Suizid

 

Haben Sie schon mal daran gedacht sich umzubringen? Wenn „nein“, dann ist das gut. Wenn „ja“, dann ist das normal. Denn es gibt kein Leben ohne schwere Krisen. Und die können so hässlich sein, dass man auf die Idee kommt die Reißleine zu ziehen, um mit dem Leben zugleich die Krise enden zu lassen. Wir verlassen ja auch eine schlechte Party, wenn sie unerträglich wird. Wir schalten einen Film aus, wenn er gar zu blöd ist. Und wenn unsere Arbeit zur Qual wird, kündigen wir vielleicht. Wo der Mensch eine Situation nicht ändern und sie doch auch nicht aushalten kann, entzieht er sich. Und nicht immer erscheint uns das als „feige Flucht“, sondern manchmal kommt es uns einfach nur „vernünftig“ vor. Wie ist das also mit dem Suizid? Kann das auch ein vernünftiger Ausweg sein? Oder ist das eine schwere Sünde, die für Christen nicht in Frage kommt? Es empfiehlt sich, darüber nachzudenken, solange man einen klaren Kopf hat. Wo setzen wir also an? Vielleicht bei einem altmodischen Ausdruck für den Suizid, der da lautet „sich entleiben“. Denn wenn diese Wendung auch nicht mehr gebräuchlich ist, beschreibt sie doch recht genau, was bei der Selbsttötung geschieht: Ein Mensch (der in seiner Person ja nicht anderes ist als eine Verbindung von Seele und Leib) handelt auf so destruktive Weise gegen den eigenen Leib, dass der zugrunde geht. D.h. der Mensch löst die leib-seelische Einheit auf, die ihn selbst und sein Leben ausmacht. Er „ent-leibt“ sich – und erzwingt damit die Trennung von Leib und Seele. Er klinkt sich aus und spielt nicht mehr mit. Denn der Leib ist sozusagen die Schnittstelle und der Adapter, der unsere Seele mit der Außenwelt verbindet. Jeder Einfluss, den meine Seele auf die Welt hat, vermittelt sich über meinen Körper. Nur durch ihn haben meine Gedanken und Regungen eine Wirkungen draußen in der Welt. Und umgekehrt ist mein Leib auch die Schnittstelle, durch die die Welt auf meine Seele wirkt. Denn all die Dinge da draußen haben nur auf dem Weg über meine Augen, meine Ohren und die anderen Sinnesnerven einen Einfluss auf meine Seele. Der Mensch ist überhaupt nicht anders „in der Welt“ als durch seinen Körper. Und zugleich ist er nur durch diesen Körper der Welt ausgeliefert, weil er nun mal in diesem konkreten Leib drinsteckt, der selbst ein Teil der materiellen Welt ist und darum deren Einwirkungen auch nicht entgeht. Mit anderen Worten: Wer sich „ent-leibt“, indem er seinen Leib zerstört, erreicht damit, dass ihn die Welt nicht mehr belästigen kann. Er kappt die Verbindung und führt damit den Zustand herbei, der auch beim natürlichen Tod eintritt. Denn ohne den Leib hat man zwar keine Wirkungsmöglichkeit mehr auf die Welt – die Welt aber hat auch keine Wirkungsmöglichkeit mehr auf uns. Man ist „außer Reichweite“. Und rein philosophisch gesehen kann man es dankenswert finden, dass die Natur uns diesen Notausgang offen hält. Seneca z.B. fand es sehr beruhigend, dass der Mensch, wenn er nicht mehr in Würde leben kann, doch wenigstens in Würde zu sterben vermag. Und Nietzsche lobte jene, die den Fehler ihrer Existenz wieder gutmachen, indem sie sich selbst abschaffen und dadurch die andern von ihrem Anblick befreien. Doch Seneca und Nietzsche waren ja auch keine Christen! Für Christen ist die Lage nämlich insofern komplizierter, als sie nicht bloß eine Beziehung zu dieser Welt, sondern auch eine bewusste Beziehung zu Gott haben – und in Gott genau den sehen, der ihnen Leib und Seele zusammengefügt hat. Denn was wäre wohl anderes unter „Schöpfung“ zu verstehen, als dass Gott meiner Seele einen Leib und meinem Leib eine Seele gab? Nach dem biblischen Schöpfungsbericht fügt Gott bei der Erschaffung des Menschen Materielles und Geistiges zusammen, indem er den Menschen aus der Erde des Ackers formt und diesem Gebilde lebendigen Odem einhaucht (1. Mose 2,7). Die große Frage ist nun aber, ob der Mensch diese gottgewollte Einheit nach eigenem Ermessen wieder trennen darf. Denn der Suizid scheidet genau das, was Gott zusammengefügt hat. Nun könnte man