschliches Handeln ganz viel an der Welt oder am Menschen ändern könnte („wenn wir uns nur richtig anstrengten“), sondern weil Gottes Handeln in Christus die Welt und den Menschen längst geändert hat – und sich diese Veränderung bei den Betroffenen, wenn sie’s merken, in entsprechendem Handeln niederschlägt. Es geht in der christlichen Ethik also gar nicht um eine Wirklichkeit, die wir durch gutes Tun schaffen, sondern um die Wirklichkeit, der wir durch gutes Tun entsprechen. Denn als Gott sich seiner in Verderbnis gefallenen Schöpfung zuwandte, um in Christus Mensch zu werden, als er beschloss, seine Liebe gegen unsere Torheit durchzusetzen, schuf er damit Fakten. Dadurch, dass Gott in unsere Wirklichkeit einging, schuf er sie neu und bestimmte sie zum Heil. Und als Christus dann für die Sünder starb und auferstand, schuf er auch für jeden Einzelnen eine neue Situation, denn er bestimmte damit den Einzelnen dazu, nicht unterzugehen, sondern erlöst zu werden. Gottes gnädiger Zugriff auf diese Welt schuf neue Fakten, er prägte der Welt das Zeichen des Evangeliums auf – und qualifizierte unser Leben neu. Er gab unserem Dasein ein neues Ziel und erhob Anspruch darauf. Der Mensch aber ist nicht gefragt, ob er das will, ob er’s erlaubt, ob’s ihm einleuchtet oder ob’s ihm recht ist, sondern nur, ob er die neue Bestimmung seines Daseins erkennen und annehmen – oder sie vergeblich ignorieren will. Der Mensch ist nicht gefragt, wie er’s gern hätte, sondern nur, ob er in seinem Leben der gegebenen Situation angemessen oder unangemessen handeln will. Gottes Anspruch auf unser Leben wird nicht größer, wenn wir ihm zustimmen, und nicht kleiner, wenn wir ihm widersprechen. Gottes Zugriff auf unser Leben kann auch durch nichts ungeschehen gemacht werden. Das gute Tun aber, das Petrus von uns fordert, ist lediglich die aus dieser Tatsache zu ziehende logische Konsequenz. Denn wenn mit Christus die Zeit des Heils angebrochen ist, gilt es mit der Zeit zu gehen und heilvoll zu handeln. Den Schuldigen darf ich im Zeichen Jesu Christi als Begnadigten behandeln, und den Gescheiterten als einen Erlösten. Der aussichtslose Fall ist im Zeichen Jesu Christi mit Hoffnung zu betrachten, und der Sterbende hat Aussicht auf Auferstehung. Der gesellschaftlich Wertlose ist dann geadelt durch Gottes Liebe – doch der ihn verachtet, der ist schon gerichtet durch Gottes Parteinahme für die Opfer. Gottes Zugriff auf diese Welt hat eine völlig neue Situation geschaffen. Gott hat niemand gefragt, ob er diese Situation herbeiführen dürfe. Da sie aber eingetreten ist, gibt es kein sinnvolles Leben mehr, das von einem anderen Ausgangspunkt ausginge. Da sie eingetreten ist, gibt es nichts Gutes mehr, das nicht aus dieser Christuswirklichkeit entspränge. Ja, da sie eingetreten ist, besteht nun das ganze Geheimnis der Ethik und der Moral darin, der neuen Situation gemäß zu handeln. Denn die Wirklichkeit Jesu Christi will hier und jetzt Gestalt gewinnen in unserem Leben und in unseren Beziehungen.

Jesus hat nicht gefragt, ob’s uns recht ist. Aber da er unsere Feinde liebt und sich ihrer erbarmen will, können auch wir sie nicht mehr hassen. Jesus hätte nicht für uns sorgen müssen. Aber da er für unser Heil gesorgt hat, können wir unsere Sorge ganz dem Nächsten widmen, der unsere Aufmerksamkeit braucht. Jesus hat den Satan besiegt. Wäre es da nicht ganz unangebracht, ihn weiterhin zu fürchten? Jesus hat das Böse dem Untergang geweiht. Wäre es da nicht unangebracht, wenn wir dem Bösen noch Raum gewährten? Jesus hat dafür gesorgt, dass die gnadenlosen Gesetze dieser Welt vergehen. Wäre es da nicht absurd, wenn wir ihnen weiter gehorchen wollten?

