Sakramente

 

Haben sie in letzter Zeit mal ein elektronisches Gerät gekauft? Einen hochauflösenden Fernseher, einen Multifunktions-Drucker oder einen Router? Und standen sie dann ratlos davor, weil bei der Neuerwerbung fünf verschiedene Kabel mitgeliefert wurden? Ich komme mir da unglaublich dumm vor. Denn einerseits muss der Fernseher mit dem Glasfaserkabel, dem Sound-System und dem Internet verbunden werden – und andererseits mit dem DVD-Player und der Spielekonsole. Er hat dazu tausend Eingänge für Stecker, die man noch nie gesehen hat. Und auch beim Computer muss man LAN-Kabel, HDMI-Anschlüsse, USB-Eingänge, VGA- und DVI-Kabel, Druckerkabel und Klinkenstecker unterscheiden. Wenn man aber meint, man hätte den Drucker erfolgreich angestöpselt, und der PC „erkennt“ ihn trotzdem nicht – dann wird einem klar, wie unendlich wichtig Verbindungen sind. Denn was nützen die tollsten Geräte, wenn sie nicht zusammenarbeiten? Wenn mein Rechner nicht mit dem Drucker redet, und der Router das Telefon ignoriert, hilft alles nichts! Zwischen den Geräten muss etwas „fließen“, sie müssen sich „verständigen“. Und das geht nur mit dem richtigen Adapter und dem passenden Kabel in der korrekten Buchse. „Vernetzung“ ist das Zauberwort! Aber warum erzähle ich das? 

Nun, weil es hier um die Sakramente geht. Und Sakramente haben so ziemlich denselben Zweck wie Kabel. Auch sie sollen dafür sorgen, dass etwas „fließt“. So wie Kanäle sollen sie eins mit dem anderen verbinden, damit dazwischen ein munterer Austausch stattfinden kann! Sakramente wollen Kabel sein, die Menschen mit Gott vernetzen. Sie sorgen für den richtigen „Anschluss“ – und sind dazu unentbehrlich. Denn was nützt mir Gottes Güte, wenn ich nicht mit ihm verbunden bin? Und was nützt seine Kraft, wenn sie keinen Weg findet, an mir zu wirken? Was nützt das Heil, von Christus erkauft, wenn ich darauf keinen Zugriff habe, weil zwischen Christus und mir ein Adapter fehlt? Ohne störungsfreie Verbindung zu Gott ist der Mensch verloren. Denn seine Barmherzigkeit hilft nur dem, der sie in Anspruch nimmt. Und dass Erlösung möglich wäre, genügt nicht, wenn sie nicht wirklich wird. Genau dazu aber (dass beim Mensch ankommt, was Gott ihm schenken will) braucht es irdische Mittel wie die Wortverkündigung und die Sakramente, die das verkündigte Wort ins „Sichtbare“ übersetzen. Sakramente sind verbindende Kabel, deren Gott sich bedient, um Gemeinschaft herzustellen. Sie schaffen Anschluss zwischen getrennten Welten. Sie haben „Brückenfunktion“. Und wie Brücken können auch Sakramente nur darum zwei Welten verbinden, weil sie beiden zugleich angehören. Taufen wir ein Kind oder nehmen wir am Abendmahl teil, setzen wir voraus, dass ein sichtbares Geschehen in der uns vertrauten Welt der Dinge verknüpft ist mit einem unsichtbaren Geschehen in der uns unvertrauten Welt Gottes. Wir glauben, dass dabei sehr viel mehr geschieht als das Offensichtliche, weil Gott versprochen hat, dem Ritus einen „Mehrwert“ zu verleihen. Und wir rechnen damit, dass Taufwasser, Brot und Wein etwas bewirken, das über die gewöhnliche Wirkung dieser Dinge weit hinausreicht. Wir hegen diese Erwartung aber nicht etwa, weil Wasser, Brot und Wein, weil der Pfarrer oder wir selbst etwas Besonderes könnten, sondern weil Gott es kann und im Neuen Testamentes klar bekundet hat, dass er sich eben dieser gewöhnlichen Dinge zu außergewöhnlichen Zwecken bedienen will. Gott selbst ist es, der im Sakrament zwei Welten verknüpft und uns auf diese Verknüpfung hinweist, damit wir uns durch den Gebrauch des Sakraments mit ihm verbinden. Und wenn’s auch so aussieht, als ob in erster Linie wir Menschen handelten, handelt doch tatsächlich Gott an uns. Er lässt uns wirken und wirkt dabei durch uns und mit uns für uns. Dass Gott dergleichen aber möglich macht und in so unscheinbaren Riten die Welt des Profanen mit der Welt des Heiligen verknüpft, sollte uns gar nicht wundern. Denn dasselbe gilt schließlich von Jesus Christus, der zugleich eine menschliche und eine göttliche Natur hat. Es gilt von der Bibel, die zugleich Menschenwort und Gotteswort ist. Es gilt von der Predigt, in der durch Menschenmund Gottes Ruf ergeht. Und es gilt vom Glauben, der gleichzeitig ein psychischer Zustand des Menschen und eine Manifestation göttlichen Geistes ist! Wo immer sich Gott dem Menschen verbinden will, verleiht er gewöhnlichen Dingen eine zusätzliche Dimension, die zwar nicht geschaut und gemessen, die aber geglaubt und genutzt werden kann, weil Gott uns vorher kundtut, an welcher Stelle er die heilvollen Verknüpfungen gewollt und eingerichtet hat. Gott selbst schlägt die Brücke, die wir dann nutzen dürfen! Darum sagt Luther einmal, das Sakrament sei wie die Furt in einem Fluss, wie eine Tür, wie eine Tragbahre oder ein Schiff, mit dessen Hilfe wir von dieser Welt ins ewige Leben reisen. Und auf den Glauben käm’s darum so sehr an, weil ein Mensch, der übers Wasser fahren soll, der aber dem Schiff nicht traut und sich darum weigert an Bord zu gehen, auch nie übers Meer kommt und nicht ins ewige Leben gelangt (WA 2,753). 