meinen, das sei doch nicht tragisch – damit werde doch nur vorverlegt, was der „natürliche“ Tod sowieso einmal mit sich bringt! Doch steht für den Christen seine Gottesbeziehung auf dem Spiel. Und allein dadurch wird die Sache heikel. Denn die Bibel kennt nicht nur jenen „ersten Tod“, der in der Trennung von Leib und Seele besteht. Sondern sie kennt auch noch einen „zweiten Tod“, der in der Trennung der Seele von Gott besteht. Und diese Trennung von Gott ist weitaus schlimmer als die Trennung vom irdischen Leib! Der Christ muss sich darum fragen, ob der gewaltsame Tod, den er sich selbst gibt, ihn nicht zwangsläufig von Gott entfernt. Denn im Suizid zerstöre ich, was Gott schuf, und zerschlage die Einheit, zu der er mich geformt hat. Und wenn ich mich so eigenmächtig von dem Leib trenne, den Gott mir gab – trenne ich mich dann nicht zugleich vom Geber und zerstöre mit dem Geschenk auch die Beziehung zum Schenkenden? Die Tatsache, dass ich „da“ und „am Leben“ bin, beweist hinreichend, dass Gott mich als genau diese leib-seelische Einheit gewollt hat! Mich selbst tötend unterstelle ich aber, dass Gott da einen Fehler gemacht habe und sabotiere sein Werk... Freilich, wenn es Gott selbst ist, der mich durch Krankheit oder Unfall sterben lässt, entsteht kein derartiges Problem. Denn selbstverständlich hat Gott das Recht, die Verbindung, die er selbst knüpfte, auch wieder aufzulösen. Ist mein Tod Gottes Wille, so muss ich ihm nicht widerstreben. Ich soll das auch gar nicht. Und muss ich mein Leben opfern, um damit andere Menschen zu retten, entsteht auch kein Konflikt, sondern ich darf annehmen, dass ich im Konsens mit Gott handle. Wenn ich in Zeiten der Verfolgung vor der Wahl stehe, entweder meinen Glauben zu verleugnen oder meinen Tod in Kauf zu nehmen, ist es völlig in Ordnung, dem Glauben den Vorzug zu geben. Die Christenheit hat so viele Märtyrer, weil das leibliche Leben für uns durchaus nicht das höchste aller Güter ist. Der leibliche Tod, der uns von der Welt trennt, vereint uns umso mehr mit Gott, weshalb das Sterben dem Paulus verlockend erscheint (Phil 1,23; 2. Kor 5,8). Doch liegt die Entscheidung bei dem, der uns abberuft. Und wenn sich ein Mensch selbst Gewalt antut und das Leben wegwirft, das Gott ihm gegeben hat, muss er in der Tat befürchten, dass er sich damit nicht nur von seinem Leib, sondern auch von Gott trennt. Denn Suizid ist eine trotzige Entscheidung nicht nur gegen das Leben, sondern zugleich gegen den Gott, der es mir zumutet. Die Selbsttötung ist kein harmloser „Ausweg“, sondern sie versetzt mich aus einer schlimmen Lage in eine noch schlimmere. Denn wie kann ich mein Leben verneinen, ohne den zu verneinen, der es mir schenkte? Wie kann ich mir einen verfrühten Tod „nehmen“, ohne in das Recht dessen einzugreifen, der allein den Tod „geben“ darf? Wie kann ich erwarten, dass Gott mich freundlich aufnimmt, wenn ich eigenmächtig den Posten verlasse, auf den er mich gestellt hat? Auch wenn mir mein Leben nicht mehr gefällt, muss ich doch annehmen, Gott habe mir darin eine Aufgabe zugedacht, weil ich anderenfalls gar nicht mehr da wäre. Gott scheint mein Leben sinnvoll zu finden, sonst hätte er‘s mir schon genommen! Ich selbst bin sein „Statement“ – und darf nicht wagen, ihm darin zu widersprechen. Denn wie kann ich vor dem Leben weglaufen, dass Gott mir zumutet, ohne dadurch mit ihm in Konflikt zu geraten? Wie kann ich das zum Irrtum erklären, dass er mich schuf, und in mein Grab eilen, als müsste ich damit Gottes Fehler korrigieren? Ich hoffe, sie verstehen, wie das gemeint ist! Nicht der leibliche Tod ist das Problem, sondern der aggressive Akt gegen mich selbst, der auch ein aggressiver Akt gegen Gott ist. Denn was ich trenne, hat er zusammengefügt. Was ich verneine, hat er bejaht. Und indem ich mich töte, zerschlage ich das Werk seiner Hände. Gott gab mir meinen Leib, damit ich darin zuhause bin und mit Hilfe dieses Leibes in der Welt wirke. Aber nicht dazu habe ich diese Möglichkeit bekommen, dass ich gegen mich selbst wirke und die Kraft