Sie spüren hoffentlich, wie weit dieser Ansatz christlicher Ethik entfernt ist von aller säuerlichen Moral, von Miesmacherei und Überforderung, von erhobenen Zeigefingern und verquälten Gewissen. Denn in der christlichen Ethik geht es gerade nicht darum, dass wir durch gute Taten die Welt verbessern oder unser Dasein rechtfertigen müssten, sondern darum, dass Gott in Christus beides längst erledigt hat – und wir nur endlich realisieren sollen, was aus dieser Voraussetzung folgt. Wir müssen uns nicht befreien, sondern sind befreit, und müssen nur noch beginnen, wie Freie zu leben. Wir müssen uns nicht rechtfertigen, sondern sind gerechtfertigt, und müssen das nur noch ins Leben übersetzen. Wir müssen nicht Gutes tun, damit Gott uns liebt, sondern weil Gott uns längst mit Liebe überschüttet hat, können wir sie nun weitergeben an unseren Nächsten. Alles in allem gilt es also nicht, einen Wandel herbeizuführen, sondern lediglich die Konsequenzen zu ziehen aus dem Wandel, den Gott herbeigeführt hat. Wer das aber verweigert, weil er’s nicht glaubt, oder den Schuss nicht gehört hat, der gibt ein trauriges Bild ab. Und sein Leben, das er unter falschen Voraussetzungen führt, wird zum Irrtum. Denn wer weiter so tut, als wäre die Welt unerlöst und gottlos, der lebt in der Vergangenheit und verweigert sich den Realitäten, ohne sie dadurch ändern zu können. Ja, er gleicht einem Gefangenen, dem Christus die Zellentür aufgebrochen hat, und der sich trotzig weigert, sein Gefängnis zu verlassen. So tun wir’s alle, wenn wir weiter den gnadenlosen Gesetzen der alten Welt folgen, die Christus für uns überwand!

Wir sind dann wie Blinde, die Christus geheilt hat, die aber einfach die Augen nicht aufmachen. Wir sind dann wie Gelähmte, die Christus geheilt hat, die aber aus Gewohnheit weiter an Krücken gehen. Obwohl das Böse seine Macht über uns verloren hat, lassen wir’s noch mächtig sein in unseren Gedanken, Worten und Werken. „Moral“ aber heißt in dieser Situation bloß, dass wir uns endlich den Realitäten stellen. Denn nicht darum geht’s in der Moral, dass wir die Welt verbessern, dass wir uns toll vorkommen oder uns den Himmel verdienen, sondern nur darum, dass jene, die Christus begnadigt hat, auch wie Begnadigte behandelt werden, dass die Befreiten ihre Freiheit leben, dass die Lebendigen einer Kultur des Todes widersprechen, dass die Gerechtfertigten Gerechtigkeit üben, und die Zeugen der Wahrheit den Mund aufmachen. Nur darum geht’s, dass die in Christus angebrochene neue Wirklichkeit unter uns Gestalt gewinnt, und zugleich das altgewohnte Unrecht jeden Schein der Berechtigung verliert. Denn seit Christus starb und auferstand, ist es nicht mehr zeitgemäß, Böses mit Bösem zu vergelten oder mit den Wölfen zu heulen. Es ist nicht mehr zeitgemäß, nach Vergeltung zu schreien oder an den Gütern dieser Erde zu kleben. Es ist nicht mehr zeitgemäß, auf die eigene Gerechtigkeit zu pochen oder an der falschen Stelle tolerant zu sein. Es ist nicht mehr zeitgemäß, das Geschwätz der Menschen ernster zu nehmen als Gottes klare Gebote. Das alles ist „out“ – und längst überholt. Denn unsere Gegenwart und unsere Zukunft gehören Jesus Christus. Egoismus und Gottvergessenheit sind Auslaufmodell. Und die Zeit des alten Adam, der sich so gern mit seinen Lastern arrangierte, ist vorüber. Am Ende wird Christus jede Lüge aufdecken, und kein Unrecht wird sich gelohnt haben. „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt“ sagt Jesus.

Wenn das aber so ist – wer sind dann die Träumer und wer sind die Realisten? Die sich dem Guten verweigern, obwohl das Gute siegt, das sind dann die Träumer. Die ans Recht des Stärkeren glauben, die haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Die Friedfertigen aber, die Sanftmütigen und die Barmherzigen, die Jesus selig preist, das sind dann die einzig wahren Realisten, denn als Gläubige sind sie die Einzigen, die auf dem Boden der Tatsachen stehen. Christus ist nicht aufzuhalten! Und wer den Anschluss an die Wirklichkeit nicht verlieren will, der muss ihn auf der Rechnung haben. Seien wir also realistisch und tun wir das Gute!

 

- WEITER GEHEN ZU KAPITEL 106 -