Wenn die Sakramente aber dementsprechend wichtig sind – wie viele gibt‘s dann überhaupt? Und welche sind das? Die katholische Kirche zählt sieben Sakramente, nämlich die Taufe, die Firmung, die Eucharistie (also: das Abendmahl), die Buße (das meint die Sündenvergebung in der Beichte), die Letzte Ölung (die man heute Krankensalbung nennt), die Priesterweihe und die Ehe. Die evangelische Kirche lässt aber nur Taufe und Abendmahl als Sakramente gelten. Und das erklärt sich daraus, dass wir auf evangelischer Seite strengere Maßstäbe anlegen: (1.) muss ein Sakrament von Christus selbst gestiftet und eingesetzt worden sein. (2.) muss es die deutliche Verheißung haben, dass der Gläubige darin Heil und Gnade empfängt. Und (3.) muss neben dem verheißenden Wort auch ein materielles „Element“ dabei sein.  Der 1. dieser Punkte (die Stiftung durch Christus) versteht sich von selbst, weil es um das Heil geht, das in Christus erlangt wird. Und darüber kann keiner verfügen als nur Christus selbst. Es bedarf seiner Vollmacht. Und darum hat nicht jede bedeutungsschwangere Zeremonie, die Menschen sich ausdenken, sakramentalen Rang. Sondern nur das, was nach Ausweis des Neuen Testamentes auf Jesus selbst zurückgeht, ist auch von ihm autorisiert. Der 2. Punkt besagt, dass es in einem Sakrament wirklich um die Mitteilung des Heils geht – und nicht um etwas anderes. Denn schließlich gibt es allerhand gute Ordnungen, die Gott seiner Schöpfung eingestiftet hat. Seine Autorität steht auch hinter dem Staat, der Arbeit und der Ehe. Deren Ziel ist aber nicht die Vermittlung ewiger Seligkeit, sondern die Erhaltung des zeitlichen Lebens. Der 3. Punkt hält schließlich fest, dass ein Sakrament über Worte und Gesten hinaus auch ein materielles Element einschließen muss, weil es sich ja sonst nur um eine Variante der Verkündigung handelte, während das Besondere des Sakraments gerade darin liegt, dass es eben nicht nur geistig, sondern auch leiblich ist, nicht nur gehört, sondern auch gesehen, nicht nur verstanden, sondern auch gespürt wird. Da muss schon etwas „greifbar“ sein! Darum lernen Theologiestudenten den Merkvers „Kommt das Wort zum Element, wird daraus ein Sakrament!“ Nehmen wir die drei Punkte zusammen, so ergibt sich, dass als Sakrament nur jene Handlungen gelten können, die Christus selbst angeordnet und in denen er ein sichtbares Element ausdrücklichen mit der Verheißung des Heils verbunden hat. Und diese Kriterien erfüllen erst mal nur Taufe und Abendmahl. Was ist aber mit den anderen Handlungen, die von katholischer Seite „Sakramente“ genannt werden? 

