Abtreibung

 

Was gegen Abtreibungen spricht, lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen, weil ein Mensch nicht erst durch seine Geburt zum Menschen wird. In der Entwicklung einer befruchteten Eizelle gibt es keinen qualitativen Sprung, der es erlauben würde, „vormenschliches“ von „menschlichem“ Leben abzugrenzen. Ist das ungeborene Kind aber nie bloß ein „Zellhaufen“, sondern Mensch von Anfang an (und damit ein von Gott gewolltes Ebenbild des Höchsten), so kommen ihm auch von Anfang an dieselbe Menschenwürde und dasselbe Lebensrecht zu wie einem geborenen Kind. Auch vom Ungeborenen gilt also: „Du sollst nicht töten“. Ich vermute allerdings, dass man in dieser Sache den Erfahrungen einer betroffenen Frau mehr Gewicht beilegt als den Argumenten eines nicht betroffenen Mannes. Darum gebe ich hier den Lebensbericht von Frau A. Peters wieder, den sie mir freundlich zur Verfügung gestellt hat:

 

Ich habe abgetrieben

Ein Lebensbericht

 

Es war im März 1948. Endlich hatte ich es geschafft. Aus Potsdam kehrte ich als staatlich geprüfte Kindergärtnerin nach Greifswald in das Städtische Waisenhaus zurück. Dorthin hatte ich mich 1945 geflüchtet, nach der abgebrochenen Berufsausbildung in Stettin/Pommern. Ich hatte erfahren, dass meine Eltern noch in der hinterpommerschen Heimat lebten, nach einer missglückten Flucht, die auf der verstopften Treckstraße endete. Meine Hoffnung, dass sie mich hier finden würden, ging 1946 in Erfüllung. Krank an Leib und Seele standen sie nach der Vertreibung vor mir. Mein Vater musste sein unsachgemäß amputiertes Bein behandeln lassen. Meine Mutter erholte sich langsam. Ich konnte ihr als Küchenhilfe des Waisenhauses so manches Stück Brot und einen Teller Suppe zukommen lassen. Das Leben normalisierte sich. Meine Eltern zogen aufs Land. Mein Bruder, aus der Gefangenschaft entlassen, kam mit seiner jungen Frau zu Hilfe. Sie übernahmen 1948 zusammen eine Siedlung, konnten wieder als Bauern arbeiten, anfangs sehr notvoll, ohne Vieh und Geräte. Untergebracht waren sie in einem kleinen Zimmer im ehemaligen Gutshaus. In dieser Zeit lernte ich G., meinen späteren Mann kennen. Wir trafen uns im Bus, wenn wir an den Wochenenden zu unseren Familien in zwei benachbarte Dörfer fuhren. Unser Leben wies viele Parallelen auf. Er war dabei, einen guten Schul- und Berufsabschluss zu bekommen. Die Eltern, ebenfalls aus Pommern geflüchtet, lebten mit seinem jüngeren Bruder in einer kleinen Dachwohnung und bemühten sich um eine neue Existenz. Wir besuchten uns gegenseitig, liebten uns und wollten immer zusammen bleiben. Aber an eine gemeinsame Zukunft konnten wir noch nicht denken. Die Vernunft musste sprechen und nicht das Herz. 