meines Leibes gegen den Leib wende, um ihn zu verderben! Dieses Leben mag viele Mängel haben, und mein Leib arge Schwächen! Und doch hat Gott ihn mir zum treuen Begleiter gegeben – und sozusagen als ein braves Eselchen, das meine Seele geduldig durchs Leben trägt. Wie kann ich da ein Reiter sein, der erbost absteigt, um seinen braven Esel an Ort und Stelle totzuschlagen? Das hat er nicht verdient! Denn schließlich ließ Gott diesen Leib auch taufen und segnen. Er hat ihn durch die Teilnahme am Abendmahl geheiligt. Er lässt seinen Heiligen Geist darin wohnen. Und er findet ihn sogar dessen wert, dass er ihn auferwecken will am Jüngsten Tag! Ich aber sollte hingehen, um Gottes Werk zu sabotieren und damit das Geschäft des Teufels betreiben? Von den Angehörigen, denen man durch einen Suizid Schreckliches antut, will ich gar nicht reden. Und ebenso wenig von den anderen Gefährdeten, denen man ein schlechtes Beispiel gibt. Auch von Moral rede ich hier nicht. Sondern allein davon, dass der Suizid den Menschen fast unweigerlich von Gott trennt. Denn Gott ist es, der ihm sein Schicksal schickt. Und es abzulehnen, heißt den zu kritisieren, der es mir zugedacht hat. Man verweigert sich und wirft Gott das Leben vor die Füße. Ich gebe ihm zu verstehen, dass er mich „dafür“ besser nicht geschaffen hätte. Ich versuche gegen Gott Recht zu behalten, indem ich mir die Ruhe nehme, die er mir scheinbar nicht gönnt. Doch wo lande ich damit? Doch genau vor dem Richterstuhl des Gottes, mit dem ich mich gerade entzweit habe! Ich trete vor meinen Richter, bevor der mich gerufen hat. Ich quittiere den Dienst, bevor meine Arbeit getan ist. Ich beschließe mein Leben mit der Tötung des Menschen, der ich selber bin. Und da sollte mich Gott freundlich empfangen? Freilich – könnte man sich im Konsens mit Gott umbringen, so wäre es niemals Sünde! Und wüsste ich, dass er mein Sterben will, wär’s sogar ein Fehler, länger zu leben. Wo Gott selbst den Stecker zieht, darf es mir willkommen sein! Doch wer wüsste hierüber Bescheid und dürfte annehmen, dass Gott ihn tot sehen will? Die Fakten sprechen immer dagegen, denn wenn Gott das wollte, dann wäre ich schon tot. Und handle ich gegen seinen augenscheinlichen Willen, so wird das meine Lage nicht besser, sondern schlimmer machen. Denn während ich die Verbindung zur Welt kappen kann, entrinne ich doch niemals Gott. Und ungerufen – vor der Zeit – sollte ich nicht bei ihm erscheinen. Nein – nur im Konsens mit Gott, nur mit seinem Einverständnis darf ich sterben, damit ich keinesfalls von ihm weg, sondern auf ihn hin sterbe! Ist aber mein letzter Akt ein Akt des Unglaubens, so trennt er mich nicht nur von meinem Leib, sondern zugleich von Gott. Wär‘s aber wirklich anders, und stünde ein Mensch voller Glauben an der Schwelle zum Suizid, so dass er Frieden mit Gott hätte, um in diesen Frieden hinein zu sterben – warum soll er dann eigentlich nicht aus diesem Frieden heraus leben? Die Welt kann ja wirklich gemein sein, und die Menschen sind miese Verräter. Wenn einer aber Gott noch hat, der doch die Hauptsache ist – und er daher gar nicht entbehren muss, worauf es am meisten ankommt – warum soll er sich dann Gewalt antun? Vielleicht ist er schuldbeladen und hat jeden Grund, an sich selbst zu verzweifeln! Aber wenn er doch keinen Grund hat, an Gott zu verzweifeln – warum sich dann „ent-leiben“? Traut er sich zu, im Konsens mit Gott zu sterben, kann er doch auch im Konsens mit ihm leben! Vielleicht erscheint ihm sein Dasein sinnlos. Aber wenn Gott doch offenbar anders urteilt? Vielleicht sieht er nicht, welche Aufgabe er noch hätte. Aber wenn Gott ihm mit jedem Herzschlag beweist, dass er das anders sieht – will er dann klüger sein als sein Schöpfer? Am Ende ist es ganz einfach: Im offenen Konflikt mit Gott zu sterben, ist reiner Wahnsinn und ist der direkte Weg in die Hölle. Der Mensch muss also mit Gott Frieden haben, um sterben zu können. Wo aber dieser Friede wirklich ist, da ist er auch eine Basis, auf der man weiter leben kann. Ohne eine gute Verbindung