Was ist z.B. mit der Absolution, dem Zuspruch der Vergebung in der Beichte? Sie ist zweifellos von Christus eingesetzt und wurde von ihm mit einer Gnadenverheißung verbunden (Mt 18,18 u. 16,19 / Joh 20,23). Doch fehlt ihr ein äußeres Element und Zeichen. Und so ist der Zuspruch der Vergebung an den Einzelnen eher als Spezialfall der Wortverkündigung zu sehen, nämlich als individuell und vollmächtig „auf den Kopf zugesagtes“ Evangelium. Die Krankensalbung hat in dem Öl, das verwendet wird, jenes äußere Element, das der Absolution fehlt. Und sie ist im Neuen Testament bezeugt. Sie zielt aber auf die Gesundung eines Kranken (Mk 6,13), weshalb von einem „Sterbesakrament“ keine Rede sein kann, es fehlt ihr die Einsetzung durch Christus und auch eine Verheißung der Gnade (weil die in Jak 5,15 erwähnte Vergebung auf das „Gebet des Glaubens“ bezogen ist und nicht auf die Salbung). Von der Firmung ist im Neuen Testament überhaupt nicht die Rede. Was dort vorkommt, ist die Mitteilung des Heiligen Geistes durch Handauflegung (Apg. 8,14ff. u. 19,6). Die wird aber weder zur Regel gemacht noch von Christus zur Wiederholung empfohlen. Die Priesterweihe oder Ordination ist eine im Neue Testament bezeugte Praxis, durch die man Menschen in einen gemeindlichen Dienst beruft (Apg 6,6 / 2. Tim 1,6 / 1. Tim 4,14). Und man kann vermuten, dass vielleicht schon Jesus den Jüngern, die er aussandte, die Hände aufgelegte. Doch ist die Zurüstung zum Amt von einer Mitteilung des Heils zu unterscheiden. Denn die Übernahme dieses Amtes bringt den Betreffenden seinem Heil nicht näher, als er es durch seine Taufe schon ist. Die Ehe ist keine Einrichtung des Neuen Bundes, sondern schon von der Schöpfung her ein gesegneter und geschützter Stand. Sie wird von Christus nachdrücklich bejaht (Mt 5,27-32 / Mt 19,1-12 / Joh 2,1-12). Aber dass der Ehebund zur Erlösung des Menschen beitrüge, kann man kaum sagen. Und so großer Segen auch darauf liegt, steht dabei doch die versöhnte Gemeinschaft mit Gott nicht auf dem Spiel. Nimmt man das zusammen, so leuchtet ein, dass die Reformatoren die Zahl der Sakramente deutlich reduzieren mussten. Und doch bedarf es einer Korrektur. Denn erstaunlicher Weise gibt es eine Handlung, die alle Kriterien eines Sakraments erfüllt – und doch weder von der katholischen noch von der evangelischen Kirche als Sakrament bezeichnet und gefeiert wird. Die in Joh 13 beschriebene Fußwaschung ist nämlich von Christus eingesetzt und ausdrücklich mit einem Befehl zur Wiederholung versehen worden (Joh 13,14-15). Sie verheißt mit der Teilhabe an Christus die Teilhabe am Heil (Joh 13,8-10). Und in dem verwendeten Wasser hat sie auch ein sichtbares „Element“. Wie kann es also sein, dass man dieses Sakrament weitgehend ignoriert, bloß weil es nicht üblich ist – und zugleich keine Hemmungen hat, Gottesdienste mit allerhand „Selbsterfundenem“ anzureichern? Der Wildwuchs reicht bis zum absurden Scheidungsritual, bei dem ein Ehepaar in der Kirche seine Ringe zurückgeben kann! Doch in den Gottesdienst gehört nun mal nicht, was uns die religiöse Phantasie eingibt, sondern was Gott von uns fordert. Er selbst hat bestimmt, wie er verehrt werden will. Er hat die Kirche mit dem beauftragt, was zu ihrem Heil dient. Und wo sie stattdessen eigenen Einfällen und Bedürfnissen folgt, kann das schwerlich seinen Beifall finden… 