Ich trat im Sommer 1948 meine erste Stelle an, leitete einen kleinen Kindergarten in Greifswald, betreute mit einer Helferin und einer Schülerin zwei Kindergartengruppen, war gleichzeitig Köchin und Putzfrau, dafür aber Besitzerin eines eigenen möblierten Zimmers, das zu dieser Stelle gehörte. Für die ersten 180 M Gehalt erstand ich einen Wassereimer und eine Waschschüssel: notwendige, nicht vorhandene Kostbarkeiten. So wäre es langsam und stetig weitergegangen. Die Freude auf das Wochenende war groß. Wir konnten uns sehen, ab und zu sogar tanzen gehen auf dem Kornboden oder im Gasthaussaal, uns unbeschwert freuen über Dinge, die in den Kriegsjahren nicht auf unseren Lebensprogrammen standen. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge und waren glücklich miteinander, bis zu einem Wochenende, als mein Freund an der Bushaltestelle vergeblich auf mich wartete. Für mich war eine Welt zusammengebrochen. Ich wusste nicht weiter, als ich merkte, dass ich schwanger geworden war. Kinder liebte ich sehr und wollte immer eigene haben, aber jetzt, unter diesen Umständen, durfte es nicht sein. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, niemanden sehen und sprechen. Wie und wo gab es eine Lösung? Verzweiflung, Wut und Ärger kamen auf. Wie hatte ich in diese Lage kommen können? Warum hatten Verstand und Vernunft nicht gesiegt, als ich dem Drängen meines Freundes nachgab und es doch eigentlich gar nicht wollte und musste? Hatte ich Angst, ihn zu verlieren bei einem möglichen 'Nein'? Zögernd und angstvoll hatte ich mir von G. versichern lassen, dass er im Gegensatz zu mir Erfahrung hätte und bestimmt nichts passieren würde. Verhütungsmittel besaßen wir ja nicht. Ich hatte noch mit keinem Mann geschlafen, und nun nach dem ersten Mal war ich schwanger. Alle Pläne für die Zukunft wurden über den Haufen geworfen. Ich konnte es mir nicht verzeihen, dass mein Versagen mich in diese Notsituation gebracht hatte. Was konnte ich tun, um dieses Problem zu beseitigen? Keiner sollte mir helfen. Ich musste und wollte allein hier wieder raus. Gefühle vermochte ich nicht einzuordnen. Da war die Scham und Angst vor meiner nächsten Umgebung im Kindergarten, moralisch verurteilt zu werden, Achtung und Ansehen zu verlieren. Ich dachte in dem Augenblick nur an mich, überhaupt nicht an das werdende Kind und den Vater. Als er mich dann aufsuchte und alles erfuhr, wusste ich, dass ich mit ihm rechnen konnte, aber schnelle Lösungsvorschläge hatte er auch nicht bereit. Ich hätte sie wohl auch nicht an mich herangelassen. Mein Entschluss stand schon fest. Wie und wo sollten wir eine Familie gründen? Mein Zimmer war an die Stelle gebunden. Ich hätte aufhören müssen zu arbeiten. Ohne finanzielle Mittel und eigenen Wohnraum empfand ich die Situation als ausweglos. Als meine Mutter von meinem Freund erfuhr, dass ich schwanger war, wollte sie gleich Kinderkleidung nähen. Meine Schwägerin versuchte mich aufgrund eigener notvoller Erfahrungen von meinem Vorhaben abzubringen. Beide Familien waren nicht gegen das Kind, doch meine bedrängende Lage konnten sie zu der Zeit auch nicht konkret verändern. So wurde der Entschluss zur Abtreibung von ihnen hilflos zur Kenntnis genommen, und es nahm alles seinen schrecklichen Lauf. In meiner Not und Verzweiflung besorgte ich mir zuerst von der Hebamme des Ortes Medikamente, die einen Abgang herbeiführen sollten. Ich legte mich ins Bett und wollte am liebsten nicht mehr aufwachen. Doch morgens stand ich auf, und das Problem war nicht gelöst. Meine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Es war keine Zeit zu verlieren. Der erste Schritt war misslungen. Ich glaube heute, dass mein Kind zur Welt gekommen wäre, wenn ich damals keine andere Möglichkeit gefunden hätte. Dann aber hörte ich von dem scheinbar einfachen, risikoarmen Weg der legalen Abtreibung. In der damals russisch besetzten Zone war diese Regelung gerade geschaffen worden. Um die 'Soziale Indikation' vor der Kommission eindeutig herauszustellen, schilderte ich die Lage noch auswegloser als sie war. Auf die Frage nach dem Vater des Kindes log ich und gab an, dass dieser nichts damit zu tun haben wolle. Ich wollte Mitleid erregen und hatte Erfolg. In der Frauenklinik war der zuständige Frauenarzt nicht bereit, das amtlich bescheinigte Anliegen auszuführen. Er sprach lange mit mir und zeigte einen gangbaren Weg für mich. In dem Kinderheim einer anderen Stadt hätte ich mein Kind zur Welt bringen und dort in meinem Beruf arbeiten können, ohne mich von dem Kind trennen zu müssen. Hätte ich doch diese helfende Hand nicht ausgeschlagen. Aber ich war nicht mehr bereit zu hören und mein Vorhaben zu ändern. Alles hatte sich in meinem Kopf schon so festgesetzt. Verbissen ging ich den angefangenen Weg weiter. Heute begreife ich das nicht mehr. Der nächste Arzt untersuchte mich in seiner Klinik, einige Kilometer entfernt. Er zögerte, als er feststellte, dass die zwölfte Woche bereits überschritten war. Der Schein konnte ihn nicht mehr verpflichten. Er schickte mich erleichtert nach Hause. Ich denke heute, dass kaum ein Arzt ohne eigene Not diesen Eingriff vollzieht, wenn es um das Leben eines Kindes geht, auch wenn er das Gesetz auf seiner Seite hat. Auch als dieser nächste Versuch gescheitert war, kam ich nicht zur Besinnung. Ich dachte nur an mich und daran, wie ich meinen Plan durchsetzen könnte. Auf der Straße wartete ich heulend auf den Arzt und bat ihn drängend: „Sie müssen mir helfen.“ Er ließ sich schließlich erweichen und bestellte mich zum nächsten Tag in die Klinik. Dort, auf dem Stuhl liegend, war ich gar nicht mehr erleichtert. Am liebsten wäre ich weggelaufen, aber mein Körper war wie erstarrt. Krampfhaft hielt ich mich an der Lehne fest. Man hantierte lautlos um mich herum. Ich nahm alles wie in einem schrecklichen Traum wahr. Niemand sprach mit mir. Ich bekam eine örtliche Betäubung, wagte kaum zu atmen und harrte der Dinge, die nun auf mich zukamen. Ich weiß nicht mehr, ob ich Schmerzen verspürt habe. Nur als ich mich danach aufrichtete, schaute ich mit Entsetzen auf den Abfalleimer neben dem Stuhl. Dort lagen Teile meines Kindes, das leben wollte und nicht durfte, durch meine Schuld. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass es nicht nur um das als ausweglos empfundene eigene Problem ging, sondern um ein anderes Menschenleben. Erst als alles vorbei war, kam es an mich heran: die Wirklichkeit, die eigenen Gefühle, das Gewissen. Auf meine leise Frage: „War es ein Junge oder ein Mädchen?“ hörte ich die schroffe Antwort des Arztes: „Das werde ich Ihnen nicht sagen.“ Nach meiner angstvollen und zaghaften Frage, ob ich noch Kinder haben könne, bemerkte er zynisch: „Sie hätten wohl am liebsten einen Reißverschluss eingebaut.“ Ich war gedemütigt und schämte mich sehr. Der Arzt, der mir in der 'sozialen Not' half, verachtete mich im Grunde. Als der Vater des Kindes mich in der Klinik besuchte, traf mich kein Wort des Vorwurfs. Er war nur lieb zu mir. (Ich wollte immer um meiner selbst willen geliebt werden; nun erfuhr ich es, aber um welchen Preis?) Mir wurde plötzlich so schmerzhaft klar, was ich ihm angetan hatte, dass ich ihn hätte verlieren können. Niemals hätte ich alleine entscheiden und handeln dürfen. Er stand treu zu mir. Diese Ereignisse erwähnten wir nicht mehr. Nach unserer Verlobung und Hochzeit im Jahre 1949 war ich wieder im fünften Monat schwanger. Es setzten Blutungen ein, das Kind (ein Junge) war nicht mehr zu halten. War diese Fehlgeburt eine Folge der Abtreibung? Ich fragte verzweifelt nach dem „Warum?“. Eine erste Einsicht setzte ein: „Ich habe mein Leben nicht in der Hand“ – gerade als ich versucht hatte, alles selber zu regeln. Nach zwei Jahren, mein Mann hatte Arbeit auf einer Schiffswerft und eine eigene Wohnung gefunden, wurde uns kurz nach Weihnachten 1951 ein gesundes Mädchen geboren. Nach sieben Monaten bekam es eine schwere Gehirnentzündung und lag ein Jahr auf der Intensivstation in Greifswald. Mein Mann besorgte zusätzliche Medikamente aus West-Berlin, aber alles Bemühen war umsonst. Die Ärzte konnten Christine nicht gesund machen. Ich war verzweifelt. In dieser furchtbaren Zeit saß ich fast täglich an ihrem Bett. Ich wollte und konnte mich mit der Tatsache nicht abfinden. Erneut quälten mich Selbstvorwürfe, und grundlegende Fragen an das Leben brachen auf: Hatte ich auch diese Krankheit verschuldet? Traf uns ein blindes Schicksal? Ist Gott ein Gott, der nur zürnt und straft? Das auftretende Schuldbewusstsein wurde immer bedrückender. Ein Schlag kam nach dem andern. Es war zwar alles mit dem Verstand erklärbar, aber nicht mit dem Herzen zu verarbeiten. Mein Mann konnte nur an den Wochenenden da sein. Ich war körperlich und seelisch am Ende. Wie sollte ich dieses geistig behinderte Kind versorgen? Es konnte nur breiige Nahrung zu sich nehmen, wenn es schrie. Die Lebenserwartung war gering. Ich wollte am liebsten, dass es starb. Der behandelnde Arzt tröstete mich und sagte: „Jeder Mensch ist gewollt, auch wenn er nichts werden sollte. Es ist geliebtes Leben.“ Zunächst empfand ich dies als billigen Trost. Später erfuhr ich, dass er selber ein ebenso behindertes Kind hatte. Er machte mir Mut zu einem weiteren Kind; es würde mir helfen, aus dieser Krise herauszukommen. Ich wollte es so sehr, und als ich ihm bald darauf mitteilte, dass ich wieder schwanger war, meinte er, es wäre ein Wunder, dass ich in meiner Verfassung ein Kind empfangen hatte. Die Behandlung in der Klinik war beendet. Das kranke Kind konnte ich nicht mit nach Hause nehmen. Es wurde in eine Anstalt gebracht. Die Last war zu schwer. Die ganze seelische Konzentration galt dem neuen werdenden Leben. Es sollte nicht gefährdet werden. Ich hatte keine Kraft, mich dem Vergangenen zu stellen. Später machte ich mir Vorwürfe, Christine alleine gelassen zu haben. Meine Mutter und Schwiegermutter besuchten sie immer, nachdem wir aus politischen Gründen in die Bundesrepublik übersiedeln mussten. Christine starb mit knapp zwei Jahren. Ich habe sie nicht mehr wieder gesehen. Vier Monate vor ihrem Tod wurde 1953 unser Sohn und dann 1957 unsere Tochter geboren. Die grundsätzliche Lebensangst blieb, besonders in Bezug auf die eigenen Kinder. Immer befürchtete ich, dass auch ihnen als Strafe etwas geschehen könnte. Die Freude am werdenden lebendigen Leben wurde getrübt und gebrochen durch die Zerstörung des bereits früher gewordenen Lebens. Die scheinbare Befreiung aus dem ersten Problem konnte zu einer bleibenden Angst, zu einer Enge des Lebens werden, die unfrei macht. Aus der Sorge um die eigenen Kinder wurden erneut Selbstvorwürfe: „War die Sorge um die Kinder keine Überbehütung? Hat die eigene Angst vor Gefahr wiederum auf die Kinder eingewirkt und diese in ihrem Leben verunsichert?“ Wie kommt man aus diesem Kreislauf heraus? Das folgende Leben war ein ständiges Warten auf die Katastrophe, auf die „notwendige“ Konsequenz der Schuld, dass es nicht so gekommen ist, habe ich wie ein Wunder erlebt. Dennoch waren die äußeren Lebensumstände notvoll. Mein Mann erkrankte bald nach unserer Übersiedlung schwer an Gelenkrheumatismus. Ich musste zum Unterhalt beitragen, fand Arbeit in einer Wäscherei. In meinem erlernten Beruf hatte ich hier keine Möglichkeit. Über ein Jahr war unser kleiner Sohn mit meiner Mutter auf Reisen. Sie wohnte besuchsweise so lange wie möglich bei uns, dann mit dem Enkel auf der Siedlung bei Greifswald. Dort wurde er von Bruder und Schwägerin betreut. Es war so schwer, das Kind wegzugeben. Einmal sagte er beim Abschied auf dem Bahnhof: „Ich weiß gar nicht, wer eigentlich meine Mutter ist.“ Das tat weh. Wieder das bange Fragen: „Wird das Kind keinen Schaden nehmen?“ Die Jahre vergingen. Die Berufung des Sohnes zum Theologiestudium wurde von mir wie eine Entlastung empfunden. Es war wie ein Ersatz für die eigene Schuld. Das Kind diente nun Gott. Damit war die Frage nach der eigenen Beziehung zu Gott gestellt. Am Anfang dachte ich nur in Verbindung mit dem Sohn an Gott. Dennoch wurde ich dadurch für die Begegnung mit Gott vorbereitet. Nach einer Zeit vieler Arbeit und Pflege der Mutter ging ich das erste Mal zur Kur. Bewusst suchte ich die Stille. Dadurch kamen auch die noch nicht bewältigten Probleme näher heran. In einem Bibelgesprächskreis hat mich das Wort Gottes getroffen. Es wurde mir klar, dass im Einklang mit Gottes Willen Frieden zu finden ist. Ich suchte den Seelsorger der Kurklinik auf. Lange ging ich vor dem Sprechzimmer auf und ab. Ich spürte, dass ein lebensentscheidender Schritt bevorstand. Ein innerer Kampf begann. Scham, Stolz und Angst zu beichten, das eigene Leben und die Schuld offen zu legen, ließ mich lange zögern. Doch dann fasste ich Mut. Nachdem ich die Schuldzusammenhänge geschildert hatte, fragte mich der Pfarrer: „Denken Sie denn immer nur an einen strafenden Gott?“ Nach dem abschließenden Gebet bin ich erlöst herausgegangen (er-löst im wörtlichen Sinn). Der Pfarrer ist kurz darauf abgereist. Es war eine wunderbare Erfahrung, nicht in erster Linie mit Menschen, sondern mit Gott. Was damals in mir vorgegangen ist, kommt – besser als in eigenen Worten – in einem Lied zum Ausdruck, das mich seither immer begleitet hat:

 

Mir ist Erbarmung widerfahren, 

Erbarmung, deren ich nicht wert. 

Das zähl ich zu dem Wunderbaren, 

mein stolzes Herz hat‘s nie begehrt. 

Nun weiß ich das und bin erfreut 

und rühme die Barmherzigkeit. 

 

Ich hatte nichts als Zorn verdienet 

und soll bei Gott in Gnaden sein. 

Gott hat mich mit sich selbst versöhnet 

und macht durch‘s Blut des Sohn‘s mich rein. 

Wo kam dies her, warum geschicht's? 

Erbarmung ist‘s und weiter nichts. 

 

Auf dem neuen Weg gab es viele Anfechtungen. Nach der anfänglichen großen Erleichterung wurde es schwer für meinen Mann und mich. Zu Hause angekommen, nahm er die Veränderung wahr, konnte sie aber nicht positiv aufnehmen. Der neue Glaube störte die bisherige Gemeinsamkeit. Die Schuld, von der ich Befreiung erfahren hatte, wurde von meinem Mann nicht so gesehen. Er hatte an dieser Stelle anscheinend keine Probleme. Im Gegenteil, er meinte, durch das Gespräch mit dem Pfarrer seien erst Probleme geschaffen worden, die vorher nicht da waren. Mein Mann fühlte sich auf die Seite geschoben. Er war wütend auf den Pfarrer, hätte ihn am liebsten zur Rede gestellt. Durch die tief greifende Veränderung war er tief getroffen in seinem Mannsein. Er nahm die Neuorientierung persönlich, empfand die Begleitung durch den Seelsorger als Konkurrenz. Die Frage kam auf: „Habe ich versagt?“ Nein, er hatte menschlich ganz gewiss nicht versagt. Aber Lösung der Schuld (Vergebung) und wirkliche Befreiung kann nur Gott geben und nicht der Ehepartner; und dies geschah durch das Gespräch und Gebet mit dem Pfarrer. Ja, für mich war das Problem der Schuld gelöst. Jetzt erst kamen Probleme in der Ehe zum Vorschein, die um so schwerer zu lösen waren, da die gemeinsame Lebensbasis nicht mehr in gleichem Maße gegeben war. Der Glaube – für mich eine Hilfe – blockierte meinen Mann. Nun wurde im Rückblick auch der erste sexuelle Kontakt als falsch beurteilt. Das verstärkte die Probleme in der ehelichen Beziehung und in der Sexualität. Wurde durch die als Schuld erkannte Abtreibung die Sexualität als deren Ursache zusätzlich problematisch? Sexualität – Abtreibung – Ehe: alles hing jetzt unmittelbar zusammen. Wir litten beide und liebten uns doch sehr. Mein Mann meinte, alles könnte so schön wie früher sein, wenn ich nur wollte. Ich könnte doch auch den Glauben aufgeben, dann wäre alles leichter. Ich wiederum dachte: Wenn mein Mann doch den Glauben annehmen könnte, dann wäre alles viel leichter. Wir sahen kaum eine Möglichkeit, diese aufgetretenen Probleme zu lösen. Ich musste viele wichtige Dinge im Umgang mit meinem Mann lernen. Ich konnte meinen falschen Missionsdrang aufgeben und auf Gott vertrauen. Er würde uns auf unserem weiteren Lebensweg nicht verlassen und alles zum Besten wenden.

 

September 1989 / Anneliese Peters