zu Gott darf niemand wagen in den Tod zu gehen – oder er wird’s ewig bereuen. Hat einer aber die gute Verbindung, ohne die er keinesfalls sterben sollte, so kann er auf dieser Grundlage genauso gut weiter leben. Ohne Gottvertrauen ist schlecht sterben. Habe ich aber Gottvertrauen, bewältige ich damit auch das Leben. Ich muss dann nicht fliehen. Und ich darf‘s auch gar nicht. Denn als Gott sprach: „Du sollst nicht töten“, da hat er auch mich gemeint und hat sich damit vorbehalten, selbst über den rechten Zeitpunkt meines Endes zu befinden. Bei ihm liegt die Entscheidung, die mein Leben begründet und beendet. Warum soll ich also etwas an mich reißen, das Gott gar nicht in meine Hände legen will? Sein Schöpfungswerk war es, diese Seele mit diesem Leib zu verbinden. Und ich sollte diese Einheit aufbrechen, indem ich auf meinen armen Leib einen tödlichen Anschlag verübe? Das wäre nicht bloß ein letzter moralischer Fehlgriff, der sich zu tausend anderen gesellt, sondern es lässt mein Verhältnis zu Gott gerade da fraglich werden, wo ich auf seinen Beistand am wenigsten verzichten kann. Nur Gott weiß, wann ich genug gelebt habe. Und ich muss ihn darüber nicht belehren oder versuchen, an seiner Uhr zu drehen. Denn wenn Gott mich sterben lässt, wird das pünktlich geschehen – und wird nicht umsonst sein. Wenn er mich aber noch leben lässt, dann ist das erst recht nicht umsonst, sondern ein Teil seines großen Planes, der auch dort richtig ist, wo ich ihn nicht verstehe. Noch einmal: „auf-Gott-hin-sterben“ ist kein Problem! Und wenn’s einer kann, muss sich niemand um ihn sorgen. Doch ein Suizid ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein „von-Gott-weg-sterben“. Und dieses Risiko sollte niemand auf sich nehmen. Denn es ist ja immer ein Moment von Trotz dabei, wenn ich das gewünschte Leben von Gott nicht bekomme – und ihm darum das unerwünschte vor die Füße werfe. Wer sich umbringt, reißt eine Entscheidung an sich, die ihm nicht zusteht. Und da Gottes Geschöpfe nicht sich selbst, sondern dem Schöpfer gehören, zerschlägt ein Mensch im Suizid Gottes Eigentum. Er beweist durch diesen eigenmächtigen Schritt, dass er Gottes Führung nicht vertraut. Und weil’s das Letzte ist, was er in seinem Leben tut, behält die Sünde auch noch chronologisch das „letzte Wort“. So sage ich nicht, dass diese Sünde unvergebbar wäre – Gott sei Dank ist sie’s nicht! Aber ich sage, dass uns hier unser Mitleid, das wir mit den Verzweifelten haben, nicht den Blick trüben darf. Denn sie haben keinen Gewinn davon. Und wenn man etwas Falsches aus Verzweiflung tut, wird’s davon kein bisschen richtiger. Der Wunsch, die Betroffenen zu entschuldigen, hat in den letzten Jahrzehnten großen Schaden angerichtet. Er hat nicht bloß dazu geführt, dass man die Selbsttötung verharmlost und damit die Hemmschwelle senkt. Sondern wir sind längst in ein Stadium gelangt, in dem die Mehrheit den Suizid als ihr „gutes Recht“ versteht. In gottvergessenen Zeiten ist das nicht verwunderlich. Denn wenn es Gott nicht gibt, ist auch der Selbstmord erlaubt! Für Christen aber steht in dieser Sache ihr Gottesverhältnis auf dem Spiel. Und damit ist nicht zu scherzen. Denn wer sich selbst tötet, tötet eben auch einen Menschen. Er zerstört ein Leben, das Gott heilig ist. Und nur weil es sein eigenes ist, wird’s davon nicht besser! So muss ein Mensch nicht fragen, was Gott vom Selbstmord hält. Aber wenn er nach Gott fragt, dann muss er auch die Antwort aushalten, dass Gott ihm diesen Ausweg verwehrt. Gott will ganz gewiss helfen. Aber nicht so. Und darum sollte sich jeder dafür verantwortlich fühlen, dass diese Versuchung fern bleibt von ihm selbst, seinen Kindern und Enkeln. Um es zuletzt noch einmal auf den Punkt zu bringen: Wichtiger als die Frage, ob einer lebt oder stirbt, ist die Frage, ob er es mit Gott oder ohne Gott tut. Denn mit Gott ist beides richtig und heilvoll (sogar das Sterben), und ohne ihn ist beides falsch und unheilvoll (sogar das Leben). Er gebe uns die Weisheit, die rechten Folgerungen daraus zu ziehen!