Wenn wir die Sakramente aber „stiftungsgemäß“ feiern – so nämlich, wie Christus sie eingesetzt hat – gibt es dann noch weitere Bedingungen für ihre Wirksamkeit? Muss es z.B. ein wahrhaft Gläubiger sein, der das Sakrament spendet? Muss es ein gläubiger Mensch sein, der es empfängt? Oder wirkt das Sakrament allein schon durch den korrekten Vollzug? Zum Trost für alle, die an ihrem Pfarrer zweifeln (und zum Trost für alle Pfarrer, die an sich selber zweifeln!), darf man sagen, dass die Wirkung des Sakraments nicht von Glauben des Spenders, von seiner Würdigkeit oder gar vom Grad seiner Vollkommenheit abhängt. Denn wer könnte dann sicher sein, dass er „gültig“ getauft wurde? Mit solchen Zweifeln muss sich niemand plagen. Denn die Wirkung des Sakraments beruht allein auf dem festen Willen Gottes, der sich auch durch untaugliche Diener nicht daran hindern lässt, im Sakrament die Gnade zu schenken, die er versprochen hat. Wie die Leistung des Geistlichen dem Sakrament nichts hinzufügt, nimmt ihm sein Versagen auch nichts weg! Doch bleibt auf der anderen Seite festzuhalten, dass der Glaube des Empfangenden sehr wohl nötig ist. Denn es hängt zwar auch von ihm nicht ab, dass das Sakrament Sakrament sein kann – das ist es auf jeden Fall! Doch nur bei dem, der es im Glauben annimmt, kann das Sakrament heilvoll wirken. Es nütz nur dem, der fest darauf vertraut, dass Gott darin gibt, was Gottes Verheißungswort zu geben verspricht. Der Glaube muss „ergreifen“, was im Sakrament angeboten wird – das ist nicht anders als bei der Predigt! Und wo dieser Glaube fehlt, ist zu befürchten, dass sich der Mensch durch leichtfertigen Zugriff auf das Heilige versündigt. So macht also nicht der Glaube das Sakrament. Es ist, was es ist, auch wenn keiner daran glaubt! Doch allein der Glaube macht, dass ich es aneignen kann, und es mir zum Segen wird, während ich mir mit Spott oder Gleichgültigkeit gegen das Sakrament (genau wie mit Spott oder Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort) den Fluch einhandle. 

So ist das Heilige niemals harmlos, und mit den Sakramenten ist nicht zu spielen. Aber noch viel weniger dürfen sie missachtet werden. Denn es gibt nicht beliebig viele Kabel, die einen Menschen mit Gott vernetzen können, sondern ihren Zweck erfüllen nur die, die er selbst dazu bestimmt hat. Gott hätte sie uns nicht an die Hand gegeben, wenn wir ihrer Hilfe nicht bedürften! Und deshalb ist es sehr anmaßend, wenn jemand meint, er sei schon derart vom Heiligen Geist erfüllt, dass er die äußeren Heilsmittel nicht mehr nötig hätte. Es gibt heute einen schwärmerischer Kult der Innerlichkeit, in dem vermeintlich fromme Gemüter weniger Gott als sich selber feiern. Und manche fühlen sich Jesus innerlich so nah, dass sie meinen, auf das äußere Bibelwort und die greifbaren Sakramente verzichten zu können. Man dünkt sich erhaben über die äußeren Gnadenmittel, die Gott bereitstellt. Doch so eine „Verkrümmung nach innen“ ist echtem Glauben stracks entgegen. Denn der gründet sich gerade nicht „intern“ (auf das eigene fromme Gefühl), sondern gründet sich „extern“ (auf die in Christus, in seinem Wort und seinem Sakrament gelegten Fundamente). Echter Glaube findet seinen Halt jenseits der eigenen Person. Und er wächst darum über die äußeren Gnadenmittel nie hinaus, sondern je reifer und stärker er wird, desto eifriger hängt er ihnen an. Mit Luthers Worten gesagt: Der Glaube muss etwas haben, „daran er sich halte, und darauf stehe und fuße“. Er „haftet“ an dem, was er nicht selber ist, nämlich an dem, was ihm Gott vor Augen stellt. Und das „soll und muss äußerlich sein, dass mans mit Sinnen fassen und begreifen, und dadurch ins Herz bringen könne“ (WA 30 I,215). Doch wie gesagt: Wer die von Gott ausgesandten Schiffe nicht besteigen mag, den können sie nicht transportieren. Wer nicht an Bord geht, kommt auch nicht übers Meer. Seien wir also dankbar für die Sakramente. Es sind Brücken, die wir von uns aus nie hätten schlagen können. Und umso häufiger und eifriger sollten wir sie